Erfahrungsbericht - ein Jahr Clearingstelle"Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen" (VABO)

Vorlage: 2024/1024
Art: Beschlussvorlage
Datum: 20.09.2024
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Büro für Integration
Erwähnte Stadtteile: Keine Angaben

Beratungen

  • Integrationsausschuss (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 09.10.2024

    TOP: 2

    Rolle: Beratung

    Ergebnis: Keine Angabe

Zusätzliche Dateien

  • Vorlage Top 2
    Extrahierter Text

    Informationsvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2024/ Verantwortlich: Dez. 3 Dienststelle: BfI Erfahrungsbericht – ein Jahr Clearingstelle „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen“ (VABO) Beratungsfolge Termin Öffentlichkeitsstatus Zuständigkeit Integrationsausschuss 09.10.2024 ö Kenntnisnahme Kurzfassung Die Stadtverwaltung informiert über die Einrichtung, den Aufbau und die Umsetzung der Clearingstelle für Klassen im sog. „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen“ (VABO) in den beruflichen Schulen in Karlsruhe. Die Einrichtung der Clearingstelle am Anfang des Schuljahres 2023/24 hat die Organisation und Durchführung der VABO- Klassen in Karlsruhe wesentlich vereinfacht. Diese Informationsvorlage liefert einen Erfahrungsbericht über das erste Jahr der Clearingstelle. Finanzielle Auswirkungen Ja ☐ Nein ☒ ☐ Investition ☐ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☐ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☐ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Rahmenbedingungen VABO und Clearing VABO steht für „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen“. VABO sind Vorbereitungsklassen an beruflichen Schulen. In VABO-Klassen erhalten Jugendliche mit keinen oder geringen Deutschkenntnissen verstärkt Sprachförderung. Die VABO-Klassen in den beruflichen Schulen spielen eine zentrale Rolle für die Integration neuzugewanderter Jugendlicher zwischen 16 und 18 Jahren. Angesiedelt im Übergangssystem der beruflichen Schulen ermöglicht das VABO den Erwerb der deutschen Sprache und schafft durch die daran anschließende Möglichkeit, einen deutschen Schulabschluss zu erlangen, wichtige Übergänge in das System der beruflichen Bildung in Baden- Württemberg. Im Schuljahr 2023/24 wurden in Karlsruhe 206 Schülerinnen und Schüler in zwölf VABO-Klassen erreicht. VABO-Klassen zeichnen sich durch eine große Heterogenität aus. Neben Zugewanderten aus der EU und aus Drittstaaten gibt es Geflüchtete aus Kriegs- und Krisengebieten, insbesondere aus Syrien und Afghanistan sowie seit 2022 aus der Ukraine. Auch bei den Bildungsvoraussetzungen gibt es erhebliche Unterschiede. Die Bandbreite reicht von Analphabetinnen und Analphabeten ohne oder mit nur seltenem Schulbesuch über Zweitschriftlernende bis hin zu Jugendlichen mit einer sehr guten Schulbildung, die ein Studium in Deutschland anstreben. Diese Heterogenität in den VABO-Klassen führt einerseits oftmals zu einer Überforderung der Lehrkräfte und andererseits zu einer Über- oder Unterforderung der Schülerinnen und Schüler. Dies erschwert das qualitativ hochwertige und effektive Unterrichten und führt oftmals zu Demotivation der Schülerinnen und Schüler und zu vielen Wiederholungsstunden. Entsprechend bedarf es einer sprachlichen Einstufung - eines Clearings - vor Einteilung in eine VABO-Klasse, um eine homogenere Klassenzusammensetzung zu erreichen und die Rahmenbedingungen für gelingende Bildungsarbeit zu verbessern. Seitens des Landes und des staatlichen Schulamtes ist ein derartiges Clearing zur Einteilung von Schülerinnen und Schülern in VABO bislang nicht vorgesehen. Die konkrete Umsetzung der Einteilung der Schülerinnen