Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten "Braunen Haus" in der Ritterstraße 28 - 30

Vorlage: 2021/0384
Art: Antrag
Datum: 23.03.2021
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Offen
Erwähnte Stadtteile: Durlach, Rüppurr

Beratungen

  • Gemeinderat (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 20.04.2021

    TOP: 27

    Rolle: Entscheidung

    Ergebnis: verwiesen in Fachausschuss

  • Kulturausschuss (öffentlich)

    Datum: 20.07.2021

    TOP: 6

    Rolle: Kenntnisnahme

    Ergebnis: Keine Angabe

Zusätzliche Dateien

  • Antrag
    Extrahierter Text

    Antrag Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier DIE LINKE:-Gemeinderatsfraktion Eingang: 23.03.2021 Vorlage Nr.: 2021/0384 Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten "Braunen Haus" in der Ritterstraße 28 - 30 Gremium Termin TOP ö nö Gemeinderat 20.04.2021 27 x Der Gemeinderat möge folgendes beschließen: 1. Die Stadt soll in Erfahrung bringen, wer Nachmieter nach dem Auszug des Amtes für Flurneuordnung und Landentwicklung ab voraussichtlich Mai d. J. im „Braunen Haus“ in der Ritterstraße 28-30 wird. Ebenfalls soll die Stadt kurzfristig mit dem derzeitigen und dem nachfolgenden Mieter Kontakt aufnehmen, damit durch die aktuelle sowie die Nachnutzung der Räume im Keller keine historischen Spuren verschwinden. 2. Die Stadt soll sich mit dem Landratsamt und dem Regierungspräsidium in Verbindung setzen, wie die mutmaßlichen Gestapo-Zellen im „Braunen Haus“ sowie Dienstmappen usw. geprüft und dokumentiert werden können. 2.1. Hierzu soll das Land Kontakt mit dem Karlsruher Stadtarchiv und Bausachverständigen aufnehmen, um die Räumlichkeiten auf ihre Authentizität hin zu prüfen und dokumentieren zu können 3. Sollte sich nach Prüfung der Räume bewahrheiten, dass es sich bei den im Keller befindlichen Zellen des „Braunen Hauses“ um ehemalige Gestapo-Zellen handelt und eventuell weitere authentische Merkmale vorhanden sind, sollen die Stadt und das Land gemeinsam mit dem Stadtarchiv und zuständigen Behörden, wie der Denkmalschutzbehörde und dem Landesdenkmalamt, prüfen, wie die Räume dauerhaft bewahrt und einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Begründung: In der Ritterstraße 28-30 war während der NS-Zeit kriegsbedingt eine Abteilung der Gestapo untergebracht. Gefangene wurden für Verhöre in Zellen im Kellergeschoss untergebracht. Nach Hinweis eines Bürgers sollen dort noch Zellen, teilweise mit original Putz und Türen vorhanden sein. Außerdem meint er Dokumente aus der NS-Zeit, wie Dienstmappen mit Vorschriften etc., in den Räumen gesehen zu haben. Da durch den bevorstehenden Umzug des dort aktuell ansässigen Amtes für Flurneuordnung und Landentwicklung und einer Nachnutzung die Spuren verschwinden könnten, sollte die Stadt Karlsruhe umgehend aktiv werden und dafür sorgen, dass die Räume und evtl. noch vorhandenen Dokumente auf ihre Authentizität hin geprüft und evtl. dauerhaft geschützt werden können. Unterzeichnet von: Lukas Bimmerle Karin Binder Mathilde Göttel

