Leibgrenadierdenkmal Europaplatz: Informationsstele

Vorlage: 2023/0081
Art: Beschlussvorlage
Datum: 24.01.2023
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Kulturamt
Erwähnte Stadtteile: Keine Angaben

Beratungen

  • Kulturausschuss (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 17.03.2023

    TOP: 2

    Rolle: Entscheidung

    Ergebnis: Zustimmung

Zusätzliche Dateien

  • Beschlussvorlage
    Extrahierter Text

    Beschlussvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2023/0081 Verantwortlich: Dez. 2 Dienststelle: Kulturamt Leibgrenadierdenkmal Europaplatz: Informationsstele Beratungsfolge dieser Vorlage Gremium Termin TOP ö nö Ergebnis Kulturausschuss 17.03.2023 2 X Beschlussantrag (Kurzfassung) Das Leibgrenadier-Denkmal auf dem Europaplatz soll 2024 wiederaufgestellt werden. 2019/20 beauftragte der Gemeinderat die Verwaltung, dieses monumentale Kriegerdenkmal zu kommentieren. Die Stadtverwaltung schlägt in Übereinstimmung mit dem 2016 vom Gemeinderat beschlossenen Leitfaden zur Erinnerungskultur im öffentlichen Raum eine kommentierende Informationsstele vor, die die heutige distanzierte Haltung zu Militarismus und Kriegsverherrlichung verdeutlicht und zugleich über die Denkmalentstehung informiert. Der Kulturausschuss nimmt den Sachstandsbericht zur Kenntnis und stimmt dem Gestaltungsvorschlag für die Stele zu. Finanzielle Auswirkungen Ja ☒ Nein ☐ ☒ Investition ☐ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: 5.000 Euro Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☒ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☐ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates Die Gegenfinanzierung ist im Erläuterungsteil dargestellt. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) Nein ☒ Ja ☐ durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Ergänzende Erläuterungen Das Leibgrenadierdenkmal auf dem Europaplatz wird dem Denkmalschutzgesetz entsprechend wiederaufgestellt, nach derzeitiger Planung im Jahr 2024. Seine ursprüngliche Intention steht jedoch im Widerspruch zur heutigen distanzierten und kritischen Sicht auf Krieg und Verherrlichung des Soldatentods. Deshalb soll das Denkmal mit einer Informationsstele kommentiert werden, um die heutige kritische Haltung zu Militarismus und Kriegsverherrlichung zu verdeutlichen und zugleich über die Entstehung zu informieren. In der Gemeinderatssitzung am 14. Mai 2019 wurde nach längerer Aussprache die weitere Beratung über eine Kommentierung des Leibgrenadierdenkmals auf dem Europlatz in den Kulturausschuss verwiesen. Nach intensiven Überlegungen über eine mögliche Form der Kommentierung kam das Stadtarchiv zu der Überzeugung, dass der Monumentalität des Leibgrenadierdenkmals keine gleichartige Form der Kommentierung entgegengestellt werden kann. In Übereinstimmung mit dem 2016 vom Gemeinderat beschlossenen Leitfaden zur städtischen Erinnerungskultur im öffentlichen Raum schlug die Verwaltung vor, eine kommentierende Informationsstele nach dem im Leitfaden aufgeführten einfach gestalteten Modell aufzustellen. Der Kulturausschuss stimmte in seiner Sitzung am 18. Juni 2020 diesem Vorschlag prinzipiell zu. In der Diskussion wurden kleine textliche Änderungen und der Austausch eines Bildes gewünscht. Der Kulturausschuss wurde in der Sitzung am 23. Oktober 2020 über die Änderungen informiert. Da sich inzwischen die Wiederaufstellung des Leibgrenadierdenkmals zeitlich nach hinten verschoben hatte, wurde die geänderte Gestaltung den Mitgliedern des Kulturausschusses nur zur Information im Vorfeld vorgelegt, ein Beschluss sollte erst später gefasst werden. Wegen der nahenden Denkmalwiederaufstellung 2024 wird der Vorschlag der kommentierenden Infomationsstele nun im Kulturausschuss zur Abstimmung gestellt. Zum historischen Hintergrund Das Denkmal wurde 1925 von der Kameradschaft des ehemaligen Badischen Leibgrenadier-Regiments Nr. 109 als Kriegerehrenmal und bewusst nicht als Trauermal gestaltet, aufgestellt und der Stadt Karlsruhe mit der Einweihung übergeben. Die Präsentation an der nach dem Marktplatz zentralsten Stelle im öffentlichen Raum der Stadt, an der sich 1808 bis 1897 die Weinbrenner‘sche Infanteriekaserne befand, unterstreicht die militärische Inszenierung. Das Denkmal gehört in die Gattung der Kriegerdenkmale, wie sie gehäuft nach dem Ersten Weltkrieg aufgestellt wurden. Es ist kein Trauermal für getötete Soldaten, sondern ein Ehrenmal, das Kriegshandlungen sinnstiftend zu „Ehre und Treue“ umdeutet sowie die Toten