Qualitative Befragung von Alleinerziehenden

Vorlage: 2023/0120
Art: Informationsvorlage
Datum: 01.02.2023
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Sozial- und Jugendbehörde
Erwähnte Stadtteile: Beiertheim-Bulach, Daxlanden, Durlach, Grötzingen, Grünwettersbach, Grünwinkel, Hagsfeld, Hohenwettersbach, Innenstadt-Ost, Innenstadt-West, Knielingen, Mühlburg, Neureut, Nordstadt, Nordweststadt, Oberreut, Oststadt, Palmbach, Rintheim, Rüppurr, Stupferich, Südstadt, Südweststadt, Waldstadt, Weiherfeld-Dammerstock, Weststadt, Wolfartsweier

Beratungen

  • Sozialausschuss (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 15.03.2023

    TOP: 1

    Rolle: Kenntnisnahme

    Ergebnis: Kenntnisnahme

Zusätzliche Dateien

  • Informationsvorlage
    Extrahierter Text

    Informationsvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2023/0120 Verantwortlich: Dez. 3 Dienststelle: SJB Qualitative Befragung von Alleinerziehenden Beratungsfolge dieser Vorlage Gremium Termin TOP ö nö Ergebnis Sozialausschuss 15.03.2023 1 X Information Der Sozialausschuss nimmt die Ergebnisse der qualitativen Befragung von Alleinerziehenden in Karls- ruhe 2022 zur Kenntnis. Finanzielle Auswirkungen Ja ☐ Nein ☒ ☐ Investition ☐ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☐ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☐ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates Die Gegenfinanzierung ist im Erläuterungsteil dargestellt. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) Nein ☒ Ja ☐ durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Ergänzende Erläuterungen Die qualitative Befragung von Alleinerziehenden geht auf einen interfraktionellen Antrag der GRÜNEN- und SPD-Gemeinderatsfraktion zurück (20.04.2021). Die Stadtverwaltung hat per Stel- lungnahme (06.10.2021) vorgeschlagen, ein Markt- und Meinungsforschungsinstitut mit der Durch- führung der Befragung zu beauftragen. Dementsprechend hat das Spiegel-Institut in Kooperation mit der Sozial- und Jugendbehörde und dem Amt für Stadtentwicklung ab Frühjahr 2022 anhand von qualitativen leitfadengestützten Interviews Alleinerziehende hinsichtlich folgender zentraler Themen befragt und ausgewertet: „Wohnsituation und generelle Lebenszufriedenheit“, „Finanzielle Situation“, „Vereinbarkeit von Fami- lie und Beruf“ sowie als Kernelement der Befragung: „Soziales Umfeld und Unterstützungsinfrastruk- tur“. Insgesamt wurden 20 Ein-Eltern-Haushalte aus unterschiedlichen Stadtteilen befragt. Darunter sind zwei männliche Alleinerziehende, was der statistischen Geschlechterverteilung Alleinerziehender in Karlsruhe entspricht. Der Fokus wurde insgesamt auf Personen gelegt, die im Bezug von Sozialleistun- gen sind, beziehungsweise knapp über den Anspruchsvoraussetzungen dafür liegen. Daneben wurden Nationalität, Alter sowie Alter und Anzahl der Kinder, berücksichtigt, um eine möglichst breite Streu- ung zu erreichen. Ziel der Befragung ist es, einen exemplarischen Einblick in die Lebenssituation von Ein-Eltern-Familien zu bekommen, mögliche (Informations- und Bedarfs-)Lücken im Hilfesystem zu er- kennen und die Erkenntnisse der Befragung in die Weiterentwicklung der sozialen Infrastruktur einflie- ßen zu lassen. Die Anzahl von 20 Interviews wurde gewählt, um eine hohe Erkenntnistiefe und Infor- mationssättigung zu erzielen – unter Berücksichtigung soziodemografischer Merkmale der Alleinerzie- henden. Dabei ist es der Stadt Karlsruhe ein wichtiges Anliegen, die Lebenslage „alleinerziehend“ als eine von vielfältigen Lebensformen von Familie zu begreifen und anzuerkennen sowie die Situation von Familien in Belastungssituationen allgemein zu verbessern. Die Interviews haben die Bandbreite der Lebenslage „alleinerziehend“ gezeigt: Alter und Anzahl der Kinder, das soziale Netzwerk, sozioökonomischer Status, zur Verfügung stehende Zeitressourcen et cetera prägen die persönliche Situation. Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass die Vielfalt der Ange- botslandschaft von Stadt, Kirchen, Verbänden, Vereinen, Initiativen et cetera den Befragten zum gro- ßen Teil bekannt ist und vielfach auch geschätzt wird. Die Angebote werden in unterschiedlichem Ausmaß angenommen oder genutzt. Das liegt unter anderem daran, dass die Befragten nach eigener Aussage zum Teil keine Zeit finden für die Einhaltung der Anmeldefristen, um zu recherchieren oder sich zu informieren. In einigen Fällen sind die Angebote bekannt aber die Anspruchsvoraussetzungen nicht immer geläufig. Bezüglich der bereits bekannten Unterstützungsleistungen sind einige Verbesserungspotenziale ge- nannt worden. So wurde mit Blick auf den Karlsruher Pass beziehungsweise Kinderpass geäußert, dass ein genereller Anspruch für Alleinerziehende, unabhängig von ihrer finanziellen Situation, wünschens- wert wäre. Weitere Ideen beinhalten einen Ausbau der Wochenend- und Ferienbetreuung. Zudem ist einigen Befragten eine zusätzliche direkte Unterstützung ein Anliegen, wie zum Beispiel in Form von Selbsthilfegruppen, Vorträgen und Kursangeboten oder etwa die Hilfe bei der Suche nach einer Woh- nung oder einem Kindergartenplatz. Neben einer proaktiven Ansprache und Bewerbung von Angebo- ten und Möglichkeiten durch Familienhelfer*innen als Angebot der Jugendhilfe, wurde auch eine in- tensivere Öffentlichkeitsarbeit über Social Media vorgeschlagen. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für eine bedarfsgerechte, niedrigschwellige und sozialraumorien- tierte Weiterentwicklung für Familien in Karlsruhe. Beschluss: Der Sozialausschuss nimmt die Ergebnisse der qualitativen Befragung von Alleinerziehenden in Karlsruhe 2022 zur Kenntnis.

  • Anlage Stadtentwicklung aktuell - Alleinerziehende in Karlsruhe 2022
    Extrahierter Text

    Stadt Karlsruhe Amt für Stadtentwicklung Stadtentwicklung aktuell Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 An lage SozA 15.03.2023, TOP 1 2 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 Impressum Stadt Karlsruhe Amt für Stadtentwicklung Zähringerstraße 61 76133 Karlsruhe Leiter: Christoph Riedel Bereich: Stadt- und Regionalentwicklung Dr. Andrea Hammer Bearbeitung: Benedikt Dierßen Tamiko Kehrer Kai Rohweder In Zusammenarbeit mit der Sozial- und Jugendbehörde: Regina Heibrock Jonas Nees Titelfoto: Juliane Liebermann (Unsplash.com) Auskunftsdienst und Bestellung: Telefon: 0721 133-1220 F ax: 0721 133-1209 E-Mail: stadtentwicklung@afsta.karlsruhe.de Internet: www .karlsruhe.de/stadtentwicklung Stand: Februar 2023 Gedruckt in der Rathausdrucker ei Auf 100 Prozent Recyclingpapier © Stadt Karlsruhe Alle Rechte vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Herausgebers ist es nicht gestattet, diese Veröffentlichung oder Teile daraus zu vervielfältigen oder in elektronischen Systemen anzubieten. Amt für Stadtentwicklung | 3 Inhaltsverzeichnis Hintergrund 1. Daten zu Alleinerziehenden in Karlsruhe 2. Qualitative Befragung von Alleinerziehenden 2.1 Wohnsituation und generelle Lebenszufriedenheit 2.2 Finanzielle Situation und Vereinbarkeit von Familie und Beruf 2.3 Soziales Umfeld und Unterstützungsinfrastruktur 2.4 Fazit Anhang: Interviewleitfaden 4 4 8 9 13 16 23 24 Hintergrund Alleinerziehende sind heute eine unter vielen anderen Lebensformen, die sich im Zuge der Pluralisierung der Lebensformen als Ergebnis des gesellschaftlichen und familialen Wandels in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebildet haben. Sie stehen im Alltag vor zahlreichen Herausforderungen und werden immer wieder als von Armut besonders betroffene oder bedrohte Haushaltsform eingeordnet. Alleinerziehende, insbesondere Frauen, geraten besonders häufig in Armutslagen und in den Leistungsbezug, weil sie im Falle von Lebens-, Ehe- und Partnerschaftsproblemen den Großteil der Konsequenzen privater Risiken des bisherigen familialen Lebens in ihre neue Lebensphase mitnehmen. Die Problem- und Bedarfslagen von Alleinerziehenden sind komplex. Sie sind außerdem individuell sehr verschieden und werden statistisch nicht vollständig erfasst. 1 Der sechste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2021 2 weist dies ebenso wie die Bertelsmann-Stiftung im Zuge zahlreicher Studien 3 nach. So wird etwa festgestellt, dass das „Risiko, in Armut zu leben, für alleinerziehende Familien in Deutschland von allen Familienformen am höchsten [ist]: 43 Prozent der Ein- Eltern-Familien gelten als einkommensarm, während es bei den Paarfamilien mit einem Kind 9 Prozent, mit zwei Kindern 11 Prozent und mit drei Kindern 31 Prozent sind.“ 4 Die Stadtverwaltung Karlsruhe führte im Jahr 2017 eine als Vollerhebung gestaltete Familienumfrage 5 durch. Dabei wurden sämtliche rund 26.500 Familienhaushalte im Stadtgebiet gebeten, über ihre Zufriedenheiten und eventuelle Verbesserungswünsche in zahlreichen Lebensbereichen Auskunft zu geben. Die Ergebnisse wurden getrennt nach Haushaltstypen analysiert und beinhalten aufschlussreiche Unterschiede zwischen Alleinerziehenden und Paarfamilien. Auch Karlsruher Bürgerumfragen mit anderen Schwerpunktsetzungen lassen sich in den Ergebnisanalysen nach Lebensform und somit für alleinerziehende Haushalte gesondert betrachten. Dabei zeigt sich wiederholt, dass sich 1. Daten zu Alleinerziehenden in Karlsruhe Statistische Daten Ende 2021 lebten im Karlsruher Stadtgebiet rund 26.500 Familienhaushalte mit Kindern unter 18 Jahren, wobei mit rund 6.200 etwa ein Viertel (23,6 %) alleinerziehend ist (Abbildung 1). Das Verhältnis von alleinerziehenden Müttern zu alleinerziehenden Vätern ist dabei in etwa 9:1. Unterschieden nach Stadtteilen liegen die Anteile Alleinerziehender an allen Familienhaushalten mit Kindern unter 18 Jahren zwischen 10 und 33 Prozent (Abbildung 2). Dabei sind die höchsten Anteile in der Innenstadt (-Ost: 33,2 %; -West: 29,2 %) sowie den Stadtteilen Oberreut (30,4 %), Oststadt (29,2 %) und Mühlburg (29,1 %) zu verzeichnen. Die niedrigsten Anteile sind für die Karlsruher Höhenstadtteile festzustellen (Abbildung 2). Noch kleinräumiger, auf Ebene der 70 Stadtviertel Karlsruhes, sind besonders das Mühlburger Feld (47,6 %), Oberreut – Waldlage (39,6 %) sowie der nordöstliche Teil der Innenstadt-Ost (35,6 %) durch hohe Anteile Alleinerziehender gekennzeichnet (Abbildung 3). Abbildung 1 Familienhaushalte nach Haushaltsformen in Karlsruhe 2021 76,4 21,0 2,6 Paarfamilien Alleinerziehende Mütter Alleinerziehende Väter Quelle: Amt für Stadtentwicklung | Statisitikstelle -Stand: 31.12.2021. Stadt Karlsruhe | Amt für Stadtentwicklung | Alleinerziehende in Karlsruhe 2022. % Alleinerziehende in Karlsruhe als Haushaltstyp mit zahlreichen Unterstützungsbedarfen und im Vergleich zur sonstigen Bevölkerung häufig geringeren Zufriedenheitswerten auszeichnen. Gleichzeitig zählen Alleinerziehende zu den Haushaltsgruppen mit den niedrigsten Rücklaufquoten bei Umfragen. Daher wurde Ende 2021 in Kooperation zwischen der Sozial- und Jugendbehörde und dem Amt für Stadtentwicklung ein Untersuchungsdesign entworfen, das die spezifischen Lebenslagen Alleinerziehender in Karlsruhe in den Blick nimmt: In der ersten Jahreshälfte 2022 wurde eine tiefergehende qualitative Problemlagenanalyse zur Situation der Alleinerziehenden in Karlsruhe durchgeführt. In Summe wurden vom Marktforschungsinstitut Spiegel GmbH 20 leitfadengestützte Interviews mit Alleinerziehenden im Karlsruher Stadtgebiet geführt, die danach anonymisiert an die Stadtverwaltung übermittelt und dort themenorientiert ausgewertet wurden. Die Feldphase erstreckte sich über den Zeitraum vom 13. April 2022 bis zum 15. Juni 2022. Ursprünglich angedachte ausschließliche Vor-Ort-Termine zur Interviewdurchführung mussten, vor allem aufgrund der Corona-Situation, einem etwa ausgeglichenen Mix aus telefonisch, online und face-to-face durchgeführten Befragungen weichen. Ziel dieser qualitativen Befragung von 18 alleinerziehenden Müttern und zwei alleinerziehenden Vätern war es, mögliche Lücken im Portfolio der existierenden Unterstützungsangebote in der Fächerstadt aufzudecken und zu ermitteln. Insgesamt sollte so erörtert werden, ob kommunaler Handlungsbedarf besteht und wenn ja, welche möglichen Unterstützungsmaßnahmen ergriffen werden können, um die nicht selten schwierigen Lebenssituationen von Alleinerziehenden zu verbessern. Die Ergebnisse der rund einstündigen Interviews mit Alleinerziehenden aus dem Stadtgebiet werden in Kapitel 2 vorgestellt. Als Dankeschön für die Gesprächsbereitschaft wurde am Ende der Interviews ein Karlsruher Geschenkgutschein im Wert von jeweils 20 Euro übergeben. 