Kommunale Aufarbeitung der Kinderverschickung in Karlsruhe

Vorlage: 2025/0071
Art: Antrag
Datum: 21.01.2025
Letzte Änderung: 17.07.2025
Unter Leitung von: Kulturamt
Erwähnte Stadtteile: Keine Angaben

Beratungen

  • Gemeinderat (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 18.02.2025

    TOP: 16

    Rolle: Kenntnisnahme

    Ergebnis: Beratung im Fachgremium/Arbeitskreis

  • Kulturausschuss (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 25.07.2025

    TOP: 9

    Rolle: Behandlung

    Ergebnis: erledigt

Zusätzliche Dateien

  • Antrag
    Extrahierter Text

    Antrag Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2025/0071 Eingang: 21.01.2025 Kommunale Aufarbeitung der Kinderverschickung in Karlsruhe Antrag: GRÜNE Gremien Termin TOP Ö / N Zuständigkeit Gemeinderat 18.02.2025 16 Ö Kenntnisnahme Kulturausschuss 23.07.2025 Ö Behandlung 1. Die Stadt beauftragt eine Studie zur Aufarbeitung der Kinderverschickung von 1945 bis in die 1980er Jahre in Karlsruhe. Dabei soll sowohl die Verantwortung der Stadtverwaltung als Trägerin des Kindersolbads Donaueschingen, als auch die gemeinsame Verantwortung Karlsruher Institutionen für die Verschickung von Kindern aus Karlsruhe in Erholungsheime freier Träger in den Blick genommen werden. 2. Bei der Durchführung der Studie werden folgende Aspekte berücksichtigt: Die Studie soll a) auf der Grundlage schon vorliegender wissenschaftlicher Aufarbeitungsstudien erfolgen und gegebenenfalls Vorarbeit leisten für eine umfassende kommunale wissenschaftliche Aufarbeitungsstudie, in der auch Betroffene interviewt werden. b) einen Überblick geben über • Karlsruher Träger von Kindererholungsheimen, • relevante institutionelle Akteur*innen (wie Sozialamt, Gesundheitsamt, Jugendamt, freie Träger, Gesundheitswesen, Rentenversicherung) als Verantwortliche für Verordnung, Finanzierung, Transport, Betriebs-/Aufsicht, • Praktiken (wie Auswahl der Kinder, Verschickung, Umgang mit Beschwerden) sowie • Kommunikations- und Vernetzungsstrukturen (z. B. im Rahmen von kommunalen Ausschüssen und institutionellen Besprechungen). c) Hinweise geben auf Macht- und Gewaltverhältnisse bei den beteiligten Akteur*innen sowie für Ansätze zur Stärkung der Prävention von und Intervention bei institutionellem Machtmissbrauch. d) einen Beitrag leisten zur Würdigung und Anerkennung des geschehenen Unrechts. e) mit der Veröffentlichung der Ergebnisse eine Empfehlung geben, ob und zu welchen Fragestellungen eine wissenschaftliche Aufarbeitung unter Beteiligung von Betroffenen und mit Hilfe von Betroffenen-Interviews durchgeführt werden sollte. Mehrere wissenschaftliche Publikationen und journalistische Berichterstattungen in den Medien weisen nach, dass unzähligen Kindern über Generationen seelische, körperliche und sexualisierte Gewalt in Begründung/Sachverhalt – 2 – Kindererholungsheimen angetan wurde. Dabei ist deutlich geworden, dass an der Organisation dieser Kinderverschickungen bzw. Kinderkuren zahlreiche gesellschaftliche Akteur*innen beteiligt waren. Für Bürger*innen, die damals als Karlsruher Kinder in eins der Karlsruher Heime verschickt wurden und die dort leidvolle Erfahrungen machen mussten, soll es eine Möglichkeit der (biographischen) Aufarbeitung geben. Oft haben die über Jahrzehnte andauernde Sprachlosigkeit und Verdrängung von erlittenen Demütigungen als Kind Auswirkungen auf die seelische und körperliche Gesundheit bis ins Alter. Für viele Betroffene