Vorstellung Ergebnisse „Fallstudie zur biografischen Entwicklung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA)“

Vorlage: 2023/0357
Art: Informationsvorlage
Datum: 30.03.2023
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Sozial- und Jugendbehörde
Erwähnte Stadtteile: Keine Angaben

Beratungen

  • Jugendhilfeausschuss (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 24.05.2023

    TOP: 1

    Rolle: Kenntnisnahme

    Ergebnis: Kenntnisnahme

Zusätzliche Dateien

  • Informationsvorlage
    Extrahierter Text

    Informationsvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2023/0357 Verantwortlich: Dez. 3 Dienststelle: stja Vorstellung Ergebnisse „Fallstudie zur biografischen Entwicklung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA)“ Beratungsfolge dieser Vorlage Gremium Termin TOP ö nö Ergebnis Jugendhilfeausschuss 24.05.2023 1 x Information Der Jugendhilfeausschusses nimmt die Ergebnisse zur „Fallstudie zur biografischen Entwicklung in der OKJA“ zur Kenntnis. Finanzielle Auswirkungen Ja ☐ Nein ☒ ☐ Investition ☐ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☐ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☐ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates Die Gegenfinanzierung ist im Erläuterungsteil dargestellt. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) Nein ☒ Ja ☐ durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Ergänzende Erläuterungen Prof. Dr. Thomas Meyer, Dr. Sebastian Rahn Wie alle Handlungsfelder der Sozialen Arbeit sieht sich auch die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) immer wieder mit der Frage nach ihren Wirkungen konfrontiert. Leistungen und Maßnahmen der Sozialen Arbeit, respektive der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, sollten ja das jeweils intendierte Ziel erreichen. Dafür werden sie schließlich finanziert. Die Frage nach den Wirkungen OKJA ist allerdings weitaus schwieriger zu beantworten als in anderen Feldern Sozialer Arbeit. Die OKJA ist im Gegensatz zu stationären Maßnahmen, wie beispielsweise die Hilfen zur Erziehung, keine dominante Lebenswelt, so dass Wirkungen nicht so eindeutig auf die An- gebote zurückgeführt werden können. Zudem ist die OKJA anders als Angebote mit mehr oder weni- ger verpflichtendem Charakter (Kindertagesstätten, Schulen, und so weiter) geprägt durch Freiwillig- keit, Unverbindlichkeit und eine fluide Dynamik. Sie ist damit ein für junge Menschen in unterschiedli- chem Ausmaß relevanter Teil des Aufwachsens, wenngleich in einigen Fällen sicher ein wesentlicher Teil. Das Aufwachsen junger Menschen ist eingebettet in vielfältige, oftmals miteinander interagie- rende Umwelten. Zentrale Sozialisationsinstanzen sind die Familie, die Schule, die sogenannte „Peer- Group“, aber auch Medien, Organisationen der außerschulischen Bildung und Freizeitinstitutionen. Dabei kann im Einzelnen nicht immer nachvollzogen werden, welche Wirkungen diese einzelnen Sozi- alisationsinstanzen haben, zu komplex ist das Gefüge. Letztendlich sind auch Versuche, die „Effizienz“ von Angeboten der OKJA zu überprüfen, kaum möglich, weil die OKJA nicht einzelfallfinanziert ist und man so gar keine Relation zwischen Ausgaben und Wirkungen berechnen kann. Aber nicht nur Bedenken aufgrund der strukturellen Besonderheit der OKJA stehen einer Verwendung des Begriffs Wirkungen entgegen. Es gibt auch forschungsmethodische Bedenken. Zahlreiche Au- tor*innen verweisen immer wieder darauf, dass die Messung von Wirkungen allein daran scheitert, weil in der Praxis der Sozialen Arbeit beziehungsweise der OKJA keine experimentellen Designs mög- lich sind. Letztendlich sind kausale Schlussfolgerungen auf die Frage, inwiefern ein bestimmter Stimu- lus (zum Beispiel ein