Runder Tisch "Selbstbestimmte und möglichst interventionsarme Geburt"

Vorlage: 2020/0783
Art: Antrag
Datum: 24.06.2020
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Offen
Erwähnte Stadtteile: Keine Angaben

Beratungen

  • Gemeinderat (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 21.07.2020

    TOP: 42

    Rolle: Entscheidung

    Ergebnis: vertagt

  • Gemeinderat (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 28.07.2020

    TOP: 12

    Rolle: Entscheidung

    Ergebnis: verwiesen in Fachausschuss

Zusätzliche Dateien

  • Antrag
    Extrahierter Text

    Stadt Karlsruhe Der Oberbürgermeister ANTRAG GRÜNE-Gemeinderatsfraktion Vorlage Nr.: 2020/0783 Runder Tisch "Selbstbestimmte und möglichst interventionsarme Geburt" Gremium Termin TOP ö nö Gemeinderat 28.07.2020 12 x 1. Die Verwaltung etabliert unter städtischer Leitung einen regelmäßig stattfindenden Runden Tisch „Selbstbestimmte und möglichst interventionsarme Geburt“. 2. An diesem Runden Tisch sollen alle Aktive, die rund um die Geburt eine Rolle spielen, um Mitarbeit gebeten werden: Eingeladen werden sollen: Vertreter*innen von Selbsthilfegruppen, Motherhood, Pro Familia, freie ambulante und angestellte Hebammen, das Pflegepersonal und die Ärzt*innen der Karlsruher Geburtshilfekliniken, evtl. Anästhesist*innen, Kinderpfle- ger*innen, ambulante Frauenärzt*innen, Kinderärzt*innen, die städtische Gleichstel- lungsbeauftrage, eine Vertreterin der Familienhebammen, die Frühen Hilfen der Stadt Karlsruhe, Krankenkassen. 3. Aufgabe des Runden Tisches soll es sein, die Zusammenarbeit zwischen den Beteilig- ten und das Verständnis füreinander zu fördern. Dabei ist es das Ziel, in Karlsruhe weitere Schritte in Richtung guter und selbstbestimmter Geburt zu gehen. Eine mög- lichst interventionsarme Geburt, die der Gesundheit der gebärenden Person und des Kindes zugutekommt, wird angestrebt. Verschiedene Faktoren führen dazu, dass die Geburtshilfe verstärkt in den Fokus der öffentlichen Diskussion geraten ist. Die Anzahl der Geburten steigt, gleichzeitig machen sich der Hebammenmangel und die allgemeine Unterfinanzierung des Gesundheitssystems bemerkbar. Werdende Eltern, Eltern und Vertreter*innen der beteiligten Berufsgruppen setzen sich – teilweise organi- siert - für gute und selbstbestimmte Geburten ein. Ein besonderes Augenmerk soll auf neuzugewanderte, insbesondere auch geflüchtete Frauen sowie Frauen mit Migrationshintergrund gelegt werden. Aufgabe soll es z. B. sein, diesen Frauen einen besseren Zugang zu Geburtsvorbereitungskursen und zur Nachbe- treuung zu ermöglichen. Die vergleichsweise hohe Quote an Frühgeburten bei geflüchte- ten Frauen soll verringert werden. Vom Ministerium für Soziales und Integration wurde 2018 auf Landesebene ein Runder Tisch installiert und 2019 ein Maßnahmenplan veröffentlicht. Zu 1) Wir gehen davon aus, dass es keine einheitliche Definition von „guter“ und „selbst- bestimmter“ Geburt gibt. Jede Geburt ist anders und die Bedürfnisse der werdenden Eltern sind unterschiedlich. Wichtig