Bundesprogramm Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Förderung

Vorlage: 2022/0067
Art: Beschlussvorlage
Datum: 20.01.2022
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Sozial- und Jugendbehörde
Erwähnte Stadtteile: Durlach, Knielingen, Mühlburg, Nordstadt, Südstadt, Waldstadt

Beratungen

  • Jugendhilfeausschuss (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 02.02.2022

    TOP: 2

    Rolle: Vorberatung

    Ergebnis: Keine Angabe

  • Gemeinderat (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 22.02.2022

    TOP: 11

    Rolle: Entscheidung

    Ergebnis: mehrheitlich zugestimmt

Zusätzliche Dateien

  • Bundesprogr. Kita-Einstieg- Brücken bauen in frühe Bildung
    Extrahierter Text

    Beschlussvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: 2022/0067 Verantwortlich: Dez. 3 Dienststelle: SJB Bundesprogramm Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung Beratungsfolge dieser Vorlage Gremium Termin TOP ö nö Ergebnis Jugendhilfeausschuss 02.02.2022 2 x vorberaten Gemeinderat 22.02.2022 11 x Beschlussantrag Der Gemeinderat nimmt nach Vorberatung im Jugendhilfeausschuss den Bericht zum Bundesprogramm „Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung“ (2017-2022) zur Kenntnis und beschließt die Verstetigung des Projekts „Muttersprachliche Kitalots*innen“ ab dem 01.01.2023. Finanzielle Auswirkungen Ja ☒ Nein ☐ ☐ Investition ☒ Konsumtive Maßnahme Gesamtkosten: Jährliche/r Budgetbedarf/Folgekosten: max. 40.000€ Gesamteinzahlung: Jährlicher Ertrag: Finanzierung ☒ bereits vollständig budgetiert ☐ teilweise budgetiert ☐ nicht budgetiert Gegenfinanzierung durch ☐ Mehrerträge/-einzahlung ☐ Wegfall bestehender Aufgaben ☐ Umschichtung innerhalb des Dezernates Die Gegenfinanzierung ist im Er- läuterungsteil dargestellt. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☐ Ja ☒ Korridorthema: Soziale Stadt Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) Nein ☒ Ja ☐ durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Ergänzende Erläuterungen Zusammenfassung ································································································································· 2 1. Einführung ······································································································································ 2 2. Erprobte Angebotsformen in der Projektlaufzeit „Kita-Einstieg“ (Rückblick 2017-2021) ····················· 3 2.1 Niedrigschwellige frühpädagogische Angebote, die sich an Kinder und ihre Familien richten und das Ziel verfolgen, den Einstieg in das Regelsystem vorzubereiten ····································································· 3 2.2 Angebote, die Zugänge zum System der Kindertagesbetreuung für Familien konkret unterstützen und begleiten ························································································································································ 3 2.3 Qualifizierungsmaßnahmen für pädagogisches Fachpersonal ································································ 4 2.4 Einsatz von muttersprachlichen Kitalots*innen ·················································································· 4 3. Fazit ··········································································································································· 4 4. Ausblick ·········································································································································· 5 5. Finanzielle Auswirkungen ················································································································ 