  • StN Prüfung und Dokumentation Gestapo-Zellen
    Extrahierter Text

    Stellungnahme zum Antrag Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier DIE LINKE.-Gemeinderatsfraktion Vorlage Nr.: 2021/0384 Verantwortlich: Dez. 2 Dienststelle: Kultur Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten "Braunen Haus" in der Ritterstraße 28 - 30 Gremium Termin TOP ö nö Gemeinderat 20.04.2021 27 X Kurzfassung Im Haus Ritterstraße 28 - 30 befand sich seit 1933 (Hausnummer 28) bzw.1938 (Hausnummern 28 und 30) das Gauamt der NSDAP Baden. 1943/44 war zusätzlich eine Abteilung der Stapoleitstelle Karlsruhe darin untergebracht. Zwei Kellerräume dienten als Zellen für die Zuführung von Gefangenen zum Verhör. Die Verwaltung wird mit den derzeitigen Nutzern, Landratsamt Karlsruhe und Regierungspräsidium Karlsruhe, Kontakt aufnehmen und darum bitten, gegebenenfalls zusammen mit Bauverständigen, die Lage der ehemaligen Zellen feststellen zu dürfen. Dabei soll auch geprüft werden, ob authentische Überreste vorhanden sind. Falls dies zutrifft, wird eine Dokumentation der Räume erfolgen sowie eine Beratung über einen eventuellen Erhalt. Die Verwaltung bittet daher, den Antrag zunächst als erledigt zu betrachten. Finanzielle Auswirkungen Gesamtkosten der Maßnahme Einzahlungen | Erträge (Zuschüsse und Ähnliches) Jährliche laufende Belastung (Folgekosten mit kalkulatorischen Kosten abzüglich Folgeerträge und Folgeeinsparungen) Ja ☐ Nein ☒ Haushaltsmittel sind dauerhaft im Budget vorhanden Ja ☐ Nein ☐ Die Finanzierung wird auf Dauer wie folgt sichergestellt und ist in den ergänzenden Erläuterungen auszuführen: ☐ Durch Wegfall bestehender Aufgaben (Aufgabenkritik) ☐ Umschichtungen innerhalb des Dezernates ☐ Der Gemeinderat beschließt die Maßnahme im gesamtstädtischen Interesse und stimmt einer Etatisierung in den Folgejahren zu. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) Nein ☒ Ja ☐ durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Ergänzende Erläuterungen Das Haus Ritterstraße 28 - 30 ist bislang Sitz der Gemeinsamen Flurneuordnungsbehörde des Landratsamts Karlsruhe und des Regierungspräsidiums Karlsruhe und befindet sich im Eigentum des Landes. Die Adresse umfasst zwei einst eigenständige Wohnhäuser, errichtet Ende des 19. Jahrhunderts, die in den 1930er Jahren Um- und Neubauten erfuhren. 1933 übernahm der „Adolf-Hitlerverein e.V.“ das Haus Ritterstraße 28 und baute es für das NSDAP-Gauamt mit Büroräumen sowie einem Neubau im Hinterhof repräsentativ um. Nach Erwerb des privaten Nachbarhauses Ritterstraße 30 zur Erweiterung des NSDAP- Gauamtes wurde 1938 eine Erneuerung und Angleichung der Fassadenfront geplant. Offiziell trug das Haus Ritterstraße 28-30 in der NS-Zeit den Namen „Adolf-Hitler-Haus“, inoffiziell auch als „Braunes Haus“ bezeichnet. Das Geheime Staatspolizeiamt Karlsruhe befand sich in diesem Gebäude nur mit der „Abteilung Abwehr“ zeitlich von Ende 1943 bis Ende 1944. Die Gebäudegeschichte der Gestapo Karlsruhe ist von ständigem Raummangel gekennzeichnet, ein dauerhaftes (Haupt)Gebäude gab es nicht, im Vergleich z. B. zu Stuttgart mit dem sogenannten „Hotel Silber“. 1933 begann die Vorgeschichte der Gestapo mit Räumen im Polizeipräsidiumsgebäude, Karl-Friedrich-Straße 15. Wegen Platzbedarf wurden bald neue Räumlichkeiten gesucht, dabei auch ein Flügel des Schlosses in Betracht gezogen, schließlich aber das Gebäude Villa Reiss in der Gartenstraße 25 bezogen. Da die Räumlichkeiten ebenfalls zu klein waren, wurde 1938 der als Mietwohnungshaus errichtete Neubau in der Ebertstraße 24 (damals: Reichsstraße) zusätzlich bezogen. Darin fanden einige Abteilungen und der Leiter der Stapoleitstelle Karlsruhe ihren Sitz. Später wurden für die SD-Hauptabteilung Räume in der Jahnstraße 18 bezogen. So kam wie o. g. zeitweise auch die Abteilung IV in der Ritterstraße 28 - 30 unter. Bekannt ist, dass die Gestapoabteilung Abwehr 1943/44 beim Aufrollen der sowjetischen Widerstandsorganisation BSW unter Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in Baden Verhöre in ihren Räumlichkeiten der Ritterstraße durchführte und dazu Gefangene zeitweise in zwei Zellenräumen im Kellergeschoss unterbrachte. Die hauptsächliche Haft und systematische Folter erfolgte durch die gleiche Abteilung allerdings im Polizeigefängnis in Ettlingen (heute abgerissen). Der Ort der einstigen Zellen im Kellergeschoss der Ritterstraße ist im Stadtarchiv nicht bekannt. Nach Bauplänen des Gebäudeteils Hausnummer 28 gab es etwa zwölf Kellerräume, Pläne des Kellergeschosses Hausnummer 30 existieren nicht. Wenn die ehemaligen Zellen ausfindig gemacht werden können und ihr Zustand den einstigen Zellencharakter bezeugen, eventuell Überreste wie vielleicht Einritzungen, Kritzeleien an Wänden und Türen sichtbar sind, und somit Authentizität besteht, wäre eine Sicherung wünschenswert. Mindestens eine Foto-Dokumentation wäre anzustreben. Eine Prüfung der Situation wird in Absprache mit dem Landratsamt und dem Regierungspräsidium alsbald erfolgen. Abhängig vom Ergebnis wären neben einer Dokumentation dann auch weitere Schritte zu beraten. Die Verwaltung bittet daher, den Antrag zunächst als erledigt zu betrachten.

