Fachkräftemangel in Kindertageseinrichtungen
| Vorlage: | 28927 |
|---|---|
| Art: | Beschlussvorlage |
| Datum: | 13.02.2012 |
| Letzte Änderung: | 03.03.2025 |
| Unter Leitung von: | _Fachbereich Datenübernahme |
| Erwähnte Stadtteile: | Keine Angaben |
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BESCHLUSSVORLAGE STADT KARLSRUHE Der Oberbürgermeister Gremium: Jugendhilfeausschuss Termin: Vorlage Nr.: TOP: Verantwortlich: 15.02.2012 2 öffentlich Dez. 3 Fachkräftemangel in Kindertageseinrichtungen Beratungsfolge dieser Vorlage am TOP ö nö Ergebnis Jugendhilfeausschuss 15.02.2012 2 Antrag an den Gemeinderat / Ausschuss Der Jugendhilfeausschuss nimmt die Vorlage zur Kenntnis und beauftragt die Verwaltung, die Kosten für Strategien zur Förderung der Fachkräftegewinnung zu ermitteln und im fol- genden Jugendhilfeausschuss vorzulegen. Darüber hinaus sollen die Kosten für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen in städti- schen Kindertageseinrichtungen erfasst werden. Finanzielle Auswirkungen nein ja Gesamtkosten der Maßnahme Einzahlungen/Erträge (Zuschüsse u. Ä.) Finanzierung durch städtischen Haushalt Jährliche laufende Belastung (Folgekosten mit kalkulatori- schen Kosten abzügl. Folgeer- träge und Folgeeinsparungen) Karlsruhe Masterplan 2015 - relevant nein ja Handlungsfeld: Miteinander Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) nein ja durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften nein ja abgestimmt mit Ergänzende Erläuterungen Seite 2 Am 24.05.2011 wurde im Gemeinderat über den Bedarf männlicher Fachkräfte in Kinderta- geseinrichtungen sowie den allgemein zu erwartenden Fachkräftemangel beraten und die Angelegenheit an den Jugendhilfeausschuss verwiesen. In der gemeinsamen Sitzung der Jugendhilfe- und Sozialausschüsse des Stadt- und Landkreises Karlsruhe am 21.09.2011 wurde auf den Fachkräftebedarf aufgrund des qualitativen und quantitativen Ausbaus der Kindertageseinrichtungen hingewiesen. Fachkräftebedarf Während in städtischen Einrichtungen die Plätze in den Schülerhorten ausgebaut werden, findet - entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip - der Ausbau der Plätze für Kinder unter drei Jahren vorwiegend bei den freien Trägern statt. Neue Einrichtungen können zum Teil nur stufenweise eröffnen, weil nicht genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen. Diese Situation wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken. Die Gründe liegen zum einen in Qualitätsverbesserungen (z. B. durch Umsetzung des Ori- entierungsplans in Baden-Württemberg, besondere pädagogische Angebote wie Sprachför- derprogramme, Umsetzung des § 8a Sozialgesetzbuch - Achtes Buch - Kinder- und Ju- gendhilfe (SGB VIII) „Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“ und der Konvention der Vereinten Nationen „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ (UN-Behindertenrechtskonvention) im Hinblick auf die Inklusion von Kindern mit Behinde- rungen). Zum anderen führen quantitative Veränderungen zu einem wachsenden Fachkräf- tebedarf. Diese ergeben sich aus zeitlich erweiterten und flexiblen Betreuungszeiten zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie aus dem Kinderförderungsge- setz, nach dem ab 01.08.2013 jede Familie einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungs- platz für Kinder ab dem ersten Lebensjahr hat. Das Ausbauprogramm der Stadt Karlsruhe zur Erfüllung dieses Rechtsanspruches sieht jährlich rund 280 neue Plätze vor, um bis 2013 ein bedarfsgerechtes Angebot zu schaffen. Bis dahin sollen 2.595 Plätze zur Verfügung ste- hen (siehe Fortschreibung der Beschlussvorlage „Jugendhilfeplanung: Ausbau Plätze für Kinder unter 3 Jahren in Tageseinrichtungen“ beraten im Jugendhilfeausschuss am 17.11.2010 und im Gemeinderat am 14.12.2010). Allein dafür werden jährlich ca. 40 bis 50 Fachkräfte gebraucht. Ausbildungssituation Die Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin oder zum Erzieher bieten in Karlsruhe - auch für das Umland - zwei private