6 Zusammenfassung Im Bundesprogramm „Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung“ wurden verschiedene Angebotsfor- men erprobt, die Familien in prekären Lebenssituationen und aus nicht-deutschsprachigem Haushalt den Zugang zu frühkindlicher Bildung erleichtern. In diesem Zusammenhang entstand das Projekt „Mutter- sprachliche Kitalots*innen“. Durch die persönliche Beratung in ihrer kulturellen und sprachlichen Commu- nity gelingt es den Kitalots*innen, den Zugang zu Familien herzustellen, die am meisten von frühkindlicher Bildung profitieren. Dieses aufsuchende, präventive Konzept soll verstetigt werden. 1. Einführung Das Bundesprogramm „Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung“ fördert seit 2017 niedrigschwellige Angebote, die den Zugang zu Kindertagesbetreuung vorbereiten und unterstützend begleiten. Nach einer ersten Förderphase (2017-2020) wird das Programm bis Ende 2022 weiter gefördert. Die Gesamtförder- summe für das Bundesprogramm (2017 bis 2022) beträgt mit Ablauf des Projekts 848.026 € aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). In Karlsruhe erfolgte die Ausgestal- tung des Programms unter Einbeziehung einer Vielfalt an Trägern. Neben der Koordinationsstelle (0,5 VZÄ) und einer Fachkraftstelle (0,5 VZÄ), beide Stadt Karlsruhe), sind das Diakonische Werk, die Katholische Ge- samtkirchengemeinde und die Reha-Südwest für Behinderte gGmbH mit jeweils einer Fachkraftstelle (0,5 VZÄ) beteiligt. Die Leitidee des Bundesprogramms basiert auf dem Verständnis, dass jedes Kind, unabhängig von seiner Herkunft, seiner kulturellen oder ethnischen Zugehörigkeit sowie dem sozialen Status der Eltern, ein Recht auf (frühkindliche) Bildung und Teilhabe hat. Denn chancengerechte Startbedingungen im frühen Kindesal- ter wirken sich maßgeblich auf die spätere berufliche und gesellschaftliche Teilhabe aus. Aus zahlreichen Untersuchungen lässt sich eine eindeutige Erkenntnis ableiten: Frühe Bildung wird von Fa- milien höchst unterschiedlich in Anspruch genommen. Je nach Bildungsstand und Zuwanderungsgeschichte zeigt sich deutlich, dass gerade Familien, deren Kinder besonders von einer frühen Kindertagesbetreuung profitieren würden, im frühkindlichen Bildungssystem benachteiligt und unterrepräsentiert sind. Dies zeigt – 3 – sich insbesondere in den Teilhabequoten der unter Dreijährigen (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstat- tung 2020 1 ). Dieser deutschlandweite Befund zeigt sich ebenfalls in Karlsruhe. Die „Familienumfrage 2017 – Lebenssitua- tion, Einschätzungen und Kinderbetreuungsbedarf“ zeigt: Bei Familien mit Kindern zwischen einem Jahr und unter drei Jahren ist der Anteil derjenigen Familien, deren Kinder regelmäßig mehrmals pro Woche in die Kindertagesstätte/Kinderkrippe gehen, deutlich geringer als bei den drei- bis unter sechsjährigen. Nur 42,9 % der Befragten gaben an, mehrmals wöchentlich eine Einrichtung zu nutzen. Die regelmäßige Inan- spruchnahme wird auch hier sehr stark von den Bildungsabschlüssen der Eltern, dem Erwerbsstatus der El- tern sowie dem Netto-Pro-Kopf Einkommen des Haushalts bestimmt 2 . Dieser Zusammenhang wird im Folgenden deutlich: Lediglich 23,1% der Familien mit geringeren Bildungs- abschlüssen lassen ihr unter dreijähriges Kind regelmäßig in einer Kindertageseinrichtung betreuen. Bei Be- fragten mit Abitur oder (Fach-)Hochschulreife sind es 41%, bei Befragten mit (Fach-) Hochschulabschluss 47,4%. Vor dem Hintergrund der Bildungsteilhabe und Chancengerechtigkeit verfolgen das Bundesprogramm und die Umsetzung in Karlsruhe seit 2017 daher das Ziel, Familien in sozial schwacher Lage und aus nicht- deutschsprachigen Haushalten auf dem Weg in die Kindertagesbetreuung niedrigschwellig und intensiv zu unterstützen. 