Gerechte Sprache

Vorlage: 2020/1120
Art: Änderungs-/Ergänzungsantrag
Datum: 29.09.2020
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Zentraler Juristischer Dienst
Erwähnte Stadtteile: Keine Angaben

Beratungen

  • Gemeinderat (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 29.09.2020

    TOP: 21.2

    Rolle: Entscheidung

    Ergebnis: erledigt durch Stellungnahme der Verwaltung

Zusätzliche Dateien

  • Ä-Antrag GRÜNE Gerechte Sprache
    Extrahierter Text

    Stadt Karlsruhe Der Oberbürgermeister ÄNDERUNGSANTRAG GRÜNE-Gemeinderatsfraktion Eingang: 29.09.2020 Vorlage Nr.: 2020/1120 Gerechte Sprache Gremium Termin TOP ö nö Gemeinderat 29.09.2020 21 x 1. Die Stadt führt das Sternchen (*) zur einheitlichen Kenntlichmachung gendersensibler Sprache ein. Wenn möglich werden grundsätzlich alle Menschen einbeziehende Begriffe verwendet. 2. Die gendersensible Sprache wird konsequent in allen Bereichen umgesetzt, auch tat- sächlich dauerhaft bei Stellenausschreibungen. Dass Screen Reader das Gendersternchen (*) als Satzzeichen mitten im Wort vorlesen, trifft nur bei manchen Programmen zu. Modernere Software-Lösungen, insbesondere die systemeigenen Screen Reader der gängigsten Betriebssysteme, die in ihrer Nutzungszahl stetig zunehmen, er- kennen die Sternchen bereits als Ausdruck gendersensibler Sprache und lesen sie wie vorgese- hen mit einer minimalen Sprechpause im Wort vor. Im Gegenzug kommen andere Programme mit beiden Alternativen bei der Aussprache nicht zurecht. Der Wechsel zum Doppelpunkt wür- de also in dieser Hinsicht ebenfalls keine große Verbesserung darstellen. Auch wenn der Doppelpunkt (:) von manchen Leseprogrammen (Screen Readern) nicht mitgele- sen wird, erzeugt dieser Doppelpunkt andere Schwierigkeiten, die die Teilhabe einschränken. In einem Fließtext ist er, gerade wenn bereits zahlreiche Doppelpunkte im Text sind, schwer als gendersensible Sprache zu erkennen und so zu lesen. Gerade für Menschen, die nicht gut se- hen, aber keinen Reader verwenden, kann dies ein Problem darstellen. Das Sternchen (*) und der Unterstrich (_) werden nicht als gewöhnliche Satzzeichen verwendet und schränken so die Lesbarkeit nicht auf diese Art und Weise ein. Der Doppelpunkt wird von Menschen, die schlecht sehen oder den Text auch nur schnell überfliegen, mitten im Wort auch schnell als ”i” wahrge- nommen. Auch dies schränkt die Lesbarkeit ein. Der Doppelpunkt kann als Symbol des binären Geschlechtssystems gewertet werden. Das binäre System geht von zwei Geschlechtern aus: Mann und Frau. Zwei Punkte stehen eben auch nur für zwei Geschlechter. Doch wir sind vielfältiger. Das Sternchen kann dies viel stärker symboli- sieren. Das Sternchen war auch bereits in der Vergangenheit das Symbol für Ergänzungen oder Erweiterungen, wie bei Fußnoten. So kann das Sternchen viel besser die Ergänzung um mehr als nur zwei Geschlechter symbolisieren. Werden alle Geschlechter einbeziehende Begriffe verwendet, wie “Studierende” statt “Stu- dent*innen”, ist der Lesefluss im Text insgesamt für alle Menschen verbessert und die Anzahl der Probleme mit einem Reader deutlich reduziert. Begründung/Sachverhalt Ergänzende Erläuterungen Seite 2 Der Mensch sollte sich nicht in eine nicht passende Infrastruktur einfügen müssen, sondern die Infrastruktur sollte den Erfordernissen der Menschen angepasst werden. Das Sternchen ist der- zeit eine sehr weitverbreitete Schreibweise bei Worten, bei denen es keine neutralen Begriffe gibt. Denn durch dieses fühlen sich besonders viele Menschen repräsentiert. Durch eine konse- quente Nutzung des Sternchens, bei Worten ohne Alternative, können die Programmie- rer*innen der Reader dazu bewegt werden, das Sternchen entsprechend einer Pause lesbar zu machen. Angesichts der rasanten Entwicklung der letzten Jahre im Bereich der Computerlingu- istik wird diese Thematik schon in naher Zukunft kein Hindernis mehr darstellen. Ähnlich ist es auch bei Stellenausschreibungen zu betrachten. Nur wenn die Sternchen konse- quent auch bei den Ausschreibungen im Internet eingesetzt werden, lernen die Algorithmen der Suchmaschinen auch so die gesuchten Stellen zu finden. Zumindest im Text zu den Stellenaus- schreibungen kann das Sternchen aber konsequent eingesetzt werden, ohne Hemmnisse bei der Auffindbarkeit. Das Gleiche gilt bei analogen Stellenausschreibungen in Zeitungen und Zeit- schriften. Diese können somit alle mit dem Sternchen, ohne Hindernis diese zu finden, gestaltet werden. Unterzeichnet von: Niko Riebel Verena Anlauf Dr. Iris Sardarabady Christine Großmann Benjamin Bauer Jorinda Fahringer Aljoscha Löffler Christine Weber