Fachschulen für Sozialpädagogik in kirchlicher Träger- schaft mit durchschnittlich je 56 Ausbildungsplätzen pro Jahrgang und die Fachschule der Ergänzende Erläuterungen Seite 3 Deutschen Angestellten-Akademie (monatliches Schulgeld von 50 €) mit 20 Ausbildungs- plätzen an. Außerdem gibt es noch eine staatliche Fachschule in Ettlingen. Zugangsvoraus- setzung ist ein mittlerer Bildungsabschluss. Die Ausbildung besteht aus dem einjährigen Berufskolleg, zwei Jahren schulischer Ausbildung sowie dem Anerkennungsjahr. Ein Drittel der Ausgebildeten schließt aufgrund der mit der Ausbildung erworbenen Fachhochschulreife ein Studium an. Eine weitere Ausbildungsstätte, die Carlo Schmid Schule des Internationa- len Bundes, die monatliche Schulgebühren in Höhe von 240 € erhebt, konnte ihren vorgese- henen Kurs 2011 aufgrund mangelnder Nachfrage nicht durchführen. Mit der Einführung des Bachelor-Studiengangs „Pädagogik der Kindheit“ an der Pädagogi- schen Hochschule Karlsruhe mit 86 Studienplätzen pro Jahrgang kann ein Hochschulab- schluss erworben werden. Die Absolventinnen und Absolventen sind staatlich anerkannt. Sie werden in Kindertageseinrichtungen auf Stellen für Erzieherinnen und Erzieher eingesetzt und in der Regel analog des TVöD S 06 und nicht wie ein Bachelor of Arts in der Sozialen Arbeit nach TVöD S 11 bis S 14 bezahlt. Erstmalig beschäftigt die Stadt Karlsruhe in diesem Jahr eine Studentin und einen Studenten der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Elementarpädagogik der Dualen Hochschule Stuttgart. Sie durchlaufen jeweils dreimonatige Praxis- und Theoriephasen, die vom Träger vergütet werden. Trotz differenzierter Ausbildungsformen ist die Anzahl an Männern im Erzieherberuf nach wie vor sehr gering. Dies gilt auch für den Studiengang Pädagogik der Kindheit. Berufstätigkeit Aufgrund der demographischen Entwicklung betrifft der Fachkräftemangel viele Ausbil- dungs- und Berufszweige. Für den Beruf des Erziehers bzw. der Erzieherin spielen Faktoren wie die geschlechtsbezogene Arbeitsteilung (Erziehung und Pflege als weibliche Aufgaben) sowie gesellschaftliche Faktoren wie soziale Anerkennung und geringe Bezahlung eine wichtige Rolle. Darüber hinaus sind, im Vergleich zu "typischen" Männerberufen, befristete Arbeitsverträge und eine vergleichbar hohe Anzahl von Teilzeitstellen verbreitet. Diese fol- gen aus dem hohen Anteil weiblicher Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen, der weitaus höheren Inanspruchnahme von Elternzeit durch Mütter als durch Väter und einer darauf fol- genden 18-monatigen Stellengarantie sowie einer noch längeren Arbeitsplatzgarantie bei städtischen Trägern. Viele der Erzieherinnen kehren nach der Elternzeit in die Kindertages- einrichtung mit dem Wunsch zurück, die Arbeitszeit auf eine Teilzeitstelle am Vormittag zu Ergänzende Erläuterungen Seite 4 reduzieren, um Familienarbeit und Berufstätigkeit vereinbaren zu können. Auch im Hort, ein Arbeitsfeld, welches von Erziehern favorisiert wird, gibt es, bedingt durch die Arbeitszeit am Nachmittag und geteilte Dienste, auch meist nur Teilzeitstellen. Aufgrund der gegebenen Bedingungen streben männliche Fachkräfte überproportional nach Leitungspositionen. Aufgrund der stark verbesserten Arbeitsmarktsituation nimmt die Bindung der Fachkräfte an die Kindertageseinrichtung ab. Zugesagte Stellen werden nicht angetreten oder ein Stellen- wechsel erfolgt schneller als früher aufgrund ‚weicher Faktoren’ wie räumliche Nähe zum Wohnort. Strategien zur Gewinnung von Fachkräften Träger von Kindertageseinrichtungen setzen verschiedene Strategien ein, um Fachkräfte zu gewinnen, zu halten und fachlich weiter zu entwickeln. Dazu gehört unter anderem der Ein- satz von Spezialisten und Spezialistinnen (z. B. Schreiner) in heterogenen Teams bis hin zu einer eigenen dualen Ausbildung Jugend- und Heimerzieher mit dem Schwerpunkt Elemen- tarpädagogik in Stuttgart (Konzept-e für Bildung und Soziales GmbH). Auch das Bildungszentrum Schloss Flehingen bietet eine dreijährige