Angebot) zu einer bestimmten Wirkung führt, nur möglich, wenn man a) Unter- schiede zwischen mindestens zwei verschiedenen Zeitpunkten analysiert, b) man zwei verschiedene (randomisierte) Gruppen miteinander vergleicht, wobei die eine Gruppe den Stimulus erhält, und die andere nicht, und c) man andere Einflussfaktoren systematisch kontrolliert. Diese strengen Vorschrif- ten an eine Experimentalbedingung sind aber in der Praxis der OKJA nicht zu realisieren. So gibt es meist keine Vergleichsgruppe (man müsste eine per Zufall ausgewählte Gruppe aus der Jugendarbeit ausschließen) und auch die Kontrolle von potenziellen Einflussfaktoren, wie in Experimentalbedingun- gen gefordert wird, ist nicht möglich. Eine dritte Einschränkung, warum Wirkungsmessungen in der OKJA im Grunde kaum möglich sind, betrifft den Charakter der Wirkungsorientierung. Wirkungen können im Grunde nur über intendierte Zusammenfassung: Die langfristige Wirkung von offener Kinder- und Jugendarbeit wurde bisher wenig unter- sucht. Der Stadtjugendausschuss e.V. (stja) und die Stuttgarter Jugendhaus gGmbh (stjg) woll- ten es genauer wissen und haben in Zusammenarbeit mit der Dualen Hochschule Baden-Würt- temberg (DHBW) eine qualitative Fallstudie erstellt. Die Studie basiert auf Fallanalysen von Per- sonen, die über einen längeren Zeitraum Angebote der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ge- nutzt haben. Einbezogen wurde auch die Perspektive der damals tätigen Fachkräfte, die diese Jugendlichen begleitet haben. Das Ergebnis wird im Jugendhilfeausschuss von Herrn Professor Dr. Thomas Meyer vorgestellt. – 3 – Ziele und damit über die „Zielerreichung“ gemessen werden können, das heißt „dass eine Interven- tion geeignet ist, um das damit angestrebte Ziel zu erreichen“ (Burmester 2020, S. 38). Zielformulie- rungen sind jedoch keine Voraussetzung für die Teilnahme an Angeboten der OKJA. Wenn aber im Vorhinein keine Ziele vereinbart werden (können), die dann quasi im Nachhinein gemessen werden, kann auch keine Wirkung gemessen werden. Klassische Wirkungsnachweise sind in der OKJA also im Grunde unmöglich. Dennoch ist die Frage nach dem Nutzen dieser Angebote relevant, etwa in der Art, wie Sie Giesecke (2006, S. 107) formuliert: „Was kann die Jugendarbeit einem Jugendlichen bieten, was er sonst in sei- nem Lebensbereich nicht so ohne weiteres finden kann?“ Aus den genannten Gründen entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Stadtjugendausschuss Karlsruhe (STJA) und der Stuttgarter Jugend- hausgesellschaft (STJG) die Idee, anstatt einer Wirkungsmessung die biografische Bedeutung der Nut- zung von Angeboten OKJA genauer zu beleuchten. Es sollte also um die subjektive Relevanz und den damit zusammenhängenden individuell wahrgenommenen Nutzen gehen. Was liegt dabei näher, als diejenigen jungen Menschen zu befragen, die diese Angebote über lange Jahre genutzt haben, das heißt ehemalige Besucher*innen von offenen Einrichtungen. Die Begrifflichkeit „biografische Bedeu- tung“ legt weiterhin einen narrativen, erzählgenerierenden Zugang nahe, so dass beschlossen wurde, diese Ehemaligen mithilfe qualitativer Interviews zu befragen. Zusätzlich sollten aber auch die Einschät- zungen von Fachkräften, die diese jungen Menschen über einen längeren Zeitraum betreut haben, be- rücksichtigt werden. Aus diesem Grunde wurden zusätzlich zu den fallspezifischen Interviews immer auch Mitarbeiter*innen der jeweils relevanten Jugendfreizeiteinrichtungen interviewt. Die Interviews wurden in unterschiedlichen Kinder- und Jugendhäusern des Stadtjugendausschusses Karlsruhe und der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft durchgeführt. Zusammengerechnet wurden in Karlsruhe und Stuttgart insgesamt 25 Interviews