Beteiligung der Stadtbibliothek Karlsruhe als außerschulische Partnerin im Ganztag

Vorlage: 2025/0354
Art: Informationsvorlage
Datum: 15.04.2025
Letzte Änderung: 25.06.2025
Unter Leitung von: Kulturamt
Erwähnte Stadtteile: Mühlburg

Beratungen

  • Kulturausschuss (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 25.07.2025

    TOP: 3

    Rolle: Kenntnisnahme

    Ergebnis: Kenntnisnahme

Zusätzliche Dateien

  • Informationsvorlage
    Extrahierter Text

    Informationsvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2025/0354 Verantwortlich: Dez. 2 Dienststelle: Kulturamt Beteiligung der Stadtbibliothek Karlsruhe als außerschulische Partnerin im Ganztag Gremien Termin TOP Ö / N Zuständigkeit Kulturausschuss 25.07.2025 4 Ö Kenntnisnahme Kurzfassung Die Stadtbibliothek führt von Februar 2025 bis Februar 2026 das Pilotprojekt „Kreative Leseförderung mit der Stadtbibliothek als außerschulische Partnerin in Ganztagesgrundschulen“ durch und informiert den Kulturausschuss über den Zwischenstand. Finanzielle Auswirkungen Ja ☐ Nein ☒ ☐ Investition ☐ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☐ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☐ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates Die Gegenfinanzierung ist im Erläuterungsteil dargestellt. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☐ Ja ☒ Korridorthema: Soziale Stadt Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Erläuterungen Hintergrund Ab dem Schuljahr 2026/27 haben Kinder (mit den dann beginnenden Schulanfängerinnen und - anfängern) bundesweit einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter. Außerschulische Partner können Grundschulen im Ganztag unterstützen, um zur ganzheitlichen Bildung von Kindern beizutragen: mit Sport, Kunst, Musik und – aus Sicht der Stadtbibliothek – auch mit Freude an Literatur und kreativem Ausprobieren von Medien. Viele Studien (IGLU, PISA etc.) zeigen, dass die Lesekompetenzen von Grundschülerinnen und - schülern sinken und stark vom Hintergrund der Eltern abhängen. Wer im Kindesalter nicht lernt gut zu lesen, läuft Gefahr Texte jedweder Art nicht gut verstehen, zu bewerten und reflektieren zu können, sowohl in analoger wie digitaler Form. Gleichzeitig trägt das Kennenlernen verschiedener Literaturformen sowie die kreative Auseinandersetzung mit analogen wie digitalen Medien als Freizeitaktivität zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Mit circa 12.000 aktiven Leserinnen und Lesern unter 18 Jahren ist die Stadtbibliothek Karlsruhe für viele Kinder und Jugendliche ein starker Bezugspunkt für ihre Medienversorgung – für Freizeit und Schule. In der Stadtbibliothek erfahren Kinder und Jugendliche ganz praktisch, dass Medien und Information nicht nur über kommerzielle Streamingdienste genutzt werden können und dass die eigene ökonomische Situation keine Rolle für die Informationsversorgung spielen muss. Das bibliothekspädagogische Programm mit Workshops und Veranstaltungen zu den Themen Literatur und Medienkompetenz stärkt sie in ihrer Kreativität und Digitalkompetenz. Darüber hinaus ist der eigenständige Gang in die Stadtteilbibliothek nicht selten einer der ersten Momente der Erfahrung von Selbständigkeit im Grundschulalter: hier kann ich allein hingehen, hier werde ich akzeptiert, hier ist ein sicherer Ort. Kinder und Jugendliche entdecken in Bibliotheken also Selbstwirksamkeit und kulturelle Teilhabe unabhängig von der wirtschaftlichen Situation der Eltern. Doch es gibt immer