4 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 1 Siehe Armutsbericht der Stadt Karlsruhe https://www.karlsruhe.de/bildung-soziales/integrierte-sozial-und-jugendhilfeplanung/armut (Letzter Abruf: 12. Januar 2023, 15:04 Uhr). 2 Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2021): „Lebenslagen in Deutschland. Der Sechste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung“, abrufbar unter: https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Bericht/Der-sechste-Bericht/Der-Bericht/der-bericht.html (Letzter Abruf: 30. August 2022, 13:49 Uhr). 3 Vgl . unter anderem Lenze, Anne (2021): „Alleinerziehende weiter unter Druck. Bedarfe, rechtliche Regelungen und Reformansätze“, Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Gütersloh, 1. Auflage , abrufbar unter: https://www .bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/alleinerziehende-weiter-unter-druck (Letzter Abruf: 30. August 2022, 13:56 Uhr). 4 https://www .bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2021/juli/armutsrisiko-von-alleinerziehenden-verharrt-auf-hohem-niveau (Letzter Abruf: 8. September 2022, 16:05 Uhr). 5 Stadt Karlsruhe , Amt für Stadtentwicklung (2018): Familienumfrage 2017. Lebenssituation, Einschätzungen und Kinderbetreuungsbedarf, Beiträge zur Stadtentwicklung, Heft Nr. 54. 10,7 12,7 14,2 16,4 18,0 18,7 19,1 19,5 20,5 20,5 20,6 21,7 23,0 23,8 23,9 24,0 24,3 24,3 24,5 25,7 26,4 28,0 29,1 29,2 29,2 30,4 33,2 0,0 23,6 010203040 Hohenwettersbach Stupferich Palmbach Grünwettersbach Wolfartsweier Knielingen Beiertheim-Bulach Neureut Grötzingen Rüppurr Hagsfeld Grünwinkel Südweststadt Weiherfeld-Dammerstock Weststadt Südstadt Durlach Rintheim Nordstadt Nordweststadt Daxlanden Waldstadt Mühlburg Oststadt Innenstadt-West Oberreut Innenstadt-Ost Karlsruhe insgesamt Abbildung 2 Anteil der Alleinerziehenden-Haushalte an allen Familienhaushalten nach Stadtteilen 2021 % Quelle: Amt für Stadtentwicklung | Statisitikstelle -Stand: 31.12.2021. Stadt Karlsruhe | Amt für Stadtentwicklung | Alleinerziehende in Karlsruhe 2022. Amt für Stadtentwicklung | 5 Quelle: Amt für Stadtentwicklung | Statistikstelle | Stand: 31.12.2021. Stadt Karlsruhe | Amt für Stadtentwicklung | Alleinerziehende in Karlsruhe 2022. Quelle: Amt für Stadtentwicklung | Statistikstelle | Stand: 31.12.2021. Stadt Karlsruhe | Amt für Stadtentwicklung | Alleinerziehende in Karlsruhe 2022. Bis unter 15 % 15 bis unter 25 % 25 bis unter 35 % 35 % und mehr Anteile Ø Karlsruhe = 23,6 % Waldstadt Oberreut Daxlanden Knielingen Mühlburg Neureut Nordwest- stadt Grünwinkel Innen- stadt- West Innen- stadt- Ost Nordstadt Beiertheim- Bulach Weiherfeld- Dammerstock Rüppurr Wolfarts- weier Grünwetters- bach Stupferich Hohenwetters- bach Palmbach Durlach Grötzingen Südstadt Oststadt Rintheim Südweststadt Weststadt Hagsfeld Waldstadt Oberreut Daxlanden Knielingen Mühlburg Neureut Nordwest- stadt Grünwinkel Innen- stadt- West Innen- stadt- Ost Nordstadt Beiertheim- Bulach Weiherfeld- Dammerstock Rüppurr Wolfarts- weier Grünwetters- bach Stupferich Hohenwetters- bach Palmbach Durlach Grötzingen Südstadt Oststadt Rintheim Südweststadt Weststadt Hagsfeld Abbildung 3 Anteil der Alleinerziehenden-Haushalte an allen Familienhaushalten nach Stadtvierteln 2021 6 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 Situation der Alleinerziehenden gemäß zurückliegender Bürgerumfragen Aus der Familienumfrage 2017 6 lassen sich für Alleinerziehende eine verhältnismäßig hohe Nachfrage nach Ganztagsgrundschulen sowie ein relativ hoher Betreuungsbedarf bei weiterführenden Schulen ableiten. Überdurchschnittlich häufig von Alleinerziehenden wahrgenommene Betreuungsarten sind Mittagessen in der Schule (39,0 %, Paarfamilien: 24,3 %), Ganztagsschulen (34,3 %, Paarfamilien: 18,4 %), Verwandte/Freunde/Familien (33,8 %, Paarfamilien: 21,7 %) sowie Freizeitangebote in der Schule (26,2 %, Paarfamilien: 19,2 %). Der Anteil an Transferleistungsempfangenden ist mit 39,7 % unter Alleinerziehenden deutlich höher, als unter Paarfamilien (22,1 %). Wohngeld wird von 19,8 % der Alleinerziehenden bezogen (Paarfamilien: 7,3 %) und ALG II von 46,5 % (Paarfamilien: 8,4 %). Folgerichtig und erfreulich ist die hohe Bekanntheit und häufige Inanspruchnahme des Karlsruher Passes (23,9 %, Paarfamilien: 3,4 %) und des Kinderpasses (21,7 %, Paarfamilien: 3,5 %) durch Alleinerziehende. Ein relativ geringes gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen der Alleinerziehenden geht mit im Rahmen der Bürgerumfrage 2020 7 festgestellten hohen Wohnkostenbelastungen 8 und Versorgungsschwierigkeiten am Karlsruher Wohnungsmarkt einher. Mit einem gewichteten Pro-Kopf-Einkommen von circa 1.400 Euro liegen die Alleinerziehenden deutlich unter dem gesamtstädtischen Durchschnitt von 2.580 Euro. Dies deckt sich mit den Ergebnissen der Urban Audit Befragung 2018 9 : Dort äußern sich knapp 70 Prozent der Alleinerziehenden unzufrieden mit ihrer finanziellen Situation und etwa ein Viertel (27,4 %) berichtet von Schwierigkeiten beim Bezahlen von Rechnungen am Ende des Monats (Karlsruhe: 10,7 %). Berechnungen im Rahmen der Bürgerumfrage 2020 zeigen, dass alleinerziehende Mieterhaushalte zu überdurchschnittlichen Anteilen (43,5 %) zu den durch Nettokaltmiete und Betriebskosten nach Definition des Statistischen Bundesamts überlasteten Mieterhaushalten 10 zählen (Karlsruhe: 20,8 %). Gleichzeitig berichten in der Bürgerumfrage 2020 rund 30 Prozent (29,4 %) der alleinerziehenden Mieterinnen und Mieter von Mängeln an der von ihnen bewohnten Wohnung beziehungsweise dem von ihnen bewohnten Haus (Karlsruhe insgesamt: 23,0 %). Dementsprechend liegt der Anteil der mit der aktuellen Wohnsituation weniger oder nicht Zufriedenen mit einem Drittel (33,4 %) unter den alleinerziehenden Mieterinnen und Mietern deutlich über dem gesamtstädtischen Durchschnitt (19,8 %). Alleinerziehende berichten auffallend häufig von Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche. So hatten nahezu 90 Prozent (87,5 %) der kürzlich Umgezogenen Probleme eine Wohnung zu finden (Karlsruhe: 63,9 %). Gleichzeitig suchen rund 30 Prozent (28,1 %) der Alleinerziehenden aktiv nach einer neuen Wohnung (Karlsruhe: 16,8 %). Hauptmotiv für die Wohnungssuche ist der Wunsch nach mehr Wohnfläche. Aufgrund sozialer Bindungen und Infrastrukturen begrenzen Alleinerziehende ihren Suchradius besonders häufig auf das Karlsruher Stadtgebiet und sind seltener bereit, in die Region zu ziehen. Im Rahmen der Sicherheitsumfrage 2018 11 verweisen Alleinerziehende überdurchschnittlich häufig auf ein mangelndes Sicherheitsgefühl in Karlsruhe. Beispielsweise fühlen sich rund 70 Prozent (69,0 %) der Alleinerziehenden an Haltestellen nachts unsicher, während der Anteil unter allen Bürgerinnen und Bürgern bei etwas unter 40 Prozent (37,6 %) liegt. Darüber hinaus sind sie im Urban Audit 2018 die unzufriedenste Teilgruppe im Hinblick auf die Sauberkeit in der Stadt. Bezahlbarkeit und Zuverlässigkeit des ÖPNV werden von Alleinerziehenden im Rahmen der Urban Audit Umfrage 2018 ebenfalls überdurchschnittlich schlecht bewertet. Trotz der sich abzeichnenden Problemlagen sind nahezu alle Alleinerziehenden nach Auswertungen des Urban Audit 2018 mit dem eigenen Leben sehr oder eher zufrieden und etwas über 90 Prozent bewerten Karlsruhe als guten Lebensort für junge Familien. Darüber hinaus äußern sich Alleinerziehende im Urban Audit 2018 überdurchschnittlich häufig sehr zufrieden mit öffentlichen Grünflächen und besuchen zu überdurchschnittlichen Anteilen die Kinder- und Jugendbibliothek (Bürgerumfrage 2019 12 ). 6 Stadt Karlsruhe, Amt für Stadtentwicklung (2018): „Familienumfrage 2017. Lebenssituation, Einschätzungen und Kinderbetreuungsbedarf“, Beiträge zur Stadtentwicklung, Heft Nr. 54. 7 Stadt Karlsruhe, Amt für Stadtentwicklung (2020): „Stadtentwicklungsstrategie 2035. Wohnen und Bauen. 9. Sachstandsbericht an den Gemeinderat“, Beiträge zur Stadtentwicklung, Heft Nr. 59. 8 Die Wohnkostenbelastung gibt den Anteil des für die Wohnkosten aufgewendeten verfügbaren Haushaltseinkommens wieder. Quelle: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/08/PD22_N054_61.html (Letzter Abruf: 8. September 2022 um 15:51 Uhr). 9 Stadt Karlsruhe, Amt für Stadtentwicklung (2019): „Stadtentwicklung aktuell: Lebensqualität in Karlsruhe im Städtevergleich 2019“. 10 Laut Statistischem Bundesamt gilt ein Mieterhaushalt als überlastet, wenn mehr als 40% des verfügbaren Haushaltseinkommens für Wohnkosten aufgewendet werden muss. Quelle: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/08/PD22_N054_61.html (Letzter Abruf: 8. September 2022 um 15:51 Uhr). 11 Stadt Karlsruhe, Amt für Stadtentwicklung (2018): „Sicherheitsempfinden der Bevölkerung. 4. Sachstandsbericht zur öffentlichen Sicherheit und Ordnung 2018 - Anhangtabellen“, Beiträge zur Stadtentwicklung, Heft Nr. 56, S. 134, Anhangtabelle 4.7. 12 Stadt Karlsruhe, Amt für Stadtentwicklung (2020): „Nutzung kultureller Einrichtungen und Angebote in Karlsruhe 2019. Ergebnisse der Bürgerumfrage und Regionsumfrage 2019. Band 3 – Anhangtabellen“, Beiträge zur Stadtentwicklung, Heft Nr. 58, S. 85, Anhangtabelle 2.42. Amt für Stadtentwicklung | 7 2. Qualitative Befragung von Alleinerziehenden Quelle: Amt für Stadtentwicklung | Codewolke aus den Transkripten der 20 Interviews aus MAXQDA. Stadt Karlsruhe | Amt für Stadtentwicklung | Alleinerziehende in Karlsruhe 2022. Quelle: Amt für Stadtentwicklung | Codewolke aus den Transkripten der 20 Interviews aus MAXQDA. Stadt Karlsruhe | Amt für Stadtentwicklung | Alleinerziehende in Karlsruhe 2022. Abbildung 4 Codewolke aller 20 Interviews Neben der Analyse vorliegender Sekundärdaten über Alleinerziehende im Stadtgebiet wurde eine qualitative Studie durchgeführt, um ein umfassendes Bild der Lebenssituation Alleinerziehender zu zeichnen. Im Frühjahr 2022 wurden durch das Marktforschungsinstitut Spiegel GmbH 20 leitfadengestützte Interviews geführt, die danach anonymisiert an die Stadtverwaltung übermittelt und dort ausgewertet wurden. Ursprünglich angedachte ausschließliche Vor-Ort-Termine zur Interviewdurchführung mussten, vor allem aufgrund der Corona-Situation, einem etwa ausgeglichenen Mix aus telefonisch, online und face-to-face durchgeführten Befragungen weichen. Zur Rekrutierung gesprächsbereiter Alleinerziehender wurde über verschiedene Netzwerke auf die anstehende Studie hingewiesen. Um die Teilnahme an den Interviews attraktiver zu gestalten, wurden als Dankeschön am Ende der Interviews Karlsruher Geschenkgutscheine im Wert von jeweils 20 Euro in Aussicht gestellt. Vorab wurden neben den Kontaktdaten Nationalität, Alter sowie Alter und Anzahl der Kinder, Wohndauer in Karlsruhe und Wohn-Stadtteil, Bildung und Beruf sowie die Inanspruchnahme von Sozialleistungen abgefragt, um eine möglichst breite Streuung und möglichst realistische Abbildung der Alleinerziehendenstruktur in Karlsruhe zu erreichen. Die Auswahl von zwei Männern und 18 Frauen entspricht dem bestehenden Geschlechterverhältnis Alleinerziehender im Stadtgebiet. Insgesamt wurden im Sinne des Erkenntnisinteresses gezielt Alleinerziehende angesprochen, die im Leistungsbezug oder knapp darüber liegen. Die themenorientierte Auswertung der Interviews wurde mit Hilfe der Software MAXQDA durchgeführt. Folgende Codewolke (Abbildung 4) stellt die Häufigkeit der verwendeten Codes durch unterschiedliche Schriftgrößen dar. Wie auch der Leitfaden zur Durchführung der Interviews erfolgt die Auswertung nach den zentralen Themenblöcken „Wohnsituation und generelle Lebenszufriedenheit“, „Finanzielle Situation und Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ sowie „Soziales Umfeld und Unterstützungsinfrastruktur“. 