Die koloniale Geschichte Karlsruhes aufarbeiten
| Vorlage: | 2020/1093 |
|---|---|
| Art: | Antrag |
| Datum: | 23.09.2020 |
| Letzte Änderung: | 03.03.2025 |
| Unter Leitung von: | Offen |
| Erwähnte Stadtteile: | Keine Angaben |
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Stadt Karlsruhe Der Oberbürgermeister ANTRAG DIE LINKE.-Gemeinderatsfraktion Eingang: 23.09.2020 Vorlage Nr.: 2020/1093 Die koloniale Geschichte Karlsruhes aufarbeiten Gremium Termin TOP ö nö Gemeinderat 17.11.2020 30 x Kulturausschuss 20.07.2021 4 x Gemeinderat 27.07.2021 10 x Der Gemeinderat möge Folgendes beschließen: 1. Es wird eine Aufarbeitung des Themenkomplexes „Koloniale Geschichte in Karlsruhe“ seitens des Kulturamts initiiert. Hierzu findet ein enger Austausch mit Akteur*innen der Pädagogischen Hoch- schule Karlsruhe und weiteren Hochschulen, der Zivilgesellschaft sowie mit Personen von der Koloni- sierung betroffener Herkunftsgesellschaften oder möglicher Nachfahren statt. Die bisherige Arbeit der Pädagogischen Hochschule zu diesem Thema (s.u.) kann eine Grundlage der Aufarbeitung bilden. Im Rahmen dieser Aufarbeitung sollen folgende Aspekte beachtet und mitdiskutiert werden: a. Die Rollen und Biografien von bekannten Karlsruher Persönlichkeiten im Zusammenhang mit der Kolonialgeschichte. b. Die historische Darstellung von Kolonialismus in den damaligen kommunalpolitischen Gremien. c. Die Rolle der Hochschulen und wichtigen wissenschaftlichen Persönlichkeiten in diesem Zusam- menhang. d. Die Rolle der Karlsruher Wirtschafts- und Handelsunternehmen und deren ökonomische Profite durch die Kolonisierung. d. Die Wirkung von verschiedenen kolonialen Organisationen und Institutionen im Stadtgebiet, wie z.B. dem „Deutschen Kolonialverein“ oder der „Deutschen Kolonialgesellschaft“. e. Das damalige gesamtgesellschaftliche Klima in Karlsruhe hinsichtlich der Kolonialisierung. f. Die Aufarbeitung großer, historischer Ereignisse der Kolonialgeschichte in Karlsruhe (wie z.B. der Hauptversammlung der deutschen Kolonialgesellschaft vom 03.-06.06.1903). g. Die Benennung bestimmter Straßen im Stadtgebiet und eine Diskussion, ob die Kommentierung von Straßen - wie bei der Lüderitzstraße oder der Wißmannstraße - wirklich eine ausreichende Maß- nahme im Sinne postkolonialer Aufarbeitung bzw. Erinnerungskultur ist. Ergänzende Erläuterungen Seite 2 h. Intensität und Wirkung ideologischer Diskurse sowie praktisch-politische Initiativen zur Wieder- herstellung deutscher Kolonialherrschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus (Ko- lonialrevisionismus). 2. Zu den Aufgabenzielen der geforderten Aufarbeitung gehören: a. Eine umfassende Aufarbeitung und Zusammentragung der verschiedenen historischen Quellen, z.B. im Karlsruher Stadtarchiv, hinsichtlich des Aspekts der Kolonialgeschichte Karlsruhes sowie die Sicherstellung der einfachen Zugänglichkeit dieser Quellen. b. Die Erstellung einer Publikation zur kolonialen Vergangenheit in Karlsruhe. c. Die Erstellung eines Online-Auftritts zur kolonialen Vergangenheit in Karlsruhe ggf. in Kooperation mit der PH Karlsruhe. d. Eine Untersuchung und Bewertung der Entwicklung und des Betriebs dezentraler Lern- und Erin- nerungsstätten sowie Denkmäler und Mahnmale. e. Der Aufbau intensiverer wissenschaftlicher, kultureller und zivilgesellschaftlicher Partnerschaften und Vernetzungen mit ausgewählten Herkunftsgesellschaften. f. Die Prüfung einer gemeinsamen Entwicklung und Umsetzung beispielhafter Dauer- und Wander- ausstellungen zum deutschen Kolonialismus (anhand des Beispiels von Akteur*innen aus Karlsruhe) und zum antikolonialen Widerstand sowie anderer künstlerischer Aktivitäten, z.B. durch Thematisie- rung in Stücken lokaler Theater. g. Die Entwicklung einer Öffentlichkeitsarbeitsstrategie, um eine Debatte über die koloniale Ge- schichte und entsprechendes Erbe Karlsruhes in der Gesellschaft zu initiieren. 3. Die Entwicklung und Umsetzung von Programmen politischer und kultureller Bildung, die gezielt junge Menschen aus Deutschland und aus den ehemals deutschen Kolonien zu einer kritischen Aus- einandersetzung mit dem deutschen und europäischen Kolonialismus befähigen. 