noch viele Kinder, die den Weg in die Bibliothek nicht kennen. Die Stadtbibliothek Karlsruhe als Partnerin in der Ganztagsbetreuung könnte ▪ Kindern mittels innovativer Formen der Leseförderung Freude am Lesen vermitteln; im Mittelpunkt steht das kreative Erleben von Lesen, Medien und Sprache in der Freizeit. ▪ Kinder nachhaltig an Bibliotheken binden und ihnen die Bibliothek als Ort der Chancengleichheit und kulturellen Teilhabe durch ein verlässliches Angebot nahebringen ▪ die wöchentliche Lesezeit der Kinder erhöhen ▪ Kindern den Umgang mit verschiedenen Medien zeigen, sie im kompetenten Wechsel zwischen analogen und digitalen Medien stärken und das Erleben von Fantasie und das Überprüfen von Sachinformationen über Mediengrenzen hinweg stärken. Es sollen insbesondere Kinder erreicht werden, deren Eltern nicht mit ihnen die Bibliothek besuchen. Damit kann der Bildungs- und Betreuungsauftrag der Schulen ergänzt und unterstützt werden, jedoch keinesfalls ersetzt: Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind keine Lehrer*innen und keine Erzieher*innen – Lesen mit der Bibliothek soll explizit als kulturell bildende Freizeitaktivität wahrgenommen werden und nicht als Unterrichts- oder Betreuungsersatz. Ziel der Stadtbibliothek ist es, zu einem wirksamen und gelingenden Ganztag als ein Stein im Kaleidoskop einer Bildungslandschaft mit integralem Bestandteil kultureller Bildung beizutragen. – 3 – Pilotprojekt „Kreative Leseförderung mit der Stadtbibliothek als außerschulische Partnerin in Ganztagesgrundschulen“ Ziel ist es, Möglichkeiten und Herausforderungen der Beteiligung von Bibliotheken als außerschulische Partner im Ganztag auszuloten. Dazu gehören organisatorische Fragen wie auch inhaltliche Aspekte. Beispiele für organisatorische Fragen: ▪ Unter welchen Voraussetzungen haben Schulen Interesse an einer Kooperation? Welche Kriterien sind für sie wichtig? ▪ Wo findet das Angebot statt? Welches Modell ist praktisch umsetzbar und welches bringt den höchsten Mehrwert für die Kinder? ▪ Wie arbeiten Erzieher*innen, Lehrer*innen und das Personal der Stadtbibliothek am besten zusammen? Wer hat die Aufsichtspflicht? Was geschieht im Krankheitsfall einer der drei Parteien etc.? Welche Kommunikationswege sind am effektivsten? ▪ In welchen Zeiträumen soll das Angebot stattfinden? ▪ Welche organisatorischen Hürden treten unvorhergesehen auf? Beispiele für inhaltliche Fragen: ▪ Welche Themen sind für die Kinder am interessantesten? ▪ Welche Klassenstufen profitieren am meisten von einem solchen Angebot? ▪ Sind Auswirkungen des Projektes im Leseverhalten der Kinder erfassbar? Rolle der Stadtbibliothek: ▪ Lesefreude wecken, Lesezeit erhöhen, Medienkompetenz vermitteln ▪ Bibliothek als Ort sichtbar machen, den Lebensraum von Kindern erweitern ▪ Chancengleichheit & Verlässlichkeit: für Kinder und Schulen ▪ Bindung aufbauen, die Kinder als Person und als an ihrem Leben Mitwirkende anerkennen Ermöglicht wurde die Durchführung durch zwei befristete Projektstellen: ▪ 0,1538 VZW (entspricht 6 Stunden/Woche) für eine medienpädagogische Fachkraft: ab dem 01.01.2025, befristet bis zum 28.02.2026 ▪ 0,1026 VZW (entspricht 4 Stunden/Woche) für eine studentische Hilfskraft: ab dem 01.02.2025, befristet bis zum 28.02.2026 Damit kann auch in Krankheitsfällen Verlässlichkeit geschaffen werden. Eine Übernahme der Aufsichtspflicht erfolgt nicht. Die Stadtbibliothek kann im Pilotprojekt an vier Ganztagesgrundschulen (zwei pro Schulhalbjahr) ein Angebot