8 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 2.1 Wohnsituation und generelle Lebenszufriedenheit Um einen möglichst angenehmen Start in die Gespräche zu finden, wurden die interviewten Alleinerziehenden zunächst um Beschreibungen der eigenen Wohnsituation, zum Wohnumfeld und dem Mobilitätsverhalten gefragt. Als Abschlussfrage für diesen Themenblock wurde auf die allgemeine Lebenszufriedenheit in Karlsruhe abgezielt. Themenunabhängig wurden von den Befragten allerdings auch an verschiedensten Stellen Aussagen getätigt, die psychosoziale Belastungssituationen beschreiben und teilweise auf Überforderungen schließen lassen. Bis auf wenige Ausnahmen haben sich diese Belastungssituationen im Lebensalltag der Befragten im Zuge der COVID-19- Pandemie verschärft. Wohnen Mit der Wohnsituation sind die befragten Alleinerziehenden größtenteils zufrieden. Einige Befragte wohnen in von der Stadt Karlsruhe bezuschussten Wohnungen, andere wohnen zur Miete bei der Volkswohnung oder stehen auf deren Warteliste. Die Suche nach einer Wohnung gestaltet sich dabei für die Befragten teilweise sehr schwierig, da sich potenzielle Vermieterinnen und Vermieter durch den Status „alleinerziehend“ oder die Übernahme der Kosten durch staatliche Stellen abgeschreckt fühlen. „Jedes Mal, wenn wir eine Wohnung besichtigt haben und ich gesagt habe, ich bin Auszubildende, habe ich die Wohnung nicht bekommen. [...] Ich weiß nicht, wo sie spielen kann. Aber Gott sei Dank gibt es in der Nähe einen Spielplatz. Da gehen wir oft hin.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 2 Jahren „Sobald der Vermieter hört ‚Sozialamt‘, ist bei denen der Schrecken da. Da wird gefragt: Wie würde das laufen? Wann würde das laufen? Man hört Sozialamt, dann wird man sofort in die schlimmste Schublade gesteckt [...].“ Alleinerziehend, vier Kinder im Alter von 2, 4, 6 und 8 Jahren Zu einer weiteren Verbesserung der Wohnsituation würde aus Sicht der Befragten etwas mehr Platz oder ein anderer Wohnungszuschnitt, wie beispielsweise ein Zimmer mehr, sorgen. Jedoch ist den Befragten dabei bewusst, dass der angespannte Wohnungsmarkt in Karlsruhe nicht viele Alternativen bietet. Darüber hinaus wären die meisten Angebote finanziell nicht leistbar, zumal die Mietkosten nur bis zu einer gewissen Höhe von staatlichen Stellen übernommen werden. Je älter die Kinder werden, desto mehr wünschen sich Geschwisterkinder ein eigenes Zimmer. So geben einige Befragten ihren eigenen Rückzugsort auf, um das vormals eigene Schlafzimmer ihren Kindern zu überlassen. „Also ich habe zwar auch einen Wohnberechtigungsschein, aber wenn keine Wohnungen frei sind, dann steht man mit dem Schein da und kann damit nichts anfangen.“ Alleinerziehend, vier Kinder im Alter von 2, 4, 6 und 8 Jahren „Jetzt bin ich ins Wohnzimmer gezogen und die Kinder haben ein Einzelzimmer. Das klappt. Aber man hat natürlich selber nicht mehr seinen eigenen Rückzugsort.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 10 und 13 Jahren Der Großteil der Befragten ist mit dem Stadtteil und auch allgemein mit der Stadt Karlsruhe als Lebensmittelpunkt zufrieden. Das viele Grün in und rund um Karlsruhe wird wertgeschätzt, ebenso die Lage der Stadt im Süden Deutschlands und das damit verbundene gute Wetter. Die schnelle Erreichbarkeit aller notwendigen Örtlichkeiten, beispielsweise mit dem Fahrrad, wird ebenfalls positiv hervorgehoben. „Mit dem Fahrrad ist man wunderbar und schnell von A nach B gekommen. Das habe ich sehr geschätzt, dass alles sehr zentral ist und doch so ein bisschen grün [...].“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 15 Jahren „Aber zum Aufwachsen ist Karlsruhe total super. Man hat alles vor der Haustür, was man so braucht. [...] Von der Lage her ist das toll, einfach, man ist im Süden, man hat gutes Wetter, man ist direkt an Autobahnen und Schnellstrecken von der Bahn. Man ist schnell überall.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren Amt für Stadtentwicklung | 9 Mobilität Die teilweise beengte Wohnsituation sorgt unter anderem dafür, dass die interviewten Alleinerziehenden mit ihren Kindern viel draußen unterwegs sind. Im Stadtgebiet wird dabei vieles mit dem Fahrrad erreicht oder auch fußläufig erledigt. „[...] Einkäufe kann ich meistens fußläufig machen. Alles was weiter weg geht, dafür stehen die Fahrräder zur Verfügung. Meine Tochter hat die ScoolCard vom Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) damit geht sie selbständig in die Schule. Es gibt auch das Carsharing, Stadtmobil, wenn es ein größerer Kauf sein sollte.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 4 und 9 Jahren Der öffentliche Nahverkehr wird sowohl von den Erwachsenen als auch den Kindern genutzt. Allerdings spielen auch hier die Kosten eine Rolle. Oftmals kann die Monatskarte für den Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) nur dank der Vergünstigungen durch den Karlsruher Pass erworben werden. Gerade in den Sommermonaten stellt das Fahrrad als Fortbewegungsmittel der Wahl eine kostenarme Alternative dar. Die Befragten, die im Besitz eines Autos sind, finden dieses für den Einkauf oder auch für Termine und Freizeitaktivitäten der Kinder nützlich. Das Auto wird auf Dauer aber auch als großer Kostenfaktor wahrgenommen. Manche der interviewten Alleinerziehenden nutzen daher das Carsharing durch Stadtmobil. Befragte ohne Auto gaben an, dass sie insbesondere die Wahl der Kinderbetreuung von der Lage im Stadtgebiet beziehungsweise von der Erreichbarkeit mit öffentlichem Nahverkehr oder Fahrrad abhängig machen müssen. „Also ich habe das Fahrzeug verkauft, als wir uns getrennt haben, weil das Auto ein extremer Kostenfaktor ist. Ich fahre viel Fahrrad und kann auch zur Arbeit mit dem Fahrrad. Ich nutze das Stadtmobil. Das ist bombastisch. Das ist so toll.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren „Öffentlicher Transport ist nicht. Die Kinder haben so viele Termine, das ist nicht mit öffentlichem Verkehr zu machen. Ich muss die schon relativ häufig mit dem Auto rumfahren.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 8 und 10 Jahren Lebenszufriedenheit & psychosoziale Belastung Im Großen und Ganzen sind die interviewten Alleinerziehenden zufrieden mit ihrem Leben. In einigen Bereichen könnte es aber nach eigener Aussage auch besser sein. Der Druck, in alleiniger Verantwortung alles unter einen Hut zu bringen, sorgt für ein großes Stressempfinden. So entsteht zwischen Job, Haushalt und den Kindern ein Spannungsfeld, in dem die Befragten oftmals keine Zeit für sich selbst finden können, um persönlichen Bedürfnissen nachzukommen. Vor allem fehlende Betreuungsmöglichkeiten, auch am Wochenende, erschweren es, neue Kontakte zu knüpfen oder Stress abzubauen. „Ich bin seit 6,5 Jahren komplett alleine. Auch keine Beziehung oder sowas. Das ist auch unmöglich, wenn man keine Zeit hat und die Kinder um einen rumschwirren. Ich kann nicht mal was trinken gehen, 1-2 Stunden. Das ist überhaupt nicht möglich. Gar nicht. [...], den Kindern fehlt auch das Männliche. Wir haben keine Männer mehr. Tante, Oma, fertig. Die haben keine männliche Bezugsperson. Das ist für die Kinder auch wichtig.“ Alleinerziehend, drei Kinder im Alter von 6, 8 und 9 Jahren „Man muss viel ausprobieren. Das hat gut funktioniert, rückblickend war das aber meine größte Herausforderung, dass ich immer hinterher war. Das arme Kind, dann der Hund, Gassi gehen, einkaufen. Das war seelisch auch immer so ein Hetzen, ein Eilen. [...] wie meine Eltern sagten, 140 %. [...] Gerade als Alleinerziehende hab ich mir Stress gemacht, weil ich mir und anderen beweisen musste, ich brauche keinen Mann. Verrückt. Echt verrückt.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 15 Jahren „Ich finde die größte Herausforderung ist einfach, dass man immer allein ist. Dass man alles alleine stemmen muss, für alles alleine verantwortlich ist, arbeiten muss, Haushalt machen muss. Das Kind, das ist wie ein 24-Stunden-Job. Man macht das alles immer selber.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 7 Jahren „Ich glaube, das Getrennterziehend-Sein ist für mich schon so ein Stück weit Leben am Limit mit einer hohen Auslastung der Ressourcen.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 4 und 9 Jahren 10 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 Teilweise wird auch von fehlender Wahrnehmung des Leistungsdrucks berichtet, unter dem die Befragten alltäglich stehen. Allgemein ist der sogenannte „Mental Load“ bei den interviewten Alleinerziehenden hoch, was sich bei manchen Befragten in körperlichen und psychischen Erkrankungen wie Burnout oder Depressionen niederschlägt. Darüber hinaus spielt auch die eigene Erwartungshaltung eine große Rolle: der Anspruch, allen Anforderungen gerecht zu werden, sozusagen „gut genug“ zu sein, ist bei allen Befragten erkennbar. Dies führt oftmals auch dazu, dass ein schlechtes Gewissen entsteht, wenn das Kind/die Kinder in Betreuungseinrichtungen gegeben wird/werden (muss/müssen) oder am Ende des Tages wenig gemeinsame Zeit mit den Kindern verbracht werden kann. „Aber manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich keine Zeit habe. Deshalb, wenn ich frei habe oder Feiertage, wo ich nicht arbeite, egal ob ich krank bin, ich muss immer mit ihr was unternehmen. Ich habe ein besseres Gefühl, wenn ich mit ihr was machen kann.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 2 Jahren „Das ist furchtbar. Manchmal hat er geweint und gesagt, Mama ich will nicht in den Hort. Und da habe ich gesagt: ‚Es geht nicht anders‘. Ich muss arbeiten gehen. Ich kann nicht zuhause bleiben. [...] Ich habe jedes Wochenende mit meinem Sohn was unternommen, weil ich meinem Kind gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte, weil er zeitlich zu kurz kam.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 16 Jahren Auswirkungen der Corona-Pandemie Die Befragten haben größtenteils durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie eine noch einmal höhere Belastung erfahren. So hat die Mehrheit der Befragten die letzten zwei Jahre und insbesondere die Zeit im Lockdown als anstrengend und kraftraubend empfunden. Die eingeschränkten Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, weniger soziale Kontakte mit Freundesgruppen und geschlossene Spielplätze zehrten an den Nerven und Kräften der Interviewten und ihrer Kinder. Auch die fehlende Betreuung durch die Schul- und Kindergartenschließungen wurde als großes Problem benannt. Durch die zeitweise geltenden Corona-Regelungen fiel auch die Ersatzbetreuung durch Familie oder das übrige soziale Umfeld weg. „Es durften nur spezielle Berufsgruppen die Kinder in den Kindergarten bringen. Für mich war das die Hölle. Meine Berufsgruppe war nicht drin. Das kam erst viel später. Das heißt, ich hatte mein Kind zuhause. Ich war berufstätig. Meiner Chefin war das egal. Die hat mir eine Woche Urlaub gegeben und dann hat sie gesagt, ich soll gucken, wo ich ihn unterbringe.