in 11 unterschiedli- chen Einrichtungen durchgeführt. Dabei wurden 17 Ehemalige und 10 Fachkräfte befragt. Die Aus- wertung der Interviews wurde so vorgenommen, dass zunächst eine Sammlung sämtlicher Bedeutun- gen, die von den jungen Menschen genannt wurden, erfolgte. Daraus wurden dann insgesamt neun thematische Felder zu Kategorien verdichtet. Die befragten Ehemaligen sehen die biografische Bedeu- tung von OKJA in der Retrospektive in folgenden Themen begründet: ▪ Erfahrung von Gemeinschaft und Geborgenheit („Gemeinschaft“) ▪ Eigenes Engagement in der Kinder- und Jugendarbeit („Engagement“) ▪ Ausprobieren und Entdecken neuer Dinge („Ausprobieren“) ▪ Dialogische Auseinandersetzung mit Werteorientierungen („Wertedialog“) ▪ Unterstützung bei Schule, Ausbildung und Beruf („Schule und Beruf“) ▪ Unterstützung bei familiären und privaten Problemen („Familie und Privates“) ▪ Impulse für die eigene berufliche Orientierung („Berufliche Inspiration“) ▪ Chillen, Feiern und sonstige Freizeitaktivitäten („Chillen und Freizeit“) ▪ Identitätsentwicklung, Persönlichkeit, Erwachsenwerden („Sozialisation/Prägung“) Für die Auswertung der Interviews mit den Fachkräften wurden dann die gleichen Kategorien verwen- det, auch um die Geeignetheit der Kategorien überprüfen zu können. Die Interviews mit den Fachkräf- ten bestätigen die Validität dieser Kategorienbildung, denn in der Perspektive der Fachkräfte werden im Grunde die gleichen Themenbereiche beschrieben. Unterschiede zwischen der biografischen Selbst- deutung der Ehemaligen und der Einschätzung der Fachkräfte gibt es lediglich im Hinblick auf die Ge- wichtung dieser thematischen Nutzenfelder. Eine Quantifizierung zeigt beispielsweise, dass die Ehema- ligen vor allem die Aspekte „Gemeinschaft“, „Engagement“, „Unterstützung in Schule und Beruf“ sowie „Chillen und Freizeit“ vergleichsweise häufig nannten, während die Fachkräfte die Möglichkei- ten zum Engagement und das eigene Unterstützungshandeln stärker thematisieren. – 4 – Im Anschluss daran wurde danach geschaut, inwiefern die befragten Ehemaligen jeweils nur einzelnen Bedeutungen oder auch verschiedene Nutzungserfahrungen in Kombination genannt haben. Tatsäch- lich zeigte sich, dass alle Personen nicht nur eine „isolierte“ biografische Bedeutung, sondern meist ein ganzes Bündel an Bedeutungen beschrieben haben. Diese Erkenntnis führte schließlich zu der Vermu- tung, dass es eventuell Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Personen geben könnte, etwa im Hinblick auf die Kombination der genannten Bedeutungen. Dazu wurden die genannten Bedeutungen quanti- fiziert, indem die Häufigkeit von Textstellen zu einer bestimmten Kategorie in jedem einzelnen Inter- view berechnet wurden. Auf Basis dieser Häufigkeiten konnte dann ein statistisches Verfahren, eine sogenannte Clusteranalyse, durchgeführt werden. Diese Clusterung zeigt, dass innerhalb mancher „Fallgeschichten“ einige Bedeutungen besonders häufig in Kombination genannt wurden, andere Be- deutungen hingegen kaum beziehungsweise weniger eine Rolle gespielt haben. Die Ähnlichkeiten die- ser spezifischen Kombinationen waren die Basis für die statistische Clusterung. So konnten insgesamt drei Typen gebildet werden. Ergebnis der Clusteranalyse war zudem, dass sich die neun extrahierten Bedeutungen in unterschiedli- cher Intensität finden lassen. Einige Personen nannten im Hinblick auf ihren früheren Besuch nahezu alle neun Bedeutungen. Andere Personen erwähnten hingegen etwa die Hälfte aller extrahierten Be- deutungen und wieder andere Personen scheinen die biografische Bedeutung nur im freizeitpädagogi- schen Kontext zu verorten. Alles in allem lassen sich daher drei „Typen“ zusammenfassen: ▪ Typus 1: Diejenigen Personen, die