Sachstand Stadttauben
| Vorlage: | 2025/1019 |
|---|---|
| Art: | Informationsvorlage |
| Datum: | 22.10.2025 |
| Letzte Änderung: | 14.11.2025 |
| Unter Leitung von: | Ordnungs- und Bürgeramt |
| Erwähnte Stadtteile: | Weststadt |
Beratungen
- Ausschuss für öffentliche Einrichtungen (öffentlich/nicht öffentlich)
Datum: 27.11.2025
Rolle: Kenntnisnahme
Ergebnis: Keine Angabe
Zusätzliche Dateien
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Extrahierter Text
Informationsvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2025/1019 Verantwortlich: Dez. Dienststelle: Ordnungs- und Bürgeramt Sachstand Stadttauben Gremien Termin TOP Ö / N Zuständigkeit Ausschuss für öffentliche Einrichtungen 27.11.2025 1 Ö Kenntnisnahme Kurzfassung 1. Die Ergebnisse der Studie der Firma Bioplan zur Erfassung der Stadttaubenpopulation zwischen 2019 und 2024 werden in einer Ergebnisbetrachtung vorgestellt: Das betreute Taubenschlagkonzept zeigt lokal positive Effekte, reicht jedoch allein nicht aus, um die Gesamtpopulation der Tauben in Karlsruhe nachhaltig zu senken. Entscheidend ist die Einschränkung des Nahrungsangebots außerhalb der Schläge – Fütterungsverbote müssen konsequent eingehalten werden. Weitere Möglichkeiten, wie operative Kastration von Tauben oder Einsatz von Medikamenten sind bezogen auf das gesamte Stadtgebiet nicht praktikabel und vor allem mit hohen Kosten verbunden, für die keine Mittel vorhanden sind. Die Einrichtung weiterer betreuter Taubenschläge ist bei entsprechender finanzieller Lage den vorgenannten Methoden vorzuziehen. 2. Weitere Maßnahmen der Stadt zielen auf eine Sensibilisierung der Bevölkerung durch Aufklärung (Beschilderung) und Sanktionierung bei Verstößen (vermehrte Kontrollen durch den KOD) ab. 3. Durch eine tierschutzgerechte Reduzierung der Futterqualität ist eine Kosteneinsparung bei der Versorgung der Tiere durch den Verein Stadttaubenkonzept e. V. möglich. Darüber besteht Einvernehmen mit dem Verein. 4. Der Ausschuss nimmt die Ergebnisse der Taubenzählung und die davon abgeleiteten zukünftigen möglichen Maßnahmen der Verwaltung zur Kenntnis. Erläuterungen Finanzielle Auswirkungen Ja ☐ Nein ☒ ☐ Investition ☐ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☐ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☐ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates Die Gegenfinanzierung ist im Erläuterungsteil dargestellt. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – 1. Zusammenfassung des Endberichts zur Ermittlung von Stadttaubenbeständen in der Innenstadt von Karlsruhe (2019 bis 2024) durch die Firma Bioplan, Nelkenstraße 10 in 77815 Bühl Der Gemeinderat Karlsruhe hat im Jahr 2018 die Fortführung des „Augsburger Modells“ zur Regulierung der Stadttaubenpopulation beschlossen. Dieses Konzept sieht betreute Taubenschläge mit kontrollierter Fütterung und dem Austausch der Taubeneier vor. Ziel ist es, die Tiere an bestimmte Orte zu binden und ihre Fortpflanzung zu begrenzen. Zur Überprüfung der Wirksamkeit der Maßnahmen wurde zwischen Oktober 2019 und September 2024 eine Bestandsaufnahme der Stadttauben in der Innenstadt durchgeführt. Vorgehensweise Die monatlichen Zählungen erfolgten an sieben Standorten: vier betreute Taubenschläge (unter anderem Schloss, Weststadt, Schul- und Sportamt, Heinrich-Meidinger-Schule) und drei sogenannte Hotspots (Europaplatz, Kronenplatz, Ostringbrücke). Ergänzend wurden Witterungsdaten sowie Faktoren wie Brutbiologie und Nahrungsangebot berücksichtigt. Biologische und ökologische Grundlagen Stadttauben sind ganzjährig brütende Kulturfolger, deren Hauptlegezeit zwischen März und August liegt. Ihre Ernährung besteht überwiegend aus pflanzlicher Kost, insbesondere Getreide und Samen. In Städten wird das Nahrungsangebot jedoch oft durch menschliche Fütterung ergänzt, was die Populationsgröße stark beeinflusst. Ein dauerhaftes Überangebot an Futter führt zu stabil hohen Beständen. Ergebnisse der Zählungen • In den Hotspots stiegen die Taubenzahlen im Herbst und Winter an, vermutlich wegen des größeren Futterangebots und milderer Aufenthaltsbedingungen. • In den betreuten Schlägen blieben die Zahlen vergleichsweise konstant. Eine leichte Reduktion der Bestände in den Taubenschlägen über die Jahre deutet auf die grundsätzliche Wirksamkeit des Eieraustauschs hin. Die Brutaktivität nahm im Frühling und Frühsommer zu, fiel im Herbst und Winter aber deutlich ab. Während der Mauserzeit (August bis Oktober) stieg der Nahrungsbedarf der Tiere, was sich ebenfalls auf ihre Aufenthaltsorte auswirkte. Bewertung und Schlussfolgerung Das betreute Schlagkonzept zeigt lokal positive Effekte, reicht jedoch allein nicht aus, um die Gesamtpopulation in Karlsruhe nachhaltig zu senken. Entscheidend ist die Einschränkung des Nahrungsangebots außerhalb der Schläge. Fütterungsverbote müssen konsequent eingehalten werden. Durch die Firma Bioplan wird ein integriertes Stadttaubenmanagement empfohlen: • Ausbau betreuter Taubenschläge an weiteren Hotspots, • konsequente Umsetzung und Kontrolle von Fütterungsverboten, • ergänzende Fortpflanzungsregelung (zum Beispiel durch nicarbazinhaltiges Futter oder Sterilisation), • Kontrolle von Nistplätzen, • Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung der Bevölkerung, • wissenschaftliche Begleituntersuchungen. 