ist der Zufriedenheitsgrad der gebärenden Person, Begründung/Sachverhalt Ergänzende Erläuterungen Seite 2 die Gesundheit der Babys, aber auch die Zufriedenheit der beteiligten Berufsgruppen mit ihren Arbeitsbedingungen. Die städtische Leitung könnte z. B. aus einer/m Vertreter*in des Gleichstellungsbüros zusammen mit einer Person aus dem Kinderbüro bestehen. Themen könnten sein: - Wie kann die Kommunikation und Information zwischen den Aktiven verbessert werden? - Welche Möglichkeiten gibt es, die Übergänge zwischen den verschiedenen Phasen rund um die Geburt noch besser zu gestalten? (Geburtsvorbereitung, z.B. Aufnahme in der Klinik, Geburt, Verlassen der Klinik, Wochenbett, evtl. Aufarbeitungs- bzw. Gesprächswunsch auch nach einigen Monaten) - Wie können die Arbeitsbedingungen der beteiligten Berufsgruppen verbessert werden? Wie wirkt sich der Fachkräftemangel aus und was kann dagegen getan werden? - Sind die Möglichkeiten der Weiterbildung in Karlsruhe ausreichend? - Welche Ideen gibt es, um weitere Schritte in Richtung einer guten und selbstbestimmten Geburt in Karlsruhe zu gehen? - Durch welche Betreuungskonzepte kann der physiologische Verlauf gestärkt und die Pathologi- sierung des Geburtsvorgangs reduziert werden? (Unter einer physiologischen Geburt wird eine Geburt verstanden, bei der keine bzw. möglichst wenige, gut begründete Interventionen durch- geführt werden.) - Wie kann die Situation derjenigen verbessert werden, die unter besonders vulnerablen Bedin- gungen schwanger sind (z.B. zugewanderte Frauen mit Fluchthintergrund)? - Wie kann ein interventionsarmer, ressourcenorientierter Geburtsverlauf unterstützt werden? (Patient Empowerment) - Wie können Präventionspotentiale schon vor der Schwangerschaft identifiziert werden? Im April 2019 wurde der vom Ministerium für Soziales und Integration und dem „Runden Tisch Geburtshilfe“ in Auftrag gegebener Maßnahmenplan veröffentlicht: „Verbesserung der Situation der Geburtshilfe in Baden-Württemberg (https://sozialministerium.baden- wuerttemberg.de/fileadmin/ redaktion/m-m/intern/downloads/Downloads_Runder-Tisch-Geburtshilfe/ RTG_Massnahmenplan-OptiMedis_April-2019.pdf). Darin heißt es auf den Seiten 21,22 „Die Entwicklung der Maßnahmen ist getragen von den Gedanken, dass - Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett primär physiologische Prozesse darstellen, - sich die Versorgung an dem Gesundheitsnutzen der Frauen und Kinder ausrichtet, - die besten Ergebnisse durch eine effektive interprofessionelle und sektorenübergreifende Zu- sammenarbeit erzielt werden - ein besonderer Schwerpunkt darauf gelegt werden sollte, die Situation derjenigen zu verbessern, die unter besonders vulnerablen Bedingungen schwanger sind und das höchste Risiko für Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen tragen. Das Leitbild folgt damit den Teilzielen des Nationalen Gesundheitsziels Gesundheit rund um die Ge- burt, das auch vom Land Baden-Württemberg als Mitglied des Kooperationsverbunds gesundheits- ziele.de mitgetragen wird.