zum Cluster 1 zusammengefasst wurden, scheinen von einer Vielzahl an Bedeutungen zu profitieren, wenn auch klassische Unterstützungsthemen (Schule/Beruf sowie Familie/Privates) sowie eine sozialisierende Funktion der OKJA dominieren. Allerdings finden sich hier auch nahezu alle anderen Bedeutungen in einer gewissen Intensität. Der Besuch eines Jugendhauses scheint also eine „existenzielle“ Bedeutung im Aufwachsen die- ser jungen Menschen gehabt zu haben. ▪ Typus 2: Betrachtet man die Personen des zweiten Clusters, so spielte das konkrete Unterstüt- zungshandeln – anders als in Cluster 1 – keine so große Rolle, wohl aber die Engagement- und Vergemeinschaftungsmöglichkeiten sowie die berufliche Inspiration. Nennungen im Bereich Freizeit, Ausprobieren und Wertevermittlung sind zudem ebenfalls relativ häufig zu finden. Alles in allem verweist dies darauf, dass diese Personen vom eigenaktiven Handeln, den Beziehungen zu Peers und dem Kennenlernen beruflicher Perspektiven in der Offenen Arbeit besonders pro- fitieren. Die Fokussierung liegt ganz klar im Bereich „Selbst-Sozialisation“. ▪ Typus 3: Beim dritten Cluster wird überaus deutlich, dass Unterstützungsbedarfe auf der einen Seite sowie Vergemeinschaftung, Engagement und berufliche Inspiration (Selbst-Sozialisation) auf der anderen Seite in nur sehr geringem Umfang eine Rolle spielen. Die in der Retrospektive wahrgenommene Bedeutung fokussiert sich auf die zur Verfügung stehenden Freiräume offener Einrichtung zum Zwecke „selbstgewählter Freizeitgestaltung“, wie etwa beim Ausprobieren, Chillen und dem Austausch beziehungsweise Dialog (mit anderen Besuchenden oder Fachkräf- ten). Dieser Befund verdeutlicht, dass die jeweiligen Typen nicht nur unterschiedliche Bedeutungen mit ih- rem früheren Besuch von Jugendfreizeiteinrichtungen assoziieren, auch die Intensität der Anzahl an Bedeutungen variiert. Daraus lässt sich folgende Schlussfolgerung ableiten: Junge Menschen profitieren in ganz unterschiedlicher Art und Weise von der Nutzung Offener Ange- bote. Je nach Bedarf und jeweiliger Lebenslage erstreckt sich diese von einer intensiven Bedeutung im Hinblick auf viele verschiedene Facetten des Lebens dieser jungen Menschen bis hin zu einer eher punktuellen Bedeutung, etwa im Hinblick auf vorwiegende Freizeitgestaltung und Freizeitinteressen. – 5 – Zudem wird auf Basis dieser Betrachtung deutlich, dass die gebildeten Typen den Charakter einer ordi- nalen Skalierung tragen: So kann vermutet werden, dass die Nutzung von Angeboten der OKJA vor allem für Personen des ersten Clusters eine besonders elementare Bedeutung im Aufwachsen gespielt hat. Das zweite Cluster nimmt eine Art Mittelposition ein und Personen des dritten Clusters haben die relevanten Angebote vor allem freizeitorientiert genutzt – eventuell auch als Ergänzung zu anderen Angeboten. Die gebildeten Typen wurden in einem zweiten Schritt noch im Hinblick auf andere Themenfelder, die ebenfalls Gegenstand der Interviews waren, genauer betrachtet. Ausgewählt wurden hierbei die The- men (Erst-)Zugang zur OKJA, Bindung an die Einrichtung und Beziehungen sowie die nachträgliche Einschätzung der biografischen Bedeutung der OKJA nach der Ablösungsphase. Was den (Erst-)Zugang zu den untersuchten Einrichtungen der OKJA betrifft, so wird die hohe biogra- fische Relevanz wiederum besonders im ersten Cluster deutlich. Von diesen Personen wurden die Ein- richtungen in vergleichsweise jungen Jahren aufgesucht und den Fachkräften wird bereits für den Zu- gang eine hohe Relevanz zugesprochen. Zudem war ihr damaliges Leben durch verschiedene Facetten der sozialen Benachteiligung geprägt. Im zweiten Cluster wird die OKJA dagegen in einem etwas hö- heren Alter erstmals aufgesucht und entsprechend