Kulturkonzept Grötzingen 2035

Vorlage: 2017/0723
Art: Beschlussvorlage
Datum: 10.11.2017
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Kulturamt
Erwähnte Stadtteile: Beiertheim-Bulach, Daxlanden, Durlach, Grötzingen, Knielingen

Beratungen

  • Gemeinderat (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 12.12.2017

    TOP: 12

    Rolle: Entscheidung

    Ergebnis: einstimmig zugestimmt

Zusätzliche Dateien

  • Kulturkonzept Grötzingen
    Extrahierter Text

    Stadt Karlsruhe Der Oberbürgermeister BESCHLUSSVORLAGE Vorlage Nr.: 2017/0723 Verantwortlich: Dez.2 Kulturkonzept Grötzingen 2035 Beratungsfolge dieser Vorlage Gremium Termin TOP ö nö Ergebnis Kulturausschuss 06.12.2017 6 X Gemeinderat 12.12.2017 12 X Beschlussantrag Der Gemeinderat stimmt nach Vorberatung im Ortschaftsrat Grötzingen und im Kulturaus- schuss dem Stadtteilkulturkonzept Grötzingen 2035 zu. Finanzielle Auswirkungen (bitte ankreuzen) nein X ja Gesamtkosten der Maßnahme Einzahlungen/Erträge (Zuschüsse u. Ä.) Finanzierung durch städtischen Haushalt Jährliche laufende Belastung (Folgekosten mit kalkulatori- schen Kosten abzügl. Folgeer- träge und Folgeeinsparungen) noch nicht abschätzbar Haushaltsmittel: Kontierungsobjekt: Kontenart: Ergänzende Erläuterungen: Über die Bereitstellung von Mitteln für Maßnahmen und Vorhaben aus dem Kulturkonzept ent- scheidet der Gemeinderat im Rahmen der Haushaltsberatungen der kommenden Jahre auf der Grundlage des Gemeinde- ratsbeschlusses vom 28.04.2015. ISEK-Karlsruhe-2020-relevant nein X ja Handlungsfeld: Kultur Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) nein X ja durchgeführt am 15.11.2017 Abstimmung mit städtischen Gesellschaften X nein ja abgestimmt mit Ergänzende Erläuterungen Seite 2 In der Sitzung des Kulturausschusses am 12. Oktober 2017 hat die Verwaltung umfassend über Auftrag, Erstellung und Inhalte des Stadtteilkulturkonzeptes für Grötzingen berichtet. Aufge- zeigt wurden darüber hinaus die Prozessbeteiligten sowie die Etappen der Konzeptentwicklung. Der Kulturausschuss hat den Sachstandsbericht (siehe Anlage) zur Kenntnis genommen. Inzwischen liegt das Kulturkonzept Grötzingen 2035 vor. Es ist dieser Vorlage als Anlage beige- fügt. Beschluss: Antrag an den Gemeinderat Der Gemeinderat stimmt nach Vorberatung im Ortschaftsrat Grötzingen und im Kulturausschuss dem Stadtteilkulturkonzept Grötzingen 2035 zu.

  • Anlage 1 Kulturkonzept Grötzingen
    Extrahierter Text

    Anlage zu TOP 6: Kulturkonzept Grötzingen Seite 1 Information zur Entstehung und des Inhaltes des Kulturkonzeptes Grötzingen (Vorlage der Sitzung des Kulturausschusses vom 12. Oktober 2017) Auftrag und Erstellung eines Stadtteilkulturkonzepts In seiner Sitzung am 20. Mai 2014 verabschiedete der Gemeinderat das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe. Das Konzept war in einem knapp dreijährigen Prozess unter breiter Einbindung der Kulturschaffenden, der Vertreterinnen und Vertreter der Kultureinrichtungen wie der Kulturpolitik in Karlsruhe erarbeitet worden. In fünf Handlungsfeldern zeigt es die kulturpolitischen Schwerpunkte der nächsten 10 Jahre auf und benennt Maßnahmen zur schrittweisen Umsetzung des Kulturkonzepts. Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe hat die kulturelle Entwicklung in der gesamten Stadt im Blick. Auf die Stadtteile mit ihrer teilweise sehr eigenständigen Geschichte und kulturellen Identität wird darin nicht näher eingegangen. Betont wird jedoch die Bedeutung, die die Kultur für die Entwicklung der Stadtteile haben kann und hat. Dies knüpft auch an das Integrierte Stadt- entwicklungskonzept (ISEK) 2020 an, das die Stadtteile als Kristallisationspunkte für den Lebens- alltag in Karlsruhe in den Blick nimmt und eine entsprechende Entwicklung anregt (siehe ISEK Seite 142/143). Rechtliche und politische Grundlage eines Kulturkonzepts für Grötzingen als einem rechtlich nicht selbständigen Stadtteil sind die am 1. Januar 1974 in Kraft getretene „Vereinbarung über die freiwillige Eingliederung der Gemeinde Grötzingen in die Stadt Karlsruhe“ und die Hauptsatzung der Stadt Karlsruhe. Die bei der Eingliederung Grötzingens in die Stadt Karlsruhe von beiden Vertragsparteien verfolgte weitgehende Eigenständigkeit Grötzingens kommt in der Einführung der Ortschaftsverfassung für den Stadtteil Karlsruhe-Grötzingen (§ 6 des Eingliederungsvertrages und § 1 Abs. 2 der Hauptsatzung der Stadt Karlsruhe) zum Ausdruck. § 13 der Eingliederungsvereinbarung, überschrieben mit „Kulturelle Belange des Stadtteils Karlsruhe-Grötzingen“, benennt in Absatz 1 den Grund für diese Regelung: „Sinn und Zweck der Einführung der Ortschaftsverfassung ist es, das Eigenleben der Ortschaft aufrechtzuerhalten und zu pflegen. Das örtliche Brauchtum und das kulturelle Eigenleben der bisherigen Gemeinde Grötzingen bleiben unangetastet. Sie sollen sich auch weiterhin frei und ungehindert entfalten können.“ In Abs. 2 verpflichtet sich die Stadt, „durch die Zuweisung ent- sprechender Haushaltsmittel an den Ortschaftsrat (...) dafür Sorge zu tragen, dass die caritativen, kulturellen, sportlichen und sonstigen Einrichtungen und Vereinigungen im Stadtteil Karlsruhe- Grötzingen in gleicher Weise gefördert werden wie die vergleichbaren Einrichtungen im übrigen Stadtgebiet.“ Auf Antrag der Ortsverwaltung beschloss der Ortschaftsrat in seiner Sitzung am 22. Oktober 2014, dass die Ortsverwaltung beauftragt wird, einen öffentlichen Runden Tisch ab 2015 einzu- berufen zur Entwicklung eines Kulturkonzeptes für Grötzingen. In seiner Sitzung am 10. Dezem- ber 2014 beschloss der Ortschaftsrat, 20.000 Euro für Beteiligungsprojekte, die in den nächsten zwei Jahren anstehen, insbesondere im Bereich der Kultur zur Entwicklung eines Kulturkonzepts „Badisches Malerdorf Grötzingen“ zu beantragen. Dieses Konzept sollte in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt erarbeitet werden und im engen Zusammenhang mit dem Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe stehen. Der Gemeinderat stimmte dieser Mittelbereitstellung im Rahmen der Haushaltsberatungen 2015/16 zu. Anlage zu TOP 6: Kulturkonzept Grötzingen Seite 2 Inhalte des Kulturkonzepts Grötzingen Das Kulturkonzept für Grötzingen ist eine stadtteilbezogene Fortführung des Kulturkonzepts 2025 der Stadt Karlsruhe. Es greift die Grundzüge des Karlsruher Kulturkonzepts auf, das das Recht auf Kultur als Richtschnur des kulturellen Handelns und Entscheidens setzt und den Zugang zu Kultur als ein Grund- und Menschenrecht versteht. Ebenso orientiert es sich an den Handlungsfeldern des Karlsruher Kulturkonzepts und schneidet sie auf die Grötzinger Gegebenheiten zu. Es benennt als Leitlinien der Kulturpolitik für Grötzingen Maßnahmen zur Kulturentwicklung des Stadtteils, die im Einzelfall Gegenstand zukünftiger politischer Entscheidungen sein werden. Das Stadtteilkulturkonzept für Grötzingen nimmt die gesamte Grötzinger Kulturszene in den Blick. Dabei entziehen sich jedoch Einrichtungen wie die Stadtteilbibliothek und die Volkshochschule, das Jugendhaus, die Gemeinschaftsschule, die Kindergärten, die Kirchen und Religionsgemeinschaften, die Stiftung für Grötzingen und die Karl-Martin-Graff-Stiftung als Kulturträger dem unmittelbaren kulturpolitischen Einwirken von Grötzinger Seite. Das gleiche gilt für die weitestgehend unabhängig agierende Kunst- und Kulturszene vor Ort, die zahlreichen professionellen wie von Ehrenamt und Eigenmotivation getragenen Akteure im Stadtteil, die Vereine, Betriebe und sonstigen Einrichtungen. Das Kulturkonzept kann all diesen Kulturakteuren keine inhaltlichen oder strategischen Vorgaben machen. Es stellt vielmehr eine Selbstverpflichtung des Stadtteils und der Stadt Karlsruhe in Bezug auf das kulturelle Leben und dessen Entwicklung in Grötzingen dar. Es versteht sich als verbindlicher, tragfähiger Orientierungsrahmen für das künftige kulturpolitische Handeln im und für den Stadtteil Grötzingen. Im Erstellungsprozess ging es darum, sich mit den Kulturakteuren vor Ort gemeinsam Gedanken zu machen, welche aktuellen und zukünftigen Herausforderungen und Chancen die Kulturbeteiligten vor Ort erwarten und wie diesen begegnet werden kann. Dabei wurde auch eine Vielzahl an möglichen Strategien und Maßnahmen zusammengetragen, die sich allein im Entscheidungsbereich der jeweiligen Kulturakteure weiterverfolgen lassen. So benennt das Stadtteilkulturkonzept Grötzingen folgende Ziele für das Kulturkonzept: 1. Grötzingen nimmt eine gut sichtbare Stellung als individuell geprägter Kulturstadtteil ein. 2. Grötzingen lebt eine Stadtteilkultur der Teilhabegerechtigkeit und der demokratischen Werte. 3. Grötzingens Stadtteilkultur spannt einen schlüssigen, vor Ort nachvollziehbaren Bogen von der Historie bis zur Gegenwart. 4. Grötzingens Ortsmitte ist ein belebtes kulturelles Zentrum. 5. Die die Stadtteilkultur tragende Vereinsarbeit vor Ort ist gesichert. 6. Kulturschaffende finden eine gute Raumsituation vor. Als übergeordnete Herausforderungen benennt das Kulturkonzept folgende Herausforderungen für den Stadtteil: 1. Alterung der Gesellschaft 2. Diversifizierung der Gesellschaft und beschleunigter Kulturwandel 3. Steigende rechtliche Auflagen für öffentliche Veranstaltungen 4. Wachstum, Stadtteilentwicklungsprozess und Sanierungsstau Anlehnend an das Kulturkonzept Karlsruhe 2025 benennt das Stadtteilkulturkonzept Grötzingen folgende Handlungsfelder: 1. Handlungsfeld 1: Kulturelles Erbe 2. Handlungsfeld 2: Stadtteil: Raum für Kultur 3. Handlungsfeld 3: Kulturelle Bildung und gesellschaftliche Öffnung Anlage zu TOP 6: Kulturkonzept Grötzingen Seite 3 4. Handlungsfeld 4: Stärkung der Verbindung zwischen Kunst, Handwerk und Natur 5. Handlungsfeld 5: Kultur und Wirtschaft. Handlungsfeld 1- Kulturelles Erbe - nimmt zunächst die Sicherung der sich auf den Stadtteil beziehenden Kulturgüter in den Blick. Als besondere Herausforderungen werden der Wunsch, wichtige Kulturgüter im Stadtteil zentral zu erfassen und präsent zu halten, ebenso genannt wie das Interesse, Kulturgüter in städtischen Archiven und Sammlungen zu sichern. Unter das Handlungsfeld Kulturelles Erbe subsumiert das Stadtteilkulturkonzept auch die einzigartige Kulturlandschaft Grötzingens. Als Herausforderungen werden die Herausarbeitung der historisch gewachsenen Individualität und die Wahrung der historischen Zeugniskraft und Eigenart der umliegenden Kulturlandschaft benannt. Dritter Hauptpunkt im Handlungsfeld Kulturelles Erbe ist das Brauchtum, das es in seiner Vielfalt anzuerkennen und in der Pflege zu unterstützen gilt. Handlungsfeld 2 – Stadtteil: Raum für Kultur - legt den Finger in die