“ Außerdem dort auf den Seiten 7,8: „Als Reaktion auf diese verschiedenen Entwicklungen wurden in den letzten Jahren in einer Reihe von Bundesländern Runde Tische Geburtshilfe initiiert, um zu beraten, wie dieser Situation begegnet werden kann... Insbesondere die in den letzten 20 Jahren bis 2011 stetig steigende Kaiserschnittrate und die medizinisch oder demografisch nicht zu erklärenden regionalen Unterschiede waren interna- Ergänzende Erläuterungen Seite 3 tional und inzwischen auch hierzulande Anlass, einige Entwicklungen in der Geburtshilfe kritisch zu hinterfragen. So lag die Sectio-Rate in Deutschland in 2015 bei 32,2 % und damit deutlich über denen z. B. der skandinavischen Länder und den Niederlanden (16,4 % bis 21,4 %). Seitdem ist diese Rate leicht rückläufig und es stellt sich die Frage, wie dieser positive Trend verstetigt werden kann. Die Erfolge der Geburtsmedizin in der Senkung der kindlichen und mütterlichen Mortalität und Mor- bidität sind unbestritten, gleichwohl gibt es Hinweise, dass die weiterhin hohe Rate an Interventio- nen mit einer Zunahme der Kosten, aber nicht immer mit verbesserten Outcomes einhergeht. Eine weitere Herausforderung ist die Frühgeburtenrate. Sie liegt in Deutschland seit vielen Jahren mehr oder weniger unverändert bei rund 9 % und zählt damit im europäischen Vergleich mit zu den höchsten Raten, hinter Zypern, Griechenland, Ungarn und Rumänien. Die internationale Diskussion geht zunehmend der Frage nach, wie die Physiologie von Schwanger- schaft, Geburt und Wochenbett gestärkt werden kann, was sich in einer Reihe aktueller Empfehlun- gen verschiedener namhafter Organisationen wiederspiegelt. Dass dies auch in Deutschland als ein gesundheitlich, gesellschaftlich und politisch relevantes Thema gesehen wird, zeigen die Arbeiten des Kooperationsverbunds gesundheitsziele.de, in dem sich mehr als 120 Organisationen des deut- schen Gesundheitswesens aus Politik in Bund, Ländern und Kommunen, Selbstverwaltungsorganisa- tionen, Fachverbänden, Patient*innen- und Selbsthilfeorganisationen sowie der Wissenschaft enga- gieren und sich zur Umsetzung der gesteckten Ziele in ihren Verantwortungsbereichen verpflichten. Der Kooperationsverbund benannte 2017 die „Gesundheit rund um die Geburt“ als neuntes Nationa- les Gesundheitsziel, zu dessen zentralen Punkten u.a. die Förderung der gesunden Schwangerschaft und physiologischen Geburt zählen, ebenso wie die höhere Selbstbestimmung der Mütter innerhalb des Versorgungsgeschehens und die Stärkung der Ressourcen und Potenziale der Frauen und ihrer Familien, die Früherkennung von Risiken und Entwicklungsbedarfen sowie die Verbesserung der Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen rund um die Geburt.“ Zusätzliche Informationen: https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/gesundheit-pflege/runder-tisch-geburtshilfe/ https://hebammen-bw.de/who-empfehlungen-fuer-gute-geburt/ Unterzeichnet von: Verena Anlauf Zoe Mayer Niko Riebel Christine Großmann Benjamin Bauer Jorinda Fahringer Michael Borner