kann es befreiend sein, zu sehen, dass sie sich die Ereignisse nicht eingebildet haben, sie damals nicht die Einzigen waren und zu erleben, dass ihr erlittenes Unrecht nicht weiter verharmlost wird. Zudem soll ein Gesamtbild der Kinderverschickung aus kommunaler Sicht gewonnen werden. Dabei darf es nicht nur um ein einzelnes Heim gehen. Gleichermaßen müssen die strukturellen Verankerungen und die institutionellen Verantwortlichkeiten der Kinderverschickung aufgezeigt werden. Zur Erforschung der Praktiken der Kinderverschickung in Baden-Württemberg beauftragte und finanzierte die Landesregierung das Landesarchiv Baden-Württemberg, ein zweijähriges Aufarbeitungsprojekt durchzuführen. Die Ergebnisse wurden im Oktober 2024 auf einer Abschlussveranstaltung und in einem Abschlussbericht veröffentlicht (Keitel, C., Keunecke, C. & Weiler, J. (Hrsg.). (2024). Freude und Erholung? Kinderverschickung in Baden-Württemberg 1949-1980. Landesarchiv Baden-Württemberg). Des Weiteren liefen bzw. laufen in Baden-Württemberg einige Studien von ehemaligen Trägern von Kinderkureinrichtungen. So lässt das Diakonische Werk Württemberg aktuell seine eigenen Einrichtungen wissenschaftlich untersuchen. Eine Studie mit kommunalem Fokus steht noch aus und würde sich sehr gut eignen, um das Beziehungs- und Organisationsgeflecht der verschiedenen gesellschaftlichen Akteur*innen an dem konkreten Beispiel einer Stadt herauszuarbeiten. Von Betroffenen, die sich auch an die grüne Fraktion wandten, wird eine Aufarbeitung aus kommunaler (Träger-)Verantwortung gefordert. Sie berichten über demütigende Praktiken während ihres Aufenthalts im 1982 geschlossenen Karlsruher Kindersolbad Donaueschingen. Dem Stadtarchiv Karlsruhe liegt ein Beschwerdebrief einer Mutter aus dem Jahr 1977 vor. Karlsruher Kinder, so die Informationen von weiteren Betroffenen, erlitten auch in anderen Kindererholungsheime freier Träger großes Leid. Für die Verordnung, Finanzierung und Transporte waren unterschiedliche Institutionen verantwortlich. Interessant wäre, wie mit Beschwerden oder möglicherweise aktenkundigen Missständen umgegangen wurde. Mittels einer Studie, die auf der Recherche von Dokumenten, Protokollen sowie auf Gesprächen mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen aus institutionellen Kontexten beruht, können die oben genannten Fragen mit einem überschaubaren Aufwand beantwortet werden. Aus den Ergebnissen kann abgeleitet werden, ob und in welcher Form eine wissenschaftliche Aufarbeitungsstudie mittels Interviews mit Betroffenen sinnvoll ist. So können Belastungen für die Betroffenen vermieden werden. Unterzeichnet von: Dr. Susanne Heynen Verena Anlauf Benjamin Bauer Jorinda Fahringer Ceren Akbaba Leonie Wolf Dr. Clemens Cremer Dr. Iris Sardabady

  • Protokoll GR 18.02.2025 TOP 16
    Extrahierter Text

    Niederschrift 7. Plenarsitzung des Gemeinderates 18. Februar 2025, 15:30 Uhr öffentlich Bürgersaal, Rathaus am Marktplatz Vorsitzender: Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup Punkt 16 der Tagesordnung: Kommunale Aufarbeitung der Kinderverschickung in Karls- ruhe Antrag: GRÜNE Vorlage: 2025/0071 Beschluss: Beratung im Kulturausschuss am 23. Juli 2025, öffentlich Abstimmungsergebnis: Keine Abstimmung Der Vorsitzende ruft Tagesordnungspunkt 16 auf und teilt mit, der Antrag werde ohne Aussprache in den Kulturausschuss verwiesen. Zur Beurkundung: Die Schriftführerin: Hauptamt - Ratsangelegenheiten – 19. Februar 2025