2. Maßnahmen der Stadt Karlsruhe a) Schilder mit Hinweis auf das Taubenfütterungsverbot An den bekannten Fütterungsschwerpunkten, zum Beispiel Kaiserallee, Kronenplatz und Friedrichsplatz soll eine Beschilderung mit Hinweisen auf das Fütterungsverbot und den – 3 – Bußgeldtatbestand sowie auf die Maßnahmen der Stadt zur Regulierung der Taubenpopulation hingewiesen werden. b) Kontrollen des KOD Durch den KOD wurde im Oktober verstärkt auf Verstöße gegen das Taubenfütterungsverbot kontrolliert. Auf dem Friedrichsplatz fanden 16 Kontrollen statt, es konnte in diesem Zeitraum aber kein Verstoß festgestellt werden. Allerdings konnte am Marktplatz ein Taubenfütterer ausgemacht und mit einem Bußgeld in Höhe von 200 Euro belegt werden. Weitere Kontrollen an Plätzen, an denen Bürger vermehrt ausgebrachtes Taubenfutter feststellen, werden folgen. c) Flyer zur Information der Bevölkerung Ein Informationsflyer zu den Taubenmanagementmaßnahmen der Stadt Karlsruhe wurde durch das Ordnungs- und Bürgeramt erstellt. Der Inhalt wird ebenso auf der Platzbeschilderung zum Taubenfütterungsverbot zu lesen sein, kann aber auch zur Information der Bevölkerung an weiteren Schwerpunkten, zum Beispiel in innerstädtischen Ladenlokalen, genutzt werden. d) Anpassung der Futtermenge und Futterqualität in den Taubenschlägen Derzeit stehen dem Verein Stadttaubenkonzept e. V. 15.000 Euro jährlich für die Fütterung der Tauben zur Verfügung. Durch die Verwendung eines günstigeren Futters und einer Futtermenge, die nicht in unbeschränkter Menge zur Verfügung steht, sondern dem Erhaltungsbedarf pro Taube entspricht, kann eine tierschutzgerechte Populationsschranke gesetzt und zukünftig Kosten eingespart werden. Mit dem Verein wurde eine einvernehmliche Lösung gefunden. Es wurde vereinbart, den jährlichen Betrag der Futterkosten von 15.000 Euro auf 13.000 Euro zu reduzieren sowie den Betrag für sonstige Sachaufwendungen von bislang 4.000 Euro auf 1.000 Euro, sodass eine Kostenreduktion um insgesamt 5.000 Euro erreicht wird. e) Unfruchtbarmachung der Tauben durch Medikamenteneinsatz oder Kastration Der Wirkstoff Nicarbazin wird eigentlich zur Endoparasitenbehandlung eingesetzt, verhindert jedoch auch die Entwicklung befruchteter Eier und soll so die Population von Stadttauben verringern. In Berlin wird über seinen Einsatz nachgedacht, um das seit Jahren bestehende Taubenproblem zu lösen. Tierschützer und Fachleute sehen den Ansatz jedoch kritisch: Die Wirkung sei nur kurzfristig, die regelmäßige und gezielte Aufnahme durch die Tauben schwer zu gewährleisten. Zudem könnten auch andere Vogelarten den Wirkstoff aufnehmen und die Umweltfolgen gelten als unzureichend erforscht. Die „Antitaubenpille“ könne daher nur ergänzend eingesetzt werden. Die minimalinvasive Fortpflanzungsregulierung bei Stadttauben bezeichnet Eingriffe, bei denen die Fortpflanzungsfähigkeit der einzelnen Tiere gezielt eingeschränkt wird – meist durch endoskopische Kastration (bei Männchen oder Weibchen) unter Narkose. Ziel ist es, die Population dauerhaft zu senken, ohne Tiere zu töten. Diese Methode bewirkt eine dauerhafte Unfruchtbarmachung. Allerdings ist sie kosten- und arbeitsintensiv, nur begrenzt skalierbar, mit Risiken für die Tiere verbunden und zeigt ihre Wirkung erst langfristig in Kombination mit weiteren Maßnahmen. Beide Optionen kommen aus den genannten Gründen für die Stadt Karlsruhe nicht in Frage. Anlage Abschlussbericht der Firma Bioplan Beschluss: – 4 – Antrag an den Gemeinderat oder Ausschuss 1. Der Ausschuss nimmt die Ausführungen zur Kenntnis
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Ermittlung von Stadttaubenbeständen in der Innenstadt von Karlsruhe Endbericht Auftraggeber:Stadt Karlsruhe Ordnungs- und Bürgeramt Lebensmittelüberwachung und Veterinärwesen Helmholtzstraße 9/11 76131 Karlsruhe Auftragnehmer: Nelkenstraße 10 77815 Bühl / Baden Projektbearbeitung:D R. MARTIN BOSCHERT Diplom-Biologe Landschaftsökologe, BVDL Beratender Ingenieur, INGBW D R. ALESSANDRA BASSO M. Sc. Sciences of Natural Systems Bühl, Stand 26. September 2025 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in der Innenstadt von Karlsruhe Vorläufiger Endbericht 1.0 Anlass und Aufgabenstellung Straßentauben (Columbia livia forma urbana) werden in den meisten Städten weltweit als Plage angesehen. Dies führte zu teilweise emotional geführten Debatten über Gesundheits- und Umweltprobleme und hat bis heute dazu beigetragen, dass eine wirkungsvolle Reduzie- rung der Population durch Fütterung nicht erreicht wurde. Weitere entwickelte Maßnahmen zur Populationsreduzierung, u.a. Tötung oder Verhütungsmethoden, führten nicht zum ge- wünschten Erfolg (Übersicht in R ÖSENER 1999). Im Hinblick auf die Regulierung des Stadttaubenbestands werden in Städten der Schweiz und in Deutschland verschiedene Konzepte entwickelt. Diese Konzepte basieren auf der Einrich- tung betreuter Taubenschläge, in denen die Tiere artgerecht gefüttert werden, eine gesund- heitliche Versorgung erhalten und die Population durch den Einsatz von Eierattrappen kon- trolliert wird. Zwei Modelle, die häufig als Grundlage dienen, sind das 'Augsburger Modell' und das 'Basler Modell' (Tabelle 1). Ein drittes Modell ist das 'Regensburger Modell', das die beiden zuvor genannten Modelle kombiniert. Das Augsburger Modell ist ein tierschutzgerechtes Konzept zur Regulierung und Reduzie- rung der Stadttaubenpopulation. In diesem Modell werden flächendeckend betreute Tauben- schläge eingerichtet, in denen die Tauben nisten können und, wenn erforderlich, medizinisch versorgt werden. In diesen Schlägen erhalten die Tiere regelmäßig artgerechte Nahrung so- wie frisches Wasser; ihre Eier werden gegen Attrappen ausgetauscht. Ziel ist es, die Tauben an bestimmte Orte zu binden, die Vermehrung zu kontrollieren und damit die Populations- größe auf nachhaltige Weise zu kontrollieren (W EYRATHER 2014, Stadt Augusburg Online 2017; Tabelle 1). Ähnlich wie das Augsburger Modell, beinhaltet auch das Basler Modell die Errichtung von Taubenschlägen und die Kontrolle der Reproduktion durch den Austausch der Eier gegen At- trappen. Ein zentraler Bestandteil dieses Modells sind Informationskampagnen, die auf die Problematik der Taubenfütterung hinweisen und die Bevölkerung über deren Auswirkungen aufkären. Das 'Basler Modell' verfolgt einen integrativen Ansatz, bei dem die Taubenpopula- tion durch eine Kombination von Geburtenkontrolle und einem Fütterungsverbot auch im städtischen Raum reguliert wird (H AAG-WACKERNAGEL 1993; Tabelle 1). Ein weiterer Ansatz, das Regensburger Modell, kombiniert Elemente des Augsburger und Basler Modells, indem es auf betreute Taubenschläge setzt und gleichzeitig die Fütterung der Tauben außerhalb dieser Schläge unterbindet. Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 22 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 2 Der Gemeinderat der Stadt Karlsruhe hat in seiner Sitzung am 24. April 2018 beschlossen, das sogenannte 'Augsburger Modell' zur Betreuung von Stadttauben in Karlsruhe fortzuset- zen. Als wichtigste Maßnahmen sind ein ständig verfügbares Nahrungsangebot (zur Zusam- mensetzung siehe 3.0 Projektrelevante Angaben zu Stadttauben - Nahrung) sowie der Aus- tausch von Eiern gegen Attrappen zu nennen. In diesem Zusammenhang wurde die Verwal- tung beauftragt, die Populationsentwicklung durch einen externen Dienstleiter wissenschaft- lich überprüfen zu lassen. Ziel der Untersuchungen war daher die Ermittlung von Stadttaubenbeständen in der Innenstadt von Karlsruhe sowie die Verfolgung der Bestandsentwicklung in fünf aufeinander- folgenden Jahren. In diesem Bericht wird ein Überblick über die Ergebnisse der monatlichen Zählungen von Oktober 2019 bis zum September 2024 gegeben. 2.0 Vorgehensweise Die Methodik der Erfassung wurde bereits 2015 vom Veterinäramt der Stadt Karlsruhe ent- wickelt und festgelegt. Aufgrund der vorhergehenden Festlegungen und der Vorgaben im Rahmen der öffentlichen Ausschreibung zu diesem Projekt wurden die grundlegenden Elemente der Methodik beibehalten. Die Methodik beeinflußt jedoch die Ergebnisse. Die Zählungen wurden über einen vergleichsweise kurzen Zeitraum von fünf Jahren durch- geführt wurden, was es schwierig macht, einen klaren langfristigen Trend oder eine stabilere Entwicklung der Populationen abzubilden. Darüber hinaus fehlen Informationen über die 33 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 3 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA Tabelle 1: Vergleich der beiden Modelle zur Stadttauben-Regulierung. Augsburger Modell von der Stadt Karlsruhe angewandt Basler Modell Tauben sind mit Futter versorgt Taubentürme und Taubenschläge regelmäßig gesäubert und desinfiziert Einrichtung betreuter Taubenschläge meist durch Tierschützer und ehrenamtliche Helfer betrieben Eier werden regelmäßig entfernt und durch Attrappen ersetzt Fütterung der Tauben durch gesetzliche Regelungen unterbunden Verbot der Zufütterung auch in Stadtgebiet keine regelmäßige Reinigung oder Desinfektion der Schläge vorgesehen Einrichtung gelegentlich überwachter Taubenschläge, aber ohne gezieltes Zufüttern Eier werden regelmäßig entfernt und durch Attrappen ersetzt offener Ein- und Ausflug Versuch durch Füttern in und um diese Anlagen die Tauben von den Problemzonen wegzulocken tierschutzgerechtes Konzept zur Regulierung der Stadttaubenpopulation, die zu stabilen Beständen und lokalen Verbesserungen führen offener Ein- und Ausflug, aber kein Lock-Futter integrativer Ansatz zur Taubenregulierung durch Kombi- nation von Geburtenkontrolle, Fütterungsverbot und In- formationskampagne der Bevölkerung Zeit zwischen den Zählungen, wie etwa die Mortalität der Tauben oder die Einwanderung neuer Individuen in die betreuten Taubenschläge. Solche Informationen könnten die Ein- schätzung der Populationgröße und ihrer Veränderung beeinflussen. Die Zählungen fanden in Absprache mit dem Veterinäramt Karlsruhe an den vier von der Stadt Karlsruhe eingerichteten Fütterungsstellen sowie an drei Vergleichsstellen statt: In der Innenstadt waren dies die zwei Taubenhäuser in der Weststadt und im Schloßpark sowie die beiden Taubenschläge im Schul- und Sportamt und in der Heinrich-Meidinger-Schule. Ferner kommen zwei sogenannte Taubenhotspots am Europa- und am Kronenplatz hinzu, außerdem einer an der Brücke an der Einmündung des Ostrings in die Wolfartsweierer Straße (Karte 1). In den jeweils zwei betreuten Taubenhäusern bzw. Taubenschlägen besitzen die Vögel ein ständig vorhandenes, artgerechtes Nahrungsangebot, und zur Populationsregulation werden die Eier gegen Eiattrappen ausgetauscht. Die Untersuchungen wurden monatlich durchgeführt, startend im Oktober 2019. In den ersten beiden Jahren bis zum September 2021 wurden sämtliche sieben Standorte gezählt. In den beiden darauf folgenden Jahren von Oktober 2021 bis September 2023 wurde in einem reduzierten Umfang erfasst. Monatlich wurden jene am Schloß und in der Heinrich-Meidin- ger-Schule gezählt sowie an den zwei sogenannten Taubenhotspots am Europa- und am Kro- nenplatz, außerdem an der Brücke an der Einmündung des Ostrings in die Wolfartsweierer Straße. Alle drei Monate wurden dann wieder sämtliche Standorte in die Zählung aufge- nommen. Im letzten Zähljahr ab Oktober 2023 bis September 2024 wurden dann die Be- stände wieder an sämtlichen Zählstandorten monatlich erfasst. Die monatlichen Zählungen erfolgten in der Regel in den letzten Tagen des jeweiligen Monats, mit einzelnen Ausnahmen. Sehr wahrscheinlich hat die Tageszeit einen Einfluß auf die Aktivitäten, weshalb über- wiegend vormittags, je nach Sommer- und Wintermonaten, zwischen 9.00 und 10.00 Uhr mit der Zählung begonnen wurde. Gleichzeitig wurde darauf geachtet, dass möglichst gleiche Witterungsbedingungen, vor allem kein Dauerregen und kein starker Wind, bei den Zählun- gen herrschten. Bei den einzelnen Zählungen jeweils durch mehrere Personen wurde an den vier vorhande- nen Taubenhäusern bzw. Taubenschlägen gleichzeitig innen und außen gezählt. Während in- nen die noch verbliebenen Tauben erfasst wurden, wurde der Ausflug protokolliert. Vor der Zählung wurden sich im Außenbereich um die jeweilige Zählstelle aufhaltende Tauben er- fasst. Nach dem Ausflug versammeln sich die Tauben vielfach in Trupps. Bei unübersicht- licher Lage wurden Fotos der Schwärme angefertigt und später ausgezählt. 