  • Stellungnahme Runder Tisch
    Extrahierter Text

    Stadt Karlsruhe Der Oberbürgermeister STELLUNGNAHME zum Antrag GRÜNE-Gemeinderatsfraktion Vorlage Nr.: Verantwortlich: 2020/0783 Dez. 5 Runder Tisch "Selbstbestimmte und möglichst interventionsarme Geburt" Gremium Termin TOP ö nö Gemeinderat 28.07.2020 12 x Kurzfassung Die Verwaltung befürwortet den Antrag und empfiehlt, einen Runden Tisch mit dem Namen „Runder Tisch Geburtshilfe in Karlsruhe“ einzurichten Finanzielle Auswirkungen Gesamtkosten der Maß- nahme Einzahlungen/Erträge (Zuschüsse u. Ä.) Jährliche laufende Belastung (Folgekosten mit kalkulatorischen Kosten abzügl. Folgeer- träge und Folgeeinsparungen) Ja Nein Haushaltsmittel sind dauerhaft im Budget vorhanden Ja Nein Die Finanzierung wird auf Dauer wie folgt sichergestellt und ist in den ergänzenden Erläuterungen auszuführen: Durch Wegfall bestehender Aufgaben (Aufgabenkritik) Umschichtungen innerhalb des Dezernates Der Gemeinderat beschließt die Maßnahme im gesamtstädtischen Interesse und stimmt einer Etatisierung in den Folgejahren zu IQ-relevant x Nein Ja Korridorthema: Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) x Nein Ja durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften x Nein Ja abgestimmt mit Ergänzende Erläuterungen Seite 2 Zu 1: Die Verwaltung etabliert unter städtischer Leitung einen regelmäßig stattfindenden Runden Tisch „Selbstbestimmte und möglichst interventionsarme Geburt“: Die Verwaltung begrüßt die Anregung und den vorliegenden Antrag. Zu 2: An diesem Runden Tisch sollen alle Aktive, die rund um die Geburt eine Rolle spielen, um Mitarbeit gebeten werden: Eingeladen werden sollen: Vertreter*innen von Selbsthilfegruppen, Motherhood, Pro Familia, freie ambulante und angestellte Hebammen, das Pflegepersonal und die Ärzt*innen der Karlsru- her Geburtshilfekliniken, evtl. Anästhesist*innen, Kinderpfleger*innen, ambulante Frauen- ärzt*innen, Kinderärzt*innen, die städtische Gleichstellungsbeauftrage, eine Vertreterin der Fa- milienhebammen, die Frühen Hilfen der Stadt Karlsruhe, Krankenkassen. Einige Akteure wie das Kinderbüro und die städtische Gleichstellungsbeauftrage haben ihre Teil- nahme bereits signalisiert. Es wird eine gemeinsame Federführung aus Städtischen Klinikum und Kinderbüro empfohlen. Darüber hinaus werden alle relevanten Gruppierungen und Beratungsstel- len zum Runden Tisch eingeladen. Zu 3: Aufgabe des Runden Tisches soll es sein, die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten und das Verständnis füreinander zu fördern. Dabei ist es das Ziel, in Karlsruhe weitere Schritte in Rich- tung guter und selbstbestimmter Geburt zu gehen. Eine möglichst interventionsarme Geburt, die der Gesundheit der gebärenden Person und des Kindes zugutekommt, wird angestrebt: Eine Austauschplattform zwischen den verschiedenen Geburtskliniken mit einem multiprofessionel- len Blick existiert bislang in Karlsruhe noch nicht. Durch eine solche Plattform könnten zunächst wichtige Kommunikationsprozesse eröffnet sowie ein ganzheitliches Bild der aktuellen „Geburts- Situation“ in Karlsruhe sichergestellt werden. In einem zweiten Schritt können dann Karlsruher Per- spektiven auf eine gute Geburt entwickelt werden. In diese Perspektiven kann der Maßnahmenplan „Verbesserung der Geburtssituation in Baden-Württemberg“ wie auch das nationale Gesundheits- ziel „Gesundheit rund um die Geburt“ einfließen. Voraussetzung für einen guten Austausch ist die Beteiligung aller Geburtskliniken, mindestens je- doch des Städtischen Klinikums. Daher ist eine gemeinsame Federführung des Runden Tisches aus Städtischen Klinikum und Kinderbüro empfehlenswert. Durch das Städtische Klinikum wird die Ein- bindung aller Geburtskliniken und eventueller weiterer Akteure aus dem medizinischen Bereich verantwortet. Das Kinderbüro stellt dann die Einbindung weiterer Partner sicher, insbesondere aus dem Netzwerk „Frühe Prävention“. Perspektivisch ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema Geburt in Karlsruhe in deutlich erweiterter Runde naheliegend, um die vielen verschiedenen Inte- ressenlagen auf Geburt - beispielsweise von Freien sowie festangestellten Hebammen, Ärztinnen und Ärzten, Pflegepersonal, Schwangere und Eltern sowie Kinder - zu thematisieren und die unter- schiedlichen Parteien ins Gespräch zu bringen. Analog zu dem Format auf Landesebene sollte die neue Austauschplattform „Runder Tisch Ge- burtshilfe in Karlsruhe“ heißen.