und Schüler in die VABO-Klassen obliegt den Schulen. Die Kommunen Heilbronn und Konstanz haben hierauf bereits reagiert und eigene Clearingstellen eingerichtet. Auch in Karlsruhe wird dieses Thema schon lange im Rahmen des „Runden Tisches VABO“ intensiv vorbereitet. Der „Runde Tisch VABO“ wurde 2016 seitens des Internationalen Begegnungszentrums Karlsruhe e.V. (ibz) und der Arbeitsförderung Karlsruhe (afka) gemeinsam mit Dezernat 3 initiiert. Der Anlass waren die vom Kultusministerium des Landes beschlossenen Kürzungen der Wochenunterrichtsstunden in VABO-Klassen. Dem „Runden Tisch VABO“ ist es damals durch eine sehr gute Zusammenarbeit aller relevanten Kooperationspartner und mit Unterstützung der Politik gelungen, diesen Kürzungen entgegenzuwirken, sodass das Kultusministerium die Entscheidung zurückgenommen hat. Das Netzwerk tagt quartalsweise. Neben Vertreterinnen und Vertretern aus den beruflichen Schulen und verschiedenen Bereichen der Jugendhilfe nehmen daran Personen mit Steuerungskompetenz aus dem Bereich des Sozialdezernats (Büro für Integration, Schul- und Sportamt, Sozial- und Jugendbehörde) und der Ausländerbehörde sowie Vertreterinnen und Vertreter des Gemeinderats und der Landespolitik teil. Je nach Thema werden weitere Teilnehmende eingeladen. Dieses multiprofessionelle Netzwerk unterstützt die Belange neuzugewanderter junger Menschen, in dem es verschiedene Themen rund um Schule und berufliche Integration, Aufenthaltsrecht und Jugendhilfe bedarfsorientiert bearbeitet und diese in den politischen Raum trägt. Es treffen sich somit die Perspektiven der Praxis mit denen der Verwaltung und Politik. Einrichtung der VABO-Clearingstelle Wesentliche Impulse für die Einrichtung der VABO-Clearingstelle gingen vom Runden Tisch VABO aufgrund oben dargestellter Bedarfe aus. Das Konzept der Clearingstelle wurde auf Initiative des geschäftsführenden Leiters der beruflichen Schulen Herrn Hörner in Abstimmung mit der – 3 – Stadtverwaltung und der Heimstiftung Karlsruhe (hsk) – Frau Chehab-Abulkoota - in Eckpunkten erarbeitet und in der Schulleiterrunde der beruflichen Schulen am 23.06.2023 weiterentwickelt und anschließend mit dem Regierungspräsidium abgestimmt. Die Rolle der hsk ist dabei eine sehr wichtige. Denn auf einer Kooperation zwischen der hsk und der Elisabeth-Selbert-Schule gründet das so genannte „Karlsruher Modell“ zur Beschulung der unbegleiteten minderjährigen Ausländer (UMAs) bereits unmittelbar nach ihrer Ankunft in der vorläufigen Inobhutnahme. Dieses Model wurde in den Jahren 2009-2014, noch vor der gesetzlichen Festlegung der vorläufigen Inobhutnahme, im Rahmen zweier Modellprojekte (beide gefördert durch Mittel des Europäischen Flüchtlingsfonds EFF) entwickelt. Die Elisabeth-Selbert-Schule ermöglichte die Beschulung in VABO spezial-Klassen, für die wegen der besonderen Situation der UMA im Transfer ein spezielles Unterrichtskonzept entwickelt wurde. Eine Schulkoordinatorin der hsk leistet die bildungsbiografische Erfassung und sozialpädagogische Betreuung der UMA in enger Zusammenarbeit mit der Schule und ist Ansprechpartnerin für die UMA, die Lehrkräfte der Elisabeth-Selbert-Schule und für die Inobhutnahmegruppen. Die Schulkoordinatorin wird seit Projektende von der Stadt Karlsruhe im Rahmen freiwilliger Leistungen mit einem Stellenumfang von 75% finanziert, um die von allen Seiten als wichtig und notwendig eingeschätzte Arbeit an der Schule fortzusetzen. Beide Modellprojekte wurden im Rahmen des EFF-Projekts wissenschaftlich evaluiert. Die Vorteile des entwickelten Verfahrens für die Startbedingungen von UMA in Deutschland wurden deutlich herausgestellt. Als entscheidende Erfolgsfaktoren des Karlsruher Modells wurden das speziell auf die Bedürfnisse der in Obhut genommenen Geflüchteten abgestimmte Unterrichtskonzept und die guten Kooperationsstrukturen zwischen Schule und Jugendhilfe hervorgehoben. Alle an der Clearingstelle beteiligten Akteure sind Teil des Runden Tisches und berichten dort regelmäßig. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglichte eine schnelle, professionelle Einrichtung einer VABO-Clearingstelle in Karlsruhe und stellt eine wesentliche Basis für die nun erforderlichen weiteren Schritte dar. Die konkrete Umsetzung der VABO-Clearingstelle liegt bei der geschäftsführenden Schulleitung der beruflichen Schulen und der hsk, die seit Jahren erfolgreich in diesem Bereich tätig ist. Unterstützend tätig sind die afka mit der Schulsozialarbeit, das ibz unter anderem mit dem Projekt „perspektive now!, die Volkshochschule (vhs) Karlsruhe und das Büro für Integration, das die Koordination unter den Beteiligten innehat. Umsetzung der VABO-Clearingstelle Aktuell werden an neun von zwölf beruflichen Schulen in Karlsruhe VABO-Klassen angeboten. Im Schuljahr 2023-24 gab es insgesamt zwölf VABO-Klassen, von denen eine erst im Mai 2024 eingerichtet wurde. Die VABO-Klassen werden nach Niveaustufen unterteilt. Die Karlsruher beruflichen Schulen verständigen sich untereinander, welche Schule welche Niveaustufe(n) anbietet: Stufe Zielniveau Erläuterung 0 Alphabetisierung 1 A1 Schüler*innen ohne Englischkenntnisse 2 A1 Schüler*innen mit Englischkenntnissen 3 A2 4 B1 – 4 – Folgendes Ablaufmodel wurde für die Clearingstelle entwickelt: Das Clearing findet wöchentlich montags von 10 bis 12 Uhr an der Heinrich-Hertz-Schule statt. Durchgeführt wird es von der Schulkoordinatorin der hsk. Unterstützung bekommt sie während der Einstufung von einer erfahrenen Berufsschullehrerin mit zwei Stunden wöchentlich. Statistik Im vergangenen Schuljahr wurden bis zu den Sommerferien 117 Schülerinnen und Schüler getestet und beschult. 88 davon waren männlich und 29 weiblich. Sie stammen aus 20 unterschiedlichen Herkunftsländern und sprechen 20 verschiedene Sprachen. Da die beratende Schulsozialarbeiterin mehrere Sprachen beherrscht, wurde nur bei 22 Fällen ein externer Dolmetscher gebraucht. Von 117 Jugendlichen haben 80 in der Heimat acht bis zwölf Jahre die Schule besucht. Die anderen besuchten weniger als acht Jahre die Schule. Ein neues und wesentliches Steuerungselement ist die VABO-Verbleibestatistik. Sie wird ab dem Schuljahr 2023-24 jährlich zum Schuljahresende von den Schulsozialarbeiterinnen und -arbeitern sowie VABO-Lehrkräften erhoben und ermöglicht Aussagen über die Dauer des Verbleibs, das erreichte Sprachniveau und den weiteren Bildungsweg der Schülerinnen und Schüler im VABO. Der geschäftsführenden Schulleitung und der Clearingstelle erleichtert die Statistik die Planung und Befüllung der VABO-Klassen im kommenden Schuljahr. Ein weiteres wirksames Instrument zur Qualitätsprüfung ist die Nutzung des 2P Verfahrens. 2P - Potenzial & Perspektive - ist ein webbasiertes Verfahren zur Erfassung und Dokumentation fachlicher und überfachlicher Kompetenzen neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler zwischen 10 und 20 Jahren. Es wurde speziell im Hinblick auf die Anwendung mit nur geringen Deutschkenntnissen - ab ca. 3 Lernmonaten - konzipiert und kann beispielsweise in VKL-Klassen und VABO-Klassen gewinnbringend eingesetzt werden. Das Verfahren dient nicht nur zur Einschätzung der individuellen Potenziale der Schülerinnen und Schüler und zur positiven Verstärkung des eigenen Lernfortschritts, sondern belegt auch einen zertifizierten Abschluss eines Sprachniveaus. Dieses wiederum ist sehr nützlich, um zum Beispiel eine