4. Es soll eine Kooperation mit verschiedenen Städten in Baden-Württemberg initiiert und über Möglichkeiten der Umsetzung eines digitalen Museums über die Kolonialgeschichte Baden- Württembergs erörtert werden. 5. Die Verwaltung legt dar - falls Teile des Antragsinhalts nicht bearbeitet werden können - ob eine externe Vergabe an eine wissenschaftliche Einrichtung eine Alternative darstellt inklusive einer ent- sprechenden Projektförderung. Begründung: Mit der „Black-Lives-Matter-Bewegung“ ist die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer Aufarbeitung der Kolonialgeschichte nochmals deutlich geworden. Gerade das Erbe der Kolonialzeit, der Völker- mord der damaligen Zeit und der damit eng verwobene Rassismus ist ein unterrepräsentiertes The- ma in der deutschen Erinnerungskultur. Bisher sind es vor allem wissenschaftliche Institutionen, wie Hochschulen oder andere Forschungseinrichtungen, die eine historische Aufarbeitung geleistet ha- Ergänzende Erläuterungen Seite 3 ben. In Karlsruhe ist hier das Institut für transdisziplinäre Sozialwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe zu nennen, das sich mit der (post-)kolonialen Geschichte Karlsruhes auseinan- dersetzt. Eine Aufarbeitung von städtischer Seite fand bisher wenig bis gar nicht statt. Dies muss sich ändern. Abseits der bereits geführten Diskussion über den Umgang mit kolonial geprägten Straßennamen ist das Wissen über das koloniale Wirken Karlsruhes nicht weit verbreitet. Dabei spielten durchaus auch Karlsruher Persönlichkeiten eine gewichtige Rolle beim Vorantreiben der Kolonialisierung. So wirkte der in Karlsruhe geborene Karl von Grimm an der Verbreitung des kolonialen Gedankens mit und wurde später auch Vorstand der Gesellschaft für deutsche Kolonialisation in Karlsruhe. Auch Persön- lichkeiten aus der Wissenschaft wie Theodor Rehbock – von 1899 bis 1935 Inhaber des Lehrstuhls für Wasserbau an der Technischen Hochschule Karlsruhe und einige Jahre auch Rektor der Hochschule – oder Adolf von Oechslerhauser, als Professor der technischen Hochschule und zeitweise deren Rek- tor, wirkten sehr vehement an dem Aufbau von Kolonialstrukturen in Karlsruhe mit. Das System der kolonialen Erschließung der Welt war ein System von Gewalt, Ausbeutung, Unter- drückung, Raub und Mord. Das Erbe des Kolonialismus wirkt auf vielfache Weise nach. Länder, die einmal als Kolonien geplündert wurden, leiden auch heute noch unter den wirtschaftlichen und sozi- alen Folgen. Für viele Menschen aus den ehemaligen Koloniegebieten ist Rassismus immer noch ein Teil ihres Alltags. Die Karlsruher Kolonialgeschichte spielte in der Erinnerungspolitik der Stadt bisher kaum eine Rolle. Umso wichtiger ist es, dass antirassistische Bewegungen, wie aktuell die Black-Lives-Matter- Bewegung, den Blick sowohl auf die koloniale Vergangenheit als auch auf den offensichtlichen, aber auch verdeckten Rassismus in der Gesellschaft werfen. Die Privilegiertheit „weißer“ Menschen und „weißer Gesellschaften“ aufzudecken, zu hinterfragen und aufzubrechen, bedarf zunächst auch ein- mal der kritischen Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte. Um dies in Karlsruhe leisten zu können, muss sich umfassend mit den kolonialen und rassistischen Praxen der Vergangenheit und den Auswirkungen auf die Gegenwart befasst werden. Darum fordert die Fraktion DIE LINKE mit diesem Antrag, dass unter Federführung des Kulturamts und zivilgesell- schaftlicher, kultureller und insbesondere wissenschaftlicher Akteur*innen – wie dem Institut für transdisziplinäre Sozialwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe - eine vollumfängli- che Aufarbeitung des Themenkomplexes initiiert wird. Unterzeichnet von: Lukas Bimmerle Mathilde Göttel