  • Protokoll GR TOP 12
    Extrahierter Text

    Niederschrift 13. Plenarsitzung des Gemeinderates 28. Juli 2020, 15:30 Uhr öffentlich Gartenhalle, Kongresszentrum Vorsitzender: Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup 13. Punkt 12 der Tagesordnung: Runder Tisch „Selbstbestimmte und möglichst interventionsarme Geburt“ Antrag: GRÜNE Vorlage: 2020/0783 Beschluss: Verwiesen in den Fachausschuss Abstimmungsergebnis: Keine Abstimmung Der Vorsitzende ruft Tagesordnungspunkte 12 zur Behandlung auf. Stadträtin Anlauf (GRÜNE): Wir freuen uns, weil wir bald einen Runden Tisch „Geburtshilfe in Karlsruhe“ bekommen, der die betroffenen Aktiven und die Profession zusammenbringt, und „zusammen“ möchte ich unterstreichen. Nachdem es viele Jahre in der Öffentlichkeit wenig Diskussion rund um die Geburtshilfe gab, ist diese momentan wieder verstärkt im Blickpunkt der Medien. Dies hat einerseits etwas mit den Frauen zu tun, die mit deutlichem Selbstbe- wusstsein die Geburtshilfe in Deutschland infrage stellen und kritisch hinterfragen. Warum ist in Deutschland der Anteil an interventionsfreien Geburten relativ niedrig im Verhältnis zu ande- ren Ländern? Warum ist die Kaiserschnittrate im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eklatant hoch, weit über dem europäischen Durchschnitt? Frauen und andere gebärende Menschen, wie gebärende Transmänner oder Interpersonen, wollen zumeist eine möglichst natürliche Geburt, sie wollen eine gute Beratung und Betreuung, möglichst durch eine Hebamme während des Geburtsvorgangs. Die Gesundheitspolitik hat die- se eigentlich normalen Bedürfnisse seit Jahrzehnten sabotiert, anders kann ich es nicht mehr ausdrücken. Es gibt bekannte Gründe für den zunehmenden Hebammen- und Zeitmangel in der Betreuung und Beratung der Gebärenden und für Raummangel in den Klinken. – 2 – Weiterhin hat das gewachsene Interesse an der Geburtshilfe seinen Grund in der Parteinahme für die Säuglinge. Die Kinderpsychologie kann inzwischen sehr gut nachweisen, wie wichtig eine möglichst interventionsarme und weniger stressige Geburt sich nicht nur kurzfristig auf die Säuglinge auswirkt. Wie ist die Situation in Karlsruhe? Was kann und sollte man hier verbes- sern? Um einen ganzheitlichen Blick auf die Geburtshilfe auch in Karlsruhe herzustellen, was läuft bei uns gut und was weniger, eben dafür ist ein runder Tisch die Voraussetzung. Uns GRÜNEN geht es darum, alle Beteiligte auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch zu bringen, um die Geburtssituation in Karlsruhe zu verbessern. Es geht nicht um den einen richtigen Weg, der angeblich richtig ist, sondern es gibt ganz viele Wege, und darum geht es, dieses auch zu akzeptieren. Wir halten es für sinnvoll, dass das Städtische Klinikum und das Kinderbüro die Federführung übernehmen. Hier ist allerdings die Seite der Mütter noch nicht ausreichend re- präsentiert, deshalb ist es uns sehr wichtig, dass die Gleichstellungsbeauftragte aktiv miteinbe- zogen wird. Auch die Hebammenschule, die wir gestern besuchten, sollte mit ihren reichen Er- fahrungen einbezogen werden. Einverstanden sind wir auch damit, dass in der Aufbauphase zunächst eine kleinere Austauschrunde stattfindet, in der zum Beispiel Vertretungen der Müt- ter und Familien sowie der Hebammenverbände noch