  • Stellungnahme Top 21
    Extrahierter Text

    Stadt Karlsruhe Der Oberbürgermeister STELLUNGNAHME zum Änderungsantrag GRÜNE-Gemeinderatsfraktion Vorlage Nr.: Verantwortlich: 2020/1120 Dez. 1 Gerechte Sprache Gremium Termin TOP ö nö Gemeinderat 29.09.2020 21 x Kurzfassung Die Verwaltung begrüßt den Antrag der GRÜNE-Fraktion auf eine rechtskonforme Weiterent- wicklung von geschlechtergerechter und barrierefreier Sprache in der Stadtverwaltung durch den Genderstern. Aktuell werden im Rahmen eines Pilotprojekts Erfahrungen mit der Umsetzung des Gender- sterns innerhalb der Verwaltung gesammelt. Die Verwaltung empfiehlt, die Ergebnisse des Pi- lotprojekts abzuwarten. Ausgangslage Finanzielle Auswirkungen Gesamtkosten der Maß- nahme Einzahlungen/Erträge (Zuschüsse u. Ä.) Jährliche laufende Belastung (Folgekosten mit kalkulatorischen Kosten abzügl. Fol- geerträge und Folgeeinsparungen) Ja Nein x Haushaltsmittel sind dauerhaft im Budget vorhanden Ja Nein Die Finanzierung wird auf Dauer wie folgt sichergestellt und ist in den ergänzenden Erläuterungen auszuführen: Durch Wegfall bestehender Aufgaben (Aufgabenkritik) Umschichtungen innerhalb des Dezernates Der Gemeinderat beschließt die Maßnahme im gesamtstädtischen Interesse und stimmt einer Etatisierung in den Folgejahren zu IQ-relevant x Nein Ja Korridorthema: Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) x Nein Ja durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften x Nein Ja abgestimmt mit Ergänzende Erläuterungen Seite 2 Seit Inkrafttreten des geänderten Personenstandrechts am 1. Januar 2019 wird mit der Dritten Geschlechtsoption offiziell anerkannt, dass es Menschen gibt, die sich nicht in die binären Kate- gorien „Frau“ und „Mann“ einordnen. Kommunen sind durch diese rechtliche Änderung aufge- fordert, der geschlechtlichen Vielfalt auch sprachlich Ausdruck zu verschaffen. Bisher gibt es auf Bundesebene keine Einigung über eine einheitliche Umsetzung einer entsprechenden geschlech- tergerechten Sprachregelung. Viele Kommunen haben deshalb eigene Regelungen entwickelt. Die Vereinbarkeit von Geschlechtergerechtigkeit und Barrierefreiheit in der Schriftsprache ist eine Herausforderung. Auf der einen Seite stehen das Verfassungsrecht auf Gleichberechtigung der Geschlechter und der Schutz vor Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, auf der ande- ren Seite das Recht auf barrierefreie Kommunikation, das in der UN- Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Keine der bisher verwendeten Varianten er- füllt beide Kriterien gleichermaßen. Genderstern Mit dem Genderstern lässt sich die Geschlechtervielfalt jenseits eines binären Geschlechtermo- dells mit Frauen und Männern sichtbar machen. Symbolisch steht der Genderstern als Platzhalter für verschiedenste Geschlechtsidentitäten und eröffnet so einen Raum für vielfältige Definitio- nen von Geschlecht. Der Genderstern findet in der Gesellschaft allgemein die breiteste Verwen- dung und Akzeptanz. Barrierefreiheit für seh- und lesebehinderte Menschen: Standardmäßig wird der Genderstern von Vorleseprogrammen vorgelesen (Leiter*in = Leiter Sternchen in). Die Ansage von Sonderzeichen kann jedoch auch abgeschaltet werden. Leichte Sprache: Für Menschen, die nicht gut lesen können oder andere Schwierigkeiten mit dem Verstehen von Texten und Inhalten haben, hat leichte Lesbarkeit und Verständlichkeit Priorität. Der Gender- stern erfüllt diese Anforderung nicht. Gender-Doppelpunkt Eine neuere Idee der geschlechtergerechten Sprachform ist die Verwendung des Gender- Doppelpunkts. Beim