Raum-Wunde im Stadtteil. Es besteht großer Bedarf an Atelier- und Ausstellungsflächen für die Bildende Kunst, aber auch an Räumen für das sehr aktive Theaterleben im Stadtteil. In Bezug auf die Bildende Kunst lebt Grötzingen von seiner Geschichte als ehemalige Künstlerkolonie. Das Attribut „Badisches Malerdorf“ als Markenzeichen knüpft an diese Tradition an. Sicht- und nachvollziehbar ist diese Geschichte im Ortsbild jedoch kaum. Weder sind alte Künstlerhäuser zu besichtigen, noch kann die in der Malerkolonie entstandene Kunst an einem zentralen Ort präsentiert werden; eine Ausnahme bildet hier der Bürgersaal im Rathaus, der jedoch nur begrenzt zugänglich ist. Die Sichtbarkeit der Geschichte gilt es ebenso zu erhöhen wie die Arbeits- und Präsentationsmöglichkeiten für aktuell in Grötzingen arbeitende zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler. Hier – wie auch im Zusammenhang mit anderen Handlungsfeldern - wird der Grötzinger Wunsch laut, in der Ortsverwaltung eine Anlaufstelle, ein Büro zur Förderung und Bündelung der Stadtteilkultur einzurichten. Als besondere Herausforderung im Spannungsfeld von Tradition und Zeitgenössischem wird die Frage aufgeworfen, in wieweit die Marke „Badisches Malerdorf“ noch eine geeignete Positionierung des auch das aktuelle Kunstschaffen in den Blick nehmenden Kulturstadtteils Grötzingen darstellt und ob diese Marke auch die aktuelle Bühnenkunst mit abdeckt. In Bezug auf die Bühnenkunst wird insbesondere das Fehlen von Probe- und Aufführungsräumen beklagt. Die in den letzten Jahren hier stark gewachsene Theaterszene ist in ihren räumlichen Möglichkeiten im Stadtteil sehr begrenzt. Handlungsfeld 3 – Kulturelle Bildung und gesellschaftliche Öffnung - benennt die Bedeutung der Kulturellen Bildung für die Stadtteilentwicklung. Sie ermöglicht es, das Gemeinsame in der wachsenden Vielfalt auch im Stadtteil zu fördern, unter anderem mit sozialraumorientierten, antidiskriminierenden und mit generationsübergreifenden Kulturangeboten, die entsprechend ermöglicht und gefördert werden sollen. Von besonderer Bedeutung wird dabei auch die zielgruppenbezogene, barrierefreie kulturelle Bildungsarbeit gesehen. Handlungsfeld 4 nimmt die Stärkung der Verbindung zwischen Kunst, Handwerk und Natur in den Blick. Das Handlungsfeld zeigt auf, dass in Grötzingen Handwerksbetriebe ansässig sind, die traditionelle kunsthandwerkliche Techniken pflegen und gleichzeitig an der Schnittstelle zwischen Handwerk, Kunsthandwerk und Kunst arbeiten. Das Kulturkonzept formuliert die Aufgabe, diesen Bereich zu stärken. Die Betriebe und Akteure sollen in Grötzingen ein gutes Pflaster für ihre Betriebe finden, in inhaltlicher, struktureller und in räumlicher Hinsicht. Grötzingen sieht sich als prädestinierter Standort für kultur- und kreativwirtschaftliche Betriebe Anlage zu TOP 6: Kulturkonzept Grötzingen Seite 4 und ist bemüht, für eine weitere Stärkung in diesem Bereich entsprechende Räume anbieten zu können. Handlungsfeld 5 thematisiert die besondere Verbindung zwischen Kultur und Wirtschaft. Es zeigt auf, dass kulturelle Aktivitäten im Stadtteil auf die Unterstützung durch die lokale Wirtschaft angewiesen sind, dass aber auch die Wirtschaft vor Ort von einem geschärften kulturellen Profil des Stadtteils und entsprechenden kulturellen Aktivitäten profitiert. So möchte das Kulturkonzept – auch mit Blick auf die Wirtschaft – die Außenwirkung des Grötzinger Kulturlebens verbessern und die Kommunikation zwischen Kultur und Wirtschaft erleichtern. Ebenso ist es das Anliegen des Kulturkonzepts, Grötzingen für Ansiedlungen aus dem Bereich der Kunst- und Kulturschaffenden wie der Kultur- und Kreativwirtschaft attraktiver zu machen. Prozessbeteiligte, Etappen der Konzeptentwicklung Nach der Entscheidung zur Erarbeitung eines Kulturkonzepts für Grötzingen wurde aus dem Ortschaftsrat heraus ein Arbeitskreis Kulturkonzept gebildet, in dem alle Fraktionen des Ortschaftsrates vertreten sind, darüber hinaus die ARGE der Grötzinger Vereine und Kulturschaffenden, die Grötzinger Künstlerschaft, die Heimatfreunde Grötzingen e.V., der Freundeskreis Badisches Malerdorf e.V., das Kulturamt und die Ortsverwaltung in Person der Ortsvorsteherin. Mit der Erarbeitung des Kulturkonzepts wurde im Rahmen eines Werkvertrages Birgit Reich | KUK Kulturmanagement beauftragt. Sie entwickelte das Prozessdesign und übernahm das Projektma- nagement für die gesamte Erarbeitungsphase, moderierte Workshops und Expertengespräche, sicherte in gemeinsamen Diskussionen mit dem Arbeitskreis Kulturkonzept die Ergebnisse der einzelnen Schritte des Beteiligungsprozesses und übernahm die Verschriftlichung des Kulturkon- zepts. Die Entwicklung des Stadteilkulturkonzepts erfolgte auf Basis der Vorgaben und Rich- tungsentscheidungen der Karlsruher Kulturkonzeption, der vorhandenen ortsgegebenen Struktu- ren und mit einem offenen Blick auf zukünftige Entwicklungen. Das Prozessdesign orientierte sich an dem im strategischen Entwicklungsmanagement üblichen Vorgehen: 1. Klärung der strukturellen Ausgangslage und Zielformulierung, 2. Visualisierung von Zukunftstrends, 3. Entwicklung von potentiellen Strategien und Maßnahmenpaketen, 4. Festlegung von Zukunftsstrategien und Beginn ihrer Umsetzung. Der Verschriftlichung und Veröffentlichung des Kulturkonzepts folgt als fünfter Punkt der fortgesetzte Implementierungsprozess und als abschließender sechster Punkt das Controlling im Sinne einer ständigen Rückbefragung und Weiterentwicklung der Kulturkonzeption bei anstehenden kulturpolitischen Entscheidungen. Am 13. Oktober 2015 veranstaltete die Ortsverwaltung ein „Ideencafé zur Ortsmitte und Kultur“. Alle Bürgerinnen und Bürger waren eingeladen, ihre Ideen, Kritik und bestehende Bedürfnisse bezüglich einer städtebaulichen, infrastrukturellen und kulturellen Weiterentwicklung im Rahmen eines „World-Café“-Formats zu äußern. Die „Arbeitsgruppe Kulturkonzept“ traf erstmalig am 25. April 2016 auf Einladung von Ortsvorsteherin Karen Eßrich zusammen. Dabei wurde deutlich, dass Grötzingen einen dringenden Bedarf an einer klaren und übersichtlichen Darstellung seines Kulturgutbestands und seiner Kulturaktivitäten hat. Mit Hilfe aktueller Statistiken und Bevölkerungsprognosen wurden die im Integrierten Stadtentwicklungskonzept und die im Karlsruher Kulturkonzept als relevant aufgeführten Zukunftstrends für Grötzingen analysiert und ergänzt. In Anlehnung an das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe erfolgte dann eine erste Definition von fünf den Stadtteil abbildenden kulturellen Handlungsfeldern. Gleichzeitig wurde auch ein Anlage zu TOP 6: Kulturkonzept Grötzingen Seite 5 Personenkatalog erstellt, der die wichtigsten Kulturakteure im Stadtteil und ihre potentiellen Partner benennt. Aus diesem erfolgte die persönliche Einladung an rund 100 ausgesuchte Expertinnen und Experten zu einer „Zukunftswerkstatt“ in Grötzingen. Zu dieser „Zukunftswerkstatt Stadtteilkultur Grötzingen“ kamen am 23. Juli 2016 auf Einladung von Ortsvorsteherin Karen Eßrich und Kulturamtsleiterin Dr. Susanne Asche rund 90 Expertinnen und Experten aus der örtlichen Kulturszene, aus den mit der Grötzinger Kulturszene verbundenen Kultureinrichtungen in Karlsruhe wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kulturamtes zusammen. Der achtstündige Workshop wurde in einem stark verkürzten „Future Search-Format“ abgehalten. Die Teilnehmenden erstellten, in acht spartenbezogene Arbeitsgruppen aufgeteilt, für ihre Handlungsfelder kritische Zukunftsanalysen, benannten die wichtigsten Herausforderungen und entwickelten Zukunftsstrategien sowie erste Maßnahmenvorschläge. Im anschließenden Plenum erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die Perspektiven der anderen Arbeitsfelder und konnten deren Ansätze und Ideen in ihre weiteren Überlegungen einschließen und aus eigener Sicht bewerten. Im Nachgang dieser Veranstaltung erfolgten ergänzende schriftliche Expertenbefragungen zum Thema „Brauchtum“ sowie zum Thema „Kulturelle Bildung“ im Stadtteil. Am 6. Oktober 2016 versammelte sich nochmals eine siebenköpfige Expertengruppe „Brauchtum“ für ein strategisches Arbeitstreffen. Am 24. November 2016 folgte ein entsprechendes Arbeitstreffen zur kulturellen Bildung im Stadtteil. Aus der Zukunftswerkstatt entwickelte sich der fortbestehende eigeninitiierte „Arbeitskreis Kulturlandschaft Grötzingen“, der sich erstmalig im Beisein der Ortsvorsteherin am 7. Dezember 2016 traf. Auf der Grundlage der schriftlichen Zusammenfassung und Auswertung der Ergebnisse der verschiedenen Foren und Expertenbeiträge erstellte das Projektmanagement eine auf den Einschätzungen der örtlichen Kulturszene basierte SWOT-Analyse (Darstellung von Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken). Von Januar bis März 2017 kam die „Arbeitsgruppe Kulturkonzept“ in acht wöchentlichen Sitzungen erneut zusammen, um die durch die Foren und Expertenrunden zusammengetragenen Herausforderungen und strategischen Möglichkeiten zu evaluieren und weiter zu ergänzen. Mitte März bis Juli 2017 erfolgte die Verschriftlichung der zusammengetragenen Ergebnisse durch das Projektmanagement. Das Kulturamt trug die Darstellung der Zusammenarbeit von Ortschaftsrat, Kulturamt und Gemeinderat in Kulturfragen als eigenes Kapitel bei. Die „Arbeitsgruppe Kulturkonzept“ verantwortete zusammen mit dem Kulturamt die Korrekturgänge. Dabei übernahmen die einzelnen Mitglieder der Arbeitsgruppe Kulturkonzept die inhaltliche Verantwortung für die Darstellung der verschiedenen Handlungsfelder. Ausblick Ein eigenes Kapitel des Kulturkonzepts zeigt unter der Überschrift „Kulturverwaltung im Stadtteil – Ein Blick auf die Zuständigkeiten in Sachen Kultur“ den rechtlichen Rahmen im Verhältnis zwischen Gemeinderat und Ortschaftsrat, zwischen Ortsverwaltung und der übrigen Stadtverwaltung, insbesondere dem Kulturamt, in Bezug auf die Kultur auf. Das Stadtteilkulturkonzept und dessen Erarbeitung ist Ausdruck des sehr guten, vertrauensvollen und verzahnten Miteinanders von Stadtteil und Gesamtstadt. Es bestätigt die Erfahrung, dass ein starker und profilierter Stadtteil wesentliche Voraussetzung für eine starke profilierte Stadt ist. Das gilt auch und gerade für die Kultur. Das Stadtteilkulturkonzept Grötzingen wird ganz wesentlich zu einer Stärkung Grötzingens wie zu einer Stärkung der Gesamtstadt beitragen. Anlage zu TOP 6: Kulturkonzept Grötzingen Seite 6 Das verschriftlichte Stadtteilkulturkonzept Grötzingen wird im Oktober 2017 im Ortschaftsrat Grötzingen und in den Dezember-Sitzungen des Kulturausschusses und des Gemeinderates vorgestellt und beraten.

