Leibdragoner-Denkmal Mühlburger Tor, Kommentierung
| Vorlage: | 2022/1001 |
|---|---|
| Art: | Beschlussvorlage |
| Datum: | 31.08.2022 |
| Letzte Änderung: | 03.03.2025 |
| Unter Leitung von: | Kulturamt |
| Erwähnte Stadtteile: | Grötzingen, Mühlburg |
Beratungen
- Kulturausschuss (öffentlich/nicht öffentlich)
Datum: 27.10.2022
Rolle: Entscheidung
Ergebnis: Zustimmung
Zusätzliche Dateien
-
Extrahierter Text
Beschlussvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2022/1001 Verantwortlich: Dez. 2 Dienststelle: Kulturamt Leibdragoner-Denkmal Mühlburger Tor, Kommentierung Beratungsfolge dieser Vorlage Gremium Termin TOP ö nö Ergebnis Kulturausschuss 27.10.2022 6 X Beschlussantrag (Kurzfassung) Die städtische Erinnerungskultur sieht für Denkmäler, die nach unserem heutigen Verständnis demokratischen, friedlichen und völkerverständigenden Prinzipien widersprechen, die Möglichkeit einer Kommentierung vor. Dazu gehört prioritär das Leibdragonerdenkmal vor dem Mühlburger Tor, das in der nächstfolgenden Zeit eine kommentierende Stele erhalten soll. Das Stadtarchiv hat einen Entwurf für Text und Bebilderung der Informationsstele erarbeitet und legt diesen dem Kulturausschuss zur Beschließung vor. Der Kulturausschuss stimmt der Vorlage und der Aufstellung der Stele zu. Finanzielle Auswirkungen Ja ☒ Nein ☐ ☒ Investition ☐ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: ca. 4000 € Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: --- Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☒ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☐ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates Die Gegenfinanzierung ist im Erläuterungsteil dargestellt. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) Nein ☒ Ja ☐ durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Ergänzende Erläuterungen Der „Leitfaden zur Erinnerungskultur im öffentlichen Raum in Karlsruhe“ listet die prioritär zu kommentierenden Kriegerdenkmäler auf. Das Leibdragonerdenkmal wird wegen seiner Verherrlichung des kriegerischen Soldaten und wegen seines Sinnspruchs, der die bedingungslose Opferung des Individuums für ein völkisches Kollektiv einfordert, seit Langem öffentlich kontrovers diskutiert. Die Ausführung der kommentierenden Informationsstele erfolgt in einfacher Form nach dem Muster der bereits aufgestellten Stelen bei den Kriegerdenkmälern in Grötzingen (2016) und beim Kriegerdenkmal in Mühlburg (2022). Die Stele soll auf jeweils einer Seite folgenden Text und die beigefügte Bebilderung mit Informationen enthalten: Seite A) Das Leibdragoner-Denkmal von 1929 Das Leibdragoner-Denkmal wurde nach langer Planung als vorletztes der vier Denkmäler aufgestellt, die an die im Ersten Weltkrieg eingesetzten Karlsruher Regimenter erinnern sollten. Die Stadt kam dem Wunsch des Vereins ehemaliger Offiziere zur Aufstellung an diesem Ort nahe der ehemaligen Dragonerkaserne nach. Seine Enthüllung am 9. Juni 1929 war der Höhepunkt eines groß inszenierten dreitägigen Regimentstages. Der Festzug zur Denkmalseinweihung begann am Durlacher Tor und zog durch die Kaiserstraße bis hierher. Ihm ging ein Zug mit berittener Polizei voraus, gefolgt von Veteranen und Kriegsbeschädigten des Regiments sowie zahlreichen Eskadronen von Reitervereinen. Musikkapellen spielten alte Märsche. Reden des früheren