realisieren. Im Sommerschulhalbjahr 2025 (2-7/2025) wurden die Leopoldschule (Verantwortungsbereich Schul- und Sportamt, Nähe Kinder- und Jugendbibliothek) sowie die Weinbrennerschule (Verantwortungsbereich Stadtjugendausschuss, Nähe Stadtteilbibliothek Mühlburg) beteiligt. Nachdem in Gesprächen mit den Schulen deren Bedürfnisse und die Möglichkeiten der Bibliothek geklärt wurde, wurde sich auf zwei unterschiedliche Kooperationsmodelle geeinigt: ▪ Leopoldschule: gebundene Teilnahme → zwei 3. Klassen kommen im Wechsel 14tägig in die Kinder- und Jugendbibliothek im Zeitfenster ihrer Klassenzeit ▪ Weinbrennerschule: freitags in der offenen AG-Zeit des stja: Kinder entscheiden spontan; das Programm findet jahrgangsübergreifend statt und im Wechsel zwischen der Stadtteilbibliothek Mühlburg, Schulbibliothek und Pausenhof (teilweise mit dem Lastenrad der Stadtbibliothek) – 4 – Die Inhalte wurden anhand dieser unterschiedlichen Organisationsstrukturen ausgewählt und reichen von Lese-Bilderbuchkino, über Workshops zu den Themen „Vom Videoclip zur Bastelanleitung“, „Papierflieger und Comics“, Lesespielen und & sprachfördernden Gesellschaftsspielen, Buch-Ralleys, Sachbuchrecherchen mit Gruppenquiz, Stationenarbeit rund um „Bücherhelden“, Geschichtenwerkstätten bis hin zum kreativen Gestalten eines Raumes in der Bibliothek. Lessons Learned Das Feedback der beteiligten Erzieherinnen und Lehrer zu den angebotenen Inhalten ist durchweg positiv, insbesondere zu den medienpädagogischen Workshops. So wird rückgemeldet, dass die Kinder eine neue Bandbreite erleben, facettenreich und spielerisch an das Medium Buch heranzugehen. Die Kinder diskutieren auch nach den Angeboten in der Bibliothek darüber und zeigen eine deutliche Steigerung der Lesefreude- und motivation. Dies benennen die Kinder auch selbst. Unterschiedliche Aspekte des offenen vs. des gebundenen Angebots: ▪ offen: variierende Altersstufen und größere Anzahl von Kindern wird erreicht ▪ gebunden: ▪ intensive Bindung und positiv-gespannte Erwartungshaltung bei den Kindern ▪ auch Kinder mit zuerst geringer Lesemotivation werden erreicht ▪ erhöhte Sichtbarkeit der Stadtbibliothek beim gebundenen Angebot, da alle Eltern per Brief informiert wurden ▪ Die wiederkehrende Begegnung schafft Bindung Auch wenn auf den ersten Blick damit die Vorteile des gebundenen Angebots überwiegen, spricht sich die Stadtbibliothek für organisatorische Offenheit (soweit machbar) aus, um im herausfordernden Schulalltag überhaupt einpassbar zu sein. Verlässlichkeit ist für alle Beteiligten (Kinder, Schule und Bibliothek) sehr wichtig. Der hohe Organisationsgrad der Bibliothek und die personelle Struktur des Pilotprojektes schafft Verlässlichkeit für die Schulen. Vor-Ort-Erlebnis: Kinder begreifen mit allen Sinnen – es stellte sich als besonders wertvoll heraus, dass sie Zeit in der Bibliothek verbracht haben und diese als offenen und spannenden Ort für ihre eigene Freizeitgestaltung erfahren haben. Gerade bei Kindern, zu deren Alltag keine Bibliotheksbesuche mit Eltern gehören, ist dies ein echter Gewinn und Sozialraumerweiterung. Die Möglichkeit die Bibliothek auch außerhalb der Projektzeit zu besuchen, sorgt für Nachhaltigkeit: die Kinder können wiederkommen und wissen, dass sie in der Bibliothek willkommen sind. Nahverkehrskosten: Am Angebot können aktuell nur Schulen beteiligt werden, die in Laufentfernung einer Stadtteilbibliothek oder der Kinder- und Jugendbibliothek liegen, da die Schüler*innen kein