2. Erprobte Angebotsformen in der Projektlaufzeit „Kita-Einstieg“ (Rückblick 2017-2021) Innerhalb der Projektlaufzeit wurden unterschiedliche Angebotsformen erprobt. Der konzeptionelle Fokus lag vor allem in der Zielgruppenorientierung. Die Leitidee war geprägt davon Zugänge zu schwererreichba- ren Familien zu schaffen: Niedrigschwelligkeit durch eine zugehende Angebotsstruktur und die Orientie- rung an den Bedarfen der Familien. 2.1 Niedrigschwellige frühpädagogische Angebote, die sich an Kinder und ihre Familien richten und das Ziel verfolgen, den Einstieg in das Regelsystem vorzubereiten winterSPIELZIMMER: Elterncafés (in Nordstadt, Südstadt und Durlach jeweils von November bis März) für Eltern mit Kindern zwischen null und sechs Jahren ohne Kitaplatz. Schwerpunkte dieses Gruppenangebots (durchgeführt durch die am Projekt angeschlossenen pädagogischen Fachkräfte) sind zum einen die Vorbe- reitung auf das frühkindliche Bildungssystem (das heißt, die Kinder und Eltern werden an die Routine und Rituale der Kindertagesbetreuung herangeführt). Zum anderen beraten die Fachkräfte die Eltern speziell zum System der Kindertagesbetreuung in Karlsruhe, geben Informationen weiter und melden zum Beispiel vor Ort im Kita-Portal an. 2.2 Angebote, die Zugänge zum System der Kindertagesbetreuung für Familien konkret unterstützen und begleiten Elterncafé unterwegs: Aufsuchendes Angebot, um Familien an ihrem Wohnort zu erreichen. Eine pädagogi- sche Fachkraft ist mit einem Lastenrad in verschiedenen Stadtteilen in Karlsruhe unterwegs, um Familien ohne Kitaplatz (zum Beispiel auf Spielplätzen oder öffentlichen Plätzen im Stadtteil) anzusprechen. Es be- steht die Möglichkeit, Familien bei Bedarf direkt und unkompliziert zum Beispiel im Kita-Portal der Stadt Karlsruhe anzumelden und zu weiteren Themen rund um die Kindertagesbetreuung zu beraten. 1 https://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2020/pdf-dateien-2020/bildungsbericht-2020-barrierefrei.pdf; https://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2020/excel-bildungsbericht-2020/c3-anhang.xlsx aufgerufen am 19.11.2021 2 Vgl. Familienumfrage 2017: 111; Anhangtabelle 5.2 https://www.karlsruhe.de/b4/stadtentwicklung/umfanaprog/Familienumfrage2017/HF_sec- tions/content/ZZoat5UmujPdl6/Familien%20in%20Karlsruhe%202017%20-%20Anhangtabellen.pdf aufgerufen am 19.11.2021 – 4 – Offene Beratungsstunden in verschiedenen Stadtteilen: In einem rotierenden Verfahren findet in vier Fami- lienzentren (Waldstadt, Südstadt, Mühlburg, Knielingen) eine offene Beratungsstunde statt. Eine Fachkraft empfängt dort Familien, die noch keinen Kitaplatz erhalten haben. Vor Ort kann direkt eine Anmeldung im Kita-Portal erfolgen oder über Alternativmöglichkeiten, wie eine Tagesmutter beraten werden. 2.3 Qualifizierungsmaßnahmen für pädagogisches Fachpersonal Workshops für Leitungen von Kindertageseinrichtungen zum Thema kulturelle Vielfalt in den Einrichtungen: Um pädagogisches Fachpersonal in Kindertagesstätten für das Thema kulturelle Vielfalt und die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen zu sensibilisieren, werden Qualifizierungsworkshops angeboten. Diese werden zum Beispiel in Kooperation mit der Antidiskriminierungsstelle Karlsruhe oder anderen Expertin- nen und Experten auf dem Gebiet der Chancengleichheit im frühkindlichen Bildungssystem durchgeführt. 