stehen jugendtypische Themen (zum Beispiel Enga- gement und berufliche Orientierung) stärker im Vordergrund. Die Personen im dritten Cluster schildern schließlich „als Hintergrundinformationen“ nur selten familiäre Herausforderungen oder Problemlagen und nutzen die OKJA entsprechend vorrangig als Freizeitort. Auch in Bezug auf die jeweilige Bindung an die Einrichtung sowie die Beziehung zwischen den ehe- maligen Nutzer*innen und den Fachkräften gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Typen. So war die damalige Besuchshäufigkeit im ersten Cluster besonders hoch und auch die Beziehung zu den Fachkräften wird als äußerst intensiv geschildert. Sowohl Besuchsverhalten als auch Beziehungsintensi- tät entsprechen der hohen biografischen Bedeutung der OKJA in diesem Cluster. Im zweiten Cluster ist dagegen auffällig, dass die Einrichtungen auch außerhalb der Öffnungszeiten genutzt wurden, etwa, weil diese Besucher*innen einen eigenen Schlüssel zur Raumnutzung bekommen haben. Damit bestätigt sich die in diesem Cluster typische Bedeutung des Engagements. Im dritten Cluster wurden die Einrichtungen im Vergleich zu den anderen Typen etwas seltener besucht und auch die Beziehung zu den Fachkräften wird nicht als besonders dominant herausgestellt. Beziehungen zu den Fachkräften wurden hierbei vor allem im Kontext von „Ausprobieren“ und Freizeitaktivitäten geschildert. Interes- sant ist ferner, dass die Ablösung vom jeweiligen Jugendhaus als abrupter und weniger fluide be- schrieben wird. Diese Tendenz entspricht der in diesem Cluster dominierenden Bedeutung der OKJA als „reiner“ Freizeitort. Zuletzt bestätigt auch die Ablösungsphase in Verbindung mit der nachträglichen Reflexion der Bedeu- tung des Besuchs von Jugendfreizeiteinrichtungen die Charakteristik der Typen. Im ersten Cluster ist die zugeschriebene biografische Bedeutung am stärksten ausgeprägt, was angesichts der intensiven und langjährigen Unterstützungserfahrungen verständlich ist. Im zweiten Cluster nehmen die Befragten vor allem Bezug auf die berufliche Inspiration und schildern beispielsweise ihre aktuelle berufliche Tätigkeit im pädagogischen Bereich. Im dritten Cluster lassen sich hingegen auch Aussagen finden, dass das Jugendhaus zwar eine hohe Bedeutung hatte, aber das eigene Leben vermutlich ohne Jugendhaus auch nicht anders verlaufen wäre. Die folgende Tabelle stellt eine Zusammenfassung der Befunde dar. – 6 – Cluster 1: OKJA als Ort intensiver Begleitung und Unter- stützung Cluster 2: OKJA als Ort der Selbst-Sozialisation Cluster 3: OKJA als Freizeitort Biografische Bedeutung der OKJA • Hohe Priorität von Un- terstützungshandeln • Vielzahl unterschiedli- cher Bedeutungen • Fokus auf Gemein- schaft und Orientie- rung • OKJA als Freizeitort ebenfalls von Relevanz • OKJA vorrangig als Ort der Freizeitgestal- tung • Andere Bedeutungs- felder weniger rele- vant Zugänge zur OKJA • Früher Erstbesuch der offenen Angebote • Fachkräfte auch rele- vant für Erstzugang • Erstbesuch der OKJA teilweise erst im Ju- gendalter • Selten belastende Le- benslagen bei Erstbe- such der OKJA Bindung an Einrichtung und Bezie- hungen in der OKJA • Sehr häufiger Einrich- tungsbesuch und inten- sive Arbeitsbeziehun- gen • Hohe Verbundenheit zu Fachkräften & Ein- richtung • Eigentätigkeit der Besu- cher*innen stärker im Vordergrund (z.B. Ei- genständige Einrich- tungsöffnung) • Fokus auf die variab- len Kompetenzen der Fachkräfte • Beziehungen entste- hen über unterschied- liche kollektive Tätig- keiten Abschied und retrospektive Bewertung • Retrospektive Evalua- tion der OKJA als be- sonders relevant für den eigenen Lebens- weg • Retrospektiv vor allem Bedeutung als Inspira- tion • Gegenwärtig oftmals berufliche Tätigkeit im pädagogischen