  • Protokoll GR TOP 27
    Extrahierter Text

    Niederschrift 24. Plenarsitzung des Gemeinderates 20. April 2021, 15:30 Uhr öffentlich Gartenhalle, Kongresszentrum Vorsitzender: Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup 27. Punkt 27 der Tagesordnung: Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten „Braunen Haus“ in der Ritterstraße 28 – 30 Antrag: DIE LINKE. Vorlage: 2021/0384 Ergänzungsantrag: FDP Vorlage: 2021/0480 Beschluss: Verwiesen in den Kulturausschuss Abstimmungsergebnis: Keine Abstimmung Der Vorsitzende ruft Tagesordnungspunkt 27 zur Behandlung auf und verweist auf die vorlie- genden Stellungnahmen der Verwaltung. Stadträtin Binder (DIE LINKE.): Wir möchten ungern, dass unser Antrag heute für erledigt be- trachtet wird, weil wir davon ausgehen, es folgen noch weitere Schritte. Wir sind dankbar, dass erste Schritte unternommen und erste Schritte mit dem Land aufgenommen wurden. Es geht darum, dass wir für Karlsruhe zeitgeschichtliche Räume bewahren. Wir wissen alle, die Zeitzeu- gen einer sehr unrühmlichen Vergangenheit sterben langsam aus. Aber wir müssen trotzdem dafür sorgen, dass es auch für junge Menschen nach wie vor Möglichkeiten gibt zu begreifen, was damals in der NS-Vergangenheit Deutschlands passiert ist. Ich glaube, es ist wichtig, Ge- schichte begreifbar zu machen. Wenn Karlsruhe noch über solche Örtlichkeiten verfügt, sollte man dafür sorgen, dass die erhalten bleiben. Das „Braune Haus“ in der heutigen Ritterstraße 28 – 30 ist auf jeden Fall etwas, das geschützt werden sollte, zumindest die Kellerräume, in denen diese Zellen untergebracht waren für verfolgte Karlsruher*innen, aber genauso Zwangsarbei- ter*innen, die dort gefoltert wurden. Ich bin dankbar für den Antrag, den die FDP noch einge- reicht hat. Ich würde den aber gerne erweitern um tatsächlich die Menschen, die in diesen Räu- men gefangen gehalten wurden. Dass man dabei natürlich exemplarisch auch Karlsruherinnen und Karlsruher herausarbeiten sollte, da sind wir uns einig. Aber es sollte nicht vergessen – 2 – werden, dass dort auch russische Zwangsarbeiter*innen und Verfolgte einer Widerstands- gruppe zumindest zeitweise untergebracht waren. Ich finde es wirklich wichtig, dass wir auch mit dem Land eine Lösung finden, wie mit dem künf- tigen Mieter dieses Hauses ein Zugang zu diesen Räumen gewährleistet wird, und dass man tat- sächlich dokumentiert, was noch vorhanden ist. Ich weiß, dass 2019 offenbar dort sogar noch Akten gelagert wurden aus der Vergangenheit. Wenn man dessen noch habhaft werden könnte, wäre uns das ein ganz großes Anliegen. Deshalb bitten wir, unseren Antrag nicht als er- ledigt zu betrachten, um die Folgeschritte weiterhin wahrnehmen zu können hier im Gemeinde- rat. Wie gehen wir mit diesem Gebäude, wie gehen wir mit diesen Kellerräumen um, was kann unsere Gesellschaft aus diesen Dingen auch für künftige Generationen bewahren, um im wahrsten Sinne als Denkmal darüber nachzudenken, was in dieser Zeit passiert ist und wegen welcher Vergehen Menschen damals verfolgt wurden. Deshalb bitte ich um Zustimmung zu un- serem Antrag. Stadtrat Borner (GRÜNE): Wir danken der LINKE.-Fraktion für diesen Antrag, und wir danken der Verwaltung für ihre Antwort. Auch wir sprechen uns dafür aus, dass eventuell vorhandene Dokumente und Räumlichkeiten gesichtet und gesichert werden. Allerdings sind unsere Hoff- nungen nicht allzu groß, gelten doch die meisten der Dokumente als verschollen. Eine Einschät- zung der Verwaltung, die wir auch so teilen. Dies macht leider auch das Antragsbegehren der FDP-Fraktion fast unmöglich. Trotzdem haben wir noch Gesprächsbedarf zur Intention des FDP-Antrags. Wir bitten darum, dass das Thema Opfergruppen des Nationalsozialismus demnächst einmal im Kulturausschuss aufgerufen wird. Es gibt eine Vielzahl von Opfergruppen des Nationalsozialismus, die lange Zeit aus dem Be- wusstsein der Gesellschaft mehr oder weniger absichtlich verdrängt werden oder wurden. Zu diesen Opfergruppen gehören zum Beispiel die sogenannten Zigeuner, Asozialen, Berufsverbre- cher, die Homosexuellen oder die Zeugen Jehovas. Auch die hatten als gesellschaftliche Rand- gruppen unter der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten zu leiden. Daher sollten wir diesen vergessenen Opfern eine zumindest würdige Anerkennung, einen angemessenen Platz im kom- munalen Erinnern verschaffen. Eine Gruppe, die mir besonders am Herzen liegt, sind die Sinti und Roma. Stand heute, über 80 Jahre nach ihrer Deportation aus Karlsruhe liegt, obwohl mehrfach angemahnt, immer noch kein Gedenkort, geschweige denn überhaupt ein Konzept vor. Bezüglich dem „Braunen Haus“, wir bitten auch, dass wir regelmäßig Sachstände bekommen im Kulturausschuss, und dass wir dann weiterdiskutieren. Stadträtin Wiedemann (CDU): Ich kenne den „Roten Turm“ in Durlach und ich kenne das „Rote Haus“ seit Neuestem in Rüppurr. Das „Braune Haus“, das gebe ich zu meiner Schande zu, war mir unbekannt. Es ist wichtig und richtig, dass diese Zeit aufgearbeitet wird, wenn es tatsächlich hier in diesen Räumen Zellen geben sollte, die zu erhalten sind, mit Dokumentationen und Un- terlagen. Was ich mir gar nicht so richtig vorstellen kann, weil das Stadtarchiv oder sonstige doch schon längst darauf zugegriffen hätten. Es ist wichtig, die beiden Vorredner haben es ge- sagt. Diese Zeit muss aufgearbeitet werden und muss auch für die Jugend aufbereitet werden. Wie gesagt, die Zeitzeugen werden aussterben. – 3 – Wir sehen den Antrag als fast erledigt an. Die Verwaltung hat zugesichert, dass sie sich mit den Nutzern, dem Landratsamt usw. in Verbindung setzt. Wir würden es auch als sehr positiv anse- hen, wenn der Gemeinderat oder Kulturausschuss über diese Ergebnisse informiert wird und wie das weitere Vorgehen dann sein kann. Ich möchte aber noch eine ganz persönliche Anmerkung machen. Frau Binder, Frau Göttel und Herr Bimmerle, es ist richtig, dass Sie sich mit Vehemenz und Engagement für solche Themen einsetzen, sei es der Kolonialismus, sei es das hier. Aber ich würde mir persönlich auch wün- schen, wenn Sie sich so für Ihre Geschichte einsetzen würden. Sie sind entstanden aus der SED, in die PDS übergegangen, mit der WASG haben Sie sich zur LINKE. zusammengetan und sind hier etabliert. Trotzdem haben auch Sie eine Geschichte, die aufzuarbeiten ist. Vor allem ich aus