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 7 Jahren Die Schulen gingen unterschiedlich an die Situation der Lockdowns heran: teilweise gab es ein direktes Auffangen des Unterrichtsausfalls durch Onlineunterricht und Hausaufgaben, teilweise aber auch nur sehr wenig Kontakt zwischen Lehrkräften sowie Schüler*innen. In einigen Fällen mussten Unterrichtsmaterialien in großem Umfang zuhause ausgedruckt und zur Kontrolle zur Schule gebracht werden. Diese Situationen haben größtenteils zu Überforderung der Kinder und auch der Befragten geführt. Als alleiniges Elternteil gleichzeitig noch die Rolle als Lehrerersatz auszufüllen, wurde als problematisch betrachtet. Auf der anderen Seite haben Befragte, die im Homeoffice waren, dadurch auch mehr gemeinsame Zeit mit dem Nachwuchs verbringen können, weil der Arbeitsweg beziehungsweise Schulweg wegfiel und gemeinsame Mittagessen und ein direkter Austausch möglich waren. „Wir haben so gestritten, das war so schlimm. [...] Unser Verhältnis hat sich so verschlechtert. Ich habe den Job der Lehrer übernommen. Ich fand das so extrem, dass ich noch Lehrer spielen musste. Das war nicht gut organisiert. Aber es waren wahrscheinlich alle überfordert. Die Lehrer genauso.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren „Auf der einen Seite war das hilflose Kind, das technisch nicht so perfekt ausgestattet war und überfordert war. Auf der anderen Seite die Mutter, die alles aufrechterhalten muss, damit die wirtschaftliche Situation beibehalten wird. Und aber zeitgleich fürs Kind da sein soll. Das hat sich überhaupt nicht vertragen. Mein Arbeitgeber war damals nicht familienfreundlich, was das angeht.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 15 Jahren „Die ersten vier bis sechs Wochen, als Homeschooling war und ich im Homeoffice, da war das herausfordernd, bis dann mein Sohn einen Arbeitsmodus gefunden hat und ich auch. Aber dann war das super. [...] Wir hatten einen besseren Austausch. Wir konnten immer zusammen Mittagessen. Wenn er ein Problem hatte, dann hat er ein Zeichen gegeben und ich konnte 10 Minuten Pause machen und drüber schauen. Ich habe mich auch wesentlich besser gefühlt während der Pandemie, weil ich alles erledigen konnte. Ich konnte mir das einteilen.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 15 Jahren „Und dann zwei Kinder, die die ganze Zeit anfangen zu streiten, das ist schon belastend. Aber für mich selber war das weniger belastend [...]. Durch den Onlineunterricht konnte ich mich mehr um den Haushalt kümmern, habe mehr Zeit mit den Kindern verbracht. Das war dann irgendwo gut.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 8 und 11 Jahren Amt für Stadtentwicklung | 11 Neben der emotionalen Belastung hat auch die teils mangelnde technische Ausstattung zu einem hohen Stressempfinden beigetragen. Die Kosten, die für das Homeschooling entstanden sind, haben manche der befragten Alleinerziehenden vor neue Herausforderungen gestellt. In vielen Fällen mussten Laptops erst neu beschafft werden. Aber als Sozialempfänger hat man nicht das neueste Telefon. Und nicht jeder Sozialempfänger hat einen Laptop zuhause, bei dem man sich anmelden konnte [...]. Man hat auch wirklich jeden zweiten oder dritten Tag in die Schule gemusst, um die Materialien abzuholen.“ Alleinerziehend, vier Kinder im Alter von 2, 4, 6 und 8 Jahren „Die finanziellen Mittel für die technische Ausstattung, das hätte mein Pensum nicht hergegeben, aber die Notwendigkeit war ja da. Zum Glück können wir uns ohne Sozialhilfe über Wasser halten, aber eben, über Wasser halten, plus ein Urlaub oder zwei. Das ist absolut drin. Aber hier, was die alles brauchen, nein. Das konnte ich mir so nicht einfach leisten. Dann war die Oma am Telefon, der Opa. Da ging das alles gut. [...] Es wurde zusammengespart und die Familie hat mitgezahlt. Viele haben von der Schule Geräte bekommen. Was aber voraussetzte, dass sie sprachlich fit sind, das zu beantragen beziehungsweise als Eltern präsent genug sind zu erkennen, was ihr Kind alles braucht. Da hatte ich den Vorteil zu wissen, was es braucht, auch Richtung Abitur. Deshalb haben wir das so gemacht, wie wir das gemacht haben. Aber das war eine kleine Challenge.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 15 Jahren Zusammenfassung – Wohnsituation und generelle Lebenszufriedenheit Insgesamt zeigen sich die Interviewpartner*innen mit ihrer Wohnsituation größtenteils zufrieden. Allerdings würden sich die meisten insgesamt etwas mehr Wohnraum wünschen. Insbesondere in Haushalten mit mehreren Kindern lässt sich der Wunsch nach eigenen Zimmern für jeden nicht immer erfüllen. Als zentraler Faktor werden die Mietkosten genannt, die ohne staatliche Unterstützung teils nicht gestemmt werden könnten. Manche berichten auch von schlechten Erfahrungen bei der Wohnungssuche sobald die Übernahme der Wohnkosten von staatlicher Seite thematisiert wird. Die Stadt Karlsruhe wird als Lebensmittelpunkt von den Befragten durchgängig geschätzt und als sehr gut wahrgenommen. Die Lage der Stadt im Südwesten Deutschlands, die Grün- und Freiflächen, die vorhandenen Infrastrukturen und auch die schnelle Erreichbarkeit von Zielen innerhalb des Stadtgebiets wurden besonders positiv hervorgehoben. Unterwegs sind die Befragten dabei hauptsächlich mit Fahrrad und öffentlichem Personennahverkehr. In wenigen Fällen ist auch ein Auto vorhanden oder es wird auf das Angebot des Carsharings durch Stadtmobil zurückgegriffen. Eine hohe Anspruchshaltung an sich selbst, mangelnde Anerkennung im direkten Umfeld und der Druck, sich um Job, Haushalt und Kinder größtenteils alleine kümmern zu müssen, sorgen für eine hohe psychosoziale und emotionale Belastung bei den Befragten und teilweise auch entsprechende Krankheitsbilder. Erschwerend kamen die Auswirkungen der Coronapandemie hinzu. Hier sorgte das Angebot an Homeoffice für teilweise Entlastung, während gleichzeitig der gestiegene Betreuungsbedarf bei den Kindern wegen Unterrichtsausfall oder aufgrund zurückgefahrener Freizeitaktivitäten für Spannungen sorgte. Die technische Ausstattung der Kinder für den Onlineunterricht stellte für manche der Befragten eine finanzielle Herausforderung dar. 12 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 2.2 Finanzielle Situation und Vereinbarkeit von Familie und Beruf Wie bereits in der einführenden Sekundärdatenanalyse und auch durch zahlreiche nationale Studien belegt, ist die finanzielle Situation Alleinerziehender besonders angespannt. Ihnen steht meist ein relativ niedriges Einkommen zur Verfügung. Demzufolge ist die Inanspruchnahme von unterstützenden Sozialleistungen innerhalb der Gruppe der Alleinerziehenden besonders ausgeprägt. Sie stehen vor besonderen Herausforderungen, wenn sie aktiv am Erwerbsleben teilnehmen möchten. Je nach Lebensalter der Kinder und auch nach eigenem Stand in der Ausbildungs- oder Berufskarriere gestaltet sich das Verfolgen beruflicher Ziele unterschiedlich schwierig. Um dieses sensible Thema zu beleuchten, wurde nach dem Bezug von Sozialleistungen gefragt und insgesamt um eine Einschätzung der eigenen finanziellen Lage gebeten. Bei den erwerbstätigen Gesprächspartner*innen stellten Einschränkungen der Erwerbstätigkeit aufgrund der Betreuung der Kinder ein zentrales Gesprächsthema dar. Wiederum alle interviewten Alleinerziehenden wurden nach den organisatorischen Abläufen und dem Zeitmanagement im Lebensalltag gefragt. Haushaltsführung, zahlreiche teils berufliche Termine, gemeinsame Zeiten mit dem Kind oder den Kindern sowie Freizeitaktivitäten der Kinder gilt es hier in Einklang zu bringen. Finanzielle Situation Auf den befragten Alleinerziehenden lastet zumeist ein enormer finanzieller Druck. Insbesondere unvorhergesehene Ausgaben bereiten Schwierigkeiten, wenn beispielsweise eine Waschmaschine kaputt geht, das Auto in die Werkstatt muss oder Sonderausgaben für die Kinder aufkommen. Trotz bewusstem und sparsamen Haushalten ist teilweise auch die Sorge vor der finanziellen Zukunft insbesondere im Hinblick auf steigende Mietkosten, das heißt Kaltmieten aber auch Mietnebenkosten für Energie und allgemein höhere Preise erkennbar. „Manche Sachen schiebt man, man gewöhnt sich eine ‚Schiebmentalität‘ an. Obwohl ich ein Mensch bin, der sehr gerne seine Dinge gleich erledigt, sei es Rechnungen und so weiter, aber das kannst du nicht immer. Plötzlich passiert irgendwas und dann denke ich: ‚Super‘. Das Auto brauche ich. Ich muss es reparieren lassen. Aber wenn ich das reparieren lasse, kann ich die Rechnung nicht zahlen. Dann muss ich schieben. Dann kriegst du eine Mahnung und rufst bei dem Laden oder der Firma an. Also man kommt auch ganz schnell, was ich ganz schrecklich finde, in eine Bittsteller- Situation. Ich finde das schrecklich. Man möchte seine Dinge sehr gerne sofort erledigen, aber man kann das nicht, weil die finanziellen Mittel nicht da sind.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 16 Jahren „Das ist auch das, wo ich sage, das ist schwierig, wenn man überlegt, dass man für einen Wocheneinkauf 50 Euro gezahlt hat und jetzt über 100. [...] Wenn ich alleine wäre, da würde mir das Geld vorne und hinten reichen. Aber mit dem Kind ist das anders. Das braucht Klamotten, das braucht Schuhe, dies und das. Schulförderungen dies, das, et cetera. Da ist halt viel, wo bezahlt werden muss. Das wird vom Kind gebraucht. Und wenn es noch ein Kind ist mit speziellen Bedürfnissen, dann wird das noch schwieriger.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 6 Jahren „Diesen Monat ist das eine Katastrophe, gerade weil mein Sohn Geburtstag hatte und der Landschulheimbesuch meiner Tochter. Solche Sachen. Und bis ich das erstattet bekommen habe von der Teilhabe, dauert das auch wieder. Es gibt wirklich Monate, wo ich am Ende jeden Euro umdrehen muss. Ich bin auch gespannt, wie die Nachzahlung sein wird, wo die Gaspreise hochgegangen sind und alles. Ich hoffe nicht zu heftig.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 8 und 11 Jahren Vereinbarkeit von Beruf und Familie Die berufliche Situation der Befragten ist unterschiedlich. So befinden sich manche in Ausbildung, einige arbeiten, wieder andere sind auf Arbeitssuche. Ein Großteil der Beschäftigten arbeitet in Teilzeit. Dabei würde eine Vollzeitstelle als durchaus zuträglicher für die finanzielle Lage angesehen, ist aber häufig aufgrund der eingeschränkten Kinderbetreuung nicht realisierbar. Einige der Befragten erhalten zudem ALG II. In seltenen Fällen würde eine Beschäftigung nicht unbedingt zu einer Verbesserung der finanziellen Situation beitragen. Grundsätzlich ist der Wille zur Arbeit vorhanden – der Wunsch, dem Kind/den Kindern etwas beziehungsweise mehr bieten zu können, ist bei allen Befragten offensichtlich. „Ich hätte wahnsinnig gerne viel früher gearbeitet. Nur es ist sehr schwer, ich weiß nicht, wie oft ich beim Jobcenter stand und gesagt habe: ‚Ich brauche eine Arbeit‘. Ich kriege einen Koller zuhause. Ich wurde in unzählige Maßnahmen nach der anderen katapultiert, die mich null vorangebracht haben. Man sagt ja, die helfen alleinerziehenden Müttern, Ausbildung dies und das. Die preisen das auch so an. Da war aber nichts von zu spüren. Das war so, du bist hingegangen, hast bisschen Bewerbungstraining gehabt. Aber das war’s im Großen und Ganzen alles.