Umfrage zur Karlsruher Kultur 2025
| Vorlage: | 2025/1261 |
|---|---|
| Art: | Informationsvorlage |
| Datum: | 16.12.2025 |
| Letzte Änderung: | 13.03.2026 |
| Unter Leitung von: | Kulturamt |
| Erwähnte Stadtteile: | Keine Angaben |
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Informationsvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2025/1261 Verantwortlich: Dez. 2 Dienststelle: Kulturamt Umfrage zur Karlsruher Kultur 2025 Gremien Termin TOP Ö / N Zuständigkeit Kulturausschuss 27.03.2026 3 Ö Kenntnisnahme Kurzfassung Die Stadt Karlsruhe hat gemeinsam mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel eine empirische Untersuchung durchgeführt, um besser zu verstehen, warum Teile der Bevölkerung Kulturangebote bislang nicht nutzen. Im Mittelpunkt stand nicht die Bewertung einzelner Einrichtungen, sondern die Frage, welche Kombination aus persönlichen Merkmalen, Lebensumständen und motivationalen Faktoren kulturelle Teilhabe fördert oder verhindert. Die Ergebnisse liefern keine fertigen Zielgruppenansprachen, aber eine belastbare Grundlage und Handreichung für Einrichtungen, um Maßnahmen künftig differenzierter und zielgruppengerechter zu entwickeln. Finanzielle Auswirkungen Ja ☐ Nein ☒ ☐ Investition ☐ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☐ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☐ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates Die Gegenfinanzierung ist im Erläuterungsteil dargestellt. CO2-Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit -- 1 of 4 -- – 2 – Erläuterungen Zielsetzung - Gesellschaftlich relevante Gruppen („Segmente“) mit unterschiedlichen Zugangsbarrieren und Motivlagen identifizieren - Ansatzpunkte für Zugangsförderung, Barriereabbau und Kommunikation im Bereich Kunst, Kultur und öffentliche Veranstaltungen ableiten Methodik - Erhebungszeitraum: 24. Februar bis 21. April 2025 - Stichprobe: 25.000 zufällig ausgewählte Einwohner*innen aus dem Melderegister; Altersgruppen: 18–26 / 27–60 / 61+ jeweils mit einem Anteil von circa 1/3 in der Stichprobe vertreten - Instrument: 35 Fragen (überwiegend Multiple Choice); Einladung per Post, Erfassung online - Auswertung: 3.000 vollständig ausgefüllte Fragebögen (Rücklaufquote circa 12%); Datenbereinigung/Standardisierung; explorative Clusteranalyse (KI-gestützte Auswertung) Theoretischer Rahmen - Big Five (Persönlichkeit): Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus (Costa & McCrae, 1992) - Motivationsmodell aus Volition (Bereitschaft), Habitus (Gewohnheiten/Hürden) und Motiven (emotionale/soziale Antriebe), angelehnt an Bourdieu (1984) sowie Deci & Ryan (2000) Auswertung: Vier Cluster der Karlsruher Bevölkerung -- 2 of 4 -- – 3 – Cluster 1 (rot) - Kulturell distanzierte junge Frauen, niedriger Sozialstatus Sehr geringe Motivation, kaum Erfahrungen oder Planungen; Kultur wird als irrelevant empfunden. Schwer aktivierbar; Impulse eher über niedrigschwellige, freizeitorientierte Formate mit hohem emotionalem Bezug. Cluster 2 (orange) - Etablierte ältere Erwachsene, hohe Bildung/hohes Einkommen, geringes Engagement Trotz günstiger Ressourcen sehr geringe kulturelle Motivation; Hinweise auf Distanzierung oder fehlendes emotionales Involvement; strukturelle Vorteile allein sind keine hinreichende Voraussetzung für Teilhabe. Cluster 3 (blau) - Engagierte junge Männer, mittlerer Sozialstatus, geringe Mittel, hohe Motivation Hohe Teilhabebereitschaft trotz knapper Budgets. Geplante Besuche übersteigen bisherige Erfahrungen – hohes Aktivierungspotenzial durch Information, soziale Erlebniskomponenten und Gruppenformate. Cluster 4 (grün) - Kulturell offene Mittelschicht, hohes Bildungsniveau, hohe Ressourcen Hohe Anschlussfähigkeit; Motivation basiert auf Freude, Zugehörigkeit und thematischer Vielfalt. Gut über Qualität, Gemeinschaft und Programmdiversität weiter aktivierbar. Zentrale Erkenntnis der Umfrage Kulturelle Teilhabe hängt nicht primär von Einkommen oder Bildung ab. Ausschlaggebender sind Motivation, emotionale Resonanz und soziale Einbindung. Damit rücken Fragen wie „Mit wem gehe ich hin?“, „Fühle ich mich angesprochen?“ und „Passt es in meinen Alltag?“ in den Vordergrund. Zeitmangel, Wegstrecke und fehlende Begleitung sind zentrale Hürden und sollten systematisch in der Angebotsplanung berücksichtigt werden. Maßnahmen sollten stärker auf soziale Erlebniskomponenten, emotionale Ansprache und Alltagstauglichkeit ausgerichtet sein. Handlungsempfehlungen - Sozial & gemeinschaftlich: mehr Gruppenformate, „Bring-a-friend“-Mechaniken, Community-Partnerschaften - Niedrigschwellig & nah: dezentrale Angebote in Stadtteilen, kurze Formate, flexible Zeiten - Orientierung & Information: einfache Programmkommunikation (Weg, Dauer, Kosten, Einstiegshürden) - Barriereabbau: Mobilität/Erreichbarkeit, Begleitangebote, spontane Zugänge - Zielgruppenlogik statt Gießkanne: Ressourcen auf Cluster 3 & 4 fokussieren; für Cluster 1 experimentelle Einstiegsformate testen Einordnung und Weiterentwicklung des Befragungsmodells Die vorliegende Kulturumfrage stellt in Konzeption, Methodik und Auswertung einen neuen Ansatz dar und ist mit herkömmlichen, überwiegend deskriptiv angelegten Kulturumfragen nicht vergleichbar. Ein zentrales Merkmal der Untersuchung ist der explorative Charakter: Die Befragung wurde bewusst als Versuchsballon angelegt, um neue Wege der Analyse kultureller Teilhabe zu erproben. Die eingesetzte KI-gestützte Clusteranalyse wurde von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel entwickelt und erstmals in dieser Form im kommunalen Kulturbereich angewendet. Ziel der Untersuchung war ausdrücklich nicht eine detaillierte, zahlenbasierte Auswertung einzelner Fragen oder Angebote, sondern die sinnvolle Verschränkung persönlicher Merkmale, Lebensumstände -- 3 of 4 -- – 4 – und motivationaler Faktoren. Durch diese Kombination sollen übergreifende Muster und Zusammenhänge sichtbar gemacht werden, die mit klassischen Auswertungslogiken nur schwer zu erfassen sind. Die identifizierten Cluster sind daher nicht als abschließende oder trennscharfe Zielgruppen zu verstehen, sondern als analytische Orientierungsräume, die Hinweise auf unterschiedliche Zugangsbarrieren und Aktivierungspotenziale liefern. Die Aussagekraft und praktische Nutzbarkeit dieses Befragungsmodells wird sich insbesondere dann weiter erhöhen, wenn vergleichbare Erhebungen in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden. Die vorliegenden Ergebnisse bilden damit eine erste belastbare Grundlage für eine stärker motivations- und teilhabeorientierte Weiterentwicklung der Kulturangebote in Karlsruhe. -- 4 of 4 --