  • Anlage 2 Stadtteilkulturkonzept
    Extrahierter Text

    ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 1 KORREKTUR- VERSION (Layoutvorlage) 2 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 INHALTSVERZEICHNIS STADTTEILKULTURKONZEPT 2035 GRÖTZINGEN Grußwort Dr. Frank Mentrup, Oberbürgermeister3 Grußwort Dr. Susanne Asche, Leiterin Kulturamt4 Das Grötzinger Stadtteilkulturkonzept – Einführung6 Der Kulturstadtteil Grötzingen – Ein Überblick8 Das Kulturkonzept für Grötzingen – Die Entwicklung eines kulturpolitischen Orientierungsrahmens für eine unabhängige Kulturszene.12 Recht auf Kultur– Grötzinger Stadtteilkultur als Beitrag zur Karlsruher Stadtkultur18 Herausforderungenfür den Stadtteil Grötzingen und Ziele des Kulturkonzepts21 Ziele des Stadtteilkulturkonzepts21 Übergeordnete Herausforderungen für den Stadtteil Grötzingen21 Handlungsfeld 1 – Kulturelles Erbe36 Kulturelles Erbe: Kulturgüter36 Kulturelles Erbe: Kulturlandschaft42 Kulturelles Erbe: Brauchtum46 Handlungsfeld 2 – Stadtteil: Raum für Kultur51 Stadtteil – Raum für Kultur: Bildende Kunst52 Stadtteil – Raum für Kultur: Bühne58 Handlungsfeld 3 – Kulturelle Bildung und gesellschaftliche Öffnung61 Handlungsfeld 4 – Stärkung der Verbindung zwischen Kunst, Handwerk und Natur72 Handlungsfeld 5 – Kultur und Wirtschaft77 Kulturverwaltung im Stadtteil – Ein Blick auf die Zuständigkeiten in Sachen Kultur83 Ausblick Karen Eßrich, Ortsvorsteherin Grötzingen86 Literatur- und Quellenverzeichnis88 Grötzinger Stadtteilkultur online90 Impressum91 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 5 6 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 DAS GRÖTZINGER STADTTEILKULTURKONZEPT EINFÜHRUNG Das vorliegende Stadtteilkulturkonzept Grötzingen entwirft flankierend zum Kulturkonzept Karlsruhe 2025 einen stadtteilbezogenen Fahrplan für die kommunale Kulturpolitik und den Ortschaftsrat. Neben städtischen Kultureinrichtungen, wie beispielsweise der Stadtteilbibliothek, gestalten in Grötzingen vorwiegend unabhängige Kulturvereine, freie Kulturschaffende sowie private Bildungsanbieter das abwechslungsreiche Kulturleben im Stadtteil. Diese agieren über Kooperationen und organisatorische Absprachen in einem dichten Netz aus städtischen, regionalen und überregionalen Kultureinrichtungen und -vereinen. Den kommunalen Kulturabteilungen des Kulturamtes wie der Städtischen Galerie, dem Pfinzgaumuseum, dem Stadtmuseums, dem Stadtarchiv, der Stadtbibliothek und dem Kulturbüro fällt eine wichtige Rolle in der Ausgestaltung des gesamtstädtisch und stadtteilbezogenen Kulturprofils Grötzingens zu, verantworten sie doch in übergeordneter Position die Archivierung und wissenschaftliche Aufarbeitung des kulturellen Erbes, beziehungsweise die Kulturförderung und Kulturverwaltung. Eine Stadtteilkulturkonzeption als Zusammenfassung von stadtteilpolitisch definierten Zielsetzungen und Strategien kann ausschließlich in die Richtung dieser kommunalen Einrichtungen eine Verbindlichkeit erzeugen. Eine aus kommunalpolitischer Sicht besonders wichtige Achse stellt hier die Zusammenarbeit von städtischem Kulturamt und der Ortsverwaltung dar. Die Ortsverwaltung erfüllt dabei eine vorrangig koordinierende und stadtteilgestaltende Aufgabe. In ihrer Verantwortung liegt es, bestehende stadtteilübergreifende Kommunikationsstränge zu pflegen, dem fortschreitenden demografischen Wandel entsprechend neu auszurichten und neue Verbindungen zu initiieren. Das erste Kapitel der vorliegenden Stadtteilkulturkonzeption (ab Seite 8) gibt einen skizzenhaften Überblick über das reichhaltige und traditionsreiche Kulturleben des Stadtteils, das die Basis für alle zukünftigen Entwicklungen darstellt. Da sich die hier erarbeitete Kulturkonzeption als Orientierungsrahmen für die kulturpolitische Begleitung der weitestgehend unabhängig agierenden Grötzinger Kulturszene versteht, war die intensive inhaltliche Beteiligung dieser freien Szene, ihrer Kooperationspartner, ebenso wie die des Ortschaftsrats von entscheidender Bedeutung für ihre Tragfähigkeit. Über welche Beteiligungsformate und Fragestellungen sich der Findungsprozess gestaltete, erschließt sich im zweiten Kapitel (ab Seite 12). Das Stadtteilkulturkonzept Grötzingen versteht sich als auf eigenem Humus gedeihender Ableger der Karlsruher Kulturkonzeption. Wie dieser Ableger sich als Beitrag zum Kulturkonzept Karlsruhe 2025 versteht, ist im dritten Kapitel dieser Broschüre (ab Seite 18) genauer erläutert. Vorrangiges Ziel einer stadtteilbezogenen Kulturkonzeption ist die Stärkung von Kunst und Kultur im Stadtteil und im Umkehrschluss auch die Stärkung des Stadtteils durch Kunst und Kultur. Für einen Stadtteil wie Grötzingen, dessen eigene Gründungsgeschichte bis in die Römerzeit reicht und damit auf eine vielfach längere Kulturgeschichte als die erst 300- jährige Kernstadt Karlsruhe verweisen kann, bedeutet ein eigenes Kulturprofil die Sicherung der eigenen lokalen Identität. Auf der anderen Seite profitiert auch die Gesamtstadt von einer sorgsam überlegten Stadtteilkulturpflege. Durch die bis heute ablesbare Vielgesichtigkeit der einzelnen Karlsruher Stadtteile bleiben die verschiedenen Wurzeln und Entwicklungsabschnitte der Stadt lebendig und nachvollziehbar. Nicht zuletzt aufgrund der späten, mit Sonderprivilegien verbundenen Eingemeindung Grötzingens im Jahr 1974 ergeben sich für den Stadtteil eigene kulturpolitische Herausforderungen und Zielsetzungen, die im vierten Kapitel (ab Seite 21) dargestellt sind. Die zukunftsstrategische Ausrichtung der fünf für den Stadtteil identifizierten kulturellen Handlungsfelder bilden im Anschluss mit dem vorausgehenden Kapitel das eigentliche Herzstück des Stadtteilkulturkonzepts. (Ab Seite 36) Schließlich ist eine gelingende Kulturarbeit im Stadtteil nur im Zusammenspiel von Ortsverwaltung und städtischer Kulturverwaltung möglich. Das letzte Kapitel (ab Seite 83) widmet sich diesem zukunftstragenden Organigramm. Die Stadtteilkulturkonzeption für Grötzingen definiert die kulturpolitische Ausrichtung und Schwerpunktsetzung des Stadtteilkulturlebens in Gefolgschaft zum Karlsruher Kulturkonzept bis zum Jahr 2025 und darüber hinaus. Gemeinsam mit den Kulturschaffenden vor Ort wurden die wichtigsten Herausforderungen der kommenden Jahre benannt und strategische Maßnahmen gesammelt. Viele der erarbeiteten Ideen wurden unverzüglich umgesetzt und so steht die Grötzinger Kulturkonzeption auf dem soliden Fundament, dass ihre Umsetzung und Implementierung bereits vor Abschluss der Verschriftlichung in vollem Gange ist. Ebenso wie das Karlsruher Kulturkonzept lädt auch dieser stadtteilbezogene Kulturfahrplan alle Kulturakteure, Bildungspartner und Kulturinteressierte ein, ihren Beitrag zum Gelingen eines lebendigen und teilhabegerechten Stadtteilkulturlebens in Grötzingen zu leisten! ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 7 8 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 DER KULTURSTADTTEIL GRÖTZINGEN EIN ÜBERBLICK Die Gründung Grötzingens erfolgte im urgeschichtlichen Gebiet der großen Wanderwege von Süden nach Norden, von Osten nach Westen. Dies bestätigt der hiesige Fund eines Steinbeils, das auf 2000 v. Chr. datiert wurde. Grötzingen liegt an der geschichtsreichen nordbadischen Bergstraße, einem vorrömischen Verkehrs- und Völkerweg. Ab Mitte des 1. Jh. siedelten hier die Römer, diesen folgten im 3. Jh. die Alemannen, welche sich drei Jahrhunderte später den Franken unterwerfen mussten. Um diese Zeit, Ende 6. Jh., datieren die beiden Erstbesiedlungen auf beiden Seiten der Pfinz, auf welche der spätere dörfliche Zusammenschluss „Grötzingen“ zurückzuführen ist. Seine erste urkundliche Erwähnung findet das Dorf Grötzingen („Grezzingen“) im Jahr 991. Unter den Staufern erfolgte im 12. Jh auf seiner Gemarkung die Gründung Durlachs, der späteren Residenzstadt der Markgrafschaft Baden-Durlach, welche 1715 die neue Residenzstadt Karlsruhe errichtete. Die scherzhafte Bezeichnung Grötzingens als „Großmutter Karlsruhes“ geht auf diese Gründungsfolge zurück. Die wechselvolle Geschichte des Dorfes wird in der Publikation des Karlsruher Stadtarchivs Band 13 aus dem Jahr 1991 detailliert nachgezeichnet. Bis heute ist sie mit kulturhistorischen Zeugnissen im Dorf sichtbar geblieben und klassifiziert Grötzingen als Inbegriff eines „Badischen Dorfs“, an dem sich alle zeitgeschichtlichen, regionaltypischen Wandlungen der badischen Dörfer bis in die heutige Zeit ablesen lassen. Eine Dorfgemeinschaft, wie sie sich trotz der geografischen Nähe zur Stadt Karlsruhe und der 1974 erfolgten Eingemeindung bis heute in Grötzingen erhalten hat, lebt von den Beiträgen der einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner zur Gemeinschaft. Dieses Miteinander ist bereits Teil der erhaltenswerten Kultur des Stadtteils. Es äußert sich in einem kulturell und kulturpolitisch sehr aktiven Vereinsleben. An dieser Stelle wird deutlich, dass Grötzingen kein Kulturstandort der institutionalisierten Kulturpflege ist, sondern ein Ort gelebter kulturhistorischer Traditionen, des Kulturschaffens und des Kulturaustauschs. Umschlaggestaltung „Grötzingen. Das Badische Malerdorf“, Bürgermeisteramt Grötzingen (Hg.), 1934. Abdruck in Mössinger, Wilhelm, 1965. Repro: Titus Tamm Seit den 1930er Jahren präsentiert sich die über tausendjährige Gemarkung Grötzingen mit dem Kulturlabel „Badisches Malerdorf“. Die Kulturmarke ist eine Referenz auf jenen Malerkreis um Friedrich Kallmorgen, Gustav Kampmann sowie Otto und Jenny Fikentscher, welche sich 1889, aus dem Umfeld der Karlsruher Kunstakademie kommend, hier in einer Art Künstlerkolonie ansiedelten. Die Gruppe hatte sich der damals avantgardistischen Landschaftsmalerei sowie der Förderung der Druckgrafik verschrieben. Bereits 1905 hatte sich die formierte Künstlergemeinschaft wieder aufgelöst. Ihr kunstgeschichtlicher Beitrag ist aus heutiger Sicht vor allem regional bedeutsam. Die Kunstschaffenden der 1894 erstmalig so bezeichneten „Malerkolonie Grötzingen“ nahmen im damaligen Dorfleben die Rolle von Außenseitern ein, welche stets mehr die Nähe zu Karlsruhe, dem Badischen Hof und der weltläufigen Avantgarde als zu den Einheimischen suchten. Dennoch haben sie nachhaltig die kulturelle Identität des Ortes Grötzingen beeinflusst, der sich heute in besonderem Maße um deren Nachlasspflege kümmert. So vertritt Grötzingen die Stadt als Mitglied bei euroArt – der Europäischen Vereinigung der Malerkolonien und wirkt damit auf europäischer Ebene am Gedächtniserhalt der europäischen Künstlerkolonien mit. Auch nachfolgend zog es bis in die heutige Zeit zahlreiche Bildende Künstlerinnen und Künstler aus dem Umfeld der Karlsruher Kunstakademie nach Grötzingen. Hier fanden sie neben ländlichen Landschaftsmotiven auch günstige, geeignete Arbeitsräume. Mit dem weit über Baden hinaus bekannten neusachlichen Maler Georg Scholz, welcher sich nach dem 1. Weltkrieg hier niederließ, zog der erste Künstler nach der Malerkolonie in das badische Dorf. In den 1970er und 1980er Jahren siedelte sich, teilshistorischen Vorbildern folgend, wieder eine größere Zahl von Kunstschaffenden in Grötzingen an. Kulturhistorisch sind neben den baugeschichtlichen und kulturlandschaftlichen Dokumenten der über tausendjährigen Dorfgeschichte auch die Arbeit der Kirchen und die Handwerkstradition von hoher Bedeutung. Ebenso spielen die Musik- und Gesangsvereine von jeher eine große Rolle im Kulturleben Grötzingens. In diesem Zusammenhang sind auch die ehemals zahlreichen Dorfwirtschaften und Dorfplätze als Zentren des kulturellen Lebens zu nennen. Ab 1890 wuchs die Anzahl der Sport- und Schützenvereine und ihre Mitgliederzahl, was als Symptom des Kulturwandels zu Zeiten der Industrialisierung und des Bedeutungswandels Grötzingens hin zu einem städtischen „Naherholungsgebiet“ und „Wohnquartier“ gesehen werden kann. Auch der „Homöopathische Verein Grötzingen“ kann auf eine lange kulturgeschichtliche Tradition seit 1893 zurückblicken. Nach dem Zweiten Weltkrieg bereicherten für einige Zeit ein Kino und das Volksbildungswerk das kulturelle Leben um weitere Facetten. 