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 6 Jahren Amt für Stadtentwicklung | 13 „Das Problem ist, man will ja arbeiten, auch wenn man Kinder hat und alleine ist. Man will ja der Gesellschaft auch gerecht werden und nicht nur daheim sitzen.“ Alleinerziehend, drei Kinder im Alter von 6, 8 und 9 Jahren „Mir wurde schon gesagt, würde ich jetzt arbeiten, dann verbessert sich meine finanzielle Situation auch nicht wirklich, da ich alleinerziehend bin und da ich am Anfang keinen großen Lohn haben werde. Also finanziell werde ich nicht viel mehr haben. Das bedeutet, ich werde monatlich wieder weiter sparen müssen für Möbel und andere Sachen. Möbel, Auto, alles. Auto kaufen kann man auch billig. Es geht um Versicherung, Steuer, Reparaturen. Also das ist das, was ich persönlich nicht schaffe mit Hartz IV. Das ist schwer vorstellbar, dass ich spare. Oder ich muss dann auf was verzichten, aber ich weiß nicht auf was, wenn ich schon auf Urlaub verzichte. Ich weiß nicht, auf was ich noch verzichten soll. Deshalb sind wir jetzt mit dem Fahrrad unterwegs.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 2 Jahren Die Kinder der Befragten sind größtenteils in Ganztageskindergärten oder in Ganztagesschulen untergebracht. Oftmals nehmen sie die Hortbetreuung in Schulen wahr. Eine ganztägige Betreuung ist notwendig, da die Öffnungszeiten der jeweiligen Einrichtungen sonst mit den Arbeitszeiten kollidieren würden. Dennoch haben viele Interviewten ein schlechtes Gewissen ihren Kindern gegenüber, weil die gemeinsame Zeit dadurch gefühlt zu kurz kommt. Häufig wird das fehlende Angebot an Wochenendbetreuung bemängelt, gerade wenn auch am Wochenende gearbeitet werden muss. Dies erschwert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch sind die interviewten Alleinerziehenden auf das Verständnis ihres Arbeitgebers und der direkten Kolleg*innen angewiesen. Hier wird von unterschiedlichen Erfahrungen berichtet: von wenig oder komplett fehlendem Verständnis bis hin zu Arbeitgebern, die flexibel auf die Bedürfnisse der Befragten eingehen, was beispielsweise den Zeitpunkt des Arbeitsbeginns betrifft. Sofern Homeoffice vom Arbeitgeber angeboten wird, führt dies in der mehrheitlichen Auffassung zu einem verbesserten Verhältnis zu dem Kind/den Kindern. Weitere Probleme wurden gerade zu Lockdownzeiten aufgeworfen, als zum Beispiel bei Arztterminen keine Kinder mitgenommen werden durften oder beim Homeschooling die Lehrerrolle übernommen werden musste. „[...] früher gab es eine Situation, da musste ich auch mal am Wochenende arbeiten. Da war mein Chef so tolerant, dass er gesagt hat, ich kann meinen Sohn mitnehmen. Mein Sohn ist eine Zeit lang mit mir im Büro gewesen, wenn ich Überstunden machen musste. Das war auch ok für mich und das war entspannt. Die Arbeitskollegen, jeder hat mit ihm gespielt. Das war toll und da war er bisschen größer und konnte sich mal hinsetzen. [...] Aber ansonsten muss ich sagen, hat man immer ein schlechtes Gewissen. Natürlich. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein Sohn zu kurz kommt. Immer.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 16 Jahren „Mit der Teilzeitarbeit, die 30 Stunden, sind für mich quasi, dass ich den Alltag gut finanziert bekomme und ich das Gefühl habe, ich kriege Arbeit und Privates einigermaßen hin. Das ist aber schon grenzwertig. Ich würde mir für die Kinder wünschen, weniger zu arbeiten, um mehr Zeit zu haben. [...] Wir haben mittwochs Teamsitzungen von fünf bis halb acht. Alle zwei Wochen. Dann heißt das, wie organisierst du das? Da muss man selber eine Lösung finden. Man muss auf der Arbeit verfügbar sein. Man hat unter den Bedingungen den Job angenommen und man weiß, das muss man organisieren. Das macht man auch, man findet eine Lösung. Aber man wird zurückgeworfen. Das ist manchmal schwierig. Oder im Seminar fahren wir einmal im Jahr weg. Das muss man auch organisieren. Das ist mit zwei Kindern auch nicht so einfach, weil man für jedes Kind einen Platz will. Aber das ist dann halt unheimlich aufwändig. Das wird auch nicht gesehen, was man im Hintergrund macht, damit das stattfindet.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 10 und 13 Jahren Zeitmanagement Strukturierte Planung und Organisiertheit sind wichtig, um den Job, den Haushalt und die Kinder unter einen Hut zu bringen. Doch diese herausfordernde Aufgabe gelingt den Befragten nicht immer. Maßgeblich dafür ist auch die Vereinbarkeit des Berufs mit den Hort- beziehungsweise Kindergartenöffnungszeiten und Schulzeiten, die teilweise mit den Arbeitszeiten der Alleinerziehenden kollidieren. Zusätzlich müssen Arzttermine (oder auch Termine bei der Logopädie und Ergotherapie), Termine mit Familienhelfer*innen oder auch Freizeitaktivitäten des Kindes/der Kinder alleine gestemmt und koordiniert werden. „Ja, also wenn man arbeiten geht, ist das schon bisschen knapp, die Zeit. Ich bin auf Bahn und Bus angewiesen. Wenn ich bis kurz vor knapp arbeite, da muss nur eine Bahn zu spät kommen.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 7 Jahren 14 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 „Wir haben verschiedene Termine bei der Verhaltenstherapie, bei der Lernhilfe, bei Ärzten. Da muss ich schauen, dass das irgendwie Drumherum, dass ich das organisiere und er nicht viel Schule verpasst. Durch den Arbeitgeber habe ich gute Möglichkeiten und auch durch das Homeoffice, wann ich arbeite, nicht arbeite. Oder dass ich mich abends nochmal hinsetze. Das ist ganz gut. Meine Tochter ist sehr selbstständig. Da muss ich auch immer schauen, dass ich sie nicht vernachlässige, weil das ganz gut läuft. [...] Jeden Montagmorgen schaue ich, was bringt die Woche mit sich. Dann schaue ich, dass ich das meist einen Tag vorher organisiere. Habe auch gute Kollegen, wo ich wirklich das Glück habe, dass da Verständnis da ist, und ich mal früher aus einem Termin muss.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren Zeitmangel führt manchmal dazu, dass etwas auf der Strecke bleibt: sei es die gemeinsame Zeit mit den Kindern, oder aber auch die Hausaufgabenkontrolle. Gerade für Letzteres wird entweder sehr viel Zeit aufgewendet oder es bleibt am Ende des Tages gar nicht erst Zeit dafür übrig. „Ich kriege es zeitlich nicht hin, seine Hausaufgaben zu kontrollieren. Wenn ich abends um 16 Uhr nachhause komme, dann gehe ich einkaufen, dann hänge ich die Wäsche ab, räume den Geschirrspüler aus. Dann ist wieder Zeit fürs Essen vorbereiten oder das eine Kind muss zum Flöten oder irgendwo. Man hat keine Zeit für die Hausaufgaben oder sich um Schulthemen zu kümmern.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 10 und 13 Jahren „Ich gehe dann mit der Kleinen einkaufen. Dann muss ich kochen. Hausaufgaben kontrollieren. Wir hocken abends noch da, wenn nicht grad Fußball oder irgendwelche Therapie ist. Mittlerweile hat man keine Hausaufgaben fertig. Kriegen wir nicht hin.“ Alleinerziehend, drei Kinder im Alter von 6, 8 und 9 Jahren Zeitmanagement wird insgesamt häufig als große Herausforderung im Alltag gesehen. Unvorhergesehenes erfordert oft auch spontanes Handeln. Um das Zeitmanagement dennoch gut im Griff zu haben, werden dann auch mal persönliche Wünsche der Alleinerziehenden nach eigenen Aktivitäten oder Auszeiten zurückgestellt. Demnach ist das Bewusstsein zwar vorhanden, dass ein gewisses Maß an Selbstfürsorge durchaus wichtig ist, aber sich auch mal „Zeit für sich“ zu nehmen, gelingt den Befragten nicht immer. „An manchen Tagen habe ich das Gefühl, ich bin wie am Ertrinken. Und an anderen Tagen bin ich richtig strukturiert und kriege alles unter einen Hut und alles ist ganz getaktet und gut geordnet zeitlich. Aber phasenweise. Ich habe leider noch nicht den organisatorischen Dreh raus, das langfristig zu halten.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 8 und 11 Jahren „Wobei die Zeit für mich selbst dann häufig mit Kindern, Studium oder der Tätigkeit aufgefüllt wird. Ich gebe mir Mühe und ich glaube, das ist ein Lernfeld, sich das zu erlauben, dass das wichtig und richtig ist, mir die Zeit zu nehmen und dass das keine verschwendete Zeit ist.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 4 und 9 Jahren „Oder manchmal sage ich auch Dinge ab, die mir Spaß gemacht hätten. Also Besuche von Freunden. Freizeitaktivitäten streiche ich dann, damit ich das Gefühl habe, jetzt läuft es einigermaßen, jetzt habe ich den Überblick.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 15 Jahren Zusammenfassung – Finanzielle Situation und Vereinbarkeit von Familie und Beruf Die finanzielle Situation der interviewten Alleinerziehenden ist angespannt. Angst vor zunehmender Inflation und steigenden Energiekosten wird häufig geäußert. Unvorhergesehene Ausgaben erhöhen den finanziellen Druck, der auf den Befragten lastet, zusätzlich. Die erwerbstätigen Interviewten sind zumeist in Teilzeit beschäftigt, was vor allem in zeitlichen Restriktionen der Betreuungsangebote begründet liegt. Diese mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann auch nicht durch Ganztagsbetreuung (wie Ganztagsschulen, Ganztagskindergarten oder Schulen mit anschließender Hortbetreuung) aufgefangen werden. Eine gewisse Flexibilität des Arbeitsgebers und Verständnis bei den Kolleginnen und Kollegen für die besondere Situation der Interviewten werden als wichtige Voraussetzungen angesehen, um die berufliche Situation als alleinerziehende Person zu meistern. Neben dem finanziellen Druck wird auch der Zeitmangel als eine der größten Herausforderungen benannt. Strukturierte Planungen sind für die Befragten essenziell, um den Alltag bewältigen zu können. Persönliche Freizeit stellt in den meisten Fällen eine Ausnahme dar, und die Koordination diverser Termine kommt einer anspruchsvollen Jonglage gleich. Amt für Stadtentwicklung | 15 2.3 Soziales Umfeld und Unterstützungsinfrastruktur Ein Kernelement der vorliegenden Studie ist die Bekanntheit und Nutzung der in Karlsruhe vorhandenen Unterstützungsinfrastruktur für Familien sowie die Erfassung möglicher Verbesserungsbedarfe. Die große Bandbreite an existierenden Unterstützungsangeboten ist den potenziellen Nutzer*innen in unterschiedlichem Ausmaß bekannt und wird aus verschiedenen Beweggründen mehr oder weniger in Anspruch genommen. Um den unterschiedlichen Nutzungsumfang und auch Bedarf der Interviewten einordnen zu können, wurden zunächst deren soziales Umfeld sowie das Verhältnis zum anderen Elternteil beleuchtet. Soziales Umfeld Um Familie und Beruf zu vereinbaren sowie generell Entlastungssituationen im Alltag zu realisieren, ist das soziale Umfeld der Alleinerziehenden ein wichtiger Faktor. Als hilfreich werden dabei nahe wohnende Eltern und in wenigen Fällen auch die ehemaligen Partner*innen der Interviewten angesehen. Je nach Greifbarkeit solcher Hilfestellungen innerhalb des privaten Beziehungsnetzwerks kommen organisierten Unterstützungsinfrastrukturen unterschiedliche Stellenwerte zu. Das soziale Umfeld der befragten Alleinerziehenden ist recht unterschiedlich ausgeprägt. So reicht die Spanne von wenig Freunden und Bekannten sowie keine Verwandten in der Nähe bis hin zu einem stabilen Netzwerk aus Familie und Freunden. Zum Teil unterstützen sich auch Alleinerziehende gegenseitig oder es werden nachbarschaftliche Kontakte oder Schwiegereltern als soziales Umfeld und Unterstützungsoption wahrgenommen. „Das Problem ist, ich habe niemanden hier. Ich bin ganz alleine hier. Keine Oma, kein Opa, Tante. Das ist halt das Problem. Und an Feiertagen muss ich auch arbeiten. Und wenn ich arbeite, muss ich jemanden bezahlen, damit ich arbeiten gehen kann.