Kommentierung Mühlburger Kriegerdenkmal auf dem Lindenplatz
| Vorlage: | 2021/0895 |
|---|---|
| Art: | Beschlussvorlage |
| Datum: | 09.07.2021 |
| Letzte Änderung: | 03.03.2025 |
| Unter Leitung von: | Kulturamt |
| Erwähnte Stadtteile: | Grötzingen, Mühlburg |
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Beschlussvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: Verantwortlich: Dez. 2 Dienststelle: Kulturamt Kommentierung Mühlburger Kriegerdenkmal auf dem Lindenplatz Beratungsfolge dieser Vorlage Gremium Termin TOP ö nö Ergebnis Kulturausschuss 20.07.2021 5 X Beschlussantrag (Kurzfassung) Die städtische Erinnerungskultur sieht für Denkmäler, die nach unserem heutigen Verständnis demokratischen, friedlichen und völkerverständigenden Prinzipien widersprechen, die Möglichkeit einer Kommentierung vor. Dazu gehört prioritär das Kriegerdenkmal in Mühlburg, das dieses Jahr eine kommentierende Stele erhalten soll. Der Kulturausschuss stimmt der Vorlage und der Aufstellung der Stele zu. Finanzielle Auswirkungen Gesamtkosten der Maßnahme Einzahlungen | Erträge (Zuschüsse und Ähnliches) Jährliche laufende Belastung (Folgekosten mit kalkulatorischen Kosten abzüglich Folgeerträge und Folgeeinsparungen) Ja ☒ Nein ☐ ca. 4.000 Euro Haushaltsmittel sind dauerhaft im Budget vorhanden Ja ☒ Nein ☐ Die Finanzierung wird auf Dauer wie folgt sichergestellt und ist in den ergänzenden Erläuterungen auszuführen: ☐ Durch Wegfall bestehender Aufgaben (Aufgabenkritik) ☐ Umschichtungen innerhalb des Dezernates ☐ Der Gemeinderat beschließt die Maßnahme im gesamtstädtischen Interesse und stimmt einer Etatisierung in den Folgejahren zu. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) Nein ☒ Ja ☐ durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Ergänzende Erläuterungen Der „Leitfaden zur Erinnerungskultur im öffentlichen Raum in Karlsruhe“ listet die prioritär zu kommentierenden Kriegerdenkmäler auf. Da die Planung, zuerst dem Leibgrenadierdenkmal am Europaplatz eine kommentierende Stele hinzuzufügen, sich durch die zeitliche Verzögerung bei der Gestaltung des Europaplatzes auf voraussichtlich 2022/23 verschiebt, soll nun zunächst das Kriegerdenkmal in Mühlburg dieses Jahr eine Kommentierung erhalten. Die Ausführung soll in einfacher Form nach dem Muster der kommentierenden Stele zum Kriegerdenkmal in Grötzingen erfolgen. Die Kommentierungsstele soll auf jeweils einer Stelenseite folgende Texte und die beigefügte Bebilderung mit Informationen enthalten: Seite A) Das Mühlburger Kriegerdenkmal Beim Mühlburger Sieges- und Friedensfest am 11. März 1871 wurde ein Denkstein mit der Inschrift „Zur Erinnerung an des Vereinten Deutschland Krieg, Sieg und Frieden 1870 1871“ aufgestellt. Damit war es eines der ersten Denkmäler in Erinnerung an den Krieg 1870/71. Da es unansehnlich geworden war und als zu schlicht empfunden wurde, wünschte der Militärverein Mühlburg ein neues Kriegerdenkmal. Nach der Eingemeindung Mühlburgs genehmigte der Karlsruher Stadtrat 1886 dafür die Hälfte der veranschlagten 2.000 Mark. Neben den Namen der zwei Gefallenen enthielt es die rund 75 Namen aller Kriegsteilnehmer aus Mühlburg. Oberbürgermeister Lauter beschwor bei der Einweihung am 18. September 1887 die