1949 nahm die Arbeitsgruppe der Heimatfreunde ihre Tätigkeit zur Wahrung und Dokumentation des alten Kulturschatzes auf. Der aus dieser Gruppe hervorgegangene Verein „Heimatfreunde Grötzingen e.V.“ ist heute mit rund 570 Mitgliedern der größte ortsständige Kulturverein und eine wichtige Stütze des Grötzinger Kulturlebens. Die Alemannische Fastnacht hat eine kurze Tradition in Grötzingen. Erst 1968 gründete sich der ansässige Fastnachtsverein als „Pfinztal-Hexen“. Inzwischen ist die heutige „Hottscheck-Narrenzunft“ samt ihren zahlreichen Untergruppen mit ca. 400 Mitgliedern der zweitgrößte Grötzinger Kulturverein und verfügt über eine überregional weit ausstrahlende Sichtbarkeit. ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 9 Die heutigen Akteure und Einrichtungen des Grötzinger Kulturlebens Der kunsthistorisch bedeutendere Teil des Werk-Nachlasses der „Grötzinger Malerkolonie“ befindet sich heute in der professionellen Pflege derStädtischen Sammlungen und kann aus konservatorischen Gründen nicht in Grötzingen gezeigt werden. ImGrötzinger Rathaus sind einige der weniger bedeutenden Werke der einstigen Malerkolonie zu sehen. Weitere Teile befinden sich inPrivatsammlungen. Eine geschlossene Künstlergemeinschaft wie in der Zeit zwischen 1989 und 1905 ist in Grötzingen heute nicht mehr auszumachen. Dennoch leben und arbeiten in Grötzingen viele zeitgenössische Kunstschaffende. Wie damals die Künstlerinnen und Künstler der sogenannten „Grötzinger Malerkolonie“ stammen auch die meisten von ihnen aus dem Umfeld der Karlsruher Kunstakademie. Außerdem unterhält die Grötzinger Kunstszene eine enge Verbindung zu den heutigenKarlsruher Künstlervereinigungen wie beispielsweise dem BBK und der GEDOK. Grötzingen präsentiert sich mit mehreren Ausstellungen pro Jahr als Wirkstätte der unterschiedlichsten Kunstrichtungen. Von 1982 bis 2012 gab dieOrtsverwaltung in einem zweijährigen Turnus zum Jahresende ortsansässigen,hauptberuflichen Kunstschaffenden unter dem GruppenausstellungstitelGrötzinger Maler in der Grund- und Hauptschule ein Forum. Dieses Ausstellungsformat wurde in Erinnerung an die Malerkolonie des 19. Jahrhunderts initiiert und sucht aktuell nach einem neuen Konzept. Damit im jährlichen Wechsel präsentiert sich seit 1995 eine Gruppe vornehmlichautodidaktischer Künstlerinnen und Künstler unter dem TitelGrötzinger Malerdorfmaler. Der Verein FMK Foto-Medien-Kunst Grötzingen e.V. richtet gemeinsam mit der Ortsverwaltung alle zwei Jahre eine jurierte Fotoausstellung aus und präsentiert die Arbeiten seiner Mitglieder regelmäßig bei der Grötzinger Kulturmeile. Seit 2012 öffnen alle zwei Jahre im September ca.40 Künstlerinnen und Künstler aus Durlach und Grötzingen für zwei Tage ihre Ateliers und geben Einblicke in ihr künstlerisches Schaffen. Mangels geeigneter Galerie- oder Ausstellungsräume finden seit 2015 wechselnde Ausstellungen von Grötzinger Künstlerinnen und Künstlern im Rathaus unter dem Titel„Kunst im Rathaus II“ statt. DerFreundeskreis Badisches Malerdorf e.V. möchte die über hundert Jahre bestehende Tradition des künstlerischen Schaffens in Grötzingen fördern und beleben. Er organisiert Ausstellungen mit Grötzinger und Karlsruher Kunstschaffenden, finanziert Kataloge und initiierte die Schaffung von günstigemAtelier-und Wohnraum für Karlsruher Kunststudierende. In zahlreichen Mitgliederreisen knüpft der Verein zudem Kontakte zu anderen ehemaligen Künstlerkolonien. DieBürgerstiftung Grötzingen sowie dieStiftung für Grötzingen dienen dem Gemeinwohl im Stadtteil Grötzingen und agieren als Unterstützerinnen von Kulturprojekten. Auch dieKarl Martin Graff – Stiftung, engagiert sich zum Gemeinwohl als Stiftung für soziale Zwecke und Heimatpflege, womit vorrangig der Kulturerhalt unterstützt wird. Auf dem Feld des Gedächtniserhalts und der Kultur- und Landschaftspflege setzt sich besonders aktiv der Verein derHeimatfreunde Grötzingen e.V. ein. Die Kulturgeschichte Grötzingens wird im Pfinzgaumuseum in Durlach nachgezeichnet, welches neben demStadtarchiv Karlsruhe Grötzingens nicht künstlerischen Kulturgüter pflegt und verwaltet. Kulturmeile Grötzingen 2017, Farrenstall. Foto: Titus Tamm An Musikaufführungen im klassischen Bereich beherbergt Grötzingen mit den jährlich auf ein Konzert beschränkten „Grötzinger Kammerkonzerten“ und den jeden Sommer stattfindenden„Grötzinger Musiktagen“ Höhepunkte des Grötzinger Kulturkalenders mit überregionaler Publikumsresonanz. Die zahlreichen örtlichen Musikvereine sind sowohl in der Heimatpflege, der Wahrung des traditionellen Liedguts und in der kulturellen Bildung aktiv. Zu ihnen zählen derMusikverein 1886 Grötzingen e.V., derGesangsverein Eintracht e.V., die Munteren Mütter,der dem Durlacher Gritzner-Chor angeschlossene KinderchorGRÖTZ – SINGERLE, die 10 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 verschiedenen Kirchenchöre, derÖkumenische Chor Grötzingen, derEvangelische Posaunenchor,dieBOK Bigbandund dasGrötzinger Zupforchester e.V.. DieAkkordeonfreunde Grötzingen e.V. unterhalten neben dem Musikkreis eine Amateurtheatergruppe – dieTheatergruppe der Akkordeonfreunde. An die Tradition des Grötzinger Hoftheaters knüpft dasNeue Grötzinger Hoftheater mit wechselnder Spielstätte an. Es operiert mit einem semiprofessionellen Ensemble und realisiert zwei bis dreimal jährlich anspruchsvolle und stets ausverkaufte Produktionen. Das Theater unterhält außerdem ein Jugendensemble. DieArbeitsgemeinschaft der Grötzinger Vereine und Kulturschaffenden (ARGE) vertritt die die freie Vereins- und Kulturszene nach außen und koordiniert gemeinsame Veranstaltungen wie dieGrötzinger Kulturmeile – ein alle zwei Jahre stattfindendes, dreitägiges Open-Air-Bühnen-Festival mit überregionaler Ausstrahlung. Einige Betriebe aus der Kultur- und Kreativwirtschaft oder demkulturaffinen und traditionspflegenden Handwerköffnen ihre Arbeitsräume für Kleinkunst und Ausstellungen und tragen zur Fortführung und Vermittlung des historischen Handwerks im zeitgenössischen Design bei. Daneben bereichern sie den Stadtteil durch ihre charmanten Ladenwerkstätten. Dem Ansinnen, die alemannischen Wurzeln des Ortes zu beleben, hat sich dieHottscheck-Narrenzunft e.V. seit 1986 verpflichtet und verantwortet seither mit dem jährlichenGrötzinger Narrensprung, dem Fastnachtsabendund demHexenmarkt ein bis in die benachbarte Schweiz ausstrahlendes Brauchtumsfest. Die Heimatfreunde Grötzingen e.V., dieNaturFreunde Grötzingen e.V.sowie die ansässigen Religionsgemeinschaften undBildungseinrichtungen leisten ebenfalls wichtige Beiträge für den Erhalt und die Belebung regionalen Brauchtums. Neben bundesweit gepflegten Brauchtumsfesten wie demMartinsumzug und demMaibaumstellen erhält Grötzingen unter anderem selten gewordene Traditionsfeste wie die Grötzinger Sonnwendfeiern am Naturfreundehaus oder dieGrötzinger Jubel-Konfirmation. Beiträge im BereichKulturvermittlung leisten dieStadtteilbibliothek Grötzingen, dieVolkshochschule und dasJugendhaus Grötzingen. In ihren privaten Werkstattateliers bietenKunstschaffende Erwachsenenkurse an. Dasmusikpädagogische Angebot derMusikvereine undKirchen wird ergänzt durchprivate Musikschulenund die zahlreichenprivat unterrichtenden professionellen Musikerinnen und Musiker.In der Vermittlung von Tanz sind aktuell unter anderen dieScottish Country Dancers Karlsruhe e.V. und eine privateBallettschuleaktiv.Kulturgeschichtliche Vermittlungsarbeit leisten dieansässigen Vereine sowie Freie Kulturvermittlerinnen und -vermittler. Der 1991 eingerichteteHistorische Rundgang wurde 2012 mit zahlreichen Hinweistafeln überarbeitet und neu eingerichtet. Nicht zu vergessen ist die Arbeit der Augustenburg-Gemeinschaftsschule, derKindertagesstätten und der verschiedenen Pflegeeinrichtungen, die einem breit gefächerten Stadtteilpublikum kulturelle Teilhabe ermöglichen. Einweihung des überarbeiteten Historischen Rundgangs, November 2012. Thomas Tritsch, Ortsvorsteher (li.) und Simone Maria Dietz (re.) Foto: Titus Tamm ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 11 12 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 DAS KULTURKONZEPT FÜR GRÖTZINGEN – DIE ENTWICKLUNG EINES KULTURPOLITISCHEN ORIENTIERUNGSRAHMENS FÜR EINE UNABHÄNGIGE KULTURSZENE. AUFTRAG UND RAHMEN DER STADTTEILKULTURKONZEPTION Die Erstellung des Stadtteilkulturkonzepts wurde aufgrund eines Ortschaftsratbeschlusses im April 2016 im Auftrag des Gemeinderats und des Oberbürgermeisters begonnen und resultiert aus dem 2014 fertiggestellten Kulturkonzept 2025 des Stadt Karlsruhe, das den Stadtteilen eine jeweils eigene kulturelle Prägung und damit auch den Bedarf nach eigenen stadtteilspezifischen Lösungen zuspricht. 1 Desweiteren finden sich im Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK) mit Blick auf das Jahr 2020 vielgesichtige Aufträge für die Stadtteilentwicklung. In Bürgerbeteiligungsprozessen, so sieht es der Entwicklungsplan der Stadt Karlsruhe vor, sollen Stadtgesellschaft, Kulturstadt, Umweltstadt und Technologiestadt für die Stadtteile in individueller Ausprägung in einem integrativen Ansatz weiterentwickelt werden. Das erst 1974 eingemeindete, aber über tausend Jahre alte Grötzingen verfügt bei nur knapp 9200 Einwohnerinnen und Einwohnern über das Privileg einer eigenen Ortsverwaltung und damit auch über eine gewisse kulturelle Eigenständigkeit. Seine historische Bedeutung für Karlsruhe und sein deutliches Kulturprofil sowie die zeitgleich begonnene städtebauliche Stadtteilentwicklungsplanung begründeten den Grötzinger Antrag auf Erstellung einer Stadtteilkulturkonzeption. So ist Karlsruhe die erste deutsche Stadt, die neben einer gesamtstädtisch angelegten kulturpolitischen Leitlinie auch ein begleitendes stadtteilspezifisches Kulturkonzept entwickelt hat. DIE REICHWEITE DER STADTTEILKULTURKONZEPTION Die Stadtteilkulturkonzeption für Grötzingen nimmt eine weitestgehend unabhängig agierende Kulturszene in den Blick. Kultur in Grötzingen entzieht sich mit Ausnahme der Regelungen zum Umgang mit den kunst- und kulturhistorischen Beständen, der Stadtteilbibliothek, des Jugendhauses, der Gemeinschaftsschule, der städtischen Kindergärten, der Stiftung für Grötzingen und der Karl-Martin-Graff-Stiftung der direkten Einflussnahmemöglichkeit kommunaler Stellen. Sie wird getragen vom Ehrenamt und von der Eigenmotivation der Akteure sowie der guten Zusammenarbeit mit vor Ort agierenden gemeinnützigen Trägern, Kirchen und Landesbildungseinrichtungen. Die Stadtteilkulturkonzeption für Grötzingen richtet ihren Blick also weniger auf die Umsetzung konkreter Maßnahmen städtischer Stellen, als vielmehr auf einen tragfähigen Orientierungsrahmen für das künftige kulturpolitische Handeln. Die Konzeption stellt an die unabhängigen Kulturakteure keine inhaltlichen oder strategischen Forderungen. Vielmehr ging es im Erstellungsprozess darum, sich mit den Kulturakteuren vor Ort gemeinsam Gedanken zu machen, welche aktuellen und zukünftigen Herausforderungen und Chancen die Kulturbeteiligten vor Ort erwarten und wie diesen begegnet werden kann. Dabei wurde auch eine Vielzahl an möglichen Strategien und Maßnahmen zusammengetragen, die sich allein im Entscheidungsbereich der jeweiligen Kulturakteure weiterverfolgen lassen und daher keinen Eingang in diese Kulturkonzeption gefunden haben. 