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 2 Jahren „Man schafft sich Entlastungen, das sind dann andere Netzwerke. Es waren Freunde oder Kollegen, die kurz eingesprungen sind und das Kind abgeholt haben, weil ich nicht da war oder die ein Auto hatten und mir das Kind bringen konnten. Was sonst Oma oder Opa gemacht hätten, aber das ist bei uns nicht so. Sie kennt das aber so. So ist sie aufgewachsen.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 15 Jahren Vielfach angesprochen wird die Tatsache, dass auch die Eltern der Alleinerziehenden, ebenso wie die Schwiegereltern, nicht mehr in dem Maß unterstützen können wie noch vor einigen Jahren, weil sie beispielsweise körperlich nicht mehr so fit sind oder bei Themen wie dem Homeschooling durch geringe Technikaffinität nicht wirklich aushelfen können. Durch die Coronapandemie war es zudem erschwert, das soziale Umfeld zu nutzen oder neue Kontakte und Freundschaften zu knüpfen. „Meine Eltern waren mit dem, was im Homeschooling zu machen ist, kognitiv überfordert. [...] YouTube, PDF – bis ich denen erkläre, wie das zu machen ist, habe ich das selber gemacht. Ja, und das heißt eine Elternrolle wäre nicht eine Elternrolle, wenn man sie kurzfristig schnell delegieren könnte. Insofern [...] war ich schon froh, dass Eltern in der Nähe waren. Das war auch ein Vorteil gegenüber denen, die das nicht hatten. Aber es hat das Problem auch nicht aufgefangen.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 8 und 10 Jahren 16 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 Unterstützungsinfrastruktur Ein Fokus der durchgeführten Interviews waren mögliche Lücken im Portfolio der existierenden städtischen Unterstützungsangebote. Im Verlauf der Gespräche wurden unter dem Oberbegriff der Unterstützungsinfrastruktur mehrere Institutionen und Angebote genannt, die grundsätzlich auch für Alleinerziehende greifen. Daneben wurde stets um eine Einschätzung bezüglich der eigenen Informiertheit der Befragten über bestehende Unterstützungsangebote gebeten. „Unterstützung durch den Allgemeinen Sozialen Dienst Der Allgemeine Soziale Dienst (von den Befragten meist als „Jugendamt“ bezeichnet) dient den befragten Alleinerziehenden in vielen Bereichen als erste Anlaufstelle. Jedoch berichten die Befragten, dass die Qualität der Unterstützung abhängig von der einzelnen Ansprechperson ist, die die Alleinerziehenden betreut. So gibt es überaus positive Erfahrungen mit den Ansprechpersonen dort, die viel helfen, Tipps geben und Möglichkeiten aufzeigen. Teilweise wird aber auch mehr Unterstützung gewünscht. Vereinzelt sind Befragte aber regelrecht enttäuscht von der nach ihrer Ansicht mangelnden Unterstützung. Dabei wird auf personelle Engpässe oder auf unzureichende Schulung von Ansprechpersonen für die jeweilige Situation hingewiesen. „Die Betreuerin die ich habe, die hat nicht jeder – dass da proaktiv auf die Menschen zugegangen wird und man hat nicht das Gefühl, man muss alles selber rausfinden und gucken. Da kann ich mir vorstellen, dass das eine Hilfeleistung für Alleinerziehende wäre. Man ist in seinem Alltag und man muss organisieren und gucken, wie man alles hinkriegt.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren „Dann habe ich mich beim Jugendamt gemeldet. Ich muss auch am Wochenende arbeiten. Da haben die gesagt, die würden die Wochenenden übernehmen, aber wenn ich Frühdienst arbeiten soll oder ambulanten Dienst habe, wo ich unbedingt um 6 Uhr anfangen soll, da habe ich keine Unterstützung. Die haben gesagt, ich soll die Ausbildung abbrechen. Aber das will ich auch nicht, weil das finanziell ein Problem ist. Das wird dann schlimmer.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 2 Jahren „Ich bin alleinerziehend von Anfang an. Die Dame ist mir da unglaublich zur Seite gestanden und hat mich rechtlich und menschlich wirklich beruhigt und geholfen, muss ich ehrlich sagen. Ich konnte sie auch immer kontaktieren, wenn er mir wegen irgendwas gedroht hat oder so. Ich konnte sie immer anrufen.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 16 Jahren Beziehung zum anderen Elternteil Knapp die Hälfte der befragten Alleinerziehenden berichtet, dass kein Kontakt zum anderen Elternteil besteht. Dies liegt teilweise in einer schwierigen Trennung oder auch der großen räumlichen Distanz begründet. Es gibt aber auch Fälle, in denen die Kinder selbst den Kontakt ablehnen. Wenn ein Kontakt zum anderen Elternteil besteht, gibt es zumeist einen regelmäßigen Austausch. Die Aufteilung der Betreuungszeiten wird dabei unterschiedlich gehandhabt. Oftmals sind die Kinder jedes zweite Wochenende beim anderen Elternteil, teilweise werden aber auch spontane Absprachen getroffen. Auch die Ferienbetreuung wird uneinheitlich gehandhabt, in den allermeisten Fällen übernehmen die Befragten hier den größeren Anteil der Betreuung während der Ferien. In wenigen Fällen besteht zwar Kontakt zum ehemaligen Partner/zur ehemaligen Partnerin, aber es besteht kein Interesse, die Kinderbetreuung zu übernehmen. Die Beziehung der Alleinerziehenden zum Expartner/zur Expartnerin wird häufig als schwierig beschrieben. Durch die vorangegangene Trennungssituation handelt es sich zumeist um ein angespanntes Verhältnis, manchmal auch weil neue Lebenspartner*innen im Spiel sind. Die befragten Alleinerziehenden nehmen die Situation zumeist so wahr, dass der Großteil der Kinderbetreuung letztlich auf sie zurückfällt. „Also mein Ex, würde er meine Tochter zu sich nehmen [...], dass sie bei ihm schläft, dass ich die Möglichkeit habe, ein bis zweimal in der Woche normal zu schlafen, das wäre eine große Hilfe. Aber er möchte das nicht. Er möchte normal schlafen, auch am Wochenende. Ich habe ihm auch vorgeschlagen, dass sie bei ihm am Samstag schläft. Er hat gesagt, er will am Wochenende Wochenende haben, weil er die ganze Woche arbeitet.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 2 Jahren „Die zwei Väter kommen auch her, im Wechsel ist dann das Kind alleine da, dann das andere. Was auch schön ist, wenn man nur ein Kind hat. Auch für das Kind selber. Aber die eigenen Freiräume, dass man mal ein komplettes Wochenende ganz frei hat. Samstag ist der einzige Tag. Sonntag kommen die wieder, manchmal um 15 Uhr, weil da irgendwas ist. Also ich glaube, dass man als Mutter verfügbar ist, das wird schon erwartet. Und man will auch für die Kinder da sein. Das ist immer der Konflikt. Man kann nicht sagen: ‚Ja, da bin ich halt nicht da.‘. Dann weiß ich, da ist das Kind alleine zuhause. Das ist auch doof.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 10 und 13 Jahren Amt für Stadtentwicklung | 17 „Ich war mit allem ziemlich überfordert. Ich habe mein Kind gehabt, um das ich mich gerne gekümmert habe, logisch. Haushalt, Job hast du noch gehabt. Dann musstest du dich um einen Kindergartenplatz kümmern. Das war auch ein zeitlicher Faktor, der schwierig war. Da hat man manchmal gedacht, man dreht durch. Man wusste gar nicht, was man zuerst machen soll. Da hätte man sich gerne gewünscht, dass man sagt: ‚Frau x, wir haben da und da für Sie angerufen und da könnte eine Chance sein.‘. [...] Ich weiß, das ist viel verlangt vom Jugendamt. Alle haben viel zu tun. Aber da hätte ich mir mehr Hilfe auch vom Organisatorischen her gewünscht.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 16 Jahren „F amilienhilfe Für Situationen, in denen einzelne Beratungsgespräche nicht ausreichen, kann eine Begleitung für einen gewissen Zeitraum notwendig sein. Die Familienhilfe stellt für viele Alleinerziehende eine große Hilfe dar und wird daher gern in Anspruch genommen. Dabei unterstützen die Familienhelfer*innen gezielt dort, wo Hilfe benötigt wird. Sie helfen beim Ausfüllen von Anträgen, weisen auf weitere Angebote und Möglichkeiten für Alleinerziehende hin und gelten generell als Ansprechpartner*innen für die Alleinerziehenden in vielfältigen Belangen. Teilweise unternehmen Familienhelfer*innen auch Ausflüge mit den Kindern, allerdings wird sich hier noch etwas mehr Entlastung gewünscht. „So das Typische, was man mit einem Sohn macht. Das hat halt immer gefehlt. Deswegen bin ich damals durch das Jugendamt auf den Verein aufmerksam geworden. Das wird auch durch das Jugendamt finanziert. Da habe ich die Unterstützung beziehungsweise mein Sohn hat einen männlichen Ansprechpartner, mit dem er was unternehmen kann. Die typischen Sachen, die man sonst mit einem Vater unternimmt.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren „Entlastung wäre, wenn jemand kommen würde und sagen würde: ‚So, du hast paar Stunden frei und ich gehe mit deinen Kindern ins Schwimmbad.‘.“ Alleinerziehend, drei Kinder im Alter von 6, 8 und 9 Jahren „Ich denke, dass vielleicht Kurse hilfreich wären, was Struktur und Motivation angeht oder Zeitmanagement. Das ist etwas, das ich besuchen würde [...]. Finanziell gesehen werde ich schon unterstützt und alles. Aber die Organisation, da habe ich meine Probleme manchmal, wie kriege ich das alles unter einen Hut, dass man da alleinerziehende Eltern fördern kann.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 8 und 11 Jahren „Psychologische Beratung Die Psychologischen Beratungsstellen Ost und West sind zwei Erziehungs- und Familienberatungsstellen der Sozial- und Jugendbehörde der Stadt Karlsruhe. Diese Beratungsstellen wurden von einigen Befragten auch in Anspruch genommen: Zum einen von den Alleinerziehenden selbst, um beispielsweise die Trennung vom Expartner zu verarbeiten; zum anderen aber auch von den Kindern, sei es zur Verhaltenstherapie oder aufgrund von ADHS oder anderen Auffälligkeiten. „Also ich bin zu der psychologischen Beratung gegangen, weil ich jemanden gesucht hab, der mit meinem Sohn spricht. Da habe ich mir am meisten Sorgen gemacht, nach der Trennung. Der Psychologe war überzeugt, dass, wenn es der Mutter gut geht, dass es dem Sohn auch gut geht. Deshalb habe ich das in Anspruch genommen. Da war ich sechs bis sieben Mal. Das hat mir sehr gut geholfen, das war sehr hilfreich.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren „Das hätte mir geholfen, eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die gerade in Trennung stecken. [....] Es bildete sich eine Männergruppe. Ich weiß nicht mehr genau bei wem, aber die konnte nicht stattfinden wegen Corona. Das wäre was, was wirklich helfen würde, wenn man sich da auch seitens der staatlichen Akteure zu sensibilisieren beginnt: Wie ist die emotionale Lage der Leute, die sich trennen? Wie kann man Verständnis und Aufmerksamkeit dafür schaffen? Wo kann man sich beraten lassen? Wo kann man Hilfe holen? Wo gibt es Selbsthilfe? Das ist aus meiner Situation. Andere berichten, das Geld hat nicht gereicht oder was weiß ich. Das wäre das, was ich sehen würde.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 8 und 10 Jahren Unter Familienhilfe versteht man die Hilfe zur Erziehung nach §31 Sozialgesetzbuch VIII, Sozialpädagogische Familienhilfe. Der Allgemeine Soziale Dienst prüft gemeinsam mit der Familie den Bedarf und entscheidet über die passende Jugendhilfeleistung, beispielsweise die genannte Sozialpädagogische Familienhilfe. Die Psychologischen Beratungsstellen Ost und West sind sowohl Anlaufstellen für Eltern, als auch für Kinder zur Unterstützung bei familiären, entwicklungsbedingten und psychischen Belastungen. Außerdem gibt es ein Gruppenangebot für Eltern nach Trennung und Scheidung. Weitere Informationen unter www.karlsruhe.de/pbst 18 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 „Elterncafé In vielen Stadtteilen in Karlsruhe finden im wöchentlichen Rhythmus Elterncafés statt. Eltern mit Kindern von null bis drei Jahren kommen hier zusammen. Den Befragten ist dieses Angebot allgemein bekannt. Es gestaltet sich allerdings aus zeitlichen Gründen für die Alleinerziehenden oft schwierig, an diesen Treffen teilzunehmen. So fallen manche Termine werktags auf einen Zeitpunkt, der sich nicht mit den Arbeitszeiten vereinbaren lässt oder aber die Alleinerziehenden präferieren es, die freie Zeit am Wochenende statt im Elterncafé lieber mit den Kindern zu verbringen. „Das hat mir dann doch an Energie gefehlt. Dann war das Thema, dass ich das noch organisieren müsste. Wenn ich hingehe, was mach ich mit den Kindern? Das war mir dann doch zu viel. Auch wenn es eigentlich entlastend sein soll, aber hingehen zu müssen, das kam mir irgendwie zu viel vor.