Gender-Doppelpunkt wird anstelle des Gendersterns ein Doppelpunkt ge- schrieben (Leiter:in). Der Gender-Doppelpunkt wird bisher nur von wenigen Stellen verwendet. Die Duden-Redaktion rät von einer Nutzung des Doppelpunkts ab. Sie begründet dies mit der klaren Funktion, die der Gender-Doppelpunkt in der Grammatik belege. Auch der Genderstern stehe für andere Funktionen, sei aber nicht so nah an der Grammatik wie der Doppelpunkt. Barrierefreiheit für seh- und lesebehinderte Menschen: Der Gender-Doppelpunkt gilt als barrierefreier als der Genderstern, weil er von Vorlesepro- gramme nicht als Satzzeichen, sondern als kurze Pause vorgelesen wird. Dagegen informiert die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), die gängige Software sei noch nicht für eine korrekte Darstellung des Gender-Doppelpunkts ausgelegt. Außerdem sei diese Sprachform zu neu, um verlässliche Aussagen über deren Wirkung machen zu können. Darüber hinaus wird auch der Gender-Doppelpunkt - genau wie der Genderstern - von einigen Interessenverbänden von Menschen mit Behinderung aufgrund eingeschränkter Barrierefreiheit abgelehnt, etwa vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. Leichte Sprache: Wie der Genderstern erfüllt auch der Gender-Doppelpunkt nicht die Anforderung der leichten Lesbarkeit und Verständlichkeit. Fazit Ergänzende Erläuterungen Seite 3 Aus Sicht der Geschlechtergerechtigkeit sind sowohl der Genderstern als auch der Gender- Doppelpunkt geeignete Schreibweisen, um Geschlechtervielfalt sichtbar zu machen. Der Gen- derstern ist jedoch die wesentlich etabliertere Variante. Aus Sicht der Barrierefreiheit gibt es kein klares Votum für eine der beiden Varianten. Für Menschen mit einer Sehbehinderung wäre es für die Barrierefreiheit hilfreich, wenn sich eine einheitliche Schreibweise durchsetzen würde. Damit würde die Leseerfahrung steigen und die Vorlesesoftware könnte entsprechend angepasst werden. Diese Argumentation spricht für eine Verwendung des Gendersterns. In leichter Sprache sprechen die genannten Argumente dafür, auf geschlechtergerechte Sprach- formen mit Satz- oder Sonderzeichen zu verzichten. Hier sollten, wenn möglich, andere Formen des Genderns gesucht werden wie etwa die direkte Ansprache. Nach Auskunft der ADS haben sich auch die verschiedenen Interessenverbände von Menschen mit Behinderung bisher nicht auf einheitliche Empfehlung einigen können. Der ADS gibt des- halb keine offizielle Empfehlung zu einer geschlechtergerechten und barrierefreien Sprache heraus. Nach Abwägung der genannten Punkte zieht die Stadtverwaltung Karlsruhe die Verwendung des Gendersterns dem Gender-Doppelpunkt vor. In leichter Sprache empfiehlt die Stadtverwal- tung auf geschlechtergerechte Sprachformen mit Satz- oder Sonderzeichen verzichtet. Pilotprojekt Genderstern in der Stadtverwaltung Karlsruhe Innerhalb der Verwaltung werden aktuell im Rahmen eines Pilotprojekts Erfahrungen mit der Umsetzung des Gendersterns gesammelt. Der Genderstern wird vom Kulturamt und der Gleich- stellungsbeauftragten verwendet sowie künftig auch vom Personal- und Organisationsamt – hier jedoch nur im Rahmen von Stellenausschreibungen. Texte in leichter Sprache sind von die- sem Projekt ausgenommen. Die Erfahrungen werden Anfang 2021 von den teilnehmenden Dienststellen, dem Presse- und Informationsamt, der Gleichstellungsbeauftragten und der Kommunalen Behindertenbeauftrag- ten gemeinsam ausgewertet und das weitere Vorgehen abgestimmt. Die Verwaltung empfiehlt, die Ergebnisse des Pilotprojekts abzuwarten. Ergänzende Erläuterungen Seite 4