2.4 Einsatz von muttersprachlichen Kitalots*innen Um Familien mit einer Migrationsgeschichte und/oder Sprachbarrieren und bildungsfernem Hintergrund zielgerichtet erreichen zu können, entstand bereits zu Anfang des Projekts die Idee, muttersprachliche Kita- lots*innen einzusetzen. Kitalots*innen sind Personen aus verschiedenen kulturellen Communities, die Fa- milien ihrer kulturellen Community erreichen. Kitalots*innen haben durch ihren eigenen kulturellen/sprachlichen Hintergrund die Möglichkeit, schneller eine Vertrauensbasis aufzubauen, die Familien direkt in ihrem sozialräumlichen Umfeld anzusprechen und das Thema Kindertagesbetreuung zu adressieren. Momentan gibt es in Karlsruhe drei Kitalots*innen (Spra- chen in Anlehnung an die Karlsruher Bevölkerungsanteile: Rumänisch, Türkisch und Arabisch). Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Jobcenter erhielt eine Kitalotsin die Möglichkeit, über eine Beschäftigungs- maßnahme (§ 16i SGB II) sozialversicherungspflichtig für bis zu fünf Jahre bei der Stadt Karlsruhe (im Kin- derbüro) angestellt zu werden. Der Zugang zu den Familien findet über die direkte Ansprache der Familien durch die Kitalots*innen statt. Familien werden da angesprochen, wo sie sich im Alltag aufhalten, das heißt auf dem Spielplatz, im Eltern- café oder im direkten sozialen Umfeld. Durch „Mund-zu-Mund Propaganda“ werden Kitalots*innen durch Familien direkt angesprochen beziehungsweise durch Kooperationspartner (zum Beispiel Jobcenter, Sprachschulen, Netzwerk Frühe Prävention, Allgemeiner Sozialer Dienst) an die Kitalots*innen weiterver- mittelt. Zudem sind Kitalots*innen zum Beispiel an Migrantenvereine oder Elterncafés angebunden, sodass Familien in ihrer Lebenswelt erreicht werden und das Thema Kinderbetreuung gut adressiert werden kann. Kitalots*innen bieten konkrete Hilfe bei der Anmeldung im Kita-Portal, unterstützen bei der Kommunika- tion mit den Einrichtungen, vermitteln bei Eingewöhnungsgesprächen oder bei der Antragstellung bei der Wirtschaftlichen Jugendhilfe. Im Gegensatz zum Konzept „Stadtteilmütter“ (zum Beispiel in Berlin) sollen Kitalots*innen die Familien pri- mär rund um das Thema Kindertagesbetreuung und frühkindliche Bildung unterstützen. Familien, die Prob- lemlagen über das Thema Kindertagesbetreuung hinaus haben, sollen von den Kitalots*innen an beste- hende Hilfsangebote der Stadt verwiesen werden. Diese Lotsenfunktion hat sich über die Projektjahre etab- liert und wird von allen Akteurinnen und Akteuren als Bereicherung beim Zugang zu schwer erreichbaren Familien gesehen. In diesem Zusammenhang erfolgte eine konkrete Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst. Durch die Aufnahme der Kitalots*innen in dessen Übersetzer*innenpool kann die Beglei- tung einzelner Familien zum Allgemeinen Sozialen Dienst sichergestellt werden. Hintergrund dieser Koope- ration ist, dass die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt hat, dass das reine „Hinlotsen“ zu Hilfsangeboten oft nicht ausreicht und die persönliche Begleitung der Familien entscheidend ist. 3. Fazit Seit September 2017 bis August 2021 wurden 380 Familien durch die Fachkräfte vom Team Kita-Einstieg und von den Kitalots*innen in einer persönlichen Einzelberatung unterstützt. 85,5% der Familien hatten – 5 – einen Migrationshintergrund. Bei 28,4% der Einzelberatungen handelte es sich um alleinerziehende Eltern- teile, 35,8% gaben an, arbeitslos/arbeitssuchend zu sein. Über 10% der Kinder waren fünf oder sechs Jahre alt. Vor diesem Hintergrund lässt sich festhalten: Gerade für Kinder, in deren Familien kein Deutsch gespro- chen wird, ist es entscheidend, so früh wie möglich den Zugang zum frühkindlichen Bildungssystem zu er- halten. Unzureichende Deutschkenntnisse zum Schuleintritt wirken sich langfristig negativ auf die Bildungs- und