Karlsruher Hausbesuche - Weiterführung des Angebots

Vorlage: 2024/0912
Art: Beschlussvorlage
Datum: 13.08.2024
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Sozial- und Jugendbehörde
Erwähnte Stadtteile: Daxlanden, Grünwinkel, Knielingen, Mühlburg, Neureut, Nordstadt, Nordweststadt, Oberreut

Beratungen

  • Sozialausschuss (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 02.10.2024

    TOP: 2

    Rolle: Vorberatung

    Ergebnis: einstimmig zugestimmt

  • Gemeinderat (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 22.10.2024

    TOP: 12

    Rolle: Entscheidung

    Ergebnis: mehrheitlich zugestimmt

Zusätzliche Dateien

  • Beschlussvorlage
    Extrahierter Text

    Beschlussvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2024/0912 Verantwortlich: Dez. 3 Dienststelle: SJB Karlsruher Hausbesuche- Weiterführung des Angebots Gremien Termin TOP Ö / N Zuständigkeit Sozialausschuss 02.10.2024 2 Ö Vorberatung Gemeinderat 22.10.2024 12 Ö Entscheidung Kurzfassung Der Gemeinderat beschließt nach Vorberatung im Sozialausschuss die Aufhebung des Sperrvermerks zur Auszahlung des Zuschusses für das Projekt Karlsruher Hausbesuche ab dem Haushaltsjahr 2025 in Höhe von jährlich 52.000 Euro. Finanzielle Auswirkungen Ja ☒ Nein ☐ ☐ Investition ☒ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: 52.000 Euro ff Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: 52.000 Euro Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☒ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☐ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates Die Gegenfinanzierung ist im Erläuterungsteil dargestellt. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☐ Ja ☒ positiv ☐ negativ ☒ geringfügig ☒ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Erläuterungen Beschlusslage Der Gemeinderat hat im Rahmen der Haushaltsberatungen am 21./22. November 2023 einen Zuschuss von 52.000 Euro pro Jahr für die „Karlsruher Hausbesuche“ bewilligt. Dieser Zuschuss wurde ab 2025 mit einem Sperrvermerk versehen, der im Fall einer positiven Evaluation des Modellprojekts aufgehoben werden kann. In der vorliegenden Beschlussvorlage werden die aus der Evaluation abgeleiteten Empfehlungen der Verwaltung dargestellt. Die detaillierte Evaluation mit Fallbeispielen ist als Anlage beigefügt. Umsetzung Nachdem die Umsetzung des Modellprojekts vom Seniorenbüro gemeinsam mit den Paritätischen Sozialdiensten als beauftragtem Träger konkretisiert wurde, startete das Projekt im Dezember 2022 unter dem Namen „Karlsruher Hausbesuche“ in acht Karlsruher Stadtteilen. Anlässlich ihres 75., 80. oder 85. Geburtstags erhalten Seniorinnen und Senioren ein Gratulationsschreiben der Stadt mit einem Gutschein für eine kostenlose Beratung in ihrer eigenen Häuslichkeit. Die angeschriebenen Personen entscheiden sich freiwillig und selbstbestimmt für eine Kontaktaufnahme und vereinbaren einen Beratungstermin. In der Beratung wird ein Portfolio von Informationen geboten, mit dem den Bedarfen und Wünschen der beratenen Personen entsprochen werden kann. Ergebnisse der Evaluation Innerhalb aller angeschriebenen Altersgruppen werden die Ziele des Hausbesuchs erreicht. Es bestätigt sich, dass ▪ entsprechend der Zielsetzungen des zugehenden Angebots Menschen erreicht werden, denen Informationen fehlen oder die von sich aus (noch) keine Hilfe suchen. Informationslücken werden geschlossen, Handlungsspielräume erweitern sich, und die Inanspruchnahme weiterführender Angebote oder auch Leistungen wird angebahnt. ▪ durch gezielte Information, Beratung und Weitervermittlung Teilhabechancen erhöht werden. Die selbstständige Lebensführung und der Verbleib in der eigenen Wohnung werden unterstützt. Auch wenn ein längerer Verbleib in der Häuslichkeit nicht unmittelbar messbar ist, ist davon auszugehen, dass die präventive Maßnahme diesen Effekt hat und dadurch auf Seiten der Kommune Kosten für die Leistung „Hilfe zur Pflege“ eingespart werden können. ▪ die Inanspruchnahme und Akzeptanz des Angebots gut sind. Die Gratulation durch die Stadt und die Beratung werden als besondere Wertschätzung wahrgenommen, das Feedback nach der Beratung ist positiv. Neben dem Nutzen für die Seniorinnen und Senioren liegt ein weiterer Nutzen im Imagegewinn für die Kommune. ▪ mit dem Angebot der Karlsruher Hausbesuche unterschiedliche Bevölkerungsschichten angesprochen werden und Themen und Bedarfe der älteren Bevölkerung deutlich werden. ▪ die vorhandene Stellenressource (50 Prozent Vollzeitstelle) angemessen ist für die Art der Umsetzung und die anfallenden Aufgaben. Empfehlungen Das Modellprojekt kann als erfolgreich und wirksam gewertet werden. Die Verwaltung empfiehlt die Aufhebung des Sperrvermerks und die Verstetigung des Angebots. Mit den vorgesehenen Mitteln ist eine Weiterführung mit der gleichen personellen Ausstattung möglich. Damit kann aktuell etwa 1/3 der Karlsruher Bevölkerung im Alter von 75, 80 und 85 Jahren angesprochen werden. Einer Ausweitung der Karlsruher Hausbesuche auf das gesamte Stadtgebiet mit den dafür erforderlichen Stellenanteilen von 150 Prozent steht die derzeitige städtische Haushaltslage entgegen. Durch die stadtteilbezogene Vernetzung empfehlen Schlüsselpersonen wie Hausärztinnen und -ärzte oder auch die Volkswohnung besonders vulnerablen Personen die Karlsruher Hausbesuche. Die – 3 – Öffnung erweist sich als wirkungsvoll und zielführend, um diese Menschen zu erreichen, und sollte auch künftig beibehalten werden. Unterschiede in der Inanspruchnahme in den Stadtteilen legen nahe, dass die Wohnstrukturen und Lebensverhältnisse in den Stadtteilen Auswirkungen auf den Bedarf haben. Um den mit der Evaluation erfassten höheren Bedarfen in Stadtteilen mit größerer Bevölkerungsdichte, urbaner Prägung und höherer Altersarmut kurzfristig nachzukommen, empfiehlt die Verwaltung, mit dem Träger ein Rotationssystem zu erarbeiten, das eine Ausweitung auf weitere, innerstädtische Stadtteile und damit in einem zusammenhängenden Gesamtgebiet ermöglicht. Damit können mit derselben personellen Ressource insgesamt mehr Stadtteile von den Hausbesuchen profitieren. Dafür ist es jedoch erforderlich, die proaktiven Anschreiben in den aktuell weniger nachgefragten Stadtteilen zeitlich befristet auszusetzen. Der Zugang zu den Hausbesuchen sollte den Seniorinnen und Senioren in den pausierenden Stadtteilen jedoch weiterhin ermöglicht werden. Zum einen kann ein Hausbesuch weiterhin über Schlüsselpersonen vermittelt werden. Zum anderen wird regelmäßige Werbung in den Stadtteilzeitschriften über die Möglichkeit informieren, sich selbst bei den Paritätischen Sozialdiensten zu melden. CO 2 -Relevanz Die CO 2 -Relevanz der Karlsruher Hausbesuche ist gering. In der aktuellen Praxis werden die Hausbesuche in der Regel mit Fahrrad und bei Bedarf alternativ mit dem ÖPNV durchgeführt. Beschluss: Der Gemeinderat beschließt nach Vorberatung im Sozialausschuss die Aufhebung des Sperrvermerks zur Auszahlung des Zuschusses für das Projekt Karlsruher Hausbesuche ab dem Haushaltsjahr 2025 in Höhe von jährlich 52.000 Euro.