  • Stellungnahme Antrag
    Extrahierter Text

    Stellungnahme zum Antrag Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2025/0071 Verantwortlich: Dez. 2 Dienststelle: Kulturamt Kommunale Aufarbeitung der Kinderverschickung in Karlsruhe Antrag: GRÜNE Gremien Termin TOP Ö / N Zuständigkeit Gemeinderat 18.02.2025 16 Ö Kenntnisnahme Kulturausschuss 25.07.2025 9 Ö Behandlung Kurzfassung Die Karlsruher Bezüge zum Thema Kinderverschickung wurden bisher noch nicht untersucht. Für eine historische Aufarbeitung des Themas wäre es sinnvoll, in einer Vorstudie die vorhandenen Quellen zu eruieren und die Strukturen der Kinderverschickung in Karlsruhe zu klären. Darauf aufbauend könnten in einer umfassenderen Hauptstudie die schriftlichen Quellen ausgewertet und Berichte von Zeitzeug*innen einbezogen werden. Zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Kinderverschickung in Karlsruhe wäre die Einrichtung einer Projektstelle nötig. Aufgrund der aktuellen Finanzlage der Stadt und den Anforderungen des Haushaltssicherungsprozesses stehen beim Kulturamt keine Mittel für zusätzliche Projekte zur Verfügung, daher empfiehlt die Verwaltung, die Studie auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Finanzielle Auswirkungen Ja ☒ Nein ☐ ☐ Investition ☒ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: 134.850-224.750 Euro Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☐ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☒ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates Die Gegenfinanzierung ist im Erläuterungsteil dargestellt. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Erläuterungen Die Karlsruher Bezüge zum Thema Kinderverschickung wurden bisher noch nicht untersucht. Während des im Antrag genannten Zeitraums betrieb die Stadt Karlsruhe von 1952 bis 1982 in Donaueschingen ein Kindersolbad, in das sowohl Karlsruher Kinder als auch Kinder aus anderen Orten des Bundesgebiets zur Kur geschickt wurden. Die städtischen Akten des Kindersolbads sind im Stadtarchiv vorhanden. Eine erste grobe Durchsicht ergab, dass darin vor allem Informationen zur Finanzierung und Verwaltung der Anstalt enthalten sind, darüber hinaus findet sich dort auch der im Antrag erwähnte Beschwerdebrief einer Mutter. Welche weiteren Behörden, Institutionen oder sonstige Akteur*innen in Karlsruhe auf welche Weise in das System der Kinderverschickung involviert waren, ist bisher nicht bekannt. Für eine kommunale Untersuchung wäre es daher wie im Antrag gefordert sinnvoll, im Rahmen einer Vorstudie zunächst die institutionelle Entwicklung des städtischen Solbads sowie die Beteiligung weiterer Karlsruher Einrichtungen in städtischer, aber auch nichtstädtischer Trägerschaft bei der Kinderverschickung zu recherchieren. Auch sollte nach Möglichkeit geklärt werden, ob es Institutionen außerhalb Karlsruhes gab, über die Karlsruher Kinder verschickt wurden. Damit könnten Erkenntnisse über das Ausmaß der Kinderverschickung aus und über Karlsruhe, die Beteiligten und ihre Vernetzung gewonnen werden. In einem zweiten Schritt sollte die Vorstudie klären, welche Akten bei den ermittelten involvierten Stellen vorhanden sind und ob Zeitzeuginnen oder Zeitzeugen aus beteiligten Institutionen zur Verfügung stehen, die weitere Auskünfte zur Kinderverschickung, insbesondere zum Thema Misshandlungen, geben könnten. Auf Grundlage der durch die