Teilhabechancen der Kinder aus und verstärken bereits bestehende Chancenungleichheiten. Die Beratung dauerte bei den meisten Familie mehr als zwei Stunden und zeigt, wie ressourcenintensiv per- sönliche Unterstützungsangebote sind. Insgesamt wurden 55,8% der Familien im Kita-Portal angemeldet, und bei 38,9% der Familien gelang es den Fachkräften beziehungsweise den Kitalots*innen, einen Kita-Platz zu vermitteln. Dies zeigt den Erfolg der individuellen Beratung. Die unterschiedlichen Angebote erreichten somit das Ziel, Familien der Zielgruppe umfassend zum Thema Kindertagesbetreuung zu beraten und konkrete Hilfestellung zum Beispiel bei der Anmeldung im Kita-Portal der Stadt Karlsruhe oder beim Kontakt zur Wirtschaftlichen Jugendhilfe zu leisten. Im winterSPIELZIMMER konnten Kinder und deren Eltern erste Erfahrungen im Hinblick auf den Kita-Alltag sammeln, potentielle Vorbehalte abbauen und Fragen klären. Die Erfahrung in der Projektlaufzeit hat jedoch auch deutlich gezeigt, dass der Einsatz muttersprachlicher Kitalots*innen ein sehr sinnvoller und effizienter Zugangsweg zu Familien mit Migrationsgeschichte und/o- der Sprachbarrieren ist. Durch die Zugehörigkeit zu einer kulturellen und sprachlichen Community gelingt es den Kitalots*innen, schnell eine Vertrauensbasis zu den Familien aufzubauen. Das große Engagement der Kitalots*innen bei der Kita-Platzsuche (Anrufe bei Kitaleitungen, Begleitung zu Erstgesprächen, Kommu- nikation mit Servicestelle et cetera) zeigte sich als entscheidender Schritt im Sinne eines bildungsgerechten Aufwachsens. Familien, die bisher keinen oder wenig Berührungspunkte mit der Kindertagesbetreuung in Karlsruhe haben, können so frühzeitig in das Regelsystem frühkindlicher Bildung bedarfsgerecht begleitet werden. Diese Erfahrung deckt sich mit Ergebnissen einer neuen Studie, die im September 2021 veröffentlicht wurde. Das groß angelegte Feldexperiment ging der Frage nach, ob die Bereitstellung von „relevanten In- formationen zum Kita-Bewerbungsprozess sowie ein personalisiertes Unterstützungsangebot für die Kita- Bewerbung die sozioökonomische Ungleichheit in der Kita-Inanspruchnahme reduzieren kann“ (Hermes et al. 2021 3 ). Die Ergebnisse zeigen, dass die Kita-Inanspruchnahme durch die Bereitstellung von Informatio- nen und personalisierte Unterstützungsangebote insbesondere für bildungsferne Familien erhöht werden kann. Die Wahrscheinlichkeit für bildungsferne Familien, sich um einen Kita-Platz zu bewerben, hat sich in der Studie um 21 Prozentpunkte erhöht. Die Wahrscheinlichkeit, einen Kita-Platz tatsächlich in Anspruch zu nehmen, steigt um 16 Prozentpunkte (jeweils im Vergleich zur Kontrollgruppe). 4. Ausblick Einige der Angebote, die im Rahmen vom Bundesprogramm „Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung“ entstanden sind, werden nach Ende der Projektlaufzeit weiter bestehen. Durch die erfolgreiche Koopera- tion mit Kinder- und Familienzentren im Stadtgebiet werden das winterSPIELZIMMER, das Elterncafé unter- wegs und die Beratungsstunden fortgeführt. Das Konzept muttersprachliche Kitalots*innen in Karlsruhe soll ebenfalls weiter bestehen und weiterentwi- ckelt werden. Bereits bestehende Kooperationen (zum Beispiel mit Migrantenvereinen) und enge Vernet- zungen mit anderen Unterstützungsangeboten der Stadt Karlsruhe (beispielsweise Netzwerk Frühe Präven- tion, Allgemeiner Sozialer Dienst) sollen weiter synergetisch genutzt werden. So wird der präventive Ansatz, Familien und Kinder in prekärer Lebenssituation und aus nicht-deutschsprachigem Haushalt so früh wie möglich in Regelstrukturen der Kindertagesbetreuung zu integrieren, sichergestellt. Dieser Ansatz ent- spricht der grundsätzlichen Haltung, für alle Familien in Karlsruhe frühzeitig Bildungs- und Chancengerech- tigkeit herzustellen, anstatt ihnen später spezialisierte Förderung zukommen zu lassen. 