2 DIE PROZESSBETEILIGTEN Beauftragt durch den Gemeinderat und den Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe, Dr. Frank Mentrup, entstand unter der Projektleitung von Dr. Susanne Asche, der Leiterin des Kulturamts der Stadt Karlsruhe, und Karen Eßrich, der Grötzinger Ortsvorsteherin, in einem fast zweijährigen Entwicklungsprozess das vorliegende Stadtteilkulturkonzept. Für das Prozessdesign und die Umsetzung der Entwicklung zeichnete Birgit Reich | KUK Kulturmanagement verantwortlich. Der inhaltliche Findungsprozess der Konzeption fußt auf der Beteiligung zweier wesentlicher Gruppen. Zum Einen ist hier die eigens zu diesem Zweck eingesetzte „Arbeitsgruppe Kulturkonzept“ zu nennen, die sich aus Vertreterinnen und Vertretern aller Fraktionen des Ortschaftsrats, neben breit vernetzten Repräsentantinnen und Repräsentanten der Grötzinger Kulturszene sowie dem Leiter des Kulturbüros im Kulturamt und der Ortsvorsteherin zusammensetzte. 3 Ihre Aufgabe lag in der Auswahl der am Prozess zu 1Vgl. Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe S.109 2Eine vollumfängliche Sammlung aller durch die jeweiligen Arbeitsgruppen identifizierten Herausforderungen sowie vorgeschlagenen Strategien und Maßnahmen wurde den Beteiligten in digitaler Form zugestellt und liegen in dieser Form als Arbeitsanregungen vor. 3Namentliche Auflistung der „Arbeitsgruppe Kulturkonzept“: Siehe Impressum S. 91 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 13 beteiligenden Kulturexpertinnen und -experten sowie in der Auswertung der erarbeiteten Vorschläge. Im Zuge der Verschriftlichung stellte die Arbeitsgruppe aus ihren Reihen Handlungsfeldverantwortliche, welche die Zusammenfassungen der beauftragten Agentur inhaltlich begleiteten. Darüber hinaus arbeitete das Gremium als inhaltlicher Expertenausschuss mit der Projektleitung und der Projektmanagerin zusammen und fungierte als Lenkungsgremium. Die begleitenden Kulturwerkstätten, Expertenbefragungen und Klausursitzungen des Arbeitskreises Kulturkonzept wurden durch die Projektleitung und das Projektmanagement konzipiert. Projektstruktur der Stadtteilkulturkonzeptentwicklung. Grafik: U. Zimmermann / KUK | B. Reich DAS PROZESSDESIGN – ETAPPEN DER KONZEPTENTWICKLUNG Die Entwicklung des Stadteilkulturkonzepts erfolgte auf Basis der vorhandenen ortsgegebenen Strukturen und der Vorgaben und Richtungsentscheidungen der Karlsruher Kulturkonzeption mit einem offenen Blick auf zukünftige Entwicklungen. Das Prozessdesign nimmt dabei ein im Strategischen Entwicklungsmanagement übliches Vorgehen auf: 1. Klärung der strukturellen Ausgangslage und Zielformulierung, 2. Visualisierung von Zukunftstrends, 3. Entwicklung von potentiellen Strategien und Maßnahmenpaketen, 4. Festlegung von Zukunftsstrategien und Beginn ihrer Umsetzung. Der Verschriftlichung und Veröffentlichung des Kulturkonzepts folgt als fünfter Punkt der fortgesetzte Implementierungsprozess und als abschließender sechster Punkt das Controlling im Sinne einer ständigen Rückbefragung und Weiterentwicklung der Kulturkonzeption bei anstehenden kulturpolitischen Entscheidungen. Für Grötzingen wurden die verschiedenen Arbeitsphasen bis zur Veröffentlichung der verschriftlichten Stadtteilkulturkonzeption wie folgt gegliedert: Erste Schritte zum Kulturkonzept PHASE 1: BEAUFTRAGUNG DES STADTTEILKULTURKONZEPTS, EINSETZUNG DES PROJEKTMANAGEMENTS UND ERSTELLUNG EINER PROJEKTSTRUKTUR. Die Erstellung des Stadtteilkulturkonzepts wurde aufgrund eines Ortschaftsratbeschlusses im April 2016 im Auftrag des Gemeinderats und des Oberbürgermeisters begonnen. Mit der Durchführung wurde das Karlsruher Kulturmanagementbüro KUK| Birgit Reich beauftragt. In der Folge erstellte dieses einen zeitlichen und methodischen Projektfahrplan auf Basis der bereits erfolgten Bedarfserhebungen. PHASE 2: ANSPRACHE DER ZU BETEILIGENDEN KULTURAKTEURE, ERHEBUNG VON AKTUELLEN IDEEN UND BEDÜRFNISSEN Bereits am 13. Oktober 2015 hatte der Ortschaftsrat Grötzingen im Martin-Luther-Haus ein „Ideencafé zur Ortsmitte und Kultur“ 4 im „World-Café“-Format zur Stadtteilentwicklung in Grötzingen ausgerichtet. Alle Bürgerinnen und Bürger waren eingeladen, ihre Ideen, Kritik und bestehende Bedürfnisse bezüglich einer 4Pressebericht zum Ideencafé 2015 http://www.gemeindeklick.de/karlsruhe/soziales-bildung/groetzingen-ist-schoen- d5884.html 14 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 städtebaulichen, infrastrukturellen und kulturellen Weiterentwicklung zu äußern. Die „Arbeitsgruppe Kulturkonzept“ trat erstmalig am 25. April 2016 auf Einladung von Ortsvorsteherin Karen Eßrich, moderiert von KUK | Birgit Reich, zusammen. In dieser Runde wurden die Phasen 3 und 4 bearbeitet. „Malerdorf Grötzingen“ Live-Grafik von Robert Kraus während dem Ideencafé am 23.Oktober 2015. Foto: Pfinzgaumuseum PHASE 3:ERHEBUNG DER VORHANDENEN KULTURBAUSTEINE In gemeinsamer, kenntnisreicher Arbeit trug die „Arbeitsgruppe Kulturkonzept“ die verschiedenen Kulturbausteine Grötzingens zusammen. Dabei wurde bereits deutlich, dass Grötzingen einen dringenden Bedarf an einer klaren und übersichtlichen Darstellung seines Kulturgutbestands und seiner Kulturaktivitäten hat. PHASE 4:SAMMLUNG VON ZUKUNFTSTRENDS UND ERSTELLUNG EINER ERSTEN POTENTIAL-ANALYSE Mithilfe der aktuellsten Statistiken und Bevölkerungsprognosen wurden die im ISEK und dem Karlsruher Kulturkonzept als relevant aufgeführten Zukunftstrends ergänzt und für Grötzingen analysiert. Im Abgleich mit dem Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe erfolgte dann eine erste Definition von fünf den Stadtteil abbildenden kulturellen Handlungsfeldern. Gleichzeitig wurde auch ein Personenkatalog erstellt, der die wichtigsten Kulturakteure im Stadtteil und ihre potentiellen Partner benennt. Aus diesem erfolgte die persönliche Einladung an rund 100 ausgesuchte Expertinnen und Experten zu einer „Zukunftswerkstatt“ in Grötzingen. Der Weg zum Kulturkonzept PHASE 5: ZUKUNFTSWORKSHOPS: WO LIEGEN DIE STÄRKEN UND SCHWÄCHEN DER HIESIGEN KULTURELLEN HANDLUNGSFELDER IM HINBLICK AUF DIE ZU ERWARTENDEN ENTWICKLUNGEN? WIE KANN SICH KULTUR IN GRÖTZINGEN FÜR DIE ZUKUNFT STARK MACHEN? Am 23. Juli 2016 kamen auf Einladung von Ortsvorsteherin Karen Eßrich und Kulturamtsleiterin Dr. Susanne Asche rund 90 Expertinnen und Experten aus der örtlichen Kulturszene zur „Zukunftswerkstatt Stadtteilkultur Grötzingen“ zusammen. Der achtstündige Workshop wurde in einem stark verkürzten „Future Search- Format“ abgehalten. Die Teilnehmenden erstellten, in acht spartenspezifische Arbeitsgruppen aufgeteilt, für ihre Handlungsfelder kritische Zukunftsanalysen, benannten die wichtigsten Herausforderungen und entwickelten Zukunftsstrategien sowie erste Maßnahmenvorschläge. Im Plenum erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die Perspektiven der anderen Arbeitsfelder und konnten deren Ansätze und Ideen in ihre weiteren Überlegungen einschließen und aus eigener Sicht bewerten. Im Nachgang dieser Veranstaltung erfolgten ergänzende schriftliche Expertenabfragen zum Thema Brauchtum sowie zum Thema kulturelle Bildung im Stadtteil. Am 6. Oktober 2016 versammelte sich nochmals eine siebenköpfige Expertengruppe Brauchtum für ein strategisches Arbeitstreffen. Am 24. November 2016 folgte ein solches Arbeitstreffen zur kulturellen Bildung im Stadtteil. Aus der Zukunftswerkstatt entwickelte sich der fortbestehende eigeninitiierte „Arbeitskreis Kulturlandschaft Grötzingen“, der sich erstmalig im Beisein der Ortsvorsteherin am 7. Dezember 2016 traf. ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 15 Schaubild „Future Search – Workshopformat“ als Mittel der Wahl zur Erarbeitung gemeinsamer Zukunftsstrategien und zur Stärkung der Zusammenarbeit in der Kulturszene. Grafik: KUK | B. Reich PHASE 6:AUSWERTUNG VON PHASE 3 BIS 5: ERSTELLUNG EINER HANDLUNGSFELDÜBERGREIFENDEN SWOT-ANALYSE UND ABLEITUNG VON STRATEGIEN UND HANDLUNGSOPTIONEN Durch schriftliche Zusammenfassungen und Auswertung der Experteneingaben erstellte das Projektmanagement eine auf den Einschätzungen der örtlichen Kulturszene basierte SWOT-Analyse (Darstellung von Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken). Auch die daraus abgeleiteten möglichen Strategien und Maßnahmenoptionen wurden in Abhängigkeit zur Risikoanalyse dargestellt. 5 PHASE 7: AUSWAHL UND PRIORISIERUNG VON HANDLUNGSFELDERN, STRATEGIEN UND HANDLUNGSOPTIONEN Im Januar bis März 2017 kam die „Arbeitsgruppe Kulturkonzept“ in acht wöchentlichen Sitzungen erneut zusammen, um die durch die Expertenrunden zusammengetragenen Herausforderungen und strategischen Möglichkeiten zu evaluieren und weiter zu ergänzen. PHASE 8 - 10: VERSCHRIFTLICHUNG EINES KULTURKONZEPTS Mitte März bis Juli 2017 schließlich erfolgte die Verschriftlichung der zusammengetragenen Ergebnisse durch das Projektmanagement. Das Kulturamt trug die Darstellung der Zusammenarbeit von Ortschaftsrat, Kulturamt und Gemeinderat in Kulturfragen als eigenes Kapitel bei. Die „Arbeitsgruppe Kulturkonzept“ verantwortete zusammen mit dem Kulturamt die Korrekturgänge. Dabei übernahmen die Mitglieder der Arbeitsgruppe Kulturkonzept, als Handlungsfeldrepräsentanten entsprechend ihrer Expertise, die inhaltliche Verantwortung für die Darstellung der verschiedenen Handlungsfelder. In der Verabschiedungsphase durch den Ortschaftsrat, den Kulturausschuss und den Gemeinderat erfolgten weitere Präzisierungen. 5Diese Sammlungen an benannten Herausforderungen und möglichen strategischen Antworten ging den beteiligten Expertinnen und Experten intern als Ideenpool für die eigene weitere Arbeit zu. 16 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Die Grötzinger „Arbeitsgruppe Kulturkonzept“ (v.l.n.r.): Titus Tamm, Birgit Reich (Projektmanagement), Benjamin Bigot , Simone Dietz, Klaus Feige, Karen Eßrich (Projektleitung), Claus Temps, Renate Weingärtner, Regina Stutter, Jürgen Wiedemann, Thomas Winkler, Brigitte Nowatzke-Kraft, Veronika Pepper. Foto: Titus Tamm Kulturkonzept fertig und wann beginnt die Zukunft? PHASE 11: IMPLEMENTIERUNG UND CONTROLLING Die Implementierungsphase der Kulturkonzeption begann im eigentlichen Sinne bereits durch die intensive Beteiligung der Kulturakteure an der strategischen Planung. Das führte schon während der Entwicklungsphase zu ersten Maßnahmenumsetzungen. Nach der Verschriftlichung des Kulturkonzepts ist für eine nachhaltige Verankerung aller weiteren gemeinsam erarbeiteten Leitlinien und deren Weiterverfolgung Sorge zu tragen. Dies kann und soll durch regelmäßige Netzwerktreffen im Stadtteil geschehen. Die öffentliche Vorstellung des Stadtteilkulturkonzepts nach der Verabschiedung durch den Ortschaftsrat und den Gemeinderat soll daher in Form einer netzwerkstärkenden Kulturtreffens erfolgen.Desweiteren wurden bereits 2016 Mittel für eine Überarbeitung des Stadtteilmarketings unter Berücksichtigung der Eingaben aus der Stadtteilkulturkonzeption beantragt und im Haushalt der Stadt Karlsruhe eingestellt. Somit ist die Weiterarbeit auf der Basis der hier festgehaltenen zukunftsträchtigen Leitlinien schon heute gesichert. ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 17 18 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 RECHT AUF KULTUR – GRÖTZINGER STADTTEILKULTUR ALS BEITRAG ZUR KARLSRUHER STADTKULTUR Das „Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe“ wurde im Jahr 2014 als Leitbild für die gesamtstädtische Kulturausrichtung verabschiedet. Es „...postuliert [...] das Recht auf Kultur als Grund- und Menschenrecht. Damit nimmt es Bezug auf Art 26 (Recht auf Bildung) und Art 27 (Freiheit des Kulturlebens) der am 10. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen verkündeten „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ und rückt zugleich die besondere Positionierung Karlsruhes als Stadt des Rechts in den Fokus. „Recht auf Kultur“ ist nicht nur eine Wert setzende Forderung, sondern umreißt schlagwortartig zugleich ein vielfältiges Verhältnis zwischen Kunst, Freiheit, Individuum und Recht.“ 6 Im Weiteren wird die dem Kulturkonzept zugrunde gelegte Forderung„Recht auf Kultur“ als abhängig von der Sicherung dreier Bereiche beschrieben:1. Teilhabegerechtigkeit, 2. Kulturelle Vielfalt, 3. Bekennen. 