berufsbegleitende Aus- bildung zur Jugend- und Heimerzieherin bzw. zum Jugend- und Heimerzieher an. Vorraus- setzung für die Aufnahme an der Schule ist ein mittlerer Bildungsabschluss und der Vertrag mit einem Ausbildungsbetrieb. Die Auszubildenden erhalten ein monatliches Gehalt von 703,26 € im ersten Lehrjahr (2. Jahr: 753,20 €, 3. Jahr: 799,02 € monatlich) und werden seit kurzem begrenzt auch im Bereich der Kindertageseinrichtungen ausgebildet. Daneben gibt es die Möglichkeit einer Berufsfremdenqualifikation an der Käthe-Kollwitz-Schule in Bruch- sal, welche an Samstagen oder in Form von Abendunterricht durchgeführt wird. Speziell auf die Gewinnung männlicher Fachkräfte zielt die bundesweite Initiative „MEHR Männer in Kitas“ mit insgesamt 16 Modellprojekten in 13 Bundesländern. Träger ist die Ka- tholische Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Gefördert wird das Projekt vom Europäi- schen Sozialfonds (ESF) und Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ein dazugehöriges Modellprojekt in Stuttgart läuft unter dem Namen „eMANNzipation“ und hat zum Ziel, Arbeitsbedingungen für Männer und Frauen zu verbessern, sowie das Image des Berufes zu stärken. Ergänzende Erläuterungen Seite 5 Weitere Strategien könnten eine Entlastung mit sich bringen: 1. Erweiterung der Ausbildungsmöglichkeiten durch Ausbildungsträger: Ausbildung in Teilzeit für Mütter/Väter und Quereinsteigende, zum Beispiel in Form von einer Abendschule; Berufsbegleitende dreijährige Ausbildung in Kooperation mit Ausbildungsbetrieben, die Auszubildenden ein Gehalt bezahlen. 2. Allgemeine Maßnahmen zur Gewinnung von pädagogischen Fachkräften durch die freien Träger und die Stadt Karlsruhe: Offensive Werbung in anderen Teilen Deutschlands; Zusammenarbeit mit der Initiative „MEHR Männer in Kitas“ sowie Werbung für erste Zugangswege zu pädagogischen, sozialen und pflegerischen Arbeitsfeldern (z. B. Schnuppertage für Schüler außerhalb des Boys'Day) Verbesserung der Rahmenbedingungen (Zuschusserhöhungen für Bundesfreiwilli- gendienst und Freiwilliges Soziales Jahr). 3. Erleichterung der konkreten Personalgewinnung durch verbesserte Rahmenbedingun- gen in allen Karlsruher Kindertageseinrichtungen: Frühzeitiges Anbieten eines (auf zwei Jahre) befristeten Arbeitsvertrags für Erziehe- rinnen und Erzieher im Anerkennungsjahr, um gute Auszubildende zu binden; Ausweitung unbefristeter Voll- und Teilzeitstellen; Ausbau der Stellenbesetzung auf Grundlage von § 7, Absatz 2, Kindertagesbetreu- ungsgesetz (KiTaG) „Pädagogisches Personal“: „Das Landesjugendamt kann auf An- trag ausnahmsweise andere Personen als Fachkräfte zulassen, wenn sie nach Vor- bildung oder Erfahrung geeignet sind.“ Denkbar wären beispielsweise Männer und Frauen aus handwerklichen, künstlerischen und sportorientierten Berufen für die Förderung spezieller Fähigkeiten, sofern sie ergänzend zu pädagogischem Personal beschäftigt werden. Zur Behebung des Fachkräftemangels wird durch das Kultusministerium Baden- Württemberg neben der Erweiterung des Fachkräftekatalogs auch die Einführung der dualen Ausbildung für Erzieher/-innen an allen Fachschulen für Sozialpädagogik zum Schuljahr 2012/13 vorbereitet. Ergänzende Erläuterungen Seite 6 Beschluss: I. Antrag an den Gemeinderat / Ausschuss Der Jugendhilfeausschuss nimmt die Vorlage zur Kenntnis und beauftragt die Verwaltung, die Kosten für Strategien zur Förderung der Fachkräftegewinnung zu ermitteln und im fol- genden Jugendhilfeausschuss vorzulegen. Darüber hinaus sollen die Kosten für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen, insbe- sondere in städtischen Kindertageseinrichtungen, erfasst werden. II. Auf die Tagesordnung der Sitzung des Jugendhilfeausschusses am 15.02.2012. III. Aufnahme ins Ratsinformationssystem und Übersendung der Vorlage an die Mitglieder des Gemeinderates/Ausschusses. IV. Kopie für Akte 416.334 V. z. d. A. (Hauptregistratur im Hauptamt) Dez.1 Dez.2 Dez.3 Dez.4 Stadtkämmerei POA KA Map Dir.SJB Sachbearbeiterin: Frau Dr. Heynen, R 51 00