zu Helden verklärt. Es nimmt weder eine kritische Distanz zum Krieg und seinen Leiden ein, noch gedenkt es der toten Soldaten als Individuen. Bei der Einweihung im Rahmen eines Regimentstages am 28. Juni 1925 betonten alle Redner die seinerzeit damit verbundene Sinnstiftung vor einem zahlreichen Publikum. Zu sehen waren auch die von den Gegnern der Weimarer Demokratie bevorzugten schwarz-weiß-roten Farben anstelle der schwarz-rot-goldenen Flagge der Republik. Diese Gedanken wurden über die Presse sowie in einer von der Kameradschaft herausgegebenen Festschrift weiter transportiert. Ein Feld-Geistlicher pries im vorangegangenen Gottesdienst den „Tod des Kriegers im tiefsten Grunde [als] ein großes ideelles Sterben. Er gibt das Beste und Letzte für sein Vaterland ... um höhere Werte zu erzielen.“ Der Vorsitzende der Kameradschaft beschwor die „Treue um Treue“ wie in „der größten Zeit Deutschlands“, der Kriegszeit. Er transportierte dabei auch die Dolchstoßlegende, indem er vom „Ruhm des deutschen Heeres ... das im Felde unbesiegt geblieben ist“ sprach. Oberbürgermeister Julius Finter dankte im Namen der Stadt für das Geschenk und beschwor etwas distanzierter als seine Vorredner das „Opfer für das Vaterland dem Gesetze gemäß“ als „Sinn des Todes der vielen Tausenden“, um die zu trauern sei. – 3 – Das Leibgrenadierdenkmal war aber kein Ort der Trauer und inneren Einkehr, sondern ein Monument des Militarismus und der Revanche für die Niederlage im Ersten Weltkrieg. Im Mai 1933 benannten die nationalsozialistischen Machthaber den Platz vor der Hauptpost nach dem Schauplatz einer der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkrieges als Loretto-Platz, der danach Ort zahlreicher NS- Aufmärsche und Propagandaveranstaltungen wurde. Die Stadtverwaltung schlägt die beigefügte kommentierende Informationsstele mit Text und Bildern vor, die über eine QR-Code-Verlinkung auch in Englisch und Französisch informiert. Sie soll vor dem Denkmal positioniert werden. Text und Bebilderung der Stele: Seite A) Das Leibgrenadier-Denkmal von 1925 Das Leibgrenadierdenkmal wurde am 28. Juni 1925 mit Ansprachen von Militärvertretern, Politikern, Geistlichen und Oberbürgermeister Julius Finter eingeweiht. Initiiert hatte es die Kameradschaft des 1. Badischen Leibgrenadier-Regiments Nr. 109. Zuvor stand hier von 1808 bis 1897 die von Friedrich Weinbrenner gebaute Infanteriekaserne. Gestaltet wurde es von Otto Gruber und Emil Valentin Gutmann. Auf der östlichen Seite finden sich die Widmung an das Regiment sowie der Stern des badischen Hausordens der Treue als Ehrung, da es in der Revolution 1849 aufseiten des Großherzogs gegen die demokratischen Revolutionäre stand. An der Westseite der Säule sind bedeutende Schlachtenorte des 19. Jahrhunderts, auf der Nordseite die des Ersten Weltkriegs, auf der Südseite Militärfunktionen aufgeführt. Feierliche Einweihung, 28. Juni 1925. – 4 – Überführung des in einer Münchner Gießerei hergestellten monumentalen Greifs, 1925. Deutsches Militär auf verwüstetem Schlachtfeld bei Cambrais, 1918. Seite B) Denkmal im Geist von Kriegs- und Heldenverehrung Das Leibgrenadierdenkmal ist eines von vier nach dem Ersten Weltkrieg errichteten Kriegerdenkmalen für die zuvor in Karlsruhe stationierten Regimenter. Auch bei diesem Denkmal steht nicht die Trauer um die vielen getöteten, meist jungen Soldaten im Vordergrund. Die Intention war vielmehr, „zu Treue und Opfermut für das Vaterland“ zu mahnen und die „unsterblichen Taten für das Vaterland“ als Heldenepos umzudeuten. Der an prominenter Stelle gefundene Standort vor der Hauptpost wurde 1933 nach dem Kriegsschauplatz Lorettoplatz genannt. Die Stadt Karlsruhe steht heute für eine friedfertige politische Kultur und Konfliktbewältigung. Dieses Denkmal möge zur Auseinandersetzung mit der inhumanen Tradition von Militarismus und Krieg anregen. – 5 – Nationalsozialistische Kriegerverehrung am Denkmal, um 1938. Das Denkmal nach dem Zweiten Weltkrieg, 1948. Die 1952 gegründete „Kameradschaft ehemaliger 109er“ veranstaltete lange Zeit Feierlichkeiten am Denkmal. Die Wiedersehensfeier 1955 mit Beteiligung französischer und US-amerikanischer Militärs fand im Zeichen der anstehenden deutschen Wiederbewaffnung statt, 19. Juni 1955 Am 9. Juni 1979 wurde auf dem neu benannten Europaplatz der von Prof. Walter Förderer gestaltete Europabrunnen mit Friedenswidmung eingeweiht. Der Phönix-Vogel steht – unbeabsichtigt – im Kontrast zum Greif. 2000 wurde der Brunnen an die Stadthalle versetzt.