  • Anlage
    Extrahierter Text

    Stadt Karlsruhe Sozial- und Jugendbehörde Karlsruher Hausbesuch Evaluation Anlage SozA 02.10.2024, TOP 2 2 | Evaluation Karlsruher Hausbesuch Inhaltsverzeichnis Evaluation Karlsruher Hausbesuch ................................................................................................. 3 Auftrag, Ziele und Umsetzung .................................................................................................................. 3 Inanspruchnahme und Akzeptanz des Angebots ........................................................................................ 4 Beratungsthemen und Erreichen der Ziele ................................................................................................. 7 Feedback der Seniorinnen und Senioren und Wirkung des Angebots .......................................................... 9 Personalressource ................................................................................................................................... 10 Fazit ....................................................................................................................................................... 11 Sozial- und Jugendbehörde | 3 Evaluation Karlsruher Hausbesuch Auftrag, Ziele und Umsetzung Auftrag Der Gemeinderat hat die Verwaltung beauftragt, durch die begleitende Evaluation des Modellprojekts „Präventive Hausbesuche für Seniorinnen und Senioren“ eine Bewertungsgrundlage zu schaffen. Die Evaluation orientiert sich an der Bedarfsgerechtheit, der Wirksamkeit und der Qualität des Projekts. Leitfrage ist, ob mit der aktuellen Praxis die in der Konzeption festgelegten Ziele erreicht werden. Ziele des Karlsruher Hausbesuchs ▪ Niedrigschwellige Information und Beratung von Seniorinnen und Senioren in der häuslichen Umgebung. ▪ Verbesserung von Teilhabechancen durch Information, Beratung und Vermittlung zu weiterführenden Angeboten. ▪ Unterstützung in der selbstständigen Lebensführung und bei dem Verbleib in der eigenen Wohnung. ▪ Prävention durch Stärkung der Selbstmanagementkompetenzen der älteren Menschen. ▪ Erreichbarkeit von Menschen im Vorfeld von Pflegebedarf durch proaktiven Ansatz. ▪ Erreichbarkeit von zurückgezogen lebenden Menschen und Personengruppen, die schwerer Zugang zum gesundheitlichen und sozialen Unterstützungssystem finden. Umsetzung des Karlsruher Hausbesuchs Die ausgewählten Stadtteile des Modellprojekts sind Daxlanden, Grünwinkel, Knielingen, Mühlburg, Neureut, Nordstadt, Nordweststadt und Oberreut. Karlsruher*innen, die in diesen Stadtteilen leben, bekommen anlässlich ihres 75., 80. oder 85. Geburtstags ein Gratulationsschreiben des Bürgermeisters Martin Lenz verbunden mit dem Angebot für ein Beratungsgespräch. Das Gratulationsschreiben wird von der Sozial- und Jugendbehörde verschickt. Die beglückwünschten Personen nehmen bei Interesse selbst Kontakt mit den Paritätischen Sozialdiensten auf. Dem Schreiben liegt immer eine Informationsbroschüre mit einer Auswahl wichtiger Adressen und Kontakte in der Stadt Karlsruhe und im Stadtteil bei. Die Ansprache erfolgt in Deutsch und fünf weiteren Sprachen entsprechend der Karlsruher Bevölkerungsstruktur. Wenn ältere Menschen durch Öffentlichkeitsarbeit oder andere Informations- oder Vermittlungswege auf das Angebot aufmerksam werden und eine Beratungsanfrage an die Paritätischen Sozialdienste stellen, haben sie, abhängig von den bestehenden Beratungskapazitäten, ebenfalls den Zugang zu Information und Beratung. Die aufsuchende Fachkraft informiert und berät über Angebote im Stadtteil und in der Gesamtstadt sowie über Rechte und Leistungen. Auf Wunsch kann die Beratung auch an einem anderen Ort oder telefonisch stattfinden. In bis zu zwei Folgebesuchen gibt sie Anregungen und konkrete Hilfestellungen und vermittelt bei Bedarf an geeignete Stellen weiter. 4 | Evaluation Karlsruher Hausbesuch Die Beraterin der Paritätischen Sozialdienste ist Sozialpädagogin und Pflegeberaterin nach §7a SGB XI und arbeitet mit einer halben Vollzeitstelle für den Karlsruher Hausbesuch. Die Beratung wird personen- und situationsbezogen durchgeführt. Ihr liegt ein Gesprächsleitfaden zu Grunde. Das Themenspektrum umfasst verschiedene relevante Themen des Älterwerdens und der Teilhabe. Beim Hausbesuch werden Präsente überreicht: Eine Trinkflasche und eine Box, die von der Beraterin mit passgenauem Informationsmaterial bestückt wird. ▪ Der Versand der ersten Gratulationsschreiben an die 75-jährigen Jubilarinnen und Jubilare erfolgte Anfang Dezember 2022. Ab Jahresbeginn 2023 wurden die Anschreiben monatlich in der Monatsmitte versandt. Eine frühzeitige Ansprache ist ein zentrales Merkmal präventiver Arbeit. Um dies zu erreichen, wurde die Zielgruppe der 75-jährigen Seniorinnen und Senioren ausgewählt. Ab März 2023 wurde die Zielgruppe um die 80- und 85-Jährigen erweitert, um Erkenntnisse zur Akzeptanz des Angebots in den unterschiedlichen Altersgruppen und die Wirkung entsprechend der Zielsetzung zu erhalten. Inanspruchnahme und Akzeptanz des Angebots Bis zum Ende des Evaluationszeitraums zum 31. Mai 2024 wurden insgesamt 2.989 Personen angeschrieben: ▪ 1.365 75-jährige Menschen ▪ 808 80-jährige Menschen ▪ 816 85-jährige Menschen Das Angebot wurde von der Zielgruppe der 80-Jährigen am häufigsten in Anspruch genommen (5,3 Prozent). Es liegt nahe, dass in diesem Alter die Themen des Älterwerdens an Relevanz gewinnen und die Motivation, sich zu informieren wächst. Bei den 85-Jährigen war die Annahme des Beratungsangebots geringer (4,8 Prozent). Die konkreten Bedarfslagen nehmen zu. Da viele Menschen jedoch nicht wissen, wohin sie sich wenden können, profitiert diese Altersgruppe von der Vermittlung geeigneter Hilfen und Leistungen. 