nicht vertreten sind. Dies muss sich aber zu einem definierten Zeitpunkt ändern, weil sonst die Idee des Runden Tisches verfehlt wird. Stadträtin Wiedemann (CDU): Als Mutter von drei wunderbaren Kindern und als Oma, von ebenfalls drei wunderbaren Enkeln, bin ich immer davon ausgegangen, dass die Geburt selbst- bestimmt ist und ich selbstverständlich meine Geburtsform mit meiner Ärztin oder Hebamme bespreche. Falls Komplikationen oder Notsituationen eintreten, ist das Fachwissen der Ärz- te/Ärztinnen oder der Hebammen gefragt. In drei Minuten Redezeit kann man dieses weitrei- chende und wichtige Thema nicht abhandeln und deshalb möchte ich vorschlagen, diesen An- trag, den die GRÜNEN mit selbstbestimmter und möglichst interventionsarme Geburt und die Stadtverwaltung mit einem Runden Tisch für Geburtshilfe betitelt haben, in den Sozial- oder Jugendhilfeausschuss verweisen. Stadträtin Moser (SPD): Ich sehe es ähnlich wie Karin Wiedemann, wir müssen natürlich auch aufpassen, dass die Kliniken auch die Auslastung beziehungsweise die Kapazitäten haben, das wird beim Runden Tisch geklärt. Einige Kliniken im Umland wurden geschlossen, und deswegen müssen wir das gut im Blick haben. Ich schließe mich dem Vorschlag von Karin Wiedemann an, dass wir das Thema im Ausschuss beraten. Stadtrat Høyem (FDP): Ich sage nur einen Satz zur interventionsarmen Geburt. In meinem ehemaligen Beruf war ich für die Gesundheit im arktischen Gebiet zuständig, und ich weiß, wie viele Leute dort sehr gerne eine Geburtsintervention gehabt hätten und diese nicht erhalten haben. Ich wollte sicherstellen, dass Hebammen und fachliche Expertise auch dort zu bekom- men ist und man das Risiko einer Geburt minimiert, weil es zu viel tote Kinder im arktischen Gebiet gibt. Stadträtin Fenrich (AfD): Wenn man manche Anträge so liest, glaubt man eigentlich gar nicht, was da so steht. Ist doch in dem Antrag der GRÜNEN tatsächlich die Rede von gebärenden Per- sonen. Nach meinem Verständnis kann biologisch betrachtet nur das weibliche Geschlecht bei uns Menschen, also nur die Frau gebären. Soziokulturell gesehen, kann ich das leider nicht be- urteilen. Ich wusste bislang nicht, dass es in Karlsruhe keine gute und selbstbestimmende Ge- burt gegeben hätte, auch nicht, dass die Anzahl der Geburten hier exorbitant ansteigt, auch nicht nach Zuzug von geflüchteten Frauen. Falls Sie liebe GRÜNE, es für notwendig erachten, – 3 – insbesondere geflüchteten Frauen spezielle Geburtsvorbereitungen angedeihen zu lassen, so könnten Sie dies, im wesentlich kleineren Rahmen tun. Selbst wenn das Land hier den Vorreiter spielt und solch einen Runden Tisch initiiert hat, müssen wir in Karlsruhe nicht alles kosten- trächtig nachmachen. Die Aufgaben einer Kommune sind umfangreich, aber nicht allumfassend. Wir lesen dann in Ihrer Begründung, ein Konvolut von allen möglichen Themen zur guten und selbstbestimmten Geburt. Ich erspare mir, darauf näher einzugehen. Ich sage Ihnen etwas aus meinen Erfahrungen, in den achtziger Jahren habe ich meine Tochter zur Welt gebracht, ich war frei in der Wahl der Klinik und des Arztes, ich war frei in der Wahl, wie mein Kind auf die Welt kommen sollte, Unterwassergeburt, Geburtsstuhl oder normal, mit oder ohne Periduralanästhesie, in Anwesenheit des Vaters im Kreissaal