persönlichen Gründen bin darüber manchmal doch sehr erbost, weil meine Großeltern und ein Großteil der Verwandtschaft unter dem SED-Regime stark gelitten haben. Stadtrat Marvi (SPD): Mir geht es genauso. Ich habe auch erst durch diese Anträge der LINKE. und auch der FDP von dem „Braunen Haus“ Kenntnis genommen. Wenn es Frau Wiedemann und mir so geht, dann wird es vielen in der Öffentlichkeit so gehen. Insofern sind allein schon die gestellten Anträge und die entsprechende Debatte ein Beitrag dazu, die Erinnerungskultur an das dunkelste Kapitel Karlsruher Stadtgeschichte zu verstärken. Ansonsten ist dazu alles ge- sagt. Wir haben volles Vertrauen, dass alle Möglichkeiten zur Dokumentation ausgeschöpft werden. Alle anderen Debatten, die hier aufgerissen wurden, die ich jetzt nicht noch erweitern will, gehören in den Kulturausschuss, in den Fachausschuss. Stadtrat Høyem (FDP): Ich kenne dieses „Braune Haus“ schon sehr lange. Wir haben eine Miet- wohnung direkt gegenüber. Daher habe ich das sehr oft gesehen. 1933 übernahm der „Adolf- Hitler-Verein“ dieses Haus. Es ist Zufall, aber gerade heute wäre Adolf Hitlers Geburtstag. Es ist wunderbar, in einem Land zu leben, in dem wir nicht an diesen Diktator, sondern an die Opfer denken. Ich gebe zu, dass ein Grund für mich, deutscher Staatsbürger zu werden, gerade diese Erinnerungskultur war. In Deutschland generell – viel besser als in vielen anderen Ländern – und auch hier in Karlsruhe konkret ist diese Erinnerungskultur sehr wichtig. Wir erinnern uns besonders an die Situation mit den vielen Deportationen usw. Es gibt eine Gruppe, die wir nicht so oft beachten. Das waren die Bürger in Karlsruhe, die gefoltert wurden und nicht ins KZ-Lager gekommen sind und nicht hingerichtet wurden. Aber es waren Bürger, die gefoltert wurden. Ich habe von einer Witwe einer dieser gefolterten Personen gelesen. Ob das im „Braunen Haus“ war oder einem anderen Haus hier, weiß ich nicht. Aber sie schreibt: „Ich habe stundenlang vor dem Gebäude gewartet und er ist herausgekommen und in Ohnmacht gefallen, bevor er die Treppen heruntergekommen ist.“ Da gibt es eine Gruppe von Bürgern in Karlsruhe, die gefoltert wurden und nicht in dieser tragischen Gruppe waren wie die im KZ-Lager. Aber an diese Gruppe sollten wir uns auch erinnern. Hier haben wir eine Möglichkeit, das aufzuarbeiten. Stadtrat Cramer (KAL/Die PARTEI): Wir sollten den Antrag der LINKE. auch zum Anlass nehmen, über andere Ereignisse und daraus Folgendes gedenken, zu überlegen, zu diskutieren im Fach- ausschuss. Da möchte ich ganz besonders an den Platz in der Nähe Schlossgarten/Zirkel erin- nern, wo die Bücherverbrennungen in Karlsruhe stattgefunden haben. Auch das ist ein Thema, das vielleicht etwas in Vergessenheit geraten ist. Aber daran möchte ich erinnern, dass man das vielleicht auch noch einmal mitaufnimmt und schaut, wie man an dieses Geschehen in irgendei- ner Form gedenken kann. – 4 – Stadtrat Dr. Schmidt (AfD): Wir als AfD-Fraktion stimmen beiden Anträgen zu. Wir haben dar- über gesprochen, dass es möglich sein kann – immerhin muss der ursprüngliche Antrag bereits vier Wochen vorliegen -, dass inzwischen schon Informationen eingeholt werden konnten. Viel- leicht können wir heute noch erfahren, was in der Zwischenzeit schon an Informationen von Seiten der Stadtverwaltung eingeholt werden konnte zu diesem Thema. Der Vorsitzende: Ich würde vorschlagen, dass wir Ihnen im nächsten Hauptausschuss unter „Verschiedenes“ die aktualisierten Informationen geben, beide Anträge aber zur weiteren ver- tieften Diskussion in den Kulturausschuss verweisen. Ich würde gerne jetzt einstimmige Unter- stützung für dieses Vorhaben feststellen. Dann müssen wir alles Weitere im Weiteren miteinan- der diskutieren. Sie konnten der Antwort der Verwaltung, auch des FDP-Ergänzungsantrags, entnehmen, dass es sich hier nur um etwa ein Jahr handelt, in dem offensichtlich die Gestapo in diesem Haus tätig war. Da muss man natürlich die Frage stellen, wo waren sie denn sonst tätig. Da fällt mir gleich die Riefstahlstraße ein. Da werden wir sicherlich noch mit ganz anderen Zahlen konfrontiert werden, wenn wir das einmal erforschen. Dann spielt das Thema Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus meiner Sicht in der historischen Betrachtung immer noch eine völlig unter- geordnete Rolle. So ergeben sich aus dieser Thematik Ritterstraße 28 – 30 noch ganz viele Fol- gefragen, die gut sind, dass wir sie jetzt angehen. Vieles gibt es davon übrigens schon. Die Zeu- gen Jehovas in Karlsruhe sind sehr gut erforscht. Das war damals der Steinbach-Lehrstuhl, der das gemacht hat. Da kenne ich zufällig auch die, die es gemacht haben. Das müssten wir viel- leicht alles noch einmal im entsprechenden Fachausschuss reflektieren, damit wir die entspre- chenden Lücken feststellen. In der Antwort der Verwaltung ist von den im Gestapo-Gefängnis in Ettlingen auf wirklich grau- samste Weise zu Tode gefolterten Zwangsarbeitern zu lesen. Da wäre es auch einmal ganz spannend, in die Gerichtsakten zu schauen, denn diese Sache ist nach dem Krieg vor Gericht ge- kommen. Da sind auch Menschen verurteilt worden. Da gibt es vielleicht auch noch den einen oder anderen Hinweis. Ich glaube, da ist noch ganz viel drin. Ich hoffe, wenn es stimmt, was in Ihrer Begründung steht, dass das Amt für Flurordnung und Landesentwicklung vorher dort drin war, dass die nicht irgendwelche Akten wegen ihres anstehenden Auszugs wegschmeißen, son- dern natürlich dem Generallandesarchiv zur Verfügung stellen. Das ist eigentlich ihre Aufgabe als Landesbehörde. Insofern würde ich darum bitten, dass wir etwas den Stress herausnehmen, aber schauen, dass wir zügig das, was wir zugesagt haben, auch umgesetzt haben. Dazu berichte ich Ihnen Anfang Mai im Hauptausschuss. Das ist bald. Im Kulturausschuss wird das Ganze weiterverfolgt. Ich stelle fest, dass wir einstimmig von Ihnen beauftragt sind, im Sinne der beiden Anträge und al- ledem, was hier gesagt wurde, tätig zu werden. Vielleicht können wir uns so verständigen. Vie- len Dank für die Anregung. Das nächste Mal schleppen Sie Ihren Zeugen gleich mit zu uns, damit er uns gleich erzählen kann, wo er die ganzen Dienstunterlagen gesehen hat. – Das war jetzt nicht so ernst gemeint. Zur Beurkundung: Die Schriftführerin: – 5 – Hauptamt - Ratsangelegenheiten – 22. April 2021