Jugend, „wenn Deutschland wieder ein Krieg aufgezwungen würde... in deutscher Treue... deutschem Mut... den Tod nicht scheuend... für das Vaterland zu kämpfen“. Anlässlich seines 60-jährigen Bestehens erweiterte der Militärverein Mühlburg es 1931 zum Gefallenenmal des Ersten Weltkriegs. Die Widmung an die Kriegsteilnehmer 1870/71 wurde durch eine an die Gefallenen 1914-1918 ersetzt und auf einer Seite anstelle der Namen der Kriegsteilnehmer der neue Sinnspruch „Dienst an Deutschland ist Pflicht, Arbeit fürs Volk ist Gewinn, braucht Dein Volk Dein Leben, so gib es hin“ angebracht. Diese Devise ist ein Karlsruher Beispiel für einen übersteigerten Nationalismus und die sich bereits vor der nationalsozialistischen Herrschaft vor 1933 ausbreitende völkische Ideologie. Nach 1945 wurde für die neue Widmung „Unseren Gefallenen aus beiden Weltkriegen“ die Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs entfernt, nicht aber der Sinnspruch von 1931. Seite B) Der Mühlburger Militärverein Nach dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 und der Gründung des Kaiserreichs entstanden überall in Deutschland Militär- oder Kriegervereine. Der am 18. Juni 1871 gegründete „Militärverein Mühlburg“ gehörte zu den frühen in Deutschland und war nach eigener Angabe der erste in Baden. 1875 zählte er 110 Mitglieder. In Karlsruhe gründete sich ein Verein erst am 1. Oktober 1872, innerhalb weniger Jahre gab es in allen einst selbständigen Stadtteilen Militärvereine. In der 1886 eingemeindeten Stadt Mühlburg war der 1833 in Stettin geborene Richard Wettstein, preußischer Leutnant a. D. und Fabrikinspektor der Badischen Kartoffelmehlfabrik, Gründer und Vorsitzender des Vereins. Wettstein trieb auch die Verbandsbildung der Militärvereine in Baden – 3 – insgesamt voran. Als Redner der Deutschkonservativen Partei wetterte er auf Wahlveranstaltungen „gegen Liberalismus und Sozialdemokratismus“ und hielt antisemitische Hassreden. Die Militärvereine, reine Männerbünde, feierten die kriegerische Reichsgründung und priesen das Soldatentum. Sozialdemokraten sollten keine Mitglieder sein können, da sie von Reichskanzler Bismarck als Reichsfeinde gebrandmarkt wurden. Oberste Werte waren den Militärvereinen Gott, Kaiser, Fürst und Vaterland. Sie waren die gesellschaftliche Basis des deutschen Militarismus und der Obrigkeitshörigkeit sowie Hort antidemokratischen Denkens. Bilder und Beschriftungen: Im Vordergrund erstes Mühlburger Kriegerdenkmal von 1871, dahinter die zugleich gepflanzte Linde. Im Hintergrund ein temporäres Denkmal, Aufnahme vermutlich anlässlich der Feier zum 10. Jahrestag der Reichsgründung, 1881 – 4 – Der in Mühlburg lebende Bildhauer Friedrich Wilhelm Volke, Gestalter zahlreicher Kriegerdenkmäler, schuf das Denkmal im seinerzeit beliebten überladenen historistischen Stil, Foto um 1887. Ansicht der 1931 und nach 1945 veränderten Seite. – 5 – Lindenplatz mit der protestantischen Kirche von 1786, seit 1903 mit erhöhtem Turm Karl-Friedrich- Gedächtnis-Kirche genannt, und dem bis um 1925 noch eingefriedeten Kriegerdenkmal, Foto um 1900. Das Kriegerdenkmal wird für eine neue Platzgestaltung um einige Meter verrückt, danach die Widmung an die Gefallenen beider Weltkriege angebracht, Foto Mai 1965.