3 https://www.ifo.de/DocDL/sd-2021-09-lergetporer-etal-bewerbungsunterstuetzung-kita_0.pdf aufgerufen am 24.11.2021 – 6 – Das Konzept der muttersprachlichen Kitalots*innen verknüpft drei zentrale soziale Herausforderungen: frühkindliche Bildung, Teilhabe von nicht-deutschsprachigen Müttern am Ausbildungs- und Berufsleben (beziehungsweise Aufnahme eines Sprachkurses) und Integration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeits- markt (Kooperation mit dem Jobcenter). Aus Sicht des Jobcenters ist eine feste Institutionalisierung des Unterstützungsprogramms unerlässlich. In der täglichen Praxis zeigt sich sehr deutlich, dass die Mehrheit der Kundinnen und Kunden des Jobcenters es nicht schaffen, in Karlsruhe einen Betreuungsplatz in einer Kita selbständig und ohne die zusätzliche per- sönliche Unterstützung der Kitalots*innen zu erhalten. Die Einschaltung der Kitalots*innen liegt bei den im Jobcenter gemeldeten Eltern mit Migrationshintergrund bei gut 90%. Es werden Teilhabechancen auf mehreren Ebenen geschaffen - zunächst für die ohnehin schon benachtei- ligten Kinder, in der Folge auch für deren Mütter bzw. Eltern sowie für langzeitarbeitslose Eltern. Bisher gelang es in der Verknüpfung mit dem Teilhabechancengesetz §16i Sozialgesetzbuch Zweites Buch (SGB II), eine langzeitarbeitslose Irakerin in eine versicherungspflichtige Beschäftigung zu integrieren – eine win-win-win Situation. Vor dem weiteren Hintergrund, dass eine funktionierende Kinderbetreuung die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Ein- beziehungsweise Wiedereingliederung in das Erwerbsleben ist, ist dieses Angebot nicht mehr wegzudenken. 5. Finanzielle Auswirkungen Über ein Interessensbekundungsverfahren wird ein geeigneter Träger der Jugendhilfe mit der Umsetzung und Weiterentwicklung des Projekts muttersprachliche Kitalots*innen beauftragt. Die Einrichtung einer Ko- ordinationsstelle, Personalkosten der Kitalots*innen und Sachkosten fördert die Stadt Karlsruhe ab dem 1. Januar 2023 mit jährlich bis zu 40.000 Euro. Im Kontext der vorgesehenen engen Vernetzung zu den beste- henden städtischen Unterstützungsangeboten (siehe hierzu die Ausführungen auf Seite 5) sind die Aufwen- dungen als Transferleistungen nach §16 Sozialgesetzbuch Achtes Buch (SGB VIII) zu definieren. Weiterhin sollen in Zusammenwirkung mit dem Jobcenter geeignete Personen für die Beschäftigung in §16i-Maßnah- men nach dem Sozialgesetzbuch Zweites Buch (SGB II) akquiriert werden. Diese Personen sind in den ersten drei Jahren der Beschäftigung kostenneutral für den Träger der Maßnahme. Die Gertrud-Maria-Doll Stiftung hat sich grundsätzlich bereit erklärt, die städtische Förderung für das The- menfeld Alleinerziehende zu ergänzen. Angedacht ist eine auf fünf Jahre befristete Ko-Finanzierung in Höhe von bis zu 15.000 Euro, sodass eine Anschubfinanzierung zur Implementierung und Festigung der Konzep- tion in den ersten fünf Jahren von bis zu 55.000 Euro jährlich möglich ist. Genaueres wird in einer Koopera- tionsvereinbarung zwischen der Stadt Karlsruhe, dem Träger der Maßnahme und der Gertrud-Maria-Doll Stiftung geklärt. Beschluss: Antrag an den Gemeinderat Der Gemeinderat nimmt nach Vorberatung im Jugendhilfeausschuss den Bericht zum Bundesprogramm „Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung“ (2017-2022) zur Kenntnis und beschließt die Verstetigung des Projekts „Muttersprachliche Kitalots*innen“ ab dem 01.01.2023.