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Stadt Karlsruhe Der Oberbürgermeister STELLUNGNAHME zum Antrag DIE LINKE.-Gemeinderatsfraktion Vorlage Nr.: Verantwortlich: 2020/1093 Dez. 2 Die koloniale Geschichte Karlsruhes aufarbeiten Gremium Termin TOP ö nö Gemeinderat 17.11.2020 30 x Kulturausschuss 20.07.2021 4 x Gemeinderat 27.07.2021 10 x Kurzfassung Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der kolonialen Bezüge in der Karlsruher Geschichte, welche die Karlsruher Quellen umfassend auswertet, existiert noch nicht. Kapazitäten zur Erarbeitung einer solchen Publikation sind beim Stadtarchiv nicht vorhanden. Deshalb müsste dafür wie auch für die weiteren im Antrag vorgeschlagenen Aktivitäten eine Projektstelle geschaffen sowie die entspre- chenden Sachmittel zur Verfügung gestellt werden. Finanzielle Auswirkungen Gesamtkosten der Maß- nahme Einzahlungen/Erträge (Zuschüsse u. Ä.) Jährliche laufende Belastung (Folgekosten mit kalkulatorischen Kosten abzügl. Folgeer- träge und Folgeeinsparungen) Ja Nein abhängig vom Gesamtumfang abhängig von der Laufzeit der Projektstelle und der gewünschten Aktivitäten Haushaltsmittel sind dauerhaft im Budget vorhanden Ja Nein Die Finanzierung wird auf Dauer wie folgt sichergestellt und ist in den ergänzenden Erläuterungen auszuführen: Durch Wegfall bestehender Aufgaben (Aufgabenkritik) Umschichtungen innerhalb des Dezernates Der Gemeinderat beschließt die Maßnahme im gesamtstädtischen Interesse und stimmt einer Etatisierung in den Folgejahren zu IQ-relevant X Nein Ja Korridorthema: Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) X Nein Ja durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften X Nein Ja abgestimmt mit Ergänzende Erläuterungen Seite 2 Das Thema Kolonialgeschichte wurde bisher für Karlsruhe noch nicht umfassend aufgearbeitet. Ein wichtiger erster Schritt war die Zusammenstellung eines wesentlichen Teils der Karlsruher Bezüge zum Kolonialismus auf der Website „Karlsruhe Postkolonial“ der PH Karlsruhe: https://geoges.ph-karlsruhe.de/wordpress/karlsruhe-postkolonial Diese Materialsammlung beruht im Wesentlichen auf einer Auswertung gedruckter Quellen und Literatur. Für eine umfassende wissenschaftliche Ausarbeitung müssten zusätzlich die Archivalien verschiede- ner Archive sowie die Zeitungen systematisch ausgewertet werden. Inwieweit dadurch wesentliche neue Erkenntnisse hinzukommen, ist unklar. Zumindest aber kann das Gesamtbild sicher um zahlrei- che Details ergänzt und damit konkretisiert werden. Die Kapazitäten für die genannten umfangreichen Arbeiten sind im Stadtarchiv Karlsruhe nicht vor- handen. Um die Aufarbeitung des Themas mit Fokus auf der Karlsruher Geschichte sicherzustellen, wäre die Einrichtung einer entsprechenden Projektstelle erforderlich. Der Inhaber bzw. die Inhaberin dieser Stelle könnte sich über die wissenschaftliche Untersuchung und die Erstellung einer Publikati- on hinaus auch um die weiteren im Antrag angesprochenen Punkte, die Einbeziehung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Institutionen in die Aufarbeitung des Themas sowie um die Vermitt- lung der Ergebnisse an die breite Öffentlichkeit kümmern. Je nach Umfang der Aufgaben müsste die Projektstelle für mindestens zwei Jahre bewilligt werden. Für die zusätzlichen Aktivitäten wie Online- Auftritt, Veranstaltungen oder Ausstellungen müssten die entsprechenden Sachmittel zur Verfügung gestellt werden. Sollte sich die Aufgabenstellung auf die Erstellung einer wissenschaftlichen Publikation beschränken, könnte dies auch im Rahmen eines Promotionsstipendiums der Stadt Karlsruhe umgesetzt werden, vorausgesetzt es findet sich eine geeignete Person.
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Niederschrift 17. Plenarsitzung des Gemeinderates 17. November 2020, 15:30 Uhr öffentlich Bürgersaal, Rathaus am Marktplatz Vorsitzender: Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup 29. Punkt 30 der Tagesordnung: Die koloniale Geschichte Karlsruhes aufarbeiten Antrag: DIE LINKE Vorlage: 2020/1093 Beschluss: Verwiesen in den Fachausschuss Abstimmungsergebnis Keine Abstimmung Der Vorsitzende ruft Tagesordnungspunkt 30 zur Behandlung auf. Stadtrat Bimmerle (DIE LINKE.): Vielen Dank, Herr Oberbürgermeister. Angesichts dieser sehr fortgeschrittenen Zeit und dieser hitzigen Diskussion heute, würden wir es direkt in den Fach- ausschuss verweisen, weil das wahrscheinlich danach ohnehin hier noch mal kommen würde. Ich glaube, das ist im Interesse aller Beteiligten. Der Vorsitzende: Könne wir das so handhaben? Dann ziehen alle zurück. Dann machen wir das so. Vielen Dank. Zur Beurkundung: Die Schriftführerin: Hauptamt - Ratsangelegenheiten – 22. Dezember 2020