  • Extrahierter Text

    Informationsvorlage Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier Vorlage Nr.: Verantwortlich: Dez. 2 Dienststelle: Kulturamt Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten „Braunen Haus“ in der Ritterstraße 28 – 30 Beratungsfolge dieser Vorlage Gremium Termin TOP ö nö Ergebnis Gemeinderat 20.04.2021 27 X Verweis in den Kulturausschuss Kulturausschuss 20.07.2021 6 X Information (Kurzfassung) Das Stadtarchiv hat entsprechend dem Auftrag aus dem Gemeinderat einen mit Fotos ergänzten Bericht zum ehemaligen Zellentrakt im landeseigenen Gebäude Ritterstraße 28-30 erstellt und auf mögliche künftige Entwicklungen hingewiesen. Der Kulturausschuss nimmt die Informationsvorlage zur Kenntnis. Finanzielle Auswirkungen Gesamtkosten der Maßnahme Einzahlungen | Erträge (Zuschüsse und Ähnliches) Jährliche laufende Belastung (Folgekosten mit kalkulatorischen Kosten abzüglich Folgeerträge und Folgeeinsparungen) Ja ☐ Nein ☒ Haushaltsmittel sind dauerhaft im Budget vorhanden Ja ☐ Nein ☐ Die Finanzierung wird auf Dauer wie folgt sichergestellt und ist in den ergänzenden Erläuterungen auszuführen: ☐ Durch Wegfall bestehender Aufgaben (Aufgabenkritik) ☐ Umschichtungen innerhalb des Dezernates ☐ Der Gemeinderat beschließt die Maßnahme im gesamtstädtischen Interesse und stimmt einer Etatisierung in den Folgejahren zu. CO 2 -Relevanz: Auswirkung auf den Klimaschutz Bei Ja: Begründung | Optimierung (im Text ergänzende Erläuterungen) Nein ☒ Ja ☐ positiv ☐ negativ ☐ geringfügig ☐ erheblich ☐ IQ-relevant Nein ☒ Ja ☐ Korridorthema: Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) Nein ☒ Ja ☐ durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften Nein ☒ Ja ☐ abgestimmt mit – 2 – Ergänzende Erläuterungen Der Antrag der Fraktion DIE LINKE und der ergänzende Antrag der FDP-Fraktion über die Feststellung mutmaßlicher Gestapo-Zellen, deren Erhaltung, Dokumentation und Zugänglichmachung im ehemaligen sogenannten „Braunen Haus“ wurde in der 24. Plenarsitzung am 20. April 2021 als TOP 27 beraten. In der Diskussion des Gremiums wurden auch Gedanken hinsichtlich wünschenswerter Forschungen geäußert. Die Verwaltung wurde beauftragt, dem Kulturausschuss einen ausführlichen Bericht vorzulegen. In der Sitzung des Hauptausschusses am 4. Mai 2021 wurde unter TOP Verschiedenes mündlich über die bei der Besichtigung des „Braunen Hauses“ festgestellten Gegebenheiten der einstigen Gestapozellen im Keller des Gebäudekomplexes berichtet. Bericht über die Inaugenscheinnahme des Kellertraktes Ritterstraße 28-30 und Überlegungen zum Erhalt und einen zukünftigen Umgang mit den Räumlichkeiten Einführende Information Am 26. April 2021 konnte das Stadtarchiv durch freundliches Entgegenkommen und Unterstützung des Abteilungsleiters des Flurneuordnungsamtes die Räumlichkeiten des Amtsgebäudes besichtigen und fotografieren. Dabei konnte tatsächlich die Existenz eines ehemaligen, kleinen Zellentraktes im Kellergeschoss des Seitengebäudes im Hof des Gebäudes Hausnummer 30 festgestellt werden. Dieser Kellerteil ist im Niveau leicht höher als die übrigen Kellerteile. Das heute von der Straßenfront her einheitlich wirkende Gebäude besteht aus zwei Wohnhäusern, die im 19. Jahrhundert errichtet wurden. 1932/33 wurden die Fassadenfronten vereinheitlicht, das Haus Nummer 28 seit Ende der Weimarer Republik zu einem Firmenverwaltungshaus umgebaut und erweitert. 1933 erwarb die NSDAP formell über eine Vereinskonstruktion das Haus für das Landesgauamt Baden der NSDAP. Es wurde nun „Adolf-Hitler-Haus“ genannt, inoffiziell „Braunes Haus“. 1938 erwarb das Landesgauamt auch das Gebäude Hausnummer 30 für eine Vergrößerung. Das Gauamt hatte darin seinen Sitz bis zum Ende des NS-Regimes. Gestapo in der Ritterstraße Die Gestapo bzw. die Stapoleitstelle Karlsruhe hatte seit ihrem Bestehen Raumprobleme. Erst Ende 1943 bis Ende 1944, bevor die Karlsruher Gestapoabteilungen wegen der Luftkriegsgefahr in die badische Peripherie ausgelagert wurden, war in diesem Gebäude eine Gestapo-Abteilung untergebracht, die hauptsächlich für die „Ausländerüberwachung“, die damals vor allem ausländische Zwangsarbeitskräfte und Kriegsgefangene im Arbeitseinsatz betraf, zuständig war. 1 1943/44 wurde in Deutschland und mit Schwerpunkt in Baden eine sowjetische Widerstandsorganisation (BSW) unter Zwangsarbeitskräften und Kriegsgefangenen durch die Gestapo aufgerollt und zerschlagen. 2 Im Zusammenhang mit der BSW-Verfolgung kann die Tätigkeit der Gestapoabteilung im Braunen Haus in groben Zügen nachvollzogen werden. Bei Verhören wurden die Verhafteten geschlagen und gefoltert. Die systematischen Folterungen z.B. durch Hängen an einer Seilwinde fanden dabei im Gefängnis Ettlingen statt, wohin die Gestapo ihre Verhafteten während der Ermittlungen verbrachte. Größtenteils selbständig wirkte dabei der Kriminalassistent [sic] Adolf Gerst (geboren 24. Dezember 1909, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Leiter der Gestapoaußenstelle Mannheim, geboren 9. August 1889). Das Strafverfahren gegen ihn 1952 vor dem Landgericht Karlsruhe wirft 1 Zur badischen Gestapo vgl. Michael Stolle, Die Geheime Staatspolizei in Baden. Personal, Organisation, Wirkung und Nachwirken einer regionalen Verfolgungsbehörde im Dritten Reich, Konstanz 2000 (= Karlsruher Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 6). 