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren Jene Alleinerziehende, die bereits ein Elterncafé besucht haben, äußern sich positiv über die Möglichkeiten zum Netzwerken und Austauschen. Als besonders hilfreich werden auch Vorträge oder Tipps der dort anwesenden Pädagogen oder Hebammen angesehen, zum Beispiel rund um alltägliche Themen für Alleinerziehende. „Also das Elterncafé war eine gute Sache. Auch die Pädagoginnen, die da gearbeitet haben. Das waren super Menschen, die sich auch Mühe gegeben haben, das zu gestalten. Die haben da auch viel organisiert.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 8 und 11 Jahren „Karlsruher Pass/Kinderpass Der Karlsruher Pass hat zum Ziel, die Lebensverhältnisse anzugleichen und bietet Bezugsberechtigten verschiedene Leistungen in Form von Vergünstigungen für umfangreiche Angebote aus den Bereichen Freizeit, Sport, Kultur, Bildung und Musik. Das Angebot des Karlsruher Passes ist den Interviewten bekannt. Mehrheitlich werden die Vergünstigungen zum Erwerb einer Monatskarte beim Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) genutzt, aber auch für Freizeitaktivitäten mit den Kindern wie Eintritte für den Zoo und das Schwimmbad. Bemängelt wird jedoch, dass der Pass Alleinerziehenden, die keine Transferleistungen erhalten, nicht zusteht, obwohl sie die Vergünstigungen auch gut brauchen könnten. Außerdem wird vereinzelt die jährliche Antragstellung als kompliziert und aufwändig erachtet und auf unangenehme Situationen beim Vorzeigen des Passes hingewiesen. „Aber ich selber bin nicht berechtigt dazu, weil ich keine Sozialhilfeempfängerin bin. Also, da die Pforten zu öffnen – natürlich ist es eine Frage des Geldes. Mir hätte es das Leben erleichtert, wenn ich den Karlsruher Pass beantragen könnte, allein wegen dem Status, alleinerziehend und Gehalt unter 3.000 Euro brutto jeden Monat. Wir sind ja keine Vielverdiener.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 15 Jahren „Naja, das ist auch ein bisschen beschämend. Man geht hin und zeigt den Karlsruher Pass. Das ist eine labbrige Papierkarte. Für die Schwimmbäder wäre es schön, wenn man die Möglichkeit hätte, es gibt eine Badekarte, die ist für alle Schwimmbäder. Die kann man sich aufladen. Ich empfinde mich da ein bisschen als exponiert. Es ist schwierig und da ist immer ein bisschen Scham dabei, das zu benutzen und das nicht machen zu können wie alle anderen. Es gibt viele, die den Pass nutzen. Aber trotzdem muss man da hingehen, wieder den nächsten Antrag stellen. Das geht auch nicht online. Da sind dann auch wieder zwei Stunden dafür weg. [...] Das kommt mir alles so umständlich organisiert vor.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 4 und 9 Jahren In verschiedenen Treffpunkten haben Eltern mit Kindern zwischen 0 und 6 Jahren die Möglichkeit, mit anderen Eltern in Kontakt zu kommen. Die Treffpunkte werden von qualifizierten und kompetenten Ansprechpersonen geleitet. Verschiedene Spielangebote für Kinder stehen zur Verfügung. Weitere Informationen unter: www.karlsruhe.de/ bildung-soziales/schutz-praevention/familienbildung Der Berechtigtenkreis des Karlsruher Passes/ Kinderpasses wurde seit 2019 sukzessive erweitert, um auch Menschen zu erreichen, die nur geringfügig über der Anspruchsgrenze liegen. Dementsprechend hat der Gemeinderat beschlossen, die Einkommensgrenze für die Anspruchsberechtigung für die Pässe auf 1.300 Euro für einen Erwachsenen nach dem Nettoäquivalenzeinkommen anzuheben. Eine einfache Prüfung, ob ein Haushalt anspruchsberechtigt ist, kann auf www.karlsruher-pass.de durchgeführt werden. Amt für Stadtentwicklung | 19 „Die finanzielle Lage ist angespannt. Da bräuchten sie mehr Unterstützung. Beziehungsweise, dass man sagt, man gibt den Alleinerziehenden grundsätzlich einen Karlsruher Pass. Genau, anstatt das vom Gehalt abhängig zu machen. Ich kenne keinen Alleinerziehenden, der sagt: ‚Ach ja, ich kann mir das alles leisten.‘.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 6 Jahren „Alleine der Kinderpass, da können sie viel machen. Aktivitäten in den Ferien. Du musst nur einen kleinen Teil zahlen. Und das finde ich schade, dass das die vollarbeitenden Alleinerziehenden nicht bekommen.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 7 Jahren „Kindergarten und Kindertagesstätten Für die Befragten mit kleinen Kindern ist die Betreuung durch den Kindergarten oder eine Kindertagesstätte oft die einzige Möglichkeit, einer Berufstätigkeit nachzugehen. Die Suche nach einem Kindergartenplatz gestaltet sich dabei aber sehr schwierig. Da die Öffnungszeiten der Kindergärten beispielsweise bei Schichtarbeit nicht immer mit den Arbeitszeiten vereinbar sind, werden vielfach Kindertagesstätten mit Ganztagesbetreuung präferiert. Bei diesen zeitlich umfangreichen Betreuungsangeboten ist es aber nach Berichten der befragten Alleinerziehenden noch schwieriger, einen Platz zu erhalten. „Dann musstest du dich um einen Kindergartenplatz kümmern. Das war auch ein zeitlicher Faktor, der schwierig war. Da hat man manchmal gedacht, man dreht durch. Man wusste gar nicht, was man zuerst machen soll. Alleinerziehend, Kind im Alter von 16 Jahren „Das Problem ist nicht seit gestern mit den Kitaplätzen. Das Problem gibt es seit längerem. Der Einzige, der den Kindergarten besucht hatte, war mein Ältester. Da war das noch anders. Man konnte da noch in die Kitas gehen und fragen, ob die Platz haben und den aufnehmen. Aber alles was danach kam war nur online.“ Alleinerziehend, vier Kinder im Alter von 2, 4, 6 und 8 Jahren „Deshalb habe ich uns jetzt für einen Kitaplatz angemeldet, aber ich weiß nicht. Das ist auch das aktuelle Problem. Es gibt Streitigkeiten, einen Platz zu bekommen. Und wenn ich keinen Patz bekomme, dann kriege ich auch keinen Arbeitsplatz.“ Alleinerziehend, Kind im Alter von 2 Jahren Das Kita-Portal ist eine Online-Plattform zur Information über Kitas und deren Angebote sowie zur Organisation von Kita-Platzanfragen und -angeboten zwischen Eltern und Kitas. In Karlsruhe beträgt die Versorgungsquote für Kinder U3 (inkl. Betreuungsplätze in der Kindertagespflege) 49,8%. Für Kinder Ü3 beträgt diese 91,2% (Stand: 01.03.2022). Der aktuelle „Kita-Bericht 2022“ ist online abrufbar unter: www.karlsruhe.de/bildung-soziales/integrierte- sozial-und-jugendhilfeplanung/jugendhilfe 20 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 „Schule/schulische Angebote Wie auch die Kindertagesstätten mit ihrer Ganztagsbetreuung, so sind auch Ganztagsschulen ein wichtiger Grundstein für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Befragten. Neben dem dort angebotenen Mittagessen ist auch die Hausaufgabenbetreuung von Bedeutung. Alternativ wird vielfach auch auf das Angebot eines Schülerhorts zurückgegriffen, um bei der Hausaufgabenkontrolle Entlastung zu erfahren. Die Qualität des Schulprogramms wird dabei unterschiedlich wahrgenommen. Das Unterstützungsangebot während der Hochphase der Coronapandemie ließ viele Alleinerziehende enttäuscht zurück, weil der fehlende Kontakt zu Lehrkräften und Gleichaltrigen zusätzlich belastet hat. Grundsätzlich berichten die Befragten jedoch von einem guten Angebot an außerschulischen Aktivitäten und AGs. Manche Kinder sind auf Privatschulen untergebracht, oder auch auf Schulen, die ein besonderes Augenmerk auf die soziale und emotionale Entwicklung legen, da hier ein besserer Betreuungsschlüssel als an anderen Schulen geboten wird. „Also das Ganztagsschulkonzept ist so, dass die da ihre Hausaufgaben schon machen. Wenn die nachhause kommen, ist nicht mehr allzu viel zu tun. Da bin ich froh drum.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren „Egal ob die Kinder früher aus haben oder nicht, der Hort greift. Der greift auch in den Ferien. Die machen auch ein tolles Programm und die Hausaufgabenbetreuung. Das ist unheimlich wichtig, dass die Kinder auch die Zusammenarbeit mit der Schule haben und auch bis 17 Uhr. [...] Jetzt ist er ab 13 Uhr zuhause. Der packt das gut. Aber man ist auf der Arbeit. Man weiß, das Kind ist alleine zuhause. Das ist kein gutes Gefühl. Er macht sich nicht richtig was zu essen. Man muss hinterher sein. Man weiß nicht genau was er macht. Das ist nicht ideal finde ich.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 10 und 13 Jahren „F erienbetreuung Eine große Rolle spielen Ferienbetreuung und auch Wochenendbetreuung bei den befragten Alleinerziehenden. Auf der einen Seite wird das Angebot zur Ferienbetreuung grundsätzlich für gut befunden, aber auf der anderen Seite sind die wenigen Plätze sehr schnell vergeben. So ist das Angebot der städtischen Ferienaktivitäten zwar sehr beliebt, aber das Vergabeverfahren der Ferienplätze so konzipiert, dass die befragten Alleinerziehenden nach eigenen Angaben nur selten zum Zug kommen. Alternative Ferienbetreuung kostet dagegen meist so viel Geld, dass sich das viele Befragte nicht leisten können. Ein mehrfach genannter Wunsch ist die Erweiterung des Angebots für ältere Jugendliche, da sich die aktuellen Angebote häufig nur an Kinder bis zwölf Jahren richten. „Ja, vielleicht sowas wie, dass man jemanden hat wie die Leih- Omas. Wenn es einen Pool gibt an Ehrenamtlichen, die man quasi kostenlos oder für ein kleines Entgelt buchen könnte, wenn man abends Elternabend hat zum Beispiel, um nicht Freunde oder Familie fragen zu müssen.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 10 und 13 Jahren „Schade, dass es nicht Wochenendbetreuung gibt. Dann könnte ich die Sachen der Schule durcharbeiten. Weil die Woche, Montag bis Freitag, ist durchgetaktet mit Vereinen, Fußball, Arztbesuchen, Nachhilfe. Also wenn es da jemanden gäbe, dann hätte ich ein Wochenende. Andere haben auch jedes zweite Wochenende frei. Ich habe die letzten 6,5 Jahre kein Wochenende frei.“ Alleinerziehend, drei Kinder im Alter von 6, 8 und 9 Jahren „Ich hab zwar manchmal für 1-2 Wochen Ferienprogramm bekommen, bezahlbar, aber es gibt natürlich viele Angebote, die nicht von der Stadt sind, aber die sind so unsäglich teuer. Das konnte ich mir dann halt auch nicht immer leisten für zwei Kinder. Das ging dann in mehrere hundert Euro, wenn man beispielsweise Ferien überbrücken musste.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren Viele Ferienangebote des Stadtjugendausschuss e.V. Karlsruhe sind wohnort-, schul- oder arbeitsplatznah konzipiert. Für Kinder und Jugendliche mit Behinderung stehen bei jedem Angebot feste Plätze zur Verfügung. Für Familien mit dringendem Betreuungsbedarf werden Lösungen gesucht und gefunden. Auch gibt es Angebote weiterer Träger (www.ferien-karlsruhe.de). Zur Ferienbetreuung im Rahmen der Ganztagsschule: www.karlsruhe.de/bildung-soziales/kinderbetreuung/ schulkindbetreuung/ganztagsgrundschule Amt für Stadtentwicklung | 21 „Die Stadt hat ganz viele Angebote in den Ferien. Aber ich bin nicht in der Lage, während der Arbeit mein Kind irgendwo in der Stadt abzuliefern und dann abzuholen. Das kann ich mir als Alleinerziehende nicht leisten. Das kann ich mir leisten, wenn ich nicht arbeite. Dann kann ich irgendwo hinfahren oder wenn man zufällig in der Stadt in der Nähe wohnt. Aber ansonsten ist das nicht wahrnehmbar. Auch wenn das Angebot eine gute Idee ist und toll ist.