75-Jährige nahmen das Angebot am geringsten an (4,2 Prozent). In dieser Altersgruppe werden jedoch auch die Menschen erreicht, die aufgrund ihrer Lebensbiografien ein höheres Risiko frühzeitiger gesundheitlicher Probleme tragen. Daher ist es sinnvoll, allen drei Altersgruppen den Karlsruher Hausbesuch anzubieten. Erstkontakt Die Konzeption des Karlsruher Hausbesuchs beruht auf Freiwilligkeit und Selbstbestimmung. Im Gegensatz zu anderen Städten wird im Gratulationsschreiben kein konkretes Terminangebot gemacht. Die Angeschriebenen nehmen selbst Kontakt zum durchführenden Träger auf. Beim Erstkontakt werden in der Regel Termine vereinbart. In Einzelfällen hat bereits beim Erstkontakt eine zielgerichtete Weitervermittlung stattgefunden, die einen Hausbesuch ersetzte. Sozial- und Jugendbehörde | 5 Abbildung 1 Anzahl Erstkontakte und Beratungen Quelle: Stadt Karlsruhe | Sozial- und Jugendbehörde Beratungen beim Hausbesuch Bis Ende Mai 2024 fanden insgesamt 220 Beratungen statt (180 Erstberatungen, 25 Zweit- und 15 Drittberatungen). Darunter waren 172 Hausbesuche. Folgeberatungen fanden oft dann telefonisch statt, wenn die Besuchten gut dazu in der Lage waren, mit den Informationen eigenständig weiterzuarbeiten. Die meisten Beratungen (36 Prozent) dauerten zwischen einer und eineinhalb Stunden. Während 25 Prozent der Beratungen zum Teil deutlich länger waren, verteilten sich 19 Prozent auf eine Beratung von bis zu 30 Minuten und 20 Prozent auf eine Beratung von einer halben bis einer Stunde. Im Anschluss an die Beratungen erfolgte in 62 Fällen ein Brief, eine E-Mail oder ein Telefonanruf der Beraterin mit weiteren Informationen. In Einzelfällen kam es zu mehr als drei Beratungsterminen, um weiterführende Hilfen zu installieren. Abbildung 2 Erst- und Folgeberatungen Quelle: Stadt Karlsruhe | Sozial- und Jugendbehörde Die Inanspruchnahme der Karlsruher Hausbesuche ist als gut zu bewerten. In den gesamten 18 Monaten der Laufzeit (1. Dezember 2022 bis 31. Mai 2024) liegt die Annahmequote bei den Hausbesuchen bei 7,4 Prozent. 8,1 Prozent haben in diesem Zeitraum den Erstkontakt gesucht. Betrachtet man den fünf-monatigen Zeitraum vom 1. Januar 2024 bis zum 31. Mai 2024, zeigen sich Steigerungen der Inanspruchnahme: Die Erstkontakte lagen bei 8,6 Prozent und die Hausbesuche bei 8,5 Prozent. Im interkommunalen Vergleich zeigt sich bei der 0 10 20 30 40 50 60 70 Dez 22 bis Feb 23Mrz 23 bis Mai 23Jun 23 bis Aug 23Sep 23 bis Nov 23Dez 23 bis Feb 24Mrz 24 bis Mai 24 Erstkontakte und Beratungen ErstkontaktBeratungen 0 10 20 30 40 50 Dez 22 bis Feb 23Mrz 23 bis Mai 23Jun 23 bis Aug 23Sep 23 bis Nov 23Dez 23 bis Feb 24Mrz 24 bis Mai 24 Beratungen Erste BeratungZweite BeratungDritte Beratung 6 | Evaluation Karlsruher Hausbesuch Einführung der Präventiven Hausbesuche in Köln eine Inanspruchnahme der Beratungsgespräche in den Jahren 2016 von 6 Prozent, 2017 von 10 Prozent, 2018 und 2019 von 9 Prozent. In Köln werden in verschiedenen Stadtteilen alle Personen ab 75 (Migrantinnen und Migranten ab 70) angeschrieben. Vergleichbar mit Karlsruhe ist, dass kein Termin genannt wird. In Köln wird, wie in Karlsruhe, auf die Freiwilligkeit und Selbstbestimmung der Menschen gesetzt. In Köln werden nach vier bis fünf Jahren alle Personen Ü80 erneut angeschrieben, dann erhöht sich die Inanspruchnahme auf 20 Prozent. Modellprojekte in Niedersachsen, unter anderem in Braunschweig, erreichen einen Annahmequote auf die Anschreiben von 3,46 Prozent. Es zeigt sich, dass das Angebot in Karlsruhe gut etabliert ist. Nach einem knappen Jahr Laufzeit des Projekts konnte eine regelmäßige Nachfrage und eine kontinuierlich gute Auslastung der Beraterin festgestellt werden. Schwankungen sind auf Feiertage und Urlaubszeiten zurückzuführen. Die Nachfrage nach dem Angebot baut sich über die Zeit auf, da einige angeschriebene Personen den Beratungsgutschein beiseitelegen und zu einem späteren Zeitpunkt auf das Angebot zurückkommen, oder andere sich nach einer Beratung mit weiteren Anliegen erneut melden (im Sinne einer Clearingstelle: „Ich wusste nicht, wen ich anrufen soll, und da hab ich gedacht, ich rufe mal bei Ihnen an“). Geschlecht der beratenen Personen 74 Prozent der Beratenen sind weiblich. Aufgrund der unterschiedlichen Lebenserwartung erhielten mehr Frauen (58 Prozent) als Männer ein Gratulationsschreiben, nutzten das Angebot jedoch auch häufiger als Männer. Migrationshintergrund Insgesamt wurden in 20 Prozent der Beratungsgespräche Menschen mit (erfasstem) Migrationshintergrund erreicht. Es zeigt sich eine deutliche Steigerung der Nachfrage in dieser Zielgruppe im Jahr 2024: 31 Prozent der Beratungen sind Menschen mit einem Migrationshintergrund. Pflegebedürftigkeit Das Angebot erreicht durch seinen proaktiven Ansatz Menschen im Vorfeld von Pflege. Durch die Vermittlung geeigneter Angebote kann frühzeitig