7 Unter dieses ideelle „Dach“, dessen übergeordnete Gültigkeit in der grafischen Darstellung des „Karlsruher Kulturrads“ 8 deutlich abgebildet ist, ist auch die Grötzinger Kulturkonzeption gestellt. Und auch in ihrer Funktionsweise als Wegweiser in die Zukunft und als gegenwärtige Handlungsstütze auf Basis der einzigartigen historisch-kulturellen Vergangenheit folgt die Stadtteilkulturkonzeption strukturell ihrer geistigen Mutter. Auf der Ebene der Handlungsfelder übernimmt die Grötzinger Stadtteilkulturkonzeption weitestgehend die strukturellen und inhaltlichen Vorgaben des städtischen Leitfadens und verfolgt, gemeinsam mit der städtischen Kulturverwaltung, die hier festgelegten Zielsetzungen. Gleichzeitig bietet die Ebene der Handlungsfelder aber auch die Möglichkeit, auf spezielle Eigenarten, Potentiale und Bedürfnisse des Stadtteils einzugehen und für Grötzingens Kulturpolitik passgenaue Strategien und Maßnahmen zu entwickeln, die gesamtstädtisch mitgetragen werden. DIE KULTURELLEN HANDLUNGSFELDER GRÖTZINGENS Auf Basis einer stadtteilspezifischen Kulturbetrachtung definiert Grötzingen seine fünf kulturellen Handlungsfelder wie folgt: Handlungsfeld 1:Kulturelles Erbe Das Handlungsfeld kulturelles Erbe widmet sich den Fragen nach dem Umgang mit den materiellen und immateriellen kulturhistorischen Belegen des Stadtteils. Hier unterscheidet die Grötzinger Kulturkonzeption drei für den Stadtteil relevante und näher beleuchtete Teilbereiche:Kulturgüter, Brauchtum undKulturlandschaft Handlungsfeld 2:Stadtteil: Raum für Kultur Dieses kulturelle Handlungsfeld ist ganz und gar dem gegenwärtigen Kulturgeschehen, insbesondere der gegenwärtigen Kulturproduktion im Stadtteil gewidmet. Die traditionell im Stadtteil stark vertreteneBildende Kunst wird hier als gesonderter Teilbereich neben den vielgestaltigenBühnensparten betrachtet. Handlungsfeld 3:Kulturelle Bildung und gesellschaftliche Öffnung An dieser Stelle werden Möglichkeiten zur Stärkung und zum Ausbau der kulturellen Bildung als wichtiger Motor für Teilhabegerechtigkeit, kulturelle Vielfalt und Bekennen aufgezeigt. Die Stadtteilkulturpolitik will chancengleiche Vermittlung von Kulturkompetenzen und Barrierefreiheit im weitesten Sinne begünstigen, um die gesellschaftliche Öffnung im Stadtteil voranzutreiben. Handlungsfeld 4:Stärkung der Verbindung von Kunst, Handwerk und Natur Grötzingens Kulturprofil besitzt aufgrund seiner langen agrarwirtschaftlich geprägten Historie eine auffällige Verbindung zum umgebenden Kulturlandschaftsraum. Dies äußert sich insbesondere durch eine starke Verbindung der Handwerksbetriebe und Kunstschaffenden zur umliegenden Kulturlandschaft als auch in Form von interdisziplinären Produktionen und Kooperationen. Wie dieses Handlungsfeld im Kulturprofil Grötzingens weiter gestärkt werden kann, wird an dieser Stelle erörtert. 6Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe S. 45, Abs. 2 7Vgl. Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe S. 44 - 47. 8Abbildung in: Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe S. 50 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 19 Handlungsfeld 5:Kultur und Wirtschaft Die Förderung von Kultur als Wirtschaftsfaktor, die Stärkung der ortsansässigen Kultur- und Kreativwirtschaft sowie die Zusammenarbeit von Kultur und Wirtschaft im Stadtteil werden im letzten Handlungsfeld als kulturpolitische Aufgabe strategisch betrachtet. DAS GRÖTZINGER KULTURRAD – Ein Zahnrad im Karlsruher Kulturgetriebe Grötzingen versteht die Förderung und Unterstützung seines Stadtteilkulturlebens als Beitrag zur Karlsruher Stadtkultur und verzahnt sein eigenes „Grötzinger Kulturrad“ mit dem zentralen „Karlsruher Kulturrad“ zu einem produktiven und vielgesichtigen „Karlsruher Kulturgetriebe“. 9 Das Grötzinger Kulturrad, Grafik: U. Zimmermann / KUK | B. Reich 9Das Zusammenspiel von Ortsverwaltung Grötzingen und städtischer Kulturverwaltung wird im Kapitel „Kulturverwaltung im Stadtteil“ S. 83 ff erläutert. 20 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 21 HERAUSFORDERUNGEN FÜR DEN STADTTEIL GRÖTZINGEN UND ZIELE DES KULTURKONZEPTS Eine kulturpolitische Leitfadenentwicklung basiert immer auf einer genauen Abwägung der aktuell bestehenden Bedürfnisse mit den zu erwartenden Entwicklungen. Heute als gravierend empfundene Mängel erscheinen morgen gegebenenfalls schon nichtig und heutige Stärken können sich in wenigen Jahren als echte Schwächen erweisen, wenn sie nicht zukunftsorientiert weiterentwickelt werden. Insofern gilt es zu Beginn einer strategischen Festsetzung, die den aktuellen Bedürfnissen und den trendbasierten Vorschlägen zugrundeliegenden Zielvorstellungen sichtbar zu machen. Als Zukunftsvision für die strategische Kulturentwicklungsplanung Grötzingens wurden sechs Hauptziele herausgearbeitet: ZIELE DES STADTTEILKULTURKONZEPTS 1.Grötzingen nimmt eine gut sichtbare Stellung als individuell geprägter Kulturstadtteil ein. 2.Grötzingen lebt eine Stadtteilkultur der Teilhabegerechtigkeit und der demokratischen Werte. 3.Grötzingens Stadtteilkultur spannt einen schlüssigen, vor Ort nachvollziehbaren Bogen von der Historie bis zur Gegenwart. 4.Grötzingens Ortsmitte ist ein belebtes kulturelles Zentrum. 5.Die stadtteilkulturtragende Vereinsarbeit vor Ort ist gesichert. 6.Kulturschaffende finden eine gute Raumsituation vor. Diese sechs Zielvorstellungen konnten als gemeinsame Basis aller Kulturakteure im Stadtteil fixiert werden.Sie beschreiben jene „Gemeinsame Zukunft“, die als Grundlage für eine gelingende Koordination der vielen unabhängigen Kulturaktiven im Stadtteil zentrales Anliegen der Kulturkonzeptentwicklung war. 10 ÜBERGEORDNETE HERAUSFORDERUNGEN FÜR DEN STADTTEIL GRÖTZINGEN Die verschiedenen Handlungsfelder stehen auf dem Weg zur Zielfindung vor unterschiedlichen Herausforderungen und beanspruchen unterschiedliche Strategien. Gleichzeitig lassen sich Herausforderungen festmachen, die mehrere Handlungsfelder in ähnlicher Weise betreffen und daher ganzheitlich angegangen werden können. Das „Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe“ benennt auf Seite 24 bis Seite 29 verschiedene, als wesentlich erachtete Zukunftsherausforderungen, die sich aus der zu erwartenden demografischen Entwicklung, dem veränderten Freizeitverhalten und der fortschreitenden Veränderung der Kommunikations-, Lern- und Arbeitsstrukturen in der Stadt ergeben. Diese Trends wurden bereits 2012 im integrierten Stadtentwicklungskonzept für Karlsruhe (ISEK) benannt. Das Karlsruher Kulturkonzept geht dabei besonders auf Herausforderungen im Zusammenhang mit demografischem Wandel und Migration, Internationalisierung, Digitalisierung, Pluralisierung, Partizipationsdruck, Schulreform, Mittelbegrenzung, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit sowie überregionaler Zusammenarbeit in der Kulturpolitik ein. Unter Beachtung neuerer Entwicklungsprognosen, wie die im Oktober 2016 veröffentlichte „Kleinräumige Bevölkerungsprognose 2035“ 11 für die Stadt Karlsruhe oder die Prognose zur „Entwicklung der Privathaushalte bis 2035 - Ergebnisse der Haushaltsvorausberechnung 2017“ 12 des Statistischen Bundesamtes wurden für das Grötzinger Kulturkonzept folgende Trends als besonders relevant eingestuft: TREND: ALTERUNG DER GESELLSCHAFT Karlsruhe schneidet aufgrund seiner positiven Wachstumsprognosen und der überdurchschnittlich hohen Geburtenrate im Bundesvergleich der Alterungsgeschwindigkeit positiv ab. Aber auch hier ist ein fortschreitender 10Vgl. hierzu S. 14 Schaubild „Future Search“ 11Online abrufbar unter www.karlsruhe.de: http://web3.karlsruhe.de/Stadtentwicklung/afsta/Stadtentwicklung/Afsta- StEntw-DemWandel.php 12Online abrufbar unter www.destatis.de: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/HaushalteMikrozensus/EntwicklungPrivathaushal te5124001179004.html 22 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Überhang an älteren Menschen zu erwarten. Da nach heutigem Stand in Grötzingen für die kommenden 20 Jahre keine neuen Wohngebiete erschlossen werden, ist mit keinem sprunghaften Anstieg von jüngerer Bevölkerung zu rechnen. Ein Bevölkerungsrückgang ist in Grötzingen ebenfalls nicht zu erwarten. Die Lebenserwartung in Deutschland steigt dank medizinischer Versorgung und gutem Lebensstandard stetig an. Damit ergibt sich für Karlsruhe, dass zwischen 2015 und 2035 dasprozentualeBevölkerungswachstum bei den Hochbetagten (85 Jahre und älter) mit einem Plus von 42,3 Prozent am stärksten ausfallen wird. 13 Grötzingen kann diese Wachstumszahl als Mindesterwartung für sich übernehmen. Für die Kultur bedeutet das Chancen und Risiken zugleich. Zum einen können sich kulturaktive Seniorinnen und Senioren länger am Stadtteilkulturleben beteiligen, sowohl als Besucherinnen und Besucher als auch als tragende Vereinsmitglieder und ehrenamtliche Unterstützung. Auf der anderen Seite müssen sich Kulturakteure auch besser auf die Bedürfnisse dieser Gruppe einstellen. Das bedeutet, dass einer fortschreitenden Immobilität und einem visuellen, auditiven und kognitiven Leistungsverlust Rechnung getragen werden muss, um eine möglichst lebenslange selbstbestimmte kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Einschränkungen im Alter sind jedoch nicht notwendigerweise physisch bedingt, auch geringe Altersbezüge können die Teilhabemöglichkeiten stark beeinflussen. Auch muss mit einer Anhebung des Renteneinstiegsalters gerechnet werden. Es sind also neue Modelle gefragt, wie ältere Menschen ihren spezifischen Vorraussetzungen gemäß in das Stadtteilkulturleben eingebunden werden können und wie der Generationendialog und ein Miteinander im Kulturleben gelingen können. Folgende, alle Handlungsfelder betreffende Herausforderungen gehen unmittelbar aus diesem Trend hervor: Grötzinger Bürger wollen bis ins hohe Alter am Stadtteilkulturleben aktiv beteiligt sein. 50 jähriges Jubiläum der Heimatfreunde Grötzingen e.V. 2017. Foto: Heimatfreunde Grötzingen Übergeordnete Herausforderung 1: Verstetigung der kulturtragenden Vereinsarbeit Es ist ein allgemein zu verzeichnendes Phänomen, dass junge Menschen sich aktuell nur sehr zurückhaltend bereits bestehenden Vereinen und Strukturen anschließen. Dabei steigt die Bereitschaft, sich ehrenamtlich in die Gesellschaft einzubringen und eigene ehrenamtliche Projekte zu realisieren unter den jüngeren Generationen durchschnittlich sogar an. 14 Auch Grötzingen kann keinen Rückgang der Vereinsgründungen verzeichnen. Der Unterschied macht sich in der Arbeitshaltung junger Ehrenamtlicher bemerkbar. Oft sind es ihre ganz persönlichen Ziele und Interessen, die sie mit einer Vereinsgründung in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld realisieren. Die Anpassung an bereits bestehende Vereinssatzungen und -strukturen wird häufig als hinderlich empfunden und abgelehnt. Zum anderen bevorzugen junge Leute, ihrer dynamischen Lebenssituation entsprechend, projektbezogene, zeitlich begrenzte Vereinsengagements. Für Heimatvereine wie die Heimatfreunde Grötzingen e.V., die sich der Wahrung und Erforschung der Stadtteilhistorie in wichtiger Ergänzung zu den städtischen Stellen verschrieben haben, stellt dies aktuell ein Problem in der Nachwuchsgewinnung dar. Für Grötzingen als Stadtteil sind verlässliche langfristige Kulturpartner, die auch eine koordinierende Rolle im Stadtteilkulturleben einnehmen, von großer Bedeutung. Um das Fortbestehen der kulturtragenden Vereinsarbeit in Grötzingen zu sichern, kann Kulturpolitik begleitend zu vereinseigenen Bemühungen an verschiedenen Stellen wirksame Weichen zur Verstetigung der kulturtragenden Vereinsarbeit stellen. 