  • Abstimmungsergebnis TOP 11
    Extrahierter Text

  • Protokoll GR 22.02.2022 TOP 11
    Extrahierter Text

    Niederschrift 35. Plenarsitzung des Gemeinderates 22. Februar 2022, 15:30 Uhr öffentlich Bürgersaal, Rathaus am Marktplatz Vorsitzender: Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup 11. Punkt 11 der Tagesordnung: Bundesprogramm Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Förde- rung Vorlage: 2022/0067 Beschluss: Der Gemeinderat nimmt nach Vorberatung im Jugendhilfeausschuss den Bericht zum Bundes- programm „Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung“ (2017-2022) zur Kenntnis und be- schließt die Verstetigung des Projekts „Muttersprachliche Kitalots*innen“ ab dem 01.01.2023. Abstimmungsergebnis: Mehrheitliche Zustimmung. Der Vorsitzende ruft Tagesordnungspunkt 11 zur Behandlung auf und verweist auf die erfolgte Vorberatung im Jugendhilfeausschuss. Stadtrat Dr. Schmidt (AfD): Für die AfD ist eine gute Kinderbetreuung und eine umfassende Kinderbetreuung ganz elementar wichtig, weil es ja ein sehr wichtiges Instrument für die Gleichberechtigung ist. Dementsprechend haben wir auch in der letzten Legislaturperiode schon die Bemühungen, die Kitabetreuung in Karlsruhe in Zukunft völlig kostenfrei zu realisie- ren, mitgetragen und die entsprechenden Anträge positiv abgestimmt. Jetzt ist es aber so, dass wir mit sehr knappen Kassen konfrontiert sind, mein Kollege Schnell hat es gerade schon er- klärt, und da steht für uns im Vordergrund, dass wir das Geld, was wir haben, möglichst effektiv ausgeben, und deswegen hatte er auch darauf hingewiesen, dass wir mit dem Geld, was wir haben, möglichst viele Kitaplätze schaffen wollen. In dem Zusammenhang ist dieser Antrag für uns der zweite Schritt vor dem ersten, denn Kitastellen an den Mann zu bringen, was ja hier gemacht wird, auch vielleicht Leute anzusprechen, die nicht unbedingt einen Bedarf sehen, ihre Kinder in die Kita zu tun, was ja auch hier gemacht wird, kann man erst sinnvoll tun, wenn man genügend Kitaplätze hat. Deswegen ist es für uns der zweite Schritt vor dem ersten. Wir hätten gerne, dass die 40.000 bzw. 55.000 Euro im Jahr, um die es hier geht, ausgegeben werden, um eine weitere Erzieherin oder einen weiteren Erzieher einzustellen und damit eine – 2 – weitere Anzahl von Kindern den Kitaplatz zu ermöglichen. Ich weiß nicht, ob die anderen Frak- tionen auch von Eltern angesprochen werden, die vergeblich über längere Zeit Kitaplätze oder einen Kitaplatz suchen. Ein Beispiel von Menschen, die mich angesprochen haben, zeigt, dass es einfach wichtig ist, dass wir die Kitaplätze prioritär ausbauen und möglichst viele anbieten. Denn da war es gerade eine Familie, die eben nicht aus Deutschland ist, wo beide Eltern arbei- ten, und die haben keinen Kitaplatz bekommen und habe auch über längere Zeit keinen be- kommen. Sie hoffen, dass sie jetzt bei der nächsten Runde einen bekommen. In der Zwischen- zeit musste dann also eine Tagesmutter beauftragt werden, die am Ende auch kein Deutsch gesprochen hat als Muttersprache, und das ist natürlich nicht das, was wir wollen. Wir wollen ja, dass diese Kinder in die Kitas reinkommen, und zwar nicht nur die Rumänisch, Türkisch oder Arabisch sprechen, sondern alle, einfach, weil es ganz wichtig ist, dass sie zusammen mit den anderen Kindern schon möglichst früh Deutsch lernen. Vor dem Hintergrund sind wir der Mei- nung, dass jetzt zuerst mal das Geld ausgegeben werden sollte, um weitere Kitaplätze zu schaf- fen und erst dann eine solche Stelle eingeführt werden sollte. Stadtrat Bauer (GRÜNE): Mir fällt da eigentlich gar nichts Intelligentes dazu ein, was Sie gerade gesagt haben, denn das ist so in sich widersprüchlich. Auf der einen Seite sagen Sie, wir müssen das Geld effizient ausgeben. Auf der anderen Seite sagen Sie, wir brauchen dieses Programm nicht, und auf der dritten seltsamen Seite sagen Sie aber, die sollen doch bitte alle in die Kitas gehen und möglichst schnell Deutsch lernen. Das passt irgendwie zu Ihrem Gesamtprogramm, es ist perfide. Wir könnten dieses Geld gar nicht effektiver ausgeben. Es ist ein präventives Pro- jekt, das steckt da auch drin. Es ist ein sehr erfolgreiches Projekt. Die Kosten, wenn wir es wirk- lich mal nur auf die Kosten reduzieren, dieses Thema der Kitalots*innen ist unter dem Strich etwas, das uns sehr, sehr viel Geld spart, weil es präventiv ist, weil es Kinder aus Milieus, die eben sonst Schwierigkeiten haben, an