44 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 4 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 55 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2022Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 5 ! ( ! ( ! ( ! ( ! ( ! ( ! ( Ta u b e n t u r m Rathaus West Ta u b e n h o t s p o t Europaplatz Ta u b e n s c h l a g Schul- und Sportamt Ta u b e n t u r m Schloss Ta u b e n h o t s p o t Kronenplatz Ta u b e n s c h l a g Heinrich-Meidinger-Schule Ta u b e n h o t s p o t Ostring ± Ermittlung von Stadttaubenbeständen in der Innenstadt von Karls ruhe ! ( Zählstandorte Kartengrundlage: topographische Karte 1:100 000 0 500 1.000 250 Meter Stand August 2023 Auftraggeber: Stadt K arlsruhe Karte 1: Standorte der Zählpunkte im Stadtgebiet von Karlsruhe. Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA Die einzelnen Zählungen fanden an folgenden Tagen statt: 2019 28. Oktober 28. November 18. Dezember 2020 23. Januar 27. Februar März und April keine Zählungen aufgrund von Covid-19-Einschränkungen 25. Mai 1. Juli 27. Juli 31. August 28. September 30. Oktober 4. Dezember 30. Dezember 2021 29. Januar 23. Februar 26. März 30. April 31. Mai 30. Juni 29. Juli 31. August 30. September 29. Oktober 30. November 22. Dezember 2022 31. Januar 28. Februar 30. März 66 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 6 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 3. Mai 1. Juni 7. Juli 25. Juli 29. August 28. September 27. Oktober 28. November 19. Dezember 2023 30. Januar 22. Februar 6. März 28. April 31. Mai 28. Juni 26. Juli 4. September 27. September 25. Oktober 29. November 13. Dezember 2024 29. Januar 28. Februar 3. März 22. April 31. Mai 28. Juni 31. Juli 21. August 25. September. Die Entwicklung der Taubenpopulation in den verschiedenen betreuten Taubenschlägen so- wie in den Hotspots in der Innenstadt wurden in Abhängigkeit von Faktoren wie Datum, Monat und der Anzahl der Zählungen über die Jahre hinweg mit einem linearen Regressions- modell (lm) in R (R Core Team, 2024 Version 4.4.2, © 2025 R Foundation for Statistical 77 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 7 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA Computing) untersucht und dargestellt (siehe hierfür 5.2 Anhang 2). Ebenfalls wurden weitere Parameter, die auf die Populationsentwicklung wirken können, wie Witterung oder Brutbiologie, untersucht. Daten zur Witterung wurden über https://www.dwd.de/DE/leistungen/grosswetterlage/ grosswetterlage.html - GWL - Großwetterlage sowie über www.wetteronline.de und https:// www.timeanddate.de jeweils bezogen auf Karlsruhe entnommen. 3.0 Projektrelevante Angaben zu Stadttauben Die Angaben sind verschiedenen Quellen entnommen, u.a. dem 'Handbuch der Vögel Mittel- europas' (G RÜLL 1980), dem 'Handbook of the Birds of Europe, the Middle East and North Africa' (C RAMP 1989), dem Grundlagenwerk 'Die Vögel Baden-Württembergs' (HÖLZINGER 2001), der Dissertation 'Ein Beitrag zur Ökologie der Stadttaube' (HAAG 1984) oder der um- fassenden Literaturübersicht von R ÖSENER (1999). Name In diesem Bericht wird konsequent der Name Stadttaube verwendet, wobei in der Literatur (siehe z. B. G RÜLL 1980, HÖLZINGER 2001) überwiegend bzw. nahezu ausschließlich der Name Straßentaube aus unterschiedlichen Gründen gebräuchlicher ist. Grund dafür ist aber auch die weite Verbreitung des Namens Stadttaube, auch in der bisherigen Diskussion in Karlsruhe. Verbreitung in Baden-Württemberg und Karlsruhe Die Stadttaube brütet in Baden-Württemberg in allen Landesteilen und steigt bis auf 900 Meter ü NN auf. Die Schwerpunkte der Verbreitung liegen in Verdichtungsräumen mensch- licher Siedlungen, u.a. in der Oberrheinebene (H ÖLZINGER 2001). In Karlsruhe ist die Stadttaube im gesamten Stadtgebiet verbreitet, allerdings mit unter- schiedlich hoher Dichte. Stichprobenartige Kontrollen in den Jahren 2019 bis 2024 haben ge- zeigt, dass es in der Stadt weitere größere Taubenansammlungen, sogenannte Hotspots, gibt, die bei dem Projekt nicht berücksichtigt wurden, u.a. an der St.-Stefan-Kirche direkt nördlich des Schul- und Sportamtes oder im Bereich des Bahnhofs. Viele dieser Hotspot hängen sicherlich mit einem guten Nahrungsangebot zusammen. Diese Standorte können zur Gesamtzahl der Individuen beitragen, insbesondere durch Zu- oder Abwanderung von Tauben, die sich außerhalb der erfassten Zählbereiche aufhalten. Zu- sätzlich existieren auch Hotspots außerhalb des Stadtgebiets, die als Ausgangspunkte für Zu- wanderung dienen könnten und somit die saisonale Verteilung der Tauben in der Stadt mitbe- einflussen. 