13Laut „Kleinräumige Bevölkerungsprognose 2035“ Stadt Karlsruhe, Oktober 2016 14Vgl. Deutscher Freiwilligensurvey 2014 ( https://www.dza.de/forschung/fws.html) ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 23 Strategie: Vereinszyklen und Generationswechsel begleiten Einen Generationswechsel vorzubereiten und zu gestalten, ist Sache und Verantwortung der jeweiligen Vereinsvorstände. Ebenso liegt es in der Verantwortung der Vereine, eine nachhaltige Übernahmeregelung für den Vereinsnachlass im Falle einer anstehenden Abwicklung zu finden. Teilstrategie 1: Sicherung der erbrachten Arbeitsresulate Ohne sich in interne Vereinsangelegenheiten einmischen zu dürfen, steht die Stadtteilkulturpolitik doch in der Verantwortung, rechtzeitig mit den Vereinen in Kontakt zu treten, um das öffentliche Interesse am Nachlass des Vereins zu verdeutlichen und ihn im Bezug auf geeignete Nachlassempfänger zu beraten. Auch die städtischen Sammlungen und Archive, wie Städtische Galerie, Stadtmuseum und Stadtarchiv sind beratend und begleitend hinzuzuziehen, wie später bezüglich des Umgangs mit Kulturgütern (Seite 36 ff und 83 ff) noch näher dargelegt wird. Für diese Zusammenarbeit bedarf es in Grötzingen an vielen Stellen noch klarer, schriftlich fixierter Absprachen, die von der Ortsverwaltung in Abstimmung mit den genannten Fachämtern zu veranlassen sind. Diese Zusammenarbeit von Vereinen und städtischen Stellen zur Erhaltsicherung der erbrachten Vereinsarbeit kann hier nur als Empfehlung und Angebot an die Vereine aufgeführt werden. Teilstrategie 2: Übernahme und Übergabe von Vereinsarbeit Hat ein Verein die Sicherung seiner bereits erfolgten Arbeit nach seinem Dafürhalten geregelt, kann ein Generationswechsel auf verschiedene Weisen erfolgen. Sowohl Vereinsnachfolge und -zusammenschlüsse sind neben einem Vorstandswechsel gängige Modelle der Fortbestandssicherung. Ebenso können Änderungen in der bisherigen Arbeitsstruktur als auch in der Vereinssatzung angezeigte Mittel zur Einbindung und Verantwortungsübernahme neuer Vereinsaktiver sein. Die Rolle der Kulturpolitik kann es auch hier sein, Vereine in ihrem Prozess beratend und unterstützend zu begleiten. Ebenso können junge Vereine ermuntert werden, Aufgaben von Vorgängergründungen zu übernehmen. Gerade in der Grötzinger ARGE 15 liegt eine besondere Möglichkeit der Zusammenarbeit und internen Koordinierung der Vereine vor Ort. Teilstrategie 3: Abwicklung von Vereinen Vereine existieren über die Dauer des anhaltenden Interesses ihrer Mitwirkenden. Der Zyklus Neugründung, Erstarken und Auflösung von Vereinen kann als Ausdruck eines lebendigen und dynamischen Kulturlebens und als Symptom des immer präsenten Kulturwandels gesehen werden. Die Vielzahl der erfolgten Grötzinger Vereinsgründungen mit unterschiedlicher Lebensdauer ist seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein bemerkenswerter Teil der Stadtteilkultur. 16 Vereinsauflösungen bedeuten immer eine Form von Verlust, können aber neuen kulturellen Projekten an anderer Stelle wieder finanzielle und personelle Spielräume geben oder zeitgemäße Nachfolgegründungen begünstigen. Ist der Erhalt der bis zur Auflösung erbrachten kulturtragenden Arbeitsergebnisse, sofern von öffentlichem Interesse, für Nachfolgegründungen oder Aufgabenübernahmen gesichert, besteht kein weiterer offizieller Anlass für Ortschaftsrat oder Ortsverwaltung sich in Vereinsliquidationen begleitend oder beratend einzubringen. Übergeordnete Herausforderung 2: Kulturelle Teilhabe sichern Die Sicherung der Teilhabegerechtigkeit am öffentlichen Kulturleben der Stadt ist ein wichtiger gesamtpolitischer Auftrag und ist findet sich daher im Karlsruher Kulturrad auch an übergeordneter Stelle. 17 Im Handlungsfeld „Kulturelle Bildung und gesellschaftliche Öffnung“ wird auf dieses Thema nochmals vertieft eingegangen. 18 Bürgerinnen und Bürgern auch im höheren Alter den Zugang zu Kultur zu ermöglichen und den Einschränkungen des Alters Rechnung zu tragen, hat in diesem Kontext einen besonders wichtigen Stellenwert, denn hier geht es auch um den Bindungserhalt zur stärksten Besuchergruppe der Stadtteilkultur. Teilhabegerechtigkeit im Alter hat in den Maßnahmenanforderungen eine große Schnittstelle mit dem Inklusionsauftrag. So erfordert Teilhabegerechtigkeit in jedem Fall den Abbau von Barrieren baulicher, kommunikativer und finanzieller Art. Strategie: Abbau von Barrieren 19 Auch wenn Vereine nicht gesetzlich verpflichtet sind, ihre Veranstaltungen barrierefrei zu gestalten, so profitieren sie doch von der Bindung und Erschließung größerer Besuchergruppen. Für das öffentliche Leben des Stadtteils ist 15ARGE – Arbeitsgemeinschaft der Grötzinger Vereine und Kulturschaffenden e.V. 16Vgl. Susanne Asche „Politische und kulturelle Verhältnisse vor dem Ersten Weltkrieg – Parteien und Vereine“ in: Eintausend Jahre Grötzingen – Die Geschichte eines Dorfes, Badenia Verlag 1991, S. 154 ff; sowie S. 8 „Der Kulturstadtteil Grötzingen – Ein Überblick“ Abs. 1 17Vgl. S. 19 Grafik „Grötzinger Kulturrad“ 1861 ff „Handlungsfeld 3: Kulturelle Bildung und gesellschaftliche Öffnung“ 19Siehe hierzu auch Informationen zur Barrierefreiheit der Stadt Karlsruhe (https://www.karlsruhe.de/b3/soziales/personengruppen/behinderte/barrierefreiheit.de) 24 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Barrierefreiheit unerlässlich und daher kommt der Unterstützung der Vereine bei dieser Aufgabe ein hoher Stellenwert zu. Dies fängt bei der räumlichen Ausstattung von Veranstaltungsorten an, führt über die sprachliche und visuelle Gestaltung und Platzierung von Informationen und endet bei der Preispolitik. Teilstrategie 1: Bauliche Barrieren reduzieren und kompensieren In Grötzingen stehen für die kommenden Jahre viele Sanierungen und städtebauliche Neuerungen an. Gerade die Kultur soll, nach Vorstellung der Stadtteilverantwortlichen, mit zusätzlichen und bedarfsgerechteren Räumen versorgt werden. Dabei trägt der Ortschaftsrat gemeinsam mit der städtischen Kulturpolitik und dem Stadtplanungsamt die Verantwortung, dass die Ausstattung dieser Räume im Rahmen des rechtlich Nötigen und darüber hinaus Möglichen barrierefrei 20 gestaltet wird. Aber auch die Mobilität, also die Gestaltung des Wegs zur Kultur, spielt eine wichtige Rolle. Gegebenenfalls bietet sich hier die Einrichtung von Fahrdiensten oder Begleitservices an. Teilstrategie 2: Kommunikative Barrieren reduzieren und kompensieren Auch bei der Gestaltung von Infobroschüren, Hinweistafeln und Webseiten ist auf weitestgehende Barrierefreiheit zu achten. Hier ergibt sich eine deutliche Schnittstelle zur Kulturvermittlung. Denn Informationen, die für einzelne Personengruppen nicht lesbar oder verständlich sind, sollten bedarfsgerecht in andere Kommunikationsformen oder -formate übersetzt werden. Das Spektrum der möglichen Maßnahmen reicht von gut lesbarer Schrift, vergrößerten und vereinfachten Kerninformationen, Übersetzung in andere Sprachen, darunter auch Leichte Sprache oder Gebärdensprache, bis zu akustischer Übertragung von Geschriebenem. Die öffentlichen Drucksachen und Internetseiten der Ortsverwaltung unterliegen hierbei dem Gestaltungsgleitfaden zur Barrierefreiheit der Stadt Karlsruhe. 21 Viele Vereine und freie Kulturschaffende wollen freiwillig Barrieren in ihren Kommunikationsinstrumenten abbauen und sollen hierbei von städtischen Stellen beraten und unterstützt werden. Tatsächlich bleibt in Grötzingen kommunikative Teilhabegerechtigkeit vorerst überwiegend eine Aufgabe in deutscher Sprache. Weder Migration noch Internationalisierung der Unternehmen finden hier in einem bemerkenswerten Ausmaß statt. Dennoch müssen auch in Grötzingen Teilhabebarrieren für Menschen mit fremdsprachigen Wurzeln weiter abgebaut werden. Besonders älteren Migrantinnen und Migranten, die sich kaum in deutschsprachiger Umgebung aufhalten, bleiben weite Teile der gesellschaftlichen und kulturellen Teilhabe verschlossen. Hier werden jedoch die Vermittlung der deutschen Sprache durch kulturellen Austausch und die Zusammenarbeit mit deren Kulturvereinen und Religionsgemeinschaften als Mittel zur Teilhabeeröffnung gesehen und weniger die Übersetzung von vorhandenem Informationsmaterial zu Kulturangeboten. Teilstrategie 3: Finanzielle Barrieren abbauen Schlussendlich ist die Preisgestaltung ein wichtiges Instrument der Barrierefreiheit. Die soziale Schere geht auch in Grötzingen immer weiter auf und somit werden zunehmend mehr Seniorinnen und Senioren von Altersarmut betroffen sein. Für ältere Menschen aus niedrigen und zunehmend auch aus mittleren Einkommensschichten bedeutet der Renteneinstieg oftmals einen spürbaren finanziellen Einschnitt. Dagegen haben ältere Menschen aus den höheren und sehr hohen Einkommen häufig deutlich mehr finanziellen Spielraum als die jüngeren Generationen. Die gängige Preispolitik von Kultureinrichtungen mit genereller Seniorenermäßigung ist aus sozialer Perspektive also durchaus fragwürdig. Die Preisgestaltung von Kulturveranstaltungen in Grötzingen richtet sich aber in erster Linie nach dem Zuschuss- und Drittmittelaufkommen der gemeinnützigen Veranstalter und lässt daher keine großen Spielräume zu. Dennoch wurden im Rahmen der Grötzinger Kulturkonzeption viele Ideen entwickelt, wie in einer Win-Win-Situation Eintrittsgelder für finanzschwache Kulturinteressierte in anderer Form als in Geldleistung entrichtet werden können. Der Ideenpool von möglichen Maßnahmen reicht von Tauschleistungen (z.B. Fahrdienste, Begleitservice) über Sozialfonds bis zu freiwilligen Eintrittspreisen nach Ermessen und Geldbeutel. Im Rahmen der Vernetzung von Kultur und Wirtschaft kann Kulturpolitik hier das Thema der sozialen Preisgestaltung in die Gespräche einfließen lassen und den Rahmen der eigenen Möglichkeiten über die stadtteileigenen Stiftungen weiter ausbauen. Teilstrategie 4: Individuelle Lösungen suchen und Sensibilisierung für Barrieren im Alltag vorantreiben Da in Grötzingen Kulturveranstaltungen und Kulturangebote in der Regel eine sehr überschaubare Zahl an Besuchern aufweisen und der persönliche Kontakt zu verantwortlichen Veranstaltern durch Betroffene leicht herzustellen ist, können hier auf kurzem Wege in vielen Fällen ganz individuelle Lösungen gefunden werden. In vielen Fällen ist sicher der tatsächliche Bedarf an aufwendigen Zusatzangeboten genau zu prüfen. Dennoch ist ein vorausschauendes Mitdenken von Barrierefreiheit und möglichen kreativen Lösungen sowie eine lesefreundliche Gestaltung von Informationsmaterialien durch die Vereine ein öffentliches Anliegen. Betroffene wollen von Kulturveranstaltern explizit eingeladen werden, ihren speziellen Bedarf anzumelden. Die Kulturpolitik kann hier 20Siehe hierzu auch Landesbauordnung Baden-Württemberg (http://www.wegweiser-barrierefreiheit.de/oeffentlich- zugaengliche-gebaeude/baden-wuerttemberg/baden-wuerttemberg.html) sowie die Empfehlungen und Handreichungen des bundesverband deutscher vereine & verbände e.V. (http://www.bdvv.de/ehrenamt-sponsoring- satzung/Article/ID/261/Session/1-c9q7aqsZ-0-IP/Barrierefreiheit_und_Inklusion_-_Events_f%C3%BCr_alle!_.htm) 21Siehe: https://www.karlsruhe.de/b3/soziales/personengruppen/behinderte/barrierefreiheit.de ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 25 durch Weiterleitung von Fachinformation und Vernetzung von Behinderten- und Seniorenvertretern mit Kulturveranstaltern einen wichtigen Beitrag leisten. Auch hier bietet sich die Arbeitsgemeinschaft der Grötzinger Vereine und Kulturschaffenden e.V. als informationsbündelnde Kooperationspartnerin an. TREND: DIVERSIFIZIERUNG DER GESELLSCHAFT UND BESCHLEUNIGTER KULTURWANDEL Individualität und persönliche Entfaltungsfreiheit sind kulturelle Werte westlicher Gesellschaften, die in allen gesellschaftlichen Bereichen von der Bildung über Mode, Baukultur bis zur Sprache ihren Ausdruck finden. Gleichzeitig sind sie aber auch graduell ungleich verteilt. Der Zugang zu Bildung, steigender Mobilität, Globalisierung, Internationalisierung und Digitalisierung eröffnet viele Angebote für die Suche nach Identität und persönlichem Ausdruck und hat großen Einfluß auf den lokalen Kulturwandel. Die sozialen, beruflichen sowie freizeitbezogenen Spezialisierungstendenzen führen zu einer zunehmenden Diversifizierung der Gesellschaft. Gruppenidentitäten machen sich längst nicht mehr zwangsläufig an gemeinsamen Lebensräumen, an Abstammung oder Berufszugehörigkeit fest. Globale Strömungen und weltweite Vernetzung haben unmittelbaren Einfluss auf das lokale Lebensumfeld und beschleunigen den Kulturwandel vor Ort. Kulturarbeit im Stadtteil muss sich mit diesen Tendenzen auseinandersetzen und daran anknüpfen, um den damit einhergehenden Herausforderungen Rechnung tragen zu können. 