Bildungsangebote zu kommen, frühzeitig dort integriert in diese Bildungsangebote. Besser könnten wir es nicht ausgeben. Es ist schon irgendwie dop- pelt perfide, was Sie da machen. Auf der einen Seite sind Sie immer eine Partei, die die Gesell- schaft kirre macht aufgrund der sogenannten nicht-integrierbaren oder gewalttätigen Auslän- der, und daraus ziehen Sie dann einen Großteil Ihres politischen Kapitals und auf der anderen Seite, das hat sich auch durch die gesamten Haushaltsverhandlungen gezogen, und es zeigt sich auch hier wieder, immer dann, wenn es Angebote der Stadt gibt, Kinder zu integrieren, wenn es Angebote der Stadt gibt, zum Beispiel Schulabbrecher*innen wieder in den Schulalltag zu integ- rieren, dann lehnen Sie das ab mit Begründung auf die Haushaltslage. Also, es ist ja bald Fa- sching, Sie haben Ihr altes Kostüm wieder rausgeholt und haben es schon angezogen. Das ist im Endeffekt eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die Sie da als sparsame Haushaltspoli- tik verkleiden, und das lehnen wir selbstverständlich ab. Dieses Projekt ist super, und deswegen stehen wir nach wie vor sehr dahinter. Stadtrat Müller (CDU): Auch mir fällt es nicht nur schwer, sondern es ist nahezu für mich un- möglich, den Beiträgen des AfD-Vertreters auch nur im Geringsten ein gewisses Verständnis entgegenzubringen. Das Bundesprogramm, welches wir hier ja letztendlich zur Kenntnis neh- men, aber dann auch fortschreiben wollen, Brücken zu bauen, gerade in Hinblick auf Bera- tungsangebote zur frühen Bildung eben von Kindern in der Sprache als solches und im Kinder- garteneintritt, ist ein ganz wichtiger Bestandteil für unsere Gesellschaft, weil es dann letztend- lich auch viele Türen öffnet und eben auch genau diese Brücken baut, die es eben auch haben muss in unserer Gesellschaft. Von daher will ich es schon wieder dabei belassen, denn jeden Kommentar meinerseits oder unsererseits zu den Ausführungen erspare ich mir nun wirklich an dieser Stelle. – 3 – Stadträtin Melchien (SPD): Ja, also mich verwundert der Antrag der AfD überhaupt nicht. Ich erinnere hier nur an die weitreichenden Streichanträge im Migrationsbereich in den letzten Haushaltsberatungen. Sie haben schon viel gesagt, meine Vorredner jetzt von GRÜNEN und CDU, wie wichtig es ist, Brücken zu bauen und dass hier eben konkret Menschen geholfen wird, bei denen verschiedene Schwierigkeiten zusammenkommen, Menschen, denen der Zugang zum System fehlt, also schon noch mal eine konkrete Begründung hier unterstützend tätig zu sein, bei denen Sprachbarrieren dazukommen und auch der allgemeine Druck, den alle Eltern spüren, bei der Suche nach einem geeigneten Kitaplatz. Dieses Projekt ist hervorragend. Es ver- bindet frühkindliche Bildung, die Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben und die Unterstüt- zung von Familien, die dieser Unterstützung besonders bedürfen. Daher stehen wir als SPD- Fraktion zur Verstetigung dieses Projekts, muttersprachliche Kitalots*innen. Ich finde beson- ders gut auch noch, dass wir hier auch Kinder- und Familienzentren dadurch stärken können, durch dieses Angebot, und dankenswerter Weise unterstützt uns auch noch eine Stiftung, also, wirklich volle Unterstützung der SPD-Fraktion. Stadträtin Lorenz (FW|FÜR): Ich möchte hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Es ist eine re- lativ kleine Summe, aber es ist ein großer Invest hier in die Zukunft unserer Stadt, weil ich glau- be, wir sind uns einig, dass die Sprache der Zugang, der Schlüssel zu allem ist, nicht nur zur Bil- dung. Es ist Zugang für die Zukunft, und für diese kleine Summe, die wir hier investieren - wir werden natürlich zustimmen - leisten wir Großes für den Arbeitsmarkt, für die zukünftigen Fachkräfte in unserer Stadt, und ich bin mir auch nicht sicher, wie viele Kindergartenplätze wir für 44.000 Euro bekommen würden. Ich weiß nicht, reden wir von einem, von einem halben. Also, wie gesagt, zu Eingangs, ich möchte hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Es ist ein tol- les Projekt für alle Beteiligten, Kindertagesbetreuung, die anderen sozialen Träger, die mitange- schlossen sind und noch mal, es gibt nichts Besseres für die Zukunft unserer Kinder als Sprache, Sprache und Sprache. Der Vorsitzende: Vielen Dank, damit kommen wir zur Abstimmung, und ich bitte um Ihr Votum. – Das ist eine mehrheitliche Annahme, vielen Dank. Zur Beurkundung: Die Schriftführerin: Hauptamt - Ratsangelegenheiten – 7. März 2022