das selbstständige Leben zu Hause stabilisiert werden. Die Mehrheit der beratenen Personen hatte keinen Pflegegrad (57 Prozent). Pflegegrad 1 hatten 14 Prozent, Pflegegrad 2 hatten 17 Prozent und Pflegegrad 3 hatten 12 Prozent der Beratenen. Beeinträchtigungen und Unterstützungsbedarf Am häufigsten waren die Beratenen körperlich beeinträchtigt (43 Prozent) und hatten mit einem Anteil von 36 Prozent Unterstützungs- und Hilfebedarf. Besonders häufig wurden hauswirtschaftliche Versorgung, Entlastungsangebote für Pflegende und Begleitungen (hierunter insbesondere Begleitungen zum Einkauf oder Übernahme des Einkaufs) thematisiert. Anzeichen für soziale Eingebundenheit und private Unterstützung Die Mehrheit der Personen lebte alleine (58 Prozent). Weitere 37 Prozent der Beratenen lebte in Partnerschaft und 5 Prozent in erweiterter Familie oder Wohngemeinschaft. Von den 220 beratenen Personen ▪ hatten 72 Prozent Kinder, ▪ nannten 77 Prozent eine Bezugsperson, ▪ nannten 67 Prozent Menschen im privaten Umfeld, von denen sie bei Bedarf unterstützt werden. Sozial- und Jugendbehörde | 7 Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass 23 Prozent der Menschen keine Bezugsperson hatten und ein Drittel der Menschen niemanden, der sie bei Bedarf unterstützt. Die am häufigsten genannten Bezugspersonen (72 Prozent) waren Kinder und Familie. Bei 62 Prozent aller Beratenen war dies auch die Personengruppe, die am häufigsten bei Bedarf unterstützt und hilft. Weitere Personengruppen, die als Ansprechpartner*innen und zur Unterstützung genannt wurden, waren Freunde und Freundinnen, Bekannte und Nachbarn und Nachbarinnen. Nachbarinnen und Nachbarn spielten als Bezugspersonen (7 Prozent) eine untergeordnete Rolle, wurden aber deutlich häufiger als unterstützende Personengruppe genannt (16 Prozent). Finanzielle Situation 31 Prozent der Personen nahmen ihr Einkommen als nicht ausreichend wahr. In der Beratung waren die finanzielle Situation und Leistungsansprüche häufige Themen. Je nach Bedarfslage wurde an verschiedene Beratungsstellen und Leistungsträger wie zum Beispiel Sozialberatungsstellen, Betreuungsbehörde oder -vereine, Volkswohnung, Schuldnerberatung, Wohngeldstelle, Sozialamt, Karlsruher Pass vermittelt. In der Beratung konnten 17 Menschen an die Werner-Stober- beziehungsweise an die Getrud-Maria-Doll- Stiftung vermittelt werden. Beratungsthemen und Erreichen der Ziele In den Beratungen äußerten 151 Menschen Bedarfe für ihre aktuelle Lebenssituation, 127 Menschen wollten sich (auch) über zukünftige mögliche Bedarfe informieren. Die Praxis zeigt: Ein Hausbesuch umfasst häufig mehrere Leistungen: Es können Informationen zu einem Thema gegeben, zu anderen Themen vertieft beraten sowie weitervermittelt werden. Statistisch umfassten die Hausbesuche die Leistungen „Information“ zu 29 Prozent, „Beratung“ zu 32 Prozent und „Weitervermittlung“ zu 23 Prozent. In vier Prozent der Gespräche bestand ein akuter Handlungsbedarf. Vereinzelt wurde bei einer Antragstellung unterstützt oder die Person persönlich bei der Weitervermittlung begleitet. In 27 Beratungen zeigten die besuchten Personen einen sehr hohen Gesprächsbedarf, was auf wenig soziale Kontakte und Austauschmöglichkeit schließen ließ. Die häufigsten Beratungsinhalte stammten aus den Themenfeldern „Gesundheitssituation und -kompetenz“ (29 Prozent), „Verfügungen und Vollmachten“ (14 Prozent), „Unterstützungsbedarf“ (13 Prozent) sowie „Soziale Teilhabe und Engagement“ (12 Prozent). 8 | Evaluation Karlsruher Hausbesuch Abbildung 3 Beratungsinhalte Quelle: Stadt Karlsruhe | Sozial- und Jugendbehörde Zu allen Themenfeldern fand konkrete Weitervermittlung statt ▪ Bei Pflegebedarfen an Pflegestützpunkt (40) und Compass, die Beratungsstelle für privat Pflegeversicherte (10). ▪ Bei Unterstützungsbedarfen an Unterstützungsangebote und verschiedenste Anbieter von Diensten von Nachbarschaftshilfe bis Seniorennetzwerk (51). ▪ Bei Teilhabe, Aktivitäten und Engagement an Aktivgruppen und Bewegungsangebote im Stadtteil (12), Quartiersprojekte (10), Bürgervereine und -zentren (9), die MitMachZentrale (5) und andere Angebote im Stadtteil. ▪ Zur Stabilisierung der Wohnsituation an die Wohngeldstelle (3), Volkswohnung (6) und aufgrund von beginnenden Einschränkungen zur Wohnberatung (10). ▪ Relevant war auch die Vermittlung an spezifische Beratungsstellen und Leistungsträger*innen (28) wie die Schuldnerberatung, Sozialberatungsstellen, Betreuungsbehörde oder -vereine, Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) und Eingliederungshilfe, Lebensberatung, Schuldnerberatung und Jugendfreizeit- und Bildungswerk (JFBW) mit dem Karlsruher Pass. Auszug aus einem Fallbeispiel: Der Senior, 75 (Jubilar), kein Pflegegrad, lebt mit seiner Ehefrau zusammen. Der Mann hatte einen Schlaganfall und macht gute Fortschritte der Genesung. Das Ehepaar hatte Fragen zur barrierefreien Umgestaltung der Wohnung sowie zu Unterstützung nach Schlaganfall (Kontakte und Bewegungsangebote). In der Beratung wurde unter anderem an die Wohnberatungsstelle weitervermittelt und es wurden eine Selbsthilfegruppe sowie die Angebote „Bewegte Apotheke“ und „In Schwung“ benannt. Nach einigen Wochen bekam die Beraterin die Rückmeldung, dass die Wohnberatung stattgefunden hat und der Badumbau angegangen wird. Zudem