2 Vgl. Jürgen Schuhladen-Krämer. Zwangsarbeit in Karlsruhe, Ein unbekanntes Kapitel Stadtgeschichte, Karlsruhe 1997 (= Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte, Schriftenreihe des Stadtarchivs, Bd. 3), S 85-89. – 3 – einige wenige Schlaglichter auf seine sadistische Persönlichkeit und auf die Opfer. Während seiner Laufbahn ließen sich systematisch Aussageerpressungen, Schläge, Fausthiebe und Fußtritte feststellen. Mindestens bei der Verfolgung der BSW waren darüber hinaus reichende Handlungen festzustellen, wie die erwähnte Folterung durch Aufhängen an einer Seilwinde, bei der das Opfer den Boden nur mit den Zehenspitzen berührte, teils über die Nacht und mehrere Tage. Dabei kam es zu Todesfällen. 3 Vermutlich kamen die meisten der Verhafteten unmittelbar in das Gefängnis nach Ettlingen. Mindestens für den Zwangsarbeiter Alexj Gawrilow, aus Heidelberg nach Karlsruhe verbracht, ist die Vernehmung durch Gerst im Dienstgebäude Ritterstraße belegt. Später kam er nach Ettlingen. Er war eines der Opfer der Seilwindenfolter und kam dabei ums Leben. Weitere konkrete Fälle im „Braunen Haus“ können aufgrund fehlender Überlieferung nicht belegt werden. Es sind keine aussagekräftigen Unterlagen der Gestapo oder zu ihrer Tätigkeit erhalten, was eine ausführliche Dokumentation über ihr Wirken im „Braunen Haus“ unmöglich macht. Situation des Gebäudes bzw. einstigen Zellentraktes Das Gesamtgebäude hat gegenüber der NS-Zeit abgesehen von energetischen Erneuerungen, Einbau von Brandschutztüren und neuen Fenstern sowie von neu gebrochenen Fensterleibungen in den langen Gängen der Seitengebäude keine wesentlichen Bauänderungen erfahren. Auch die Kellerräume stellen sich kaum verändert dar. Das Flurneuordnungsamt des Landratsamtes befindet sich seit 1953 in diesem Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, wird aber mit den letzten Abteilungen im Laufe des Jahres 2021 ausziehen. Eine Nachnutzung ist von der Eigentümerin und Verwalterin, Vermögen und Bau – Baden-Württemberg, bislang nicht geplant. Die baulichen Gegebenheiten und die Bausubstanz des Gebäudes lassen eine neuerliche Verwendung als Verwaltungssitz schwierig erscheinen. Die Kellerräume der Ritterstraße 28-30 wirken entsprechend den verschiedenen Gebäudeteilen labyrinthartig. Für die meisten von ihnen existieren noch Luftschutzeinrichtungen aus der NS-Zeit, insbesondere Luftschutztüren mit den zeitüblichen innen- und außenwändigen Schließ- und Öffnungshebeln. Der ehemalige Zellentrakt ist separat und nimmt den gesamten Kellerbereich des schmalen Seitengebäudes im Hof von Hausnummer 30 ein. Es waren einst zwei Zellen plus eine weitere kleine Kammer Richtung Süden, nachträglich wurde die zweite Zelle schräg mit einer Wand zweigeteilt. Unklar ist der Zeitpunkt, zu dem dies geschah. Die ehemals als Zellen genutzten Kellerräume sind durch einen schmalen Gang zugänglich. Heute ist der Zugang nur über die beiden Kellerabgangstreppen sowohl von Gebäudeteil 28 als auch 30 und danach über die allgemeinen Kellerflure zugänglich. Einst bestand bis zum Abriss in den 1990er Jahren ein weiterer Zugang vom Hof her. An den beiden Zellen sind noch die Luftschutztüren vorhanden, wobei die Schließ- und Öffnungshebel zweckgebunden entfernt wurden. Alle Kellerräume des „Zellentraktes“ sind leer. In der ersten Kammer sowie der ersten Zelle löst sich der dünne Putz bzw. die Weißelung zur gemauerten Außenwand, innenwändig wurde in den letzten Jahren neuer Putz aufgetragen. Im schmalen Gang befinden sich zwei vergitterte Guck- bzw. Kontrollluken in die Zellenräume. Der zweite Zellenraum weist durch Einziehung einer schräg durch den Raum gehenden Wand eine Zweiteilung auf. Eventuell diente nur der vordere Teil zur Gewahrsamnahme. Eine genaue Datierung der Wandeinziehung ist nicht möglich. Der zweite hintere Teil dieser ehemaligen Zelle weist den gleichen Zustand wie in der ersten Zelle auf: vom Mauerwerk herabbröckelnder dünner Putz. 3 Vgl. Justiz und NS-Verbrechen, Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1966, Band IX, bearbeitet von Adelheid L. Rüter-Ehlermann et al, Amsterdam 1972. – 4 – Der vordere Teil der zweiten Zelle stellt sich anders dar: Die Wand links von der Zellentür und der kleine Teil rechts bis zur eingezogenen Wand ist mit einer bemerkenswert dicken Putzschicht versehen. Darin befinden sich zahlreiche Einritzungen. Insbesondere eine Zeichnung, Symbole (Hakenkreuz, Judenstern), Namenskürzel oder -initialen, Aufrufe (Rache, Wählt KPD), Jahreszahlen (1946, 1947 und einmal 1948 – sic) und eine Einritzung in russischer Sprache. Die Einritzung in russischer Sprache heißt Da Vidonia – Auf Wiedersehen -und weist dabei durch die fehlende Worttrennung einen Schreibfehler auf. Die Einritzungen wurden zwar überweißelt, sind aber sehr gut erkennbar. Die Verputzung ist insgesamt in schlechtem Zustand, bröckelt bereits ab, insbesondere fehlt ein Teil der genannten russischen Einritzung. Die Einritzungen sind ein authentischer Überrest der Vergangenheit. Sie stammen jedoch augenscheinlich und im Kontext nicht aus der Zeit der Gestapoabteilung 1943/44 im Gebäude. Der Putzauftrag, auf dem sich die genannten Einritzungen befinden, muss unmittelbar nach 1945 erfolgt sein In der Ritterstraße 28-30 war unmittelbar in der Nachkriegszeit bis zu Beginn der 1950er Jahre das Polizeipräsidium mit den Abteilungen Sicherheits- und Ordnungspolizei untergebracht. Das heißt, der Zellentrakt wurde in dieser Zeit mindestens zeitweise zur Gewahrsamnahme benutzt. Die Einritzungen stammen aus dieser Zeit. Am Ende des Kellerganges des Zellentraktes befindet sich ein Durchgang mit Treppenabsatz, linkerhand wurde der einstmals bestehende Kellerzugang von der Hofseite aus 1998 zugemauert. An den Treppenabsatz schließt sich ein betonverschalter