Klasse bzw. Schule zu wechseln oder bei Bewerbungen, z.B. für Praktika, den aktuellen Sprachstand zu belegen. Erfolg und Mehrwert der Clearingstelle Ein Schuljahr nach Einrichtung der VABO-Clearingstelle kann eine positive Bilanz gezogen werden: 1. Durch die Einstufungstests und Gespräche, die in der Clearingstelle vor der Einteilung in die passenden Klassen stattfinden, ist es möglich geworden, die Klassen homogener zu gestalten. Anmeldung •Über Geschäftsführende Schulleitung (GfSL) erfolgt VABO-Anmeldung •Einladung zum Gespräch und Einstufungstest durch GfSL Clearing •Persönliches Gespräch / Groberfassung Bildungsbiographie •Durchführung und Auswertung Einstufungstest •Übermittlung Stufenempfehlung an GfSL Verteilung •Zuweisung Schulplatz durch GfSL – 5 – 2. Es konnte eine spezielle Klasse für neuzugewanderte Jugendliche mit Alphabetisierungsbedarf eingerichtet werden. Hierzu wurde eine Kooperation mit der vhs Karlsruhe, die über langjährige Erfahrung im Bereich Sprachbildung und Alphabetisierung verfügt, eingegangen. Zwölf junge Neuzugewanderte konnten im Zeitraum Dezember 2023 bis Mai 2024 diese Alphabetisierungsklasse besuchen und im Juni nach erfolgreicher Alphabetisierung in die Regelklassen der VABO wechseln. 3. Um die Einstufung und Aufnahmegespräche für beide Seiten einfacher zu gestalten, wurde seitens des Büros für Integration der Einsatzbereich des städtischen Dolmetscherpools um diesen Bereich erweitert. In 22 Beratungsfällen wurde dieser Dienst von der Clearingstelle in Anspruch genommen. 4. Die Mitarbeiterinnen der Clearingstelle haben in der Anfangsphase Kennenlerngespräche mit den Lehrkräften geführt, um ihnen die Arbeit der Clearingstelle vorzustellen. Die Lehrkräfte haben das Angebot sehr gut angenommen und nutzen die Clearingstelle auch als Informationsquelle für die Belange der Schülerinnen und Schüler. 5. Durch die Clearingstelle ist es gelungen, eine bessere Vernetzung unter den VABO-Lehrkräften zu ermöglichen. Im Februar fand unter Beteiligung der Stadtverwaltung ein VABO-Fachtag statt, bei dem nicht nur unterschiedliche Fachstellen vorgestellt, sondern auch wichtige gemeinsame Ziele, wie die einheitliche Verwendung von Lehrwerken für alle VABO-Klassen in Karlsruhe oder die Einrichtung eines Informations- und Austauschnetzes, besprochen wurden. Das Pilotprojekt der Karlsruher VABO-Clearingstelle entwickelt einen Modelcharakter. Das zeigt sich an Anfragen aus anderen Kommunen an die geschäftsführende Schulleitung und an der positiven Rückmeldung des Landes. Finanzierung Die Clearingstelle wird vom Land und der hsk getragen, die hierfür einen Zuschuss der Stadt erhält. Die Schulkoordinatorin der Heimstiftung ist mit sechs Wochenstunden für die Clearingstelle beschäftigt. Ausblick und weiteres Vorgehen Im kommenden Schuljahr wird die Clearingstelle anhand der bislang gemachten Erfahrungen weiterentwickelt. Hierbei stehen insbesondere folgende Bedarfe im Fokus: • Weiterer Ausbau der Vernetzung und der Kooperationsangebote für Lehrerkräfte und Schulen sowie mit anderen relevanten Kooperationspartnern (Staatl. Schulamt, Privatschulen etc.) • Sinnvolle Klassenbildung durch noch konkretere Identifizierung von Bedarfen, z.B. zusätzlich zu Alphabetisierungsklassen die Einrichtung von „Schnelllernerklassen“ für Schülerinnen und Schüler mit gutem Bildungshintergrund • Prüfung der Einführung des sog. 2P-Verfahrens auch in VKL-Klassen • Optimierung der internen Abläufe der Clearingstelle, z.B. Prüfung eines zentralen Einstufungstests für jene Schülerinnen und Schüler, die zu einem späten Zeitpunkt im Schuljahr einen Schulplatz benötigen Ein Folgebericht nach Schuljahresende 2024/25 im Integrationsausschuss ist vorgesehen.