88 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 8 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA Biologie Die Brutperiode dauert in Europa das ganze Jahr über an, wobei in einzelnen Ländern und Regionen verschiedene Schwerpunkte auftreten (Übersicht in G RÜLL 1980). In Großbritanni- en finden in allen Monaten Bruten statt, wobei die Hauptbrutzeit in Manchester sich von Februar bis Juli erstreckt, in London von Mai bis August. Selbst auf den Shetland-Inseln verteilen sich die Bruten von mindestens Januar bis November. Auch in anderen Ländern Eu- ropas sind Hauptlegephasen in diesem Zeitraum bekannt, z.B. in Finnland von März bis Mai. Auch in Baden-Württemberg, hier am Beispiel von Stuttgart, sind Bruten in allen Monaten belegt. wobei ein Schwerpunkt ab März bis Juli / August feststellbar ist (H ÖLZINGER 2001). Diese Hauptlegephasen sind negativ korreliert mit der Mauser der Stadttauben, die zu- sammengefasst nach Erkenntnissen aus verschiedenen europäischen Brutgebieten von August bis in den November hinein andauert mit einem Schwerpunkt im September und im Oktober. In dieser Mauserzeit haben Stadttauben einen erhöhten Energie- und Nährstoffbe- darf und benötigen die aufgenommene Nahrung zu Produktion der neuen Federn. In Karlsruhe sind ganzjährig Bruten festzustellen, wobei die Legebeginne der Karlsruher Stadttauben sich in der Hauptsache von März bis August erstrecken, mit einem Höhepunkt meist zwischen Mai und Juli. Dies stimmt mit den Befunden in weiteren Teilen Europas überein, wie die oben stehenden Beispiele zeigen. Nahrung Die Nahrung besteht fast ausschließlich aus Vegetabilien. Stadttauben sind primär Körner- fresser. Das Nahrungsspektrum ist orts- und jahreszeitenabhängig unterschiedlich und diffe- riert je nach Umgebung. Die Hauptenergiequelle ist vor allem Stärke. Die Hauptnahrung bilden Samen, wobei vor allem Getreidekörner verschiedener Sorten eine wichtige Rolle für die Ernährung spielen. Stadttauben verkraften über einen längeren Zeitraum einseitige Ernäh- rung und können über einen Monat nur durch Aufnahme einer Getreidesorte existieren (Übersichten in G RÜLL 1980, HAAG 1984, CRAMP 1989, RÖSSENER 1999, HÖLZINGER 2001). Stadttauben sind hinsichtlich ihrer Nahrung sehr anpassungsfähig, so dass sie Nahrung auf- nehmen, die mit dem natürlichen Futter keine Ähnlichkeit hat; sie wurde hier zum Alles- fresser. Abfälle und Speisereste machen insbesondere im Winterhalbjahr in Ortschaften den Hauptbestandteil der Nahrung aus. Trotz teilweise bestehender Fütterungsverbote stellen Füt- terungen mit Brot und Körnern, besonders in größeren Ortschaften, ebenfalls einen Hauptbe- standteil der Nahrung dar. Diese Ernährung kann langfristig zu Mangelerscheinungen oder Unterernährung führen, beeinflusst aber kurzfristig die Reproduktionsrate kaum, solange die Energiezufuhr ausreichend ist. 99 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 9 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA Das Nahrungsangebot ist als populationsentscheidender Faktor zu bewerten, da städtische Taubenpopulationen stark durch die Verfügbarkeit von Futter reguliert werden. Bereits ein regelmäßiges Nahrungsangebot kann die Populationsgröße auf einem hohen Niveau stabili- sieren, während ein Überangebot das Wachstum der Population zusätzlich fördert. Sowohl das Brutverhalten als auch die Überlebensrate der Jungvögel hängt stark von der Qualität und Menge des verfügbaren Futters ab (H AAG-WACKERNAGEL 1995). Stadttauben nehmen täglich etwa 10 % ihres Körpergewichts an Nahrung auf, was etwa 35 bis 50 Gramm Futter pro Tag entspricht. In betreuten Taubenschlägen erhalten die Tiere hin- gegen kontrolliert eine ausgewogene Körnermischung in genau dosierten Mengen, um Über- versorgung und unkontrollierte Vermehrung zu vermeiden, sowie Grit und frisches Wasser (S ALES & JANSSENS 2003). In Karlsruhe wird ein Spezialfutter verwendet, das zu über 60 % aus Weizen (27 %), Mais (25 %) und Erbsen (14 %) besteht. Weitere Bestandteile sind u.a. Dari, Milo, Gerste, Kardi, Wicken und Sonnenblumenkerne, welches in den beiden Taubenschlägen bzw. den beiden Taubentürmen uneingeschränkt zur Verfügung steht. 4.0 Die Zählungen von Oktober 2019 bis September 2024 Die Ergebnisse der monatlichen Zählungen an den verschiedenen Zählstandorten über den Untersuchungszeitraum Oktober 2019 bis September 2024 sind im Anhang (siehe 7.1 An- hang 1) dargestellt. Monatliche und jährliche Phänologie Der gesamte Verlauf der Taubenpopulation über die fünf Jahre zeigt an den drei Tauben- hotspots am Europaplatz, Kronenplatz und Ostring im Vergleich zu den zwei Taubentürmen bzw. zwei Taubenschlägen deutlichere Schwankungen im Jahresverlauf. Dies macht sich ins- besondere durch höhere Zahlen in den Herbst- und Wintermonaten und niedrigere Zahlen in den übrigen Monaten bemerkbar. Bei den vier Standorten mit Taubentürmen bzw. Taubenschlägen sind die jahreszeitlichen Schwankungen dagegen weniger stark ausgeprägt. An den beiden Taubentürmen am Schloß und am Rathaus West lassen sich zumindest ten- denziell jährliche Unterschiede erkennen. Auch wenn diese weniger deutlich ausfallen als in den Hotspots, zeigen sich auch hier in den Wintermonaten meist leicht höhere Zählungen als in den übrigen Monaten. Am Taubenturm am Schloß treten saisonale Schwankungen klarer hervor als am Turm in der Weststadt. Die Zahlen sind hier in den Herbst- und Wintermonaten meist höher als im übri- gen Jahr. Darüber hinaus sind an diesem Standort auch einzelne Ausreißer zu beobachten, 1010 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 10 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA beispielweise im Dezember 2022, als mit knapp 60 Tauben ein deutlich niedriger Wert ver- zeichnet wurde als in den übrigen Dezembermonaten, die jeweils bei etwa 125 bis 260 Vögeln lagen. Im Juni 2022 lag die Zählung mit etwa 150 Tauben deutlich über den üblichen Monatswerten, die in diesem Monat ansonsten stets unter 100 lagen. Am Taubenturm in der Weststadt hingegen sind die Werte insgesamt gleichmäßiger verteilt, bis auf eine Ausnahme mit ungefähr 250 Tauben im November 2019, deutlich mehr als in den anderen Monaten und Jahren, in denen jeweils rund 100 Individuen erfasst wurden. An den beiden betreuten Taubenschlägen am Schul- und Sportamt sowie an der Heinrich- Meidinger-Schule sind im Gegensatz zu den