nimmt das Paar an der „Bewegten Apotheke“ teil und meldet sich im Sportverein an. Unterstützungsbedarf 13% Pflegebedarf 9% Wohnsituation 8% Mobilität 4% Soziale Teilhabe und Engagement 15% Gesundheitssituation und -kompetenz 28% Patientenverfügung/Versorgungs vollmacht/Testament 14% Finanzielle Situation und Leistungsansprüche 9% Beratungsinhalte Sozial- und Jugendbehörde | 9 Erreichbarkeit von zurückgezogen lebenden Menschen und Personengruppen, die schwerer Zugang zu Unterstützung finden Aufgrund der Datenlage ist davon auszugehen, dass das Angebot des Karlsruher Hausbesuchs Menschen mit erschwertem Zugang zu Unterstützungssystemen und zurückgezogen lebende Menschen erreicht: Die Mehrheit der beratenen Menschen lebte alleine, und ein Drittel der Personen gab an, niemanden zu haben, der sie bei Bedarf unterstützt. In 40 Fällen wurde explizit der Wunsch nach mehr sozialen Kontakten als Beratungsthema benannt. Für Menschen mit Migrationsgeschichte ist zum Teil durch Sprachbarrieren sowie aufgrund fehlender Informationen über Strukturen, Angebote und Leistungen der Zugang zu Unterstützungssystemen erschwert. Deshalb sind sie eine wichtige Zielgruppe des Karlsruher Hausbesuchs. 2024 stieg der Anteil der Beratungen von Menschen mit Migrationshintergrund auf knapp ein Drittel. Akzeptanz und Vertrauen in das Angebot wurden geschaffen durch Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung und Information der Akteure vor Ort sowie durch den Einbezug zentraler zielgruppenspezifischer Multiplikatoren. Die Karlsruher Hausbesuche arbeiten stadtteilbezogen und vernetzt. Dadurch ist es gelungen, dass Schlüsselpersonen wie Hausärztinnen und -ärzte oder auch die Volkswohnung besonders vulnerablen Personen die Karlsruher Hausbesuche empfohlen haben. In der Folge fragten diese Personen einen Hausbesuch bei den Paritätischen Sozialdiensten nach. Die Öffnung des Zugangsweges erweist sich als wirkungsvoll und zielführend, um diese Menschen zu erreichen, und sollte auch künftig beibehalten werden. Es gelingt, mit dem Angebot der Karlsruher Hausbesuche unterschiedliche Bevölkerungsschichten anzusprechen. Unterschiede in der Inanspruchnahme in den Stadtteilen legen nahe, dass die Wohnstrukturen und Lebensverhältnisse in den Stadtteilen Auswirkungen auf den Bedarf haben: Es zeigt sich, dass die meisten Beratungen in den Stadtteilen Mühlburg (12 Prozent Annahmequote) und Oberreut (10,2 Prozent Annahmequote) stattfanden. Beides sind Stadtteile mit einer hohen Bevölkerungsdichte in Wohnblöcken mit einer gewissen Anonymität und einem überdurchschnittlichen Anteil von Empfängerinnen und Empfängern von Grundsicherung im Alter. Zudem ist die Beratungsintensität (Notwendigkeit von Mehrfachberatungen) in diesen Stadtteilen höher. Die Nachfrage aus Neureut (3,1 Prozent Annahmequote) und Knielingen (3,5 Prozent Annahmequote) war hingegen am geringsten, obwohl Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit in gleicher Intensität betrieben wurden. Feedback der Seniorinnen und Senioren und Wirkung des Angebots Ab Februar 2024 wurden von der Beraterin im Anschluss an den Hausbesuch Rückmeldebögen mit vorfrankiertem Rückumschlag verteilt, die an das Seniorenbüro zurückgeschickt werden konnten. Von 32 ausgegebenen Rückmeldebögen wurden 17 zurückgesandt: Problemdarstellung der Beraterin: Probleme mit Formalitäten und Behördenbriefen sind insbesondere Themen bei Menschen, die sozial schlechter gestellt sind oder bei Menschen mit Migrationshintergrund, die der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig sind. Briefe werden nicht zu Ende gelesen und so zum Beispiel Termine nicht wahrgenommen und Widerspruchsmöglichkeiten verpasst. Gleichzeitig suchen sie sich auch nicht aktiv Unterstützung und nehmen zum Beispiel nicht Kontakt zur Sozialsprechstunde der Caritas oder zur Vermittlungsstelle der Sozial- und Jugendbehörde auf. 10 | Evaluation Karlsruher Hausbesuch ▪ Alle 17 rückmeldenden Personen waren „voll und ganz mit dem Angebot des Karlsruher Hausbesuchs zufrieden“. ▪ 16 Menschen haben neue Informationen erhalten. ▪ 15 Menschen fühlten sich besser auf die Zukunft vorbereitet. ▪ 13 Personen wurde konkret bei einer oder mehreren Fragen geholfen ▪ 11 Seniorinnen und Senioren kannten nun eine oder mehrere Anlaufstellen für ihre Fragen. ▪ In dem Textfeld „Was fanden Sie besonders gut“ schrieben 15 von 17 Menschen einen persönlichen positiven Kommentar von „freundlich, zuvorkommend“, über „das Themenspektrum“ bis zu „Alles! Wunderbar!“ Das Beratungsangebot wird positiv aufgenommen und als Wertschätzung der älteren Generation durch die Stadt erlebt. Die Seniorinnen und Senioren fühlen sich sowohl zu aktuellen Fragen und Bedarfen gut beraten als auch für Entwicklungen in der Zukunft besser gerüstet. Viele Rückmeldungen zeigen, dass das Beratungsangebot die Menschen unterstützt, ihre aktuelle Lebenssituation mit Hilfe der neuen Informationen aktiv selbst zu gestalten. Personalressource Die Evaluation bestätigt, dass die vorhandene Personalressource angemessen ist, für die Art der Umsetzung, die anfallenden Aufgaben und um dem Bedarf in den acht Stadtteilen zu entsprechen. Der Arbeitsschwerpunkt „Beratung“ nimmt mit Vor- und Nachbereitung sowie den Wegezeiten zu den Hausbesuchen fast zwei Drittel der Arbeitszeit der Beraterin