Kommandeurs Leopold Graf von Geßler, des Oberbürgermeisters Julius Finter und der beiden Militärgeistlichen priesen Volk und Vaterland sowie deutsche Treue und Einheit, verklärten die Gefallenen zu Helden und betonten, dass ihr Tod nicht umsonst gewesen sei. Der Festredner von Geßler beschwor darüber hinaus die gute alte Zeit der Fürsten und Kaiser und griff die Dolchstoßlegende der äußersten Rechten auf, indem er die Soldaten und das deutsche Volk für unbesiegt erklärte. Der Oberbürgermeister forderte noch „heilig sei uns Karlsruhern diese Stätte“, bevor die erste Strophe des Deutschlandliedes den Festakt abschloss. Die Sinnstiftung dieses Kriegerdenkmals ist heute wegen seines kriegsverherrlichenden Charakters zu hinterfragen. – 3 – Denkmalenthüllung am 9. Juni 1929 in Paradeuniformen einer untergegangenen Zeit (mit Pferdeschweif über der Pickelhaube). Ehrengäste bei der Denkmalenthüllung: zwischen den Militärs mit Zylinder von links Prinz Berthold von Baden, Bildhauer Kurt Edzard, Oberbürgermeister Julius Finter, Staatspräsident Josef Schmitt, Kaplan Adolf Haberkorn und TH-Rektor Karl Wulzinger. – 4 – Seite B) Militarismus und völkische Mythen Der stilisierte Dragoner auf dem vorwärtsstürmenden Pferd ist das Werk von Professor Kurt Edzard, Bildhauer an der Karlsruher Landeskunstschule. Die Darstellung zeigt einen anonymen, heroisch gestählten Kämpfer als Ideal eines militärischen Kollektivs. Der Denkmaltyp Reiterstandbild war bis zum Ersten Weltkrieg ein Herrschersymbol. Der Sinnspruch auf der östlichen Sockelseite DU STIRBST – BESITZ STIRBT / DIE SIPPEN STERBEN / EINZIG LEBT – WIR WISSEN ES / DER TOTEN TATENRUHM/ EDDA beruht auf der Neuübersetzung der altisländischen Götter- und Heldensage Edda zwischen 1912 und 1920 durch den Juristen und Philologen Felix Genzmer, späteres NSDAP-Mitglied. Diese Strophe aus „Das alte Sittengedicht“ wurde schon vor 1914 häufig zitiert. Während der Denkmalspruch Krieger und Schlacht assoziiert, bezieht sich „Das alte Sittengedicht“ nicht auf Schlachten, sondern darauf, wie sich ein einzelner Mensch im zivilen Leben ehrenwert verhalten soll. So wie der Verstorbene sein Leben sittengerecht geführt habe, werde ihm die Nachwelt einen guten Ruf bewahren. Im 19. Jahrhundert schufen kulturbürgerliche Eliten in Deutschland aus dem in Handschriften aus dem 13. Jahrhundert überlieferten Nibelungenlied wie aus der Edda einen nordisch- germanischen Mythos. Dem angeblich „ursprünglichen“ Germanenvolk mit eigenen Göttern und heroischen Kriegern sollten es die Deutschen wieder gleichtun. Das Denkmal vereint Nationalismus und Militarismus mit völkischen Vorstellungen. Daran knüpften später die Nationalsozialisten an und kolportierten unzählige Male die letzte Zeile „Ewig lebt der Toten Tatenruhm“. – 5 – Werbeplakat zum großen Regimentstag mit Denkmalsweihe 1929. Das gelb-rote Band in der Eichenlaubverzierung nimmt Bezug auf die Farben von Baden und Karlsruhe. Die Farbenkombination Schwarz-Weiß-Rot beim Eisernen Kreuz verweist auf das nicht mehr existierende Kaiserreich und war Symbol der Gegner der Weimarer Demokratie. Vor dem Ersten Weltkrieg: Am späteren Standort des Denkmals [•] unweit der Dragoner- Kaserne vereinigen sich Maxaubahn sowie Hardtbahn und führen zum damaligen Hauptbahnhof an der Kriegsstraße. Ausschnitt aus dem Stadtplan 1913.