oder eben nicht, Rooming-in oder eine Nacht durchschlafen und so weiter und sofort. Ich war super betreut, hatte einen kompetenten Arzt und verständnisvolle Pflegekräfte. Was will eine gebärende Frau mehr? Sie wollen alle möglichen Beteiligte in Ihren Runden Tisch einbinden: Krankenhäuser, Frauenärzte, Kinderärzte, Anästhesisten, Hebammen frei oder angestellt, Pfleger und Pflegerin- nen, Beschäftigte der städtischen Ämter, Psychologen, vielleicht auch noch Soziologen und Phi- losophen und Genderwissenschaftler nicht vergessen. Sie binden damit deren Arbeitskraft und Zeit, die sie vor lauter Verwaltungsarbeit gar nicht haben. Bitte lassen Sie diese Menschen ihre Aufgaben wahrnehmen, und bitte lassen Sie unsere Bürgerinnen frei und selbstbestimmt ent- scheiden, auf welche Art und Weise sie ihre Kinder bekommen möchten. Informationen rund um das Thema Geburt gab es bereits schon 1983. Die Politik muss nicht für freie Frauen denken und diese schon gar nicht lenken wollen. Wenn Sie wirklich etwas Gutes tun wollen, liebe GRÜ- NE, dann kümmern Sie sich um die Entrümpelung des Gesundheitswesens von unnötigem Bal- last, den Verwaltungsaufgaben. Im Ergebnis können wir dem Antrag leider nicht zustimmen. Stadträtin Göttel (DIE LINKE.): Ich will eigentlich keinen Kommentar zur Vorrednerin abgeben, ich finde man sollte sich mal mit der heutigen Situation auseinandersetzen. Ich begrüße aus- drücklich, dass wir heute dieses Thema auf der Tagesordnung haben, denn ein Runder Tisch leistet einen Baustein, um Institutionen zu vernetzen und ein Bild über die Versorgungssituati- on in Karlsruhe zu gewinnen und ausgehend davon, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Der Antrag stellt viele wichtige Frage, wo ich gerne verschiedene Institutionen und Betroffene einbinden möchte. Ich glaube, das ist ein Gewinn, gerade für Menschen, die den sozialen Bezug hier haben, die die Situation hier in Karlsruhe kennen. Wenn man sich die allgemeine Situation in Deutschland bei der Geburtshilfe anschaut, sie ist wirklich nicht befriedigend. Wir haben hier eine Realität, wo wir Personalmangel haben, Über- lastungen der Pflegekräfte und Hebammen und einen wachsenden ökonomischen Druck. Auch die hohe Rate medizinischer Eingriffe, die weit über den medizinisch notwendigen liegt, zeigt, dass hier dringend Maßnahmen getroffen werden müssen. Die Geburtshilfe wirft besonders ein Schlaglicht auf die Probleme, die mit der Einführung der Fallkostenpauschale einhergehen, denn der Geburtsvorgang ist sehr individuell und eben nicht wirtschaftlich planbar, was auch vollkommen in Ordnung ist, was man allen betroffenen Frauen sagen muss. Es ist ein großes Problem, dass Geburtshilfe aktuell nicht ausreichend vergütet wird, denn medizinische Eingriffe geben eine höhere Vergütung, während eine natürliche Geburt ohne Intervention nicht wirt- schaftlich ist. Die Finanzsituation schafft völlig falsche Anreize, und die Gesundheit von Müttern und Kindern bleibt dabei zurück. – 4 – Ein wichtiges Thema, was ich auch noch ganz wichtig finde, das Betroffene jetzt immer weiter und stärker adressieren, ist das Thema Gewalterfahrung beim Thema Geburt. Schätzungen ge- hen davon aus, dass bis zu fünfzig Prozent der Mütter betroffen sind. Es sind verbale Angriffe bei der Entbindung, Gefühle der