ein. Die Arbeit setzt sich aus folgenden Tätigkeitsschwerpunkten zusammen: ▪ Erstkontakt mit Nachbereitung (11 Prozent) ▪ Beratung mit Vor- und Nachbereitung (45 Prozent) ▪ Wegezeiten (19 Prozent) ▪ Zugangswege zum Angebot, Netzwerkarbeit, Öffentlichkeitsarbeit (10 Prozent) ▪ Allgemeine Bürotätigkeiten, Besprechungen, Verwaltung, Fortbildung (10 Prozent) ▪ Kooperation mit der Stadtverwaltung (5 Prozent) Dem ausführlichen Abschlussbericht des Modellvorhabens „PräSenZ“ in Baden-Württemberg ist zu entnehmen, dass nach Einschätzung der dortigen Beraterinnen auf die Durchführung der Beratungen mit Wegezeiten etwa 30 Prozent der Arbeitszeit entfallen, während sich die Während des Besuchs: „Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen und mir zuhören. So kann ich besser überlegen, was für mich wichtig ist, und komme auf Dinge, die ich sonst vergessen würde.“ Telefonischer Dank eines 75-jährigen Herrn mit ausländischem Akzent an das Seniorenbüro: Er möchte sich bedanken für den Hausbesuch. Frau Susanne Butz hat ihm sehr viel geholfen und diese Einrichtung ist sehr gut. Er möchte uns bitten, es weiterzuführen, damit sich Leute an solche Menschen wie Frau Butz wenden können. Es ist sehr hilfreich in vielen Sachen, worauf man selber ab einem gewissen Alter nicht kommt. Zitate aus Feedbackbögen: „Ich wünsche wirklich jedem älteren Menschen in Karlsruhe, dass er dieses Angebot bekommt und nutzen kann“ und Rückmeldung zu der Frage „Was fanden Sie besonders gut?“ des Feedbackbogens: „Die ganze Idee, mir behilflich zu sein.“ Zitat aus einem Feedbackbogen: „Frau Butz war äußerst gut gerüstet für alle auftretenden Fragen und gab mir wertvolle Tipps für die Zukunft und heute! Vielen Dank dafür.“ Sozial- und Jugendbehörde | 11 restlichen 70 Prozent auf die anderen Tätigkeitsschwerpunkte verteilen. Dies zeigt, dass in der Organisation des Karlsruher Hausbesuchs durch Stadt und Träger mehr als die doppelte Kapazität der Arbeitszeit (64 Prozent zusammengesetzt aus Beratung mit Vor- und Nachbereitung mit Wegezeiten) in die Beratung fließen kann. Nach dem Abschlussbericht „PräSenZ“ führten in der Stadt Ulm zwei Beraterinnen im Gesamtumfang einer Vollzeitstelle von Juli 2015 bis Februar 2017 (insgesamt 20 Monate) 380 Hausbesuche/Beratungen durch. Umgerechnet auf eine 50 Prozentstelle wären das 190 Beratungen in 20 Monaten. Die Beraterin der Paritätischen Sozialdienste führte mit einer halben Vollzeitstelle in dem Projektzeitraum von Dezember 2022 bis Mai 2024 (insgesamt 18 Monate) 220 Hausbesuche/Beratungen durch. Fazit Das Modellprojekt kann als erfolgreich und wirksam gewertet werden. Die Verwaltung empfiehlt die Aufhebung des Sperrvermerks und die Verstetigung des Angebots. Die Evaluation zeigt, dass die Inanspruchnahme und Akzeptanz des Angebots gut sind, und dass innerhalb aller angeschriebenen Altersgruppen zentrale Ziele des Hausbesuchs erreicht werden. Es wird bestätigt, dass die Karlsruher Hausbesuche sowohl Menschen in ihrer aktiven Lebensgestaltung unterstützen als auch mit Information und Beratung helfen, Vorsorge zu treffen und die richtigen weiterführenden Stellen sowie passende Unterstützung zu finden. Die Teilhabe am sozialen Leben und die Möglichkeit, selbstständig in der eigenen Häuslichkeit zu leben, verbessern sich durch das Angebot. Auch wenn ein längerer Verbleib in der Häuslichkeit nicht unmittelbar messbar ist, ist davon auszugehen, dass die präventive Maßnahme diesen Effekt hat und dadurch auf Seiten der Kommune Kosten für die Leistung „Hilfe zur Pflege“ eingespart werden können. Darüber hinaus werden durch die Karlsruher Hausbesuche Themen und Bedarfe der älteren Karlsruher Bevölkerung deutlich. Die so gewonnenen Informationen tragen zur bedarfsgerechten Weiterentwicklung der übergreifenden und der stadtteilbezogenen kommunalen Infrastruktur bei. Mit der aktuellen personellen Ausstattung werden etwa 1/3 der Karlsruher Bevölkerung im Alter von 75, 80 und 85 Jahren angesprochen. Einer Ausweitung der Karlsruher Hausbesuche auf das gesamte Stadtgebiet mit den dafür erforderlichen Stellenanteilen von insgesamt 150 Prozent steht die städtische Haushaltslage entgegen. Das Modellprojekt Karlsruher Hausbesuche ist in den ausgewählten Stadtteilen gut etabliert, und die Verwaltung empfiehlt, diese dort grundsätzlich fortzuführen. Um den mit der Evaluation erfassten höheren Bedarfen in Stadtteilen mit höherer Bevölkerungsdichte, urbaner Prägung und höherer Altersarmut (nachgewiesen durch den Anteil an Empfängerinnen und Empfängern von Grundsicherung im Alter) kurzfristig nachzukommen zu können, empfiehlt die Verwaltung, mit dem Träger ein Rotationssystem auszuarbeiten, das eine Ausweitung auf weitere, innerstädtische Stadtteile und damit in einem zusammenhängenden Gesamtgebiet ermöglicht. Dafür ist es jedoch erforderlich, die proaktiven Anschreiben in weniger nachgefragten Stadtteilen zeitlich befristet auszusetzen. Der Zugang zu den Hausbesuchen sollte den Seniorinnen und Senioren in den pausierenden Stadtteilen jedoch über direkte Nachfrage und die Vermittlung durch Schlüsselpersonen weiterhin ermöglicht werden, um auch hier besonders vulnerablen Personen kontinuierlich Zugang zu ermöglichen. Damit können mit derselben personellen Ressource insgesamt mehr Stadtteile von den Hausbesuchen profitieren.