Tunnelgang von rund 8 Metern bis zu einer Knickung an, der nach etwa weiteren 10 Metern mit Überresten einer Abschottungsluke in einem größeren Raum endet, in dem aus einer Leibung Licht einfällt. Möglicherweise handelt es sich hier um einen einstigen Durchgang zum Nachbargrundstück aus Luftschutzgründen. Der Gang ist nach der Abknickung zum Ende hin mit Bauschutt angefüllt, ebenso der größere Raum. Er grenzt an das südliche Nachbargrundstück Ritterstraße 32 an. Durch den Bauschutt ist nur eine eingeschränkte Sichtnahme möglich, Begehungen bergen Unfallgefahren. Hier handelt es sich um einen Luftschutzbau. Seine Bauform ist außergewöhnlich, etwas Ähnliches ist in Karlsruhe sonst vermutlich nicht zu finden. In vorhandenen Bauplänen wie in den von den Vermessern des Flurneuordnungsamts angefertigten Grundrissen ist dieser Bau nicht kartiert. Fazit In der Ritterstraße 28-30 existieren die einstigen Zellen abgesehen von angebrachten neueren Versorgungsleitungen im Wesentlichen noch in unverändertem Zustand. Die Räumlichkeiten sind leer und sprechen nur durch den bekannten historischen Kontext für sich. Eine ausführliche Dokumentation in Bild und Schrift über die Zeit der Nutzung durch eine Abteilung der Gestapo ist mangels Überlieferung und weiterer Kenntnisse nicht möglich. Das Gebäude steht als solches unter Denkmalschutz. Dabei wäre das besondere Augenmerk auf Erhaltung und Sicherung des ehemaligen Zellentraktes wünschenswert, bevor sich Verfallsprozesse beschleunigen. Der bereits bröckelnde Gips in einer der einstigen Zellen sollte bewahrt werden. Es handelt sich um einen historisch interessanten Ort in einem weitgehenden originalen Zustand. Das Gebäude befindet sich im Eigentum des Landes Baden-Württemberg und wird vom hiesigen Amt für Vermögen und Bau des Landes verwaltet. Die Stadt Karlsruhe hat hier also keine direkten Eingriffsmöglichkeiten. So liegt auch eine allgemeine Zugänglichmachung nicht in der Verantwortung der Stadt. Unabhängig davon erscheint eine uneingeschränkte Zugänglichkeit nicht möglich, weil der Zugang zum einstigen Zellentrakt über die Nutzungsflächen künftiger Nutzer führt. Der Trakt ist eng und birgt Unfallgefahren, insbesondere der anschließende Luftschutztunnel, der nach gegenwärtigem Zustand – 5 – baupolizeilich gesperrt werden müsste. Eine große Besucherzahl könnte den Räumlichkeiten Schaden zufügen, nicht zuletzt durch die damit verbundene erhöhte Luftfeuchtigkeit. Vorstellbar und wünschenswert wären Besichtigungen zu besonderen Gelegenheiten, beispielsweise am Tag des offenen Denkmals oder als spezielle Themenführung. Auch solche Aktivitäten müssen jedoch mit dem Land abgestimmt werden. Sobald die Antwort der Landesverwaltung vorliegt wird berichtet. Mögliche Forschung zu Gestapohäftlingen Im Verlauf der Diskussion in der Gemeinderatssitzung am 20. April 2021 brachte Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup die Anregung ein, die Forschungen auf Gefangene in der Riefstahlstraße auszuweiten, wenn die Gestapogefangenen in der Ritterstraße nicht namentlich erfassbar seien. Das Stadtarchiv hält eine Forschung zu den in Karlsruhe in die Gefängnisse verbrachten Verfolgten und Widerständigen im Nationalsozialismus für wichtig. Als Datengrundlage wäre dazu eine systematische Auswertung der Gefangenenbücher aller Karlsruher Gefängnisse angebracht. Dies ist bislang unter anderem aufgrund von bestehenden Sperrfristen nicht erfolgt. Ein Mitarbeiter des Stadtarchivs hat sich im Mai im Generallandesarchiv eine Übersicht über die vorhandenen Bestände zum Gefängnis II (Riefstahlstraße), Gefängnis III (in der ehemaligen Artilleriekaserne beim Gottesauer Schloss) und zum Gefängnis Durlach verschafft, eine Überlieferung von Gefängnis I (ehemals im Hof des Landgerichts) ist nicht vorhanden. Aus den Gefangenenbüchern lassen sich die Namen sowie einige wenige weitere Angaben wie Geburtsort oder Beruf der als „Schutzhäftlinge“ von der Gestapo eingelieferten Personen herausfinden. Es finden sich dort jedoch keine über den Begriff „Schutzhaft“ hinausreichenden genaueren Haftgründe. Für eine umfangreichere Aufarbeitung müssten darüber hinaus unter anderem Quellenbestände der Staatsanwaltschaft (Generallandesarchiv), Akten zu den Gerichtsverfahren (unvollständig im Bundesarchiv Berlin) sowie Wiedergutmachungsverfahren berücksichtigt werden. Die aus den Gefangenenbüchern zu gewinnenden Daten gehen deutlich über den Bereich der Stadt Karlsruhe hinaus. Da die Einträge keine Angaben zum aktuellen Wohnort oder zum „Tat“ort enthalten, ist daraus nicht zu ersehen, welche Personen zum Zeitpunkt der Verhaftung Karlsruher Bürgerinnen und Bürger waren oder sonst einen Bezug zur Stadt hatten. Dies ließe sich, wenn überhaupt, nur durch den aufwändigen Abgleich mit anderen Quellen herausfinden. Die Erstellung der Datengrundlage durch die Auswertung der mehreren Tausend Gefangenenbucheinträge muss mit einem Arbeitsaufwand von voraussichtlich ca. drei Monaten Vollzeittätigkeit angesetzt werden. Dies kann nicht im Rahmen der bestehenden Aufgaben des Stadtarchivs durch das Bestandspersonal geleistet werden, eventuelle weitergehende Forschungen noch weniger. Aufgrund der zu erwartenden, über Karlsruhe hinausreichenden Ergebnisse aus den Gefangenenbüchern, wurde bei den Universitäten Mannheim und Heidelberg sowie mit Blick auf die Quellenlage beim Generallandesarchiv nachgefragt, ob das Thema in einer regional- oder landesgeschichtlichen Forschungsarbeit untersucht werden könnte. Eine Antwort steht noch aus. Sobald die Antwort vorliegt wird berichtet.