Hotspots keine so markanten saisonalen Schwankungen zu erkennen. Die Zahlen bleiben hier das ganze Jahr über relativ konstant. Die erhöhte Individuenanzahl ab Juni 2021 am Schul- und Sportamt lässt sich auf einen zu- sätzlich genutzten Raum zurückzuführen. Auch ein zusätzlicher Quarantäneraum an der Heinrich-Meidinger-Schule erklärt die höheren Zahlen, wie z.B. 449 Individuen im Februar 2021, im Vergleich zu den übrigen Monaten mit etwa 250 bis 350 Vögeln. Die langfristige Betrachtung zeigt, dass die betreuten Taubenschläge teilweise eine Vermin- derung der Taubenpopulation über die Jahre hinweg verzeichnen, was auf die potenzielle Effektivität der Maßnahmen hinweist. Im Vergleich dazu weisen die nicht betreuten Hotspots unterschiedliche Trends auf. In einigen Hotspots ist keine klare Reduktion der Taubenpopulation zu erkennen, was darauf hindeutet, dass die Taubenpopulation nicht nur durch die Fütterung in den betreuten Schlägen beeinflusst wird. Die Zahlen zeigen, dass die Gesamtzahl der Tauben an den Zähl- punkten in der Innenstadt weiterhin Schwankungen unterliegt, dass die betreuten Tauben- schläge allein nicht ausreichen, um die Gesamtpopulation nachhaltig zu beeinflussen. Wahrscheinlich ist eine Kombination aus Taubenschlägen und zusätzlichen Maßnahmen, wie der Begrenzung von Nahrungsquellen in öffentlichen Bereichen oder Sterilisierungsmaß- nahmen, notwendig, um eine signifikante Reduktion der Gesamtzahl der Stadttauben zu er- reichen (R ÖSENER 1999, GIUNCHI et al. 2012). Brutbiologie - Legebeginne Die Daten zu den Legebeginnen zeigen, dass die Fortpflanzungsaktivität der Tauben im Frühling und Frühsommer ansteigt. In den Herbst- und Wintermonaten (etwa von September bis Februar) zeigen die Daten eine markante Reduktion der Zahl der Legebeginne, was auf eine geringere Fortpflanzungsaktivität der Tauben während der kälteren Monate hinweist, aber auch auf die in dieser Zeit stattfindende Mauser. In dieser Zeit sind die Taubenbestände in den betreuten Schlägen höher, was auf andere Faktoren wie die Fütterung und die Witte- 1111 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 11 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA rungsbedingungen zurückzuführen sein könnte, die die Tauben an diese Orte binden. Dies deutet darauf hin, dass die geringere Fortpflanzungsaktivität zwar die Reproduktionsrate be- einflusst, aber die Gesamtzahl der Tauben durch andere Managementfaktoren und die Ver- fügbarkeit von Nahrungsquellen weiterhin stabil bleibt (J ACQUIN et al. 2010). Im Frühling und Frühsommer (etwa von März bis Juli) nimmt die Fortpflanzungsaktivität der Tauben zu, die Legebeginn-Daten steigen an. In dieser Zeit sind die Ei-Austausch-Maßnahmen beson- ders effektiv, um die Fortpflanzung der Tauben zu kontrollieren. Die Zählungen der Tauben- population in den betreuten Schlägen zeigen eine Abnahme der Gesamtzahl der Tauben, was darauf hinweist, dass der Ei-Austausch in dieser Phase erfolgreich dazu beiträgt, den Zu- wachs der Population zu verringern. Trotz der natürlichen Zunahme der Fortpflanzungsakti- vität durch den Saisonwechsel zeigt sich also eine reduzierte Zunahme der Taubenpopulation (siehe hierzu 7.3 Anhang 3). Nahrung und Witterung Weiterhin zeigt sich eine negative Korrelation zwischen der Anzahl der Legebeginne in den betreuten Taubenschlägen und der Zahl der Taubenindividuen, auch wenn dieser Zusammen- hang nicht statistisch signifikant ist. Da sich die Brutzeiten im Stadtgebiet vermutlich nicht wesentlich von denen in den Schlägen unterscheiden, deutet das auf dispergierende Tauben hin. Z. B. könnten die im Frühjahr und Frühsommer geschlüpften Tauben im Stadtgebiet von Karlsruhe im Herbst und Winter zur erhöhten Individuenzahl beitragen (siehe 7.4 Anhang 4). Der Anstieg in der zweiten Jahreshälfte könnte auch durch das Nahrungsangebot in den Taubenschlägen zurückzuführen sein, das Tauben aus der Umgebung nutzen. Darüber hinaus könnten auch die niedrigeren Temperaturen in den Wintermonaten einen Ein- fluss haben, da sich die Tauben dann am warmen, geschützten Orten sammeln, was bei Zäh- lungen zu einer höheren Zahl in diesen Monaten führt. Dies könnte auch die Ausnahme am Taubenturm in der Weststadt mit ungefähr 250 Individuen Ende November 2019 erklären, als die Temperaturen deutlich gesunken waren. 5.0 Fazit Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die betreuten Taubenschläge eine Reduktion der Taubenpopulation im Laufe der Zeit aufweisen, was auf die Wirksamkeit der Management- maßnahmen hinweist, insbesondere durch eine Populationsregulation, bei der die Eier gegen Eiattrappen ausgetauscht werden. Jedoch scheint dies allein in den betreuten Taubenschlägen nicht auszureichen, um eine signifikante Reduktion der Taubenpopulation im Stadtgebiet von Karlsruhe zu erzielen. Dies erfordert ein umfassendes Konzept, wobei der Einschränkung des Nahrungsangebots außerhalb der betreuten Taubenschläge eine bedeutende Rolle zukommt. 