  • Abstimmungsergebnis TOP 12
    Extrahierter Text

  • Protokoll GR 22.10.2024 TOP 12
    Extrahierter Text

    Niederschrift 3. Plenarsitzung des Gemeinderates 22. Oktober 2024, 15:30 Uhr öffentlich Bürgersaal, Rathaus am Marktplatz Vorsitzender: Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup Punkt 12 der Tagesordnung: Karlsruher Hausbesuche - Weiterführung des Angebots Vorlage: 2024/0912 Beschluss: Der Gemeinderat beschließt nach Vorberatung im Sozialausschuss die Aufhebung des Sperrvermerks zur Auszahlung des Zuschusses für das Projekt Karlsruher Hausbesuche ab dem Haushaltsjahr 2025 in Höhe von jährlich 52.000 Euro. Abstimmungsergebnis: Mehrheitliche Zustimmung (38 Ja, 9 Nein) Der Vorsitzende ruft Tagesordnungspunkte 12 zur Behandlung auf und verweist auf die er- folgte Vorberatung im Sozialausschuss am 2. Oktober 2024. Stadträtin Anlauf (GRÜNE): Zu diesem Punkt zu sprechen, macht mir wirklich Freude, denn es war schon im Sozialausschuss schön zu hören, dass das Angebot gut angekommen ist und gut angenommen wird und unsere älteren Bürger*innen tatsächlich unterstützt. Das Projekt ist präventiv angelegt und hilft, dass ältere Menschen möglichst lang, möglichst ohne oder mit niedriger Pflegestufe in einer eigenen Wohnung zurechtkommen. Es geht also im Kern um die Würdigung des Wunsches älterer Menschen nach Selbstbestimmung und Selbstständigkeit. Ergänzend gesagt, diese Selbstständigkeit ist umso besser in einer weniger großen und zu- mindest zugangsfreien Wohnung möglich. Das heißt, ideal wäre das Angebot, mit einer weiteren halben Stelle auf alle Stadtteile auszudehnen. Darüber müssen wir im Doppel- haushalt beraten, und gleichzeitig mehr Wohnungen anbieten, die man mit Rollator verlas- sen kann und wo man auch wieder reinkommt. Auch hier müssen wir aktiver werden, und dann passt beides nämlich gut zusammen. Dieser zunächst grüne Antrag wurde von einigen Fraktionen einige Zeit nicht gerade be- grüßt. Wir hatten weniger Bedenken und waren auch gut und solide informiert. In Ulm und in zwei anderen Orten hatte es schon ein Pilotprojekt lange vor uns gegeben, oder ein – 2 – paar Jahre jedenfalls, mit sehr ausführlicher Evaluation. Wir dachten nicht, dass die Ulmer Bevölkerung jetzt so total anders ist. Dort in Ulm ist das gleiche Ergebnis wie in Karlsruhe erfolgreich. Hoher Beratungsbedarf, viele einfache, aber wichtige Infos zur Gesundheits- kompetenz kennen die Menschen nicht. Die älteren Menschen freuen sich, dass sie nicht vergessen sind in Ulm und Karlsruhe, was uns die Dankesbriefe an den OB und an Bürger- meister Lenz zeigen. Logisch nachvollziehbar ist es, dass die Wirkung der präventiven Hausbesuche Ersparnisse der Stadt mit sich bringt. Prävention hilft, dass stationäre Pflege später oder gar nicht be- nötigt wird und die Stadt hier weniger Kosten hat. Wunderbar, dass die Gelder für das Pro- jekt in einer interfraktionellen Initiative im letzten Doppelhaushalt beantragt wurden. Der Gemeinderat und die Stadt zeigen damit, dass ihnen die ältere Generation wichtig ist, und der Sperrvermarkt wird hoffentlich aufgehoben. Stadtrat Dr. Müller (CDU): Der Sperrvermerk wird auch von unserer Seite gerne aufgeho- ben. Wir waren anfangs ein bisschen skeptisch, wie es ankommt bei den älteren Men- schen, ob sie dieses Angebot annehmen. Umso erfreulicher ist es, dass dieses Angebot nach Aussage dieser Vorlage hervorragend angenommen wird und viele froh sind, rich- tungsweisende Informationen für ihr Leben im Alter zu erreichen. Die Hausbesuche können sicherlich noch optimiert werden. Im Moment spricht die Haushaltslage gegen eine weitere Ausweitung. Aber ich glaube, wir können über Arztpraxen, auch über unsere Krankenhäu- ser mit ihren Informationsangeboten oder auch über die Wohnungsbaugesellschaften aktiv auf Bewohnerinnen und Bewohner zugehen und sie auffordern, dass sie auch diese Haus- besuche bekommen können. Man muss sich selber darum kümmern. Dies heißt nicht unbedingt, dass es nur mit dem Geburtstagsschreiben geht, sondern es gibt auch andere Möglichkeiten, dies zu erreichen. Und ich glaube, da kann man kreativ noch weiterdenken. Stadtrat Tröndle (SPD): Auch die SPD-Fraktion stimmt in das Jubilate ein. Wir finden die Hausbesuche ein überzeugendes, ansprechendes und wirkungsvolles Angebot und sagen herzlichen Dank an das Seniorenbüro und die paritätischen Sozialdienste für die tolle Um- setzung. Die Hausbesuche sind für uns ein Paradebeispiel für eine vorausschauende Sozial- politik, die Karlsruhe leistet, die agiert und nicht reagiert. Angesichts des demografischen Wandels und der steigenden Anzahl von Single-Haushalten, gerade auch in der älteren Ge- neration, Stichworte Altersarmut, Einsamkeit, kann dieses Angebot die Initialzündung für mehr Lebensqualität und Teilhabe der Menschen sein, und es ist vor allem sehr wertschät- zend. Und dass es so gut angenommen wird, das ist ein richtiger Volltreffer. Die 52.000 Euro sind ein Klacks vor dem Hintergrund des Wirkungsgrades der Hausbesu- che für die Menschen selbst, wie auch, Kollegen haben es auch gerade angeschnitten, für den Stadtsäckel. Denn dadurch entfallen Kosten etwa für Hilfe, für Pflege. Wir sind natür- lich für die Aufhebung des Sperrvermerks und werden zu gegebener Zeit auch darüber nicht nur beraten, sondern uns ernsthaft Gedanken machen, wie wir dieses Angebot mit den hier angegebenen weiteren 1,5 Stellen, weiter angehen wollen. Denn es ist voraus- schauend auch für uns, die wir noch alle hier sitzen. Alter trifft jeden, Einsamkeit kann auch jeden treffen. Wir finden es ein super Angebot und stimmen