Nahverkehrsticket im Zuge außerschulischer Kooperation erstattet bekommen können. Schulen, die mehr als max. 20min Laufentfernung von Standorten der Stadtbibliothek entfernt sind, wären damit vom Angebot ausgeschlossen. Dies ist aus Sicht der Stadtbibliothek ungünstig, da die Auswahl der Schulen nach anderen Kriterien, zum Beispiel dem Leseförderungsbedarf der Kinder, getroffen werden sollte. Eine Klärung der landesweiten Förderung auch von Nahverkehrskosten im Rahmen außerschulischer Kooperationen steht aktuell noch aus. Die größten Herausforderungen stellen finanzielle wie personalorganisatorische Fragen dar: In Karlsruhe ist die Planung der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf ganztägige Förderung von Kindern im Grundschulalter an der Stabsstelle Bildungsplanung im Schul- und Sportamt angesiedelt. – 5 – Diese legt regelmäßig dem Gemeinderat den Planungsstand vor, zum Beispiel am 20. November 2024 mit der Darstellung des pädagogischen Konzeptes. Am 16. Mai 2025 wurde das gemeinsame Papier „Ganztägige Bildung und Betreuung in Baden- Württemberg: Leitbild und Gelingensfaktoren“ von den beteiligten Akteuren, zum Beispiel dem Städte- und Gemeindetag, den Staatlichen Schulämtern, den Regierungspräsidien und einer Vielzahl an kulturellen Fachverbänden, unter anderem dem Landesverband des Deutschen Bibliotheksverbandes e.V., und Kultusministerin Theresa Schopper unterzeichnet. Dort wird zur finanziellen Umsetzung von außerschulischen Kooperationsangeboten auf die Monetarisierung von Lehrerstunden verwiesen, die in Karlsruhe nicht umgesetzt wird. Darüber hinaus gibt es – neben dem ehrenamtlich basierten Jugendbegleiter-Programm – keine landesweite Lösung für eine Finanzierung von außerschulischen Angeboten in Baden-Württemberg. Bildungschancen, die Kindern von außerschulischen Partnerinnen und Partnern im Ganztag geboten werden, sind stark von den Möglichkeiten der einzelnen Kommunen abhängig. Die Finanzierung außerschulischer Angebote im Ganztag in Karlsruhe ist aktuell offen. Eine Umsetzung mittels Honorarkräften ist aus rechtlicher wie praktischer Sicht schwierig (Stichworte: Scheinselbständigkeit, inhaltliche wie organisatorische Weisungsgebundenheit an die Stadtbibliothek, Fachkräftemangel etc.), zumal auch dafür keine finanziellen Mittel im Haushalt der Stadtbibliothek verfügbar sind. Auch die Umsetzung mittels Ehrenamtlicher über das Jugendbegleiter-Programm oder eines im sonstigen Kulturbereich erfolgreichen Programms wie „Kultur & Schule“ ist für die Stadtbibliothek nicht sinnvoll. Die Stadtbibliothek erachtet für das Ziel, Kindern die Institution Bibliothek nachhaltig näherzubringen, die Zugehörigkeit des durchführenden Personals zur Institution Bibliothek als notwendig. Dies zeigte sich auch im Pilotprojekt: die Kinder suchten „ihre Bibliothekarinnen“ in der Bibliothek in ihrer Freizeit und wollten diese dort besuchen. Im Gegensatz zu der Vielfalt an freien Künstlerinnen und Künstlern gibt es zudem weitaus weniger freie Literatur- bzw. Medienpädagoginnen und -pädagogen auf dem Fachkräftemarkt und ohnehin keine Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Eine weitere organisatorische Herausforderung ist, dass außerschulische Angebote meist im Zeitraum der Mittagsbetreuung zwischen 14 und 16 Uhr stattfinden müssen. Dies bedeutet für außerschulische Partner eine massive zeitliche Konzentration. Die Stadtbibliothek würde sich freuen, den eingeschlagenen Weg des Pilotprojektes auch im kommenden Jahr fortzusetzen.