1212 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 12 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA Diese Einschränkung des Nahrungsangebots gilt als erfolgversprechendste Maßnahme zur Populationsregulierung. Ein effektives Stadttaubenmanagement erfordert mehrere aufeinander abgestimmte Maß- nahmen, die sowohl tierschutzgerecht als auch stadtökologisch sinnvoll sind. Eine Kombina- tion aus betreuten Taubenschlägen und ergänzenden Maßnahmen ist notwendig, um eine nachhaltige Reduktion der Gesamtzahl der Stadttauben in Karlsruhe zu erreichen: • Fortpflanzungsregelung durch Nicarbazin-haltiges Futter, z.B. Ovistop, das die Fruchtbar- keit über die Eientwicklung beeinflusst (A LBONETTI et al. 2025), oder als Alternative die minimalinvasive endoskopische Sterilisation männlicher Stadttauben (W EYRATHER 2021). • Die Kontrolle der Nistplätze, die Aufklärung der Öffentlichkeit sowie die Reduzierung von Nahrungsquellen außerhalb der betreuten Schläge (mit offiziellen überwachten Fütterungs- verboten) • Die Verhinderung neuer Nistgelegenheiten in städtischen Hotspots (H AAG 1984). • Abwehrsysteme wie chemische Mittel sowie optische, akustische und mechanische Barrie- ren, z.B. Taubennetze (z.B. R ÖSENER 1999, ALBONETTI et al. 2025). • Die Einrichtung zusätzlicher betreuter Taubenschläge im Bereich der weiteren Hotspots, u.a. in der Innenstadt, könnte dazu beitragen, die Taubenbewegungen besser zu steuern und die Population gezielter zu kontrollieren. Erfahrungen aus Städten wie Aachen, Augsburg oder Düsseldorf zeigen, dass betreute Tau- benschläge nach dem Augsburger Modell in vielen Fällen als erfolgreich bewertet werden, insbesondere wenn sie konsequent betreut werden (vgl. F ISCHER et al. 2021). Ergänzend könnten wissenschaftliche Methoden wie die Beringung und Besenderung einzelner Vögel eingesetzt werden, um wertvolle Erkenntnisse über die innerstädtischen Taubenbewegungen in Karlsruhe zu gewinnen. Solche Erkenntnisse können die Steuerung künftiger Maßnahmen gezielt unterstützen. Diese Maßnahmen müssen langfristig und dauerhaft umgesetzt werden, um eine nachhaltige Stabilisierung und Reduktion der Stadttaubenpopulation zu erreichen. Die Kosten für ein um- fassendes Stadttaubenkonzept sind variabel und richten sich nach dem konkreten Bedarf der Stadt. 6.0 Literatur und Quellen A LBONETTI, P. P., G. CHIARANZ, S. FERRETTI, L. MILIA, I. REPETTO & F. DE MASSIS (2025): Manuale per la gestione delle popolazioni di colombi in ambito urbano. - Veterinaria Italiana, Collana di Monografie, Monografia 32. 1313 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 13 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA CRAMP, S. (1989, Chief Editor): Handbook of the Birds of Europe, the Middle East and North Africa. - Oxford University Press, Oxford, New York, Nachdruck mit Korrekturen. G RÜLL, A. (1980): Columba livia - Straßentaube. In: GLUTZ VON BLOTZHEIM, U. N., & K. M. B AUER (Hrsg.): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 9 Columbiformes - Piciformes. - Akademische Verlagsgesellschaft, Wiesbaden. F ISCHER, D., C. GERLACH, A. WEYRATHER & CH. LEDERMANN (2021): Erfahrungen mit Stadt- taubenprojekten nach dem „Augsburger Modell“ und Praxisbeispiele. Ergebnisse der Stadt- taubenumfrage 2020/2021 - Langfassung. - Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e. V., 53 S. https://www.tierrechte.de/stadttauben/. G IUNCHI, D., Y. V. ALBORES-BARAJAS, E. BALDACCINI, L. VANNI & C. SOLDATINI (2012): Feral Pigeons: Problems, Dynamics and Control Methhods. Chapter 10, 27 Seiten. In: L ARRAMEN- DY , M. L., & S. SOLONESKI (eds.): Integrated Pest Management and Pest Control – Current and Future Tactics, 684 S. - InTech. doi:10.5772/1383. H AAG, D. (1984): Ein Beitrag zur Ökologie der Stadttaube (Columba livia livia). - Inaugural- dissertation Universität Basel, 266 S. H AAG-WACKERNAGEL, D. (1993): Street Pigeons in Basel. - Nature 361: 200. H AAG-WACKERNAGEL, D. (1995): Regulation of the Street Pigeons in Basel. - Wildlife Socie- ty Bulletin 23: 256-260. H ÖLZINGER, J. (2001): Columba livia forma domestica - Straßentaube. In: HÖLZINGER, J., & U. M AHLER (Bearb.): Die Vögel Baden-Württembergs. Nicht-Singvögel 3. - E. Ulmer Ver- lag, Stuttgart. J AQUIN, L., B. CAZELLES, A. C. PREVOT-JULLIARD, G. LEBOUCHER & J. GASPARINI (2010): Re- production management affects breeding ecology and reproduction costs in feral urban Pige- ons (Columba livia) - Canadian J. Zoology 88: 781-787 R ÖSENER, A. (1999): Die Stadttaubenproblematik: Ursachen, Entwicklungen, Lösungen. Eine Literaturübersicht. - Shaker Verlag, Aachen, 123 S. S ALES, J., & G. P. J. JANSSENS (2003). Nutrition of the domestic pigeon (Columba livia do- mestica). - World's Poultry Science Journal 59: 221-232. Stadt Augsburg online. (2017). Das Augsburger Stadttaubenkonzept. https:// www.augsburg.de/fileadmin/user_upload/umwelt_soziales/umwelt/umweltstadt_augsburg/ stadttaubenkonzept/18_01_18_augsburger%20stadttaubenkonzept.pdf. W EYRATHER, A. (2014): Untersuchungen zur Stadttaubenpopulation von Frankfurt am Main und zum Konzept ihrer tierschutzgerechten Regulation. - Masterarbeit Philipps-Universität Magdeburg, Fachbereich Biologie. W EYRATHER, A. (2021): Stadttaubenmanagement in deutschen (Groß)Städten. Grundlagen für ein effizientes, tierschutzgerechtes Stadttaubenmanagement in deutschen (Groß)Städten - Eine Handreichung für die Praxis. - Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierver- suchsgegner e. V., 31 S. https://www.tierrechte.de/stadttauben/. 1414 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 14 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 7.0 Anhang 7.1 Anhang 1 - Ergebnisse der Zählungen Die Abbildung 1 zeigt die Ergebnisse der monatlichen Zählungen seit Zählbeginn im Okto- ber 2019 bis Zählende September 2024 an den sieben verschiedenen Standorten. Beim Schul- und Sportamt wurde ab dem 30. Juni 2021 ein zweiter Raum, der im Jahr 2020 als Quarantäne benutzt wurde, mitgezählt. Auch bei der Heinrich-Meidinger-Schule wurde ab dem 23. Februar 2021 ein zweiter Raum, der als Quarantäne benutzt wurde, miteinbe- zogen. In beiden Fällen führte dies in der Folge zu höheren Zahlen. 