  • Bericht_Braunes-Haus_Anlage
    Extrahierter Text

    Kulturausschuss-Sitzung, 20.07.2021, Anlage zu TOP „Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten „Braunen Haus“ in der Ritterstr. 28-30 | S. 1 ______________________________________________________________________________________________________________ Fotodokumentation Keller der Ritterstraße 28-30 Abbildungen, wenn nicht anders vermerkt, aufgenommen vom Stadtarchiv bei der Begehung am 26. April 2021 Abbildung 1: Grundriss des Kellergeschosses der Ritterstraße 28-30 (Plan: Flurneuordnungsamt). Markierung des ehemaligen Zellentraktes im Keller des Seitengebäudes im Hof. Markierung B: Luftschutztunnel und -raum (eigene Skizze ohne kartographische Korrektheit). Markierung A: nicht mehr existenter ehemaliger Kellerzugang im Hof. Kulturausschuss-Sitzung, 20.07.2021, Anlage zu TOP „Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten „Braunen Haus“ in der Ritterstr. 28-30 | S. 2 ______________________________________________________________________________________________________________ Abbildung 2: Zugang zum ehemaligen Zellentrakt im Keller, sichtbar das erhöhte Niveau zum übrigen Kellerteil Abbildung 3 (Foto: Flurneuordnungsamt: Seitengebäude im Hof, in dessen Kellergeschoss sich der ehemalige Zellentrakt befindet. Ehemaliger Kellerzugang vom Hof aus, 1998 abgebrochen und im Keller zugemauert. Sichtbar die betonierte Luftschutzverstärkung Kulturausschuss-Sitzung, 20.07.2021, Anlage zu TOP „Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten „Braunen Haus“ in der Ritterstr. 28-30 | S. 3 ______________________________________________________________________________________________________________ Abbildung 4: Ehemaliger Zellentrakt mit schmalem Gang. Erste Tür links eine Kammer Abbildung 5: Eingang zur ersten Zelle, links Kontrollluke Kulturausschuss-Sitzung, 20.07.2021, Anlage zu TOP „Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten „Braunen Haus“ in der Ritterstr. 28-30 | S. 4 ______________________________________________________________________________________________________________ Abbildung 6: Kontrollluke zur ersten Zelle Abbildung 7: Innenraum der ehemaligen ersten Zelle Kulturausschuss-Sitzung, 20.07.2021, Anlage zu TOP „Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten „Braunen Haus“ in der Ritterstr. 28-30 | S. 5 ______________________________________________________________________________________________________________ Abbildung 8: Tür zur ehemaligen zweiten Zelle. An der einstigen Luftschutztür wurde der beidseitige Schließ- und Öffnungshebel entfernt, wodurch die Einschlussmöglichkeit gegeben war Abbildung 9: Zweite Zelle, Zugangstür und linke Wand. Unter den Einritzungen sichtbar eine Zeichnung (Indianerkopf ?) Kulturausschuss-Sitzung, 20.07.2021, Anlage zu TOP „Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten „Braunen Haus“ in der Ritterstr. 28-30 | S. 6 ______________________________________________________________________________________________________________ Abbildung 10: Linke Wand, linkseitig bis etwa mittig des Raumes. Einritzungen u. a. wie: Wählt KPD, Hasso Knoph, 15.7.47, 28.8.1948, Initialien usw. Abbildung 11: Linke Wand, rechtsseitig weitere Einritzungen, darunter die in russischer Sprache. Sie erscheint etwa wie „Dacbuga...“, tatsächlich ist es: "До свида[ния]"mit dem Schreibfehler der fehlenden Worttrennung Kulturausschuss-Sitzung, 20.07.2021, Anlage zu TOP „Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten „Braunen Haus“ in der Ritterstr. 28-30 | S. 7 ______________________________________________________________________________________________________________ Abbildung 12: Am Ende des schmalen Gangs des ehemaligen Zellentraktes. Links Zumauerung 1998 des einstigen Kellerzugangs vom Hof aus (vgl. Abbildung 1, Markierung A). Zarge einer ehemaligen Luftschutztür, dahinter Treppenabgang zum Luftschutztunnel Abbildung 13: Im Luftschutztunnel Kulturausschuss-Sitzung, 20.07.2021, Anlage zu TOP „Prüfung und Dokumentation mutmaßlicher Gestapo-Zellen im sogenannten „Braunen Haus“ in der Ritterstr. 28-30 | S. 8 ______________________________________________________________________________________________________________ Abbildung 14: Am Ende des mit Bauschutt angefüllten Luftschutztunnels. Überreste einer Luftschutztür, dahinter ein kleiner Raum, gefüllt mit Bauschutt Abbildung 15 (Foto: Flurneuordnungsamt): Im kleinen Raum hinter dem Luftschutztunnel, endend an der Grenze zum Nachbargrundstück Ritterstraße 32. Die mutmaßliche Türleibung verbindet nach außen. Vermutlich handelt es sich um eine Luftschutzeinrichtung, die eine Verbindung nach außen sicherstellen sollte