Bereich • Retrospektive Bedeu- tung vor allem als Freizeitort • Tendenz zur „Nor- malbiografie“ Insgesamt verdeutlicht die Studie, dass Angebote der OKJA aufgrund ihrer Vielfalt und aufgrund der heterogenen Besucher*innenschaft nicht eine Funktion, nicht eine Bedeutung und nicht einen be- stimmten Nutzen haben. Im Gegenteil, unsere Forschung zeigt, dass sich unterschiedliche biografische Bedeutungen finden lassen. Die Bedeutungen sind vermutlich so vielfältig, wie es die OKJA selbst ist, und die Bedeutungen sind so heterogen, wie die jungen Menschen, die diese Angebote nutzen. Dies ist auch von daher wichtig, weil sich OKJA nicht an eine definierte „Problemgruppe“ richtet, sondern offen für sämtliche Belange junger Menschen sein sollte. Gleichsam kann aber jedes „Problem“ zum Thema werden, so dass es eine wesentliche Stärke der OKJA ist, auf verschiedene Bedarfe flexibel rea- gieren zu können. Dabei erstrecken sich die von den Befragten formulierten biografischen Bedeutun- gen von einer quasi existenziellen Bedeutung, die sich in einem intensiven Unterstützungshandeln nie- derschlägt, über Potenziale des Engagements und der Vergemeinschaftung, bis hin zu Möglichkeiten des Ausprobierens und des Entdeckens von Freizeitinteressen. Damit beinhaltet OKJA sowohl Aufga- ben der Jugend(sozial)arbeit als auch beteiligungsorientierte und freizeitpädagogische Elemente. In diesem Zusammenhang erfüllt die OKJA eine zentrale Funktion im Aufwachsen junger Menschen. Des Weiteren wird in der Untersuchung deutlich, dass sich eine bestimmte Bedeutung stets in einer Wechselwirkung zwischen Nutzenden und Angeboten manifestiert, die jungen Menschen sind dabei Ko-Produzenten des Angebots und entsprechend auch der Wirkungen. Dies bedeutet: Die OKJA pro- duziert keine objektiven, standardisierten und einrichtungsübergreifend gültigen Wirkungen, sondern eröffnet vielmehr aufgrund ihrer flexiblen Struktur einen Möglichkeitsraum, der von den Kindern und – 7 – Jugendlichen in ihrer je eigenen Art und Weise und im Kontext ihrer jeweiligen biografischen Lebens- lage genutzt wird. In der Perspektive der befragten Fachkräfte zeigt sich dies in der von ihnen oftmals formulierten „Allzuständigkeit“ der OKJA. In der Perspektive der jungen Menschen spiegelt sich hinge- gen die vermutlich unvergleichlich hohe Flexibilität und die grundlegende Fähigkeit der OKJA, sich an Bedarfe junger Menschen anzupassen, sinnbildlich wider. Zentrales Ergebnis der Interviewstudie ist darüber hinaus die wichtige Bedeutung der Bindung der jun- gen Menschen an die jeweilige Einrichtung und die Beziehung zwischen Ehemaligen und Fachkräften. Beides stellt eine wichtige Basis für das Unterstützungshandeln und damit auch für die biografische Bedeutung der OKJA dar. Daraus entstanden sind schließlich Arbeitsbeziehungen, die durch die inten- sive persönliche Bindung zwischen Fachkräften, Besucher*innen und den Einrichtungen geprägt sind und teilweise über Jahre hinweg fortbestehen, und dies unabhängig davon, welche biografische Be- deutung die jungen Menschen damit verbinden. Literatur Burmester, M. (2020). Wirkung sozialer Dienstleistungen – Reflexionen zu einem uneindeutigen Begriff. In: Bur- mester, M., Friedemann, J., Funk, S., Kühnert, S. & Zisenis, D. (Hrsg.), Die Wirkungsdebatte in der Quar- tiersarbeit (S. 37–51). Wiesbaden: Springer VS. Giesecke, H. (2006). Kurzer Rückblick nach 40 Jahren auf meinen „Versuch 4“. In: Lindner, W. (Hrsg.), 1964– 2004: Vierzig Jahre Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland. Aufbruch, Aufstieg und neue Ungewissheit (S. 103–108). Wiesbaden: VS Verlag. Beschluss: Der Jugendhilfeausschusses nimmt die Ergebnisse zur „Fallstudie zur biografischen Entwick- lung in der OKJA“ zur Kenntnis.