7.2 Anhang 2 - Ergebnisse und Abbildungen zur linearen Regression - Die lineare Regression zur Untersuchung der Taubenpopulation am Taubenturm Rathaus West ergab signifikante Effekte des Zeittrends und bestimmter Monate, wobei der Zeitfaktor einen signifikanten negativen Effekt auf die Taubenanzahl hatte (β = -0.0206, p = 0.001**). Dies deutet darauf hin, dass mit fortschreitender Zeit die Anzahl der Tauben an diesem Standort tendenziell abnimmt. - Die lineare Regression zur Untersuchung der Taubenpopulation am Taubenturm Schloss er- gab einen signifikanten negativen Zeittrend, der auf eine Abnahme der Taubenpopulation über die Jahre hindeutet. Der Zeitfaktor hatte einen signifikanten negativen Effekt auf die Taubenanzahl (β = -0.03396, p = 0.001**). Dies zeigt einen Rückgang der Taubenpopulation im Zeitverlauf. 1515 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 15 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA Abbildung 1: Ergebnisse der Zählungen von Oktober 2019 bis September 2024 an den sieben aus- gewählten Standorten (unterschiedliche Skalierung der Y-Achse in den einzelnen Teil-Abbildungen). 1616 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 16 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 1717 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 17 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA - Die lineare Regression zur Untersuchung der Taubenpopulation am Taubenschlag Schul- Sportamt zeigte einen signifikanten positiven Effekt der Zeit, was auf eine Zunahme der Taubenpopulation über die Jahre hindeutet (β = 0.04818, p = 0.006**). Saisonale Effekte waren erkennbar. Es ist wichtig hier zu beachten, dass ab 2021 ein zusätzlicher Raum in die Zählungen aufgenommen wurde, der möglicherweise die beobachtete Zunahme erklärt. - Die lineare Regression zur Untersuchung der Taubenpopulation am Taubenschlag Heinrich- Meidinger-Schule zeigte einen signifikanten positiven Effekt der Zeit, was auf eine Zunahme der Taubenpopulation im Laufe der Jahre hinweist (β = 0.06822, p < 0.001***). Auch in diesen Fall wurde 2021 ein zusätzlicher Raum in die Zählungen aufgenommen, was die Er- gebnisse beeinflussen könnte. - Die lineare Regression zur Untersuchung der Taubenpopulation am Taubenhotspot Europa- platz ergab signifikante saisonale Effekte, jedoch keine signifikanten langfristigen Verände- rungen im Zeitverlauf (β = 0.00327, p > 0.5). - Die lineare Regression zur Untersuchung der Taubenpopulation am Taubenhotspot Kronen- platz ergab signifikante Effekte des Zeittrends sowie saisonale Schwankungen. Der Zeit- faktor hatte einen signifikanten positiven Effekt auf die Taubenanzahl (β = 0.02585, p = 0.006**), was darauf hinweist, dass die Taubenpopulation am Kronenplatz im Zeitverlauf zu- nimmt. - Die lineare Regression zur Untersuchung der Taubenpopulation am Taubenhotspot Ostring ergab signifikante Effekte des Zeittrends und saisonaler Schwankungen. Der Zeitfaktor hatte einen signifikanten negativen Effekt auf die Taubenanzahl (β = -0.0273, p < 0.001***), was auf einen Abwärtstrend der Taubenpopulation im Zeitverlauf hinweist. 1818 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 18 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 1919 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 19 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 201920202021202220232024 100150200250 Taubenzählung Taubenturm Rathaus West Jahr Anzahl 100 150 200 250 20202021202220232024 Jahr Anzahl der Tauben Trend der Taubenpopulation am Rathaus West 2020 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 20 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 201920202021202220232024 50100150200250 Taubenzählung Taubenturm Schloß Jahr Anzahl 50 100 150 200 250 20202021202220232024 Jahr Anzahl der Tauben Trend der Taubenturm Schloß 2121 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 21 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 201920202021202220232024 150200250300350 Taubenzählung Taubenschlag Schul- und Sportamt Jahr Anzahl 200 300 20202021202220232024 Jahr Anzahl der Tauben Trend der Taubenschlag Schul- und Sportamt 2222 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 22 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 201920202021202220232024 200250300350400450 Taubenzählung Taubenschlag Heinrich-Meidinger Schule Jahr Anzahl 200 250 300 350 400 450 20202021202220232024 Jahr Anzahl der Tauben Trend der Taubenschlag Heinrich-Meidinger Schule 2323 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 23 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 201920202021202220232024 100200300400 Taubenzählung Taubenhotspot Europaplatz Jahr Anzahl 0 100 200 300 400 20202021202220232024 Jahr Anzahl der Tauben Trend der Taubenhotspot Europaplatz 2424 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 24 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 201920202021202220232024 50100150200 Taubenzählung Taubenhotspot Kronenplatz Jahr Anzahl 50 100 150 200 20202021202220232024 Jahr Anzahl der Tauben Trend der Taubenhotspot Kronenplatz 2525 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 25 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 201920202021202220232024 50100150 Taubenzählung Taubenhotspot Ostring Jahr Anzahl 50 100 150 20202021202220232024 Jahr Anzahl der Tauben Trend der Taubenhotspot Ostring 7.3 Anhang 3 - Abbildungen Legebeginne 2626 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 26 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 2727 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 27 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA 7.4 Anhang 4 - Abbildungen zur Korrelation zwischen Gelegeanzahl und Individuenan- zahl 2828 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 28 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA $!% ! $! ! ! ! &!%##!&#!%'#! ! ! &!%##!&#!%'#! 2929 Dr. Martin Boschert • Bioplan Bühl • 2025 29 Ermittlung von Stadttaubenbeständen in KA ! &!%##!&#!%'#! ! ! &!# #!&#!%'#! ! ! ! ! ! !