Entmündigung und des Ausgeliefertseins, wenn Frauen nicht in die Entscheidung einbezogen oder nicht ernst genommen werden. Es ist psychischer Druck, bis zu Eingriffen gegen den Willen der Betroffenen und körperlicher Gewalt. Es gibt sogar einen internationalen Aktionstag, der darauf hinweist. Ärztinnen und Hebammen wollen das Beste für ihre Patientinnen, deswegen ist es so wichtig, strukturelle Rahmenbedingungen anzugehen, die für Zeitdruck und Überlastung sorgen. Ich glaube, dafür ist ein Runder Tisch eine gute Basis, um sich eben auch zu fragen, wie wir diese Situation hier vor Ort verbessern können. Eine Vernet- zung ist dringend notwendig, weil eine sichere Geburt weit vor dem Geburtsvorgang beginnt. Es geht um die ganze Vorbereitungszeit, das heißt auch, man durchläuft verschiedene Institutio- nen, und da ist es auch ganz wichtig, dass es eine Vernetzung gibt. Ich bin sehr gespannt, was bei diesem Treffen herauskommt und freue mich auf die weiteren Debatten. Stadträtin Lorenz (FW|FÜR): Die Wortbeiträge meiner geschätzten Kolleginnen zeigen, das Erlebnis Geburt brennt sich in das Gedächtnis einer jeden Frau ein. Die meisten Frauen wün- schen sich wohl eine interventionsarme Geburt. Bei 90 Prozent der Geburten wird eine routi- nemäßige Intervention durchgeführt. Leider erleben viele Frauen diese Eingriffe auch oft gegen ihren Willen oder ohne vorhergehende Information. Einige sind dadurch traumatisiert. Der Ein- griff des Klinikpersonals und des Geburtsgeschehens passiert nicht in böser Absicht, sondern aufgrund von Leitlinien, die aus rechtlichen Gründen in den Kliniken eingehalten werden müs- sen. Ärzte und Hebammen wissen um rechtliche Folgen und sind entsprechend eingeschränkt. Nicht zuletzt sind die Kliniken zu wirtschaftlichem Handeln gezwungen, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Kaiserschnittquote tendenziell steigt. Denn diese Geburten sind vom Zeitpunkt und Zeitraum planbar und finanziell lukrativer als normale Entbindungen. Die Betei- ligten für eine gute möglichst interventionsarme Geburt an einen Tisch zu holen, ist ein wichti- ger Schritt. Letztendlich hängt aber vieles an den rechtlichen Vorgaben und an den wirtschaftli- chen Zwängen. Wir könnten uns den Wünschen von Karin Wiedemann und der anderen Kolle- gin anschließen und den Antrag in den Ausschuss verweisen. Der Vorsitzende: Ich frage die Antragsteller, ob wir dann zur Vorberatung in den Ausschuss gehen? Ich halte das für sinnvoll, weil es noch nicht vorberaten ist. Ich bin da sicherlich kein Fachmann, möchte aber vor der Annahme warnen, eine höhere Zahl von Kaiserschnitten würde automatisch ein Beleg dafür sein, dass das alles wirtschaftliche Aspekte sind. Davor würde ich auch im Namen der Ärzte, die ich kenne, warnen, weil ich glaube, dass es in vielen Situationen nicht so ist. Ich kann mich erinnern, dass die Kaiserschnittrate in anderen Ländern noch viel höher liegt, also da gibt es möglicherweise unterschiedliche Leitlinien, aber genau das sollte mal alles transparent an einem möglichen Runden Tisch diskutiert werden, um ein größeres Verständnis hier zu erzeugen. Wir verweisen zur Vorberatung in den entsprechenden Ausschuss und dann sehen wir weiter. Zur Beurkundung: – 5 – Die Schriftführerin: Hauptamt - Ratsangelegenheiten – 14. September 2020