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 10 und 13 Jahren „Was hilfreich wäre, wären mehr, vielleicht gezielte Angebote, mit eingeschlossener Kinderbetreuung, die auch große Altersbereiche übernimmt und man entweder tatsächlich spezifische Themen, also z. B. in meiner Wahrnehmung auch für sich selbst oder andere Alleinerziehenden, sich selbst in Fokus stellen und zu sich selbst finden.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 4 und 9 Jahren „Was ich auf jeden Fall für verbesserungsfähig halte, sind Ferienbetreuungsprogramme. Also ich habe bei der Stadt Karlsruhe das in Anspruch genommen beziehungsweise versucht in Anspruch zu nehmen, die Angebote, die sie haben, aber die waren dann auch immer vergriffen. Am Anfang meiner Trennung war das ein großes Thema, was mache ich in den vielen Ferien mit den Kindern, damit die nicht so lange alleine sind.“ Alleinerziehend, zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren Bekanntheit von Unterstützungsangeboten Erkenntnisinteresse dieser Befragung war es unter anderem, herauszufinden, inwiefern die bereits bestehenden Unterstützungsangebote der Stadt Karlsruhe überhaupt bekannt sind. Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass es den Alleinerziehenden durchaus bewusst ist, dass die Stadt Karlsruhe – neben weiteren Anbietern wie Kirchen und gemeinnützigen Verbänden – einiges anbietet, es aber im Detail nicht geläufig ist, was für Angebote konkret bestehen. Das liegt daran, dass die Befragten nach eigener Aussage oft einfach keine Zeit finden, zu recherchieren oder sich zu informieren. Organisationen wie der Verband der Alleinerziehenden oder auch die Elterncafés als Ort des Informationsaustauschs sind zwar in vielen Fällen bekannt, aber häufig nicht passgenau auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der jeweiligen befragten Alleinerziehenden abgestimmt. Auch eine kurze Internetrecherche schafft keinen Überblick über die Angebote. Hier würde es laut einigen Befragten möglicherweise helfen, wenn Informationen vermehrt über Social-Media-Kanäle gestreut werden. Eine der Befragten war aufgrund der schwer zugänglichen Informationen dazu animiert, selbst tätig zu werden: So hat sie eine gemeinnützige GmbH gegründet und einen sogenannten „Fördermittel-Finder“ ins Leben gerufen (www.amuvee.de). Dieser zeigt für Alleinerziehende je nach Lebenslage und Region verschiedene Fördermöglichkeiten auf (wie Elterngeld, Unterhaltsvorschuss und weitere staatliche Förderungen), benennt Unterstützungsangebote sowie Kontaktadressen zu Rechtshilfe, Gesundheits- und soziale Hilfen und stellt Angebote aus Freizeit, Sport und Kultur vor. Neben den Angeboten des Allgemeinen Sozialen Dienstes bilden die Familienhelfer*innen als ein Baustein eine wichtige Stütze, um auf Möglichkeiten und Angebote aufmerksam zu machen. Insbesondere mangelnde Kenntnisse über die eigenen Rechte der Alleinerziehenden, beispielsweise bei Unterhaltsansprüchen, können so transportiert werden. Dafür wünschen sich die Befragten allerdings auch, dass die Unterstützung proaktiv angeboten wird. 22 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 Zusammenfassung – Soziales Umfeld und Unterstützungsinfrastruktur Die befragten Alleinerziehenden berichten über verschiedenste Unterstützungsinfrastrukturen, auch wenn die Vielfalt der Angebotslandschaft mitunter nicht durchweg bekannt ist. Bei den bereits bekannten Institutionen und Unterstützungsleistungen sind noch einige Verbesserungspotenziale genannt worden. So wurde mit Blick auf den Karlsruher Pass beziehungsweise Kinderpass geäußert, dass die Anspruchsvoraussetzungen nicht alleine auf die finanzielle Situation des Haushalts beschränkt sein sollten, sondern ein genereller Anspruch für Alleinerziehende denkbar wäre. Dies würde auch jenen Befragten in Vollzeitarbeit und ohne Anspruch auf Sozialhilfe eine Entlastung bringen und die teils als frustrierend und umständlich beschriebene Antragstellung vereinfachen. Weitere Vorschläge für die Angebotslandschaft in Karlsruhe beinhalteten den für Alleinerziehende wichtigen Punkt der Wochenend- und Ferienbetreuung: hier wurde gewünscht, dass das Angebot weiter ausgebaut und ergänzt wird. Zusätzlich zum Ausbau der Betreuungsinfrastruktur war den Befragten auch die direkte Unterstützung ein Anliegen, wie zum Beispiel in Form von Selbsthilfegruppen, Vorträgen und Kursangeboten oder auch die Unterstützung bei der Suche nach einer Wohnung oder einem Kindergartenplatz. Neben einer proaktiven Ansprache und Bewerbung von Angeboten und Möglichkeiten durch Familienhelfer*innen als Angebot der Jugendhilfe, wurde auch eine intensivere Öffentlichkeitsarbeit über Social Media vorgeschlagen. Diese moderne Kommunikationsform würde nach Einschätzung einiger Befragter insbesondere Alleinerziehenden, die noch nicht lange in Karlsruhe wohnen, zugutekommen. 2.4 Fazit Die qualitative Umfrage ermöglicht einen Einblick in die Lebenslagen, Strategien der Alltagsbewältigung und Sichtweisen der befragten Alleinerziehenden sowie deren Kenntnis und Nutzung der vorhandenen sozialen Infrastruktur. Die Umfrage kann als eine Form der Beteiligung in Bezug auf die bedarfsgerechte Anpassung und Weiterentwicklung der Hilfestruktur betrachtet werden. Als ein Ergebnis wurde sichtbar, dass viele Angebote bekannt sind, aber nicht alle gleichermaßen angenommen oder in Anspruch genommen werden (können). Hier gilt es, verstärkt auch in den Sozialraum zu wirken – beispielsweise über die Kinder- und Familienzentren, die (Startpunkt)- Elterncafés oder Offene Treffs – und proaktiv die Adressatinnen und Adressaten zu informieren. Die soziale Infrastruktur für Familien ist insgesamt vielfältig und auf mehr Teilhabemöglichkeiten im gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen und sonstigen Freizeitbereich ausgerichtet (www.karlsruhe.de/kinderbuero; www.karlsruhe.de/bildung- soziales/schutz-praevention/familienbildung). Die Angebote sind so konzipiert, dass alle Familienkonstellationen stigmatisierungsfrei von ihnen profitieren sollen. Bezüglich Ein-Eltern-Haushalten gibt es jedoch Besonderheiten im Vergleich zu Paar-Familien, die insbesondere die Kinderbetreuung und Zeitressourcen betreffen. Aufgrund der Erfahrungen während der Corona-Pandemie wurden Angebote digital ausgebaut (zum Beispiel Kinderbüro on air), um auch den Haushalten mit geringen Zeitressourcen leichtere Zugänge zu ermöglichen. Für die spezifischen Lebenslagen Alleinerziehender gibt es darüber hinaus einen Runden Tisch zur Vernetzung und Kooperation relevanter Akteurinnen und Akteure. Der Sozial- und Jugendbehörde ist es ein wichtiges Anliegen, dass Alleinerziehende Kenntnis über ihre Ansprüche haben, die Angebote stets an die Lebenslagen angepasst werden und niedrigschwellig zugänglich sind. Es gilt auch in Zukunft, die Teilhabemöglichkeiten von Alleinerziehenden zu verbessern. Amt für Stadtentwicklung | 23 ThemenblockLeitfragen Wohnsituation (Dauer circa 10 Minuten) Erwerbstätigkeit (Dauer circa 10 Minuten) Betreuungssituation und Unterstützungsinfrastruktur (Dauer circa 25 Minuten) Tabelle 1 Interviewleitfaden Stadt Karlsruhe | Amt für Stadtentwicklung | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022. Wie ist Ihre aktuelle Wohnsituation? Wer wohnt bei Ihnen? Haben Sie zusätzliche Belastungen (zum Beispiel pflegebedürftige Angehörige)? Wie sind die Anwesenheitszeiten des Kindes/der Kinder in Ihrem Haushalt? Das heißt welche Zeitanteile verbringt Ihr Kind/Ihre Kinder jeweils bei Ihnen und dem anderen Elternteil? Welche Sprache wird zu Hause hauptsächlich gesprochen? Werden weitere Sprachen gesprochen? Sind Sie zufrieden mit Ihrer Wohnsituation? Zimmeranzahl, Wohnungsgröße? Gibt es Verbesserungsbedarf? Steht Ihnen im Alltag ein Pkw zur Verfügung? Haben Sie eine Zeitkarte für den KVV/Bus & Bahn? Welche Verkehrsmittel nutzen Sie vor allem im Alltag? Sind Sie zurzeit erwerbstätig? Wenn ja: In welchem zeitlichen Umfang (Stunden pro Woche) gehen Sie Ihrer Erwerbstätigkeit nach? Wenn nein: Beziehen Sie Arbeitslosengeld I oder Arbeitslosengeld II? Sind Sie derzeit auf Arbeitssuche? Was sind für Sie die größten Hinderungsgründe zur Aufnahme einer Arbeit? Lassen sich aus Ihrer Sicht Familie und Beruf gut vereinbaren? Bitte begründen Sie Ihre Einschätzung. Sind Sie in Ihrer Erwerbstätigkeit wegen der Betreuung der Kinder zum Beispiel zeitlich oder räumlich eingeschränkt? Bei Kindern unter 7 Jahren: Wird Ihr Kind von einer Kita/Kindergarten/Tagesmutter betreut? In welchem zeitlichen Umfang? Bei Kindern ab 7 Jahren: Besucht Ihr Kind eine... Ganztagsschule? Halbtagsschule? Halbtagsschule mit Hortbetreuung? Sind die Betreuungszeitenoben genannter Einrichtungen aus Ihrer Sicht ausreichend? Bitte begründen Sie Ihre Einschätzung. Ist die inhaltliche Ausgestaltung der Betreuungsangeboteoben genannter Einrichtungen aus Ihrer Sicht gut? Wenn nein, was fehlt Ihnen? War beziehungsweise ist die Corona-Pandemie eine besondere Belastung für Sie als Alleinerziehende beziehungsweise Alleinerziehender? Bitte schildern Sie uns Ihre Erfahrungen. Wie würden Sie Ihr soziales Umfeld beschreiben? Haben Sie Angehörige, Eltern oder Freunde, die Ihnen im Alltag helfen? 24 | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022 ThemenblockLeitfragen Fortsetzung ... Betreuungssituation und Unterstützungsinfrastruktur (Dauer circa 25 Minuten) Finanzielle Situation (Dauer circa 10 Minuten) Zufriedenheit mit der Lebenssituation (Dauer circa 5 Minuten) Abschluss des Interviews noch Tabelle 1 Interviewleitfaden Stadt Karlsruhe | Amt für Stadtentwicklung | Stadtentwicklung aktuell – Alleinerziehende in Karlsruhe 2022. Kennen Sie Angebote für Familien – zum Beispiel Elterntreffpunkte, Initiativen, Hilfs- und Beratungsangebote – in Karlsruhe? Wenn ja: Welche Angebote kennen Sie? Von wem haben Sie hilfreiche Hinweise zur Verbesserung Ihrer Lebenssituation erhalten? War es einfach, sich einen Überblick über vorhandene Angebote zu verschaffen? Bitte begründen Sie Ihre Einschätzung. Nutzen Sie die genannten Angebote? Welche Erfahrungen haben Sie mit den jeweiligen Angeboten gemacht? Welche Angebote empfinden Sie als besonders gut/ verbesserungsbedürftig? Wenn nein: Haben Sie sich schon einmal gezielt nach Angeboten erkundigt? Wenn nein: Warum? Wenn ja: Mit welchem Ergebnis? Was würden Sie sagen: Sind Sie überwiegend innerhalb Ihres Stadtteils unterwegs oder verteilen sich Ihre Aktivitäten über das gesamte Stadtgebiet? Bitte schildern Sie mir die größten Herausforderungen, denen Sie als Alleinerziehende beziehungsweise Alleinerziehender im Alltag begegnen. Was würde Ihnen konkret helfen, um diese Herausforderungen zu bewältigen? Wie würden Sie Ihre finanzielle Lage beurteilen? Kommen Sie finanziell ohne Probleme bis zum Ende des Monats oder wird es in der letzten Woche eher schwierig? Erhalten Sie (weitere) Sozialleistungen, wie Wohngeld, Sozialhilfe, Unterhalt, Unterhaltsvorschuss? Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit Ihrem Leben in Karlsruhe? Haben wir noch etwas Wichtiges vergessen oder möchten Sie uns noch Anregungen mitgeben? Vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Als kleines Dankeschön können wir Ihnen einen Karlsruher Geschenk-Gutschein im Wert von 20 Euro überreichen. Amt für Stadtentwicklung | 25 © Stadt Karlsruhe | Layout: Kai Rohweder | Bild: Juliane Liebermann (Unsplash.com) | Druck: Rathausdruckerei, Recyclingpapier | Stand: Februar 2023