heute der Aufhebung des Sperrvermerks gerne zu. – 3 – Stadtrat Dr. Schmidt (AfD): Wir haben diesen Punkt in unserer Fraktionssitzung diskutiert, und am Ende sind wir übereingekommen, bei unserer bisherigen Position zu bleiben. Ich erinnere an die mit Elan vorgetragenen Redebeiträge unserer betroffenen Kollegen Ellen Fenrich oder Tom Høyem in der letzten Debatte zu diesem Thema, die sich als Betroffene sehr dagegen gewehrt haben, weil sie das Gefühl haben, bevormundet zu werden. Sie sind der Meinung, sie können sich die Informationen selber holen. Herr Dr. Müller hat vorher eine ganze Reihe von Institutionen genannt, wo man diese Informationen auch kriegen könnte, zum Beispiel in Arztpraxen, zum Beispiel beim Hausarzt. Aus unserer Sicht ist es nicht notwendig, dass von der Stadt tatsächlich noch jemand loszieht und dann Menschen aufsucht, einfach nur, weil sie ein gewisses Alter erreicht haben. Dazu kommt noch, dass die Stadt der Meinung ist, dass das Geld dafür nicht reicht und dass nur ein Drittel aufgesucht werden kann. Das heißt, wir wissen dann nicht einmal mehr, wer dann aufgesucht wird. Es ist also letztendlich alles der Verwaltung überlassen, was beraten wird, wer aufgesucht wird. Und das alles zusammen passt uns nicht. Deswe- gen lehnen wir es ab, und wir stimmen auch gegen die Aufhebung des Sperrvermerks. Stadträtin Geißinger (Volt): Erst einmal möchte ich den Vorrednern zustimmen. Dieses Pro- jekt ist sehr erfolgreich. Wenn handgeschriebene Briefe ins Dezernat eintrudeln, dann glaube ich, weiß man, dass man etwas richtig gemacht hat. Die Dankbarkeit, die entge- genkommt, sagt uns auf jeden Fall, wir sollten weitermachen. Wir sprechen die Bürger*in- nen genau auf die Weise an, wie sie angesprochen werden wollen. Von Bevormundung kann hier beim besten Willen nicht die Rede sein. Wir reden hier von einem Angebot, das gerne angenommen wird. Niemand muss auf diese Briefe antworten. Ich finde, das ist eine super Möglichkeit, auch einmal darüber nachzudenken, weil offensichtlich nicht nur auch ältere Menschen sich im Stich gelassen fühlen, wie wir diese Menschen erreichen, welche Wege müssen wir einschreiten auch als Stadtverwaltung, um Menschen, die sich alleine und alleingelassen fühlen, besser aufzufangen. Ich finde alleine zum Beispiel die Tatsache, dass hier mit mehrsprachigen Flyern gearbeitet wird, weil ein Drittel der in Anspruch Neh- menden einen Migrationshintergrund haben, zeigt, es gibt Mittel und Wege, Menschen zu erreichen, wo man sonst häufig sagt, ist schwierig. Gerade die junge Generation, das haben jetzt auch viele Statistiken bewiesen, fühlen sich oftmals alleine und einsam. Das ist kein Problem, was man nur bei den Älteren zu finden vermag. Und noch ein Punkt dazu, wir reden hier von 52.000 Euro. Da haben wir bei Wei- tem schon mehr Geld für andere Dinge ausgegeben, und es ist eine Hilfe zur Selbsthilfe. Es ist ein einmaliges Gespräch in den meisten Fällen, und danach können diese Menschen sich selbst helfen mit Flyern und Informationen. Da frage ich mich wirklich, wo da die Kritik sein kann. Wir können nur raten, den Sperrvermerk aufzuheben und auch eine Ausweitung zu eruieren. Soziale Kontakte wurden immer wieder angesprochen, dass noch mehr Informati- onen gewünscht werden. Auch das könnte man in Angriff nehmen. Die Demografie ändert sich, und wir müssen da mitgehen. Wir werden mehr ältere Menschen haben, die solche Angebote vermutlich auch in Zukunft gerne nutzen, weil sich einfach zeigt, viele wohnen alleine. Wir werden der Sperrvermerk-Aufhebung definitiv zustimmen. Stadträtin Döring (KAL): Wie Sie wissen, stand unsere Fraktion in der letzten Wahlperiode der Idee der Karlsruher Hausbesuche skeptisch gegenüber. Groß war die Sorge, dass sich die angesprochene Personengruppe bevormundet fühlen könnte. Diese Sorge hat sich als unbegründet erwiesen, und wir freuen uns, dass die Karlsruher Hausbesuche positive – 4 – Resonanz erfahren. Sie werden als Angebot wahrgenommen, als eine besondere Wert- schätzung. Die Rückmeldung, dass über die Hausbesuche Unterstützungsleistungen be- kannt gemacht, Perspektiven eröffnet und konkrete Hilfen vermittelt werden, unterstreicht, wie wichtig die Fortführung des Angebots ist. Unsere komplette Fraktion stimmt heute der Aufhebung des Sperrvermerks zu. Stadtrat Kalmbach (FÜR): Herr Tom Høyem, der oben gerade auch ist, so wie auch ich, wir waren skeptisch bei dem Antrag. In der Tat war die Sorge, dass ältere Menschen tatsäch- lich diskriminiert werden. Aber dieses Angebot ist freiwillig und hat sich bewährt. Insofern können wir sagen, es ist ein gutes Angebot. Den Sperrvermerk aufzuheben, ist sinnvoll. Dennoch, an dieser Stelle möchte ich es betonen, wir haben jetzt eine 50-Prozent-Stelle, die ein Drittel der Stadt sozusagen abdeckt. Das auszuweiten, würde ich sehr empfehlen, dass wir auf Ehrenamtlichkeit gehen. Wir können Leute ausbilden, fördern, dass sie das sel- ber tun können. Wir dürfen nicht alles professionalisieren, was immer zusätzliche Stellen kostet. Deswegen ist es durchaus möglich, das direkt im Stadtteil zu verorten und dadurch die Menschen vom Stadtteil dafür zu gewinnen, dass auch diese Besuche von den Men- schen des Stadtteils gemacht werden. Deswegen ist es eine gute Sache, aber die Auswei- tung, glauben wir, sollte auf ehrenamtlicher Basis erfolgen. Der Vorsitzende: Wir kommen zur Entscheidung über die Aufhebung des Sperrvermerks, und ich bitte Sie um Ihr Votum ab jetzt. – Das ist eine mehrheitliche Zustimmung. Zur Beurkundung: Die Schriftführerin: Hauptamt - Ratsangelegenheiten – 29. Oktober 2024