Vorstudie gewonnenen Übersicht über die vorhandenen Unterlagen und die Strukturen der Kinderverschickung in Karlsruhe ist zu entscheiden, inwieweit eine umfassendere Hauptstudie sinnvoll durchgeführt werden kann. Neben der Auswertung der schriftlichen Quellen sollten hier die Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus beteiligten Institutionen, insofern solche ermittelt werden konnten, sowie aus dem Kreis der Betroffenen wissenschaftlich erhoben und in die Untersuchung einbezogen werden. Dadurch könnten neben der vertieften Erforschung von Trägern, Beteiligten, Strukturen und Praktiken auch die Themen Macht- und Gewaltverhältnisse bei den involvierten Akteuren und Akteurinnen sowie die konkreten Misshandlungen in den Blick genommen werden. Nach Abschluss der historischen Aufarbeitung wäre ein Abschlussbericht zu erstellen, der vor dem Hintergrund der Ergebnisse den im Antrag genannten Beitrag zur Würdigung und Anerkennung des geschehenen Unrechts leistet. Hinweise auf Ansätze zur Stärkung der Prävention von und Intervention bei institutionellem Machtmissbrauch können nicht im Rahmen einer historischen Aufarbeitung gegeben werden und sind auch nicht aus einer lokalen Einzelstudie abzuleiten. Machtmissbrauch und Misshandlungen in institutionellen Kontexten sowie Ansätze zur Prävention werden als komplexes Themenfeld in der psychologischen, sozialwissenschaftlichen und pädagogischen Forschung untersucht. Erläuterungen zu finanziellen Auswirkungen Da die wissenschaftliche Aufarbeitung der Kinderverschickung in Karlsruhe eine umfangreiche Forschungsarbeit darstellt, wäre zur Durchführung der Studie gemäß dem oben dargelegten Programm die Einrichtung einer Projektstelle (Wissenschaftliche Stelle E 13 in Vollzeit) nötig. Für die Vorstudie wären dabei rund sechs Monate anzusetzen. Je nach Umfang der in der Vorstudie ermittelten Quellenlage müssten für die Hauptstudie eineinhalb bis zwei Jahre gerechnet werden. Für die Erstellung des Abschlussberichts sollten dabei vier bis sechs Wochen eingeplant werden. – 3 – Die Kosten für eine Projektstelle für die Vorstudie würden sich belaufen auf: 44.950 Euro für eine Laufzeit von 6 Monaten. Das Kulturamt wird bei Karlsruher Hochschulen anfragen, ob eine Durchführung der Vorstudie oder die Recherche einzelner Aspekte daraus im Rahmen eines Projektseminars oder einer Abschlussarbeit denkbar wären. Falls dies möglich ist, würden sich die Kosten für die Vorstudie reduzieren, allerdings wären die Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Inhalte der Vorstudie sowie auf den zeitlichen Rahmen ihrer Umsetzung deutlich geringer. Die Kosten für die Projektstelle für die Hauptstudie inklusive Abschlussbericht richten sich nach der auf Grundlage der Ergebnisse der Vorstudie angesetzten Laufzeit. Beispielhaft lägen die Kosten bei: 134.850 Euro bei einer Laufzeit von 1,5 Jahren 179.800 Euro bei einer Laufzeit von 2 Jahren Die Gesamtkosten für die zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Kinderverschickung in Karlsruhe notwendigen Projektstelle würden sich demnach auf 134.850 bis 224.750 Euro belaufen. Aufgrund der aktuellen Finanzlage der Stadt und den Anforderungen des Haushaltssicherungsprozesses stehen beim Kulturamt keine Mittel für zusätzliche Projekte zur Verfügung, daher empfiehlt die Verwaltung, die Studie auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.