22 Übergeordnete Herausforderung 3: Das Verbindende in der Vielfalt finden Wo Freiheit und Chancengleichheit gegeben sind, bestimmen Vielfalt und Wahlmöglichkeit das gesellschaftliche Leben. Unter diesen Bedingungen kann sich auch das „Recht auf Kultur“ für Alle einlösen. Jedoch sind ein hohes Maß an Vielfalt und Wahlmöglichkeit für Manche auch eine große Herausforderung oder gar Überforderung. In jedem Fall führen sie zu einer unausweichlichen Interessenspezialisierung, die trennend wirken kann. Öffentlich geförderte Kultur sollte jedoch ein gesamtgesellschaftlicher Selbstausdruck sein. Teilhabe an Kultur bedeutet also, dass die Vielfalt vorhandenen kulturellen Ausdrucks auch von Allen wahrgenommen werden kann. Kultur braucht öffentlichen Diskurs und Teilhabegerechtigkeit, damit sie Gesellschaft stärken kann. Die größte Herausforderung für die Kulturarbeit der Zukunft wird sein, das allgemein Verbindende in der Vielfalt, als Ankerpunkt für derartige Diskurse herauszuarbeiten. Begegnungsabend von Christen und Muslimen in Grötzingen. Christlich Islamische Gesellschaft 2015. Foto: Titus Tamm Strategie 1: Sich unter dem kleinsten gemeinsamen Nenner versammeln Jede noch so lose und heterogene Gemeinschaft hat gemeinsame Interessen und Sozialräume. Es gilt, Kulturaustausch an jenen Orten und Themen anzusetzen, an denen maximal heterogene Gruppen alltäglich unter einer gemeinsamen Absicht zusammentreffen. Mögliche Maßnahmen: Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen und Kindergärten erreichen täglich alle wohnberechtigten Familien mit Kindern des Stadtteils. Auch öffentliche Ämter, Mehrfamilienhäuser und Wohnviertel lassen Menschen unterschiedlichster Interessen, Ausbildungen und Haltungen an einem Ort zusammenkommen.An diesen Sozialräumen sollte Kulturaustausch und Diskurs angekoppelt werden . Der 22Vgl. hierzu auch Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe S. 26 26 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Kulturpolitik fällt die Rolle zu, Einrichtungen und Kulturakteure immer wieder zusammenzubringen, um gemeinsame Projekte zu entwickeln. Strategie 2: Kultur von Allen für Alle Kultur für Alle heißt auch Kultur von Allen. Grötzingens Kulturgeschichte ist eine Geschichte des Kulturimports und des kulturellen Wandels. So hinterließen beispielsweise Römer, Alemannen, Franken, Salier, Staufer, Badener, Pfälzer sowie unterschiedliche Konfessionen prägende Spuren an diesem Ort und beeinflussten die Art des Zusammenlebens nachhaltig. Auch die bis heute mit Stolz nach Außen getragene Ansiedlung der Grötzinger Malerkolonie um 1900 war ein Import von Kulturtechniken des akademischen Bürgertums in den ländlichen Raum, der schon in der nächsten Generation die ersten Bauernsöhne zu Kunststudierenden machen sollte. Zeitgleich trugen diese kritisch beäugten Fremden zum Erhalt und zur Dokumentation der historischen Dorfkultur sowie deren Wertschätzung bei. Die vorhandene kulturelle Vielfalt im Stadtteil für Alle wahrnehmbar und diskursfähig zu machen, wird als kulturpolitische Anforderung gesehen. Dies erfordert partizipative Ansätze, Kooperationen mit Trägern aus Bildung, Sozialem, Wirtschaft und Religion sowie Offenheit gegenüber Kulturveranstaltungen jeder Art und Gruppierung. Strategie 3: Kulturwandel gestalten und begreifbar machen Ein solches heterogenes, partizipatives und integrierendes Stadtteilkulturleben hat unmittelbare Auswirkungen auf die Weiterentwicklung der Sozialraumkultur. Sprache und Kommunikationsformen ändern sich durch den Austausch ebenso wie Themen und Weltanschauung. Moden und neue Codes entstehen, Überliefertes wird überdeckt, vergessen oder auch neu belebt. In demokratischen Gesellschaften ist Kultur die öffentliche Verhandlung von bestehenden Gesellschaftsentwürfen. Die Stadtteilkulturpolitik hat die Aufgabe, diese öffentliche Verhandlung zu ermöglichen und demokratisch zu gestalten, aber auch den Auftrag, Kulturwandel zu erklären und begreifbar zu machen. Hierbei fällt der kulturellen Bildung ein wichtiger Auftrag zu, der kulturpolitisch unterstützt werden muss. 23 Strategie 4: Die Generationen zusammenbringen- Grötzingens Stadtteilkulturleben und seine alteingesessenen Kulturvereine werden maßgeblich von der Generation über 60 getragen. Daneben entstehen vereinzelt jüngere Kulturinitiativen. Mit den Förderatelierwohnungen sind nun auch wieder junge Studierende der künstlerischen Fächer nach Grötzingen gekommen. Alle Akteure liefern wertvolle Beiträge zum Stadtteilkulturleben, bedienen dabei aber mehrheitlich ihre eigene Altersgruppe. Im Hinblick auf eine alternde Stadtgesellschaft ist es von großem gesamtpolitischen Interesse, gerade über kulturelle Themen die Generationen in den Dialog zu bringen und das generationsübergreifende Miteinander im gemeinsamen Lebensraum Stadtteil zu fördern. Daher ist es wichtig, dass dass im Stadtteil regelmäßig Formen des Austauschs und der kulturellen Zusammenarbeit gefunden werden, die für alle Generationen bereichernd sind und einen generationsübergreifenden Perspektivenaustausch ermöglichen. Strategie 5: Vielfalt als gemeinsamen Reichtum erfahrbar machen Die Karlsruher Stadtgesellschaft ist bunt: multiethnisch, multireligiös, multikulturell. Das gilt auch für den Stadtteil Grötzingen. Zwischen all den verschiedenen Identitäten und Weltanschauungen, unter Einbeziehung der sozialen Stellung, können Konflikte und Abgrenzungen entstehen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Weltoffenheit, Kulturaustausch und Religionsfreiheit die wesentlichen Grundpfeiler der erfolgreichen Stadtgeschichte Karlsruhes und der umliegenden Dörfer sind. Grötzingens kulturpolitische Ausrichtung strebt daher nach der Ermöglichung von Begegnungen und Erfahrungen der Stadtteilbewohner mit der kulturellen Vielfalt des Stadtteils und stärkt die interdisziplinäre Zusammenarbeit von ansässigen Religionsgemeinschaften, Kulturschaffenden, Heimatgruppen, Sozialverbänden und Bildungseinrichtungen über Stadt- und Landesgrenzen hinweg. Übergeordnete Herausforderung 4: Kommunikationsstrategien anpassen Die Digitalisierung hat der Kultur viele neue Wege insbesondere für die Besuchergewinnung und die Vermittlung geöffnet. Die klassischen Kommunikationskanäle sind dabei aber nicht obsolet geworden. Es gilt heute ein deutliches Mehr an Kommunikation aufzuwenden, um seine Zielgruppen zu erreichen; denn unterschiedliche Personenkreise bedienen sich ganz unterschiedlicher Informationsplattformen. Besondere Herausforderungen liegen in naher Zukunft darin, sich in den algorithmisch gefilterten Systemen digitaler Austauschplattformen durchzusetzen und gleichzeitig all jene Personen zu erreichen, die den digitalen Wandel nicht mitvollzogen haben. Egal welche Kommunikationsinstrumente zur Erreichung des Zielpublikums eingesetzt werden, emotionale Aspekte und persönliche Ansprache – also die Qualität der Kundenbeziehung – spielt auch im digitalen Zeitalter die entscheidende Rolle für den Erfolg des Kulturmarketings. 23Siehe S. 61 ff „Handlungsfeld 3: Kulturelle Bildung und Gesellschaftliche Öffnung“ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 27 Die heutige Palette der Kultur- und stadtteilbezogenen Printmedien. Foto: Titus Tamm 2017 Strategie: Überprüfung und Ausbau der vorhandenen Kommunikationsinstrumente Aus der wachsenden Bandbreite der Kommunikationskanäle, welche zur Besucherinformation genutzt werden können, gilt es die für die eigene Zielgruppe relevanten Medien auszuwählen und optimal zu bedienen. Gleichzeitig sollte die gesamte Bandbreite der hier dargestellten kulturellen Handlungsfelder auch in den digitalen wie analogen Überblicksdarstellungen der Stadtteilkultur ihre Repräsentation finden, um so die Orientierung für Kulturinteressierte zu erleichtern und eine attraktive Außenwirkung Grötzingens als Kulturstadtteil zu erreichen. Teilstrategie 1: Optimierung der statischen Onlineinformationen Aktuell gibt es eine Vielzahl von Informationsseiten zur Grötzinger Stadtteilkultur, darunter auch einige Privatseiten, die den Versuch unternehmen, die vielen unterschiedlichen Seiten der Kulturakteure zu bündeln. Allerdings ist die Auffindbarkeit und Außenwirkung dieser Seiten für Außenstehende einer gründlichen Prüfung zu unterziehen, was im Rahmen einer generellen, in Aussicht stehenden Neuausrichtung des Stadtteilkulturmarketings sinnvollerweise miterfolgen sollte. Daneben empfiehlt es sich auch für die Betreibenden selbst, die Inhalte und Verknüpfungen der Seiten im Bezug auf ihre Zielgruppenausrichtung zu überprüfen. Auch hier könnte die ARGE einen Professionalisierungspool schaffen, der durch vorhandene Angebote des Kulturamts unterstützt wird. Teilstrategie 2: Optimierung der analogen und digitalen Netzwerk-Kommunikation Social Media, die sogenannten Sozialen Medien, ermöglichen eine Informationsweitergabe innerhalb befreundeter Personenkreise. Persönliche Empfehlungen eines vertrauten Netzwerkmitglieds und das Versprechen auf gemeinsame Erlebnisse können mit geringen Streuverlusten große – wenn auch homogene – Gruppen mobilisieren. Social-Media-Strategien im Marketing waren bereits im vordigitalen Zeitalter beliebte und hocheffiziente Marketingmethoden. Die in Teilen eng vernetzte Grötzinger Kulturszene findet darin ihr Hauptinstrument für die Besucherakquise vor Ort. Über persönliche Ansprache, private Email-Verteiler, sowie digitale Social-Media-Plattformen wird auf das eigene Event hingewiesen. Für Veranstalter ist die entscheidende Vorraussetzung, dass Projektbeteiligte ihre identifikative Zugehörigkeit auf ihr bestehendes soziales Netzwerk ausweiten und Veranstaltungsinformationen weitergeben. Um auf diese Weise weite Bevölkerungskreise zu erreichen, sind die gesellschaftliche Öffnung 24 und eine breite interaktive und partizipative sowie persönliche Vernetzung der lokalen Kulturszene mit neuen Anspruchsgruppen ausschlaggebend für ein erfolgreiches Netzwerkmarketing. Mögliche Maßnahmen: Durch die Schaffung eines Kunst- und Kulturzentrums in Grötzingen mit spartenübergreifender und diversitätsbewusster Bespielung und Belegung sowie Residenzräumen für Auswärtige können Netzwerkprozesse in der Kulturszene und darüber hinaus befördert werden. Dies wird sich auch auf die Besuchergewinnung positiv auswirken. Einen weiteren positiven Effekt für das Direkt- und Onlinemarketing würde die Einrichtung einer auf Vernetzung und Bündelung angelegtenStadtteilkulturstelle bringen können. Teilstrategie 3: Optimierung der Printmedien-Information Trotz des Siegeszugs der digitalen Medien behalten Printmedien weiterhin eine wichtige Rolle in der Medienlandschaft. Aktuell informiert sich insbesondere die Generation 60 Plus zu einem überwiegenden Teil über Printprodukte wie Tages- und Wochenzeitungen, Veranstaltungsblätter, Flyer und Plakate. Rezensionen in lokalen 24Vgl. S. 61 ff „Handlungsfeld 3: Kulturelle Bildung und gesellschaftliche Öffnung“ 28 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Tageszeitungen werden von diesen gerne als Empfehlungen angenommen. Veranstaltungen, die sich an ältere Personen richten, sollten deren traditionell orientiertes Mediennutzungsverhalten unbedingt berücksichtigen. Auch die Mehrheit der Generation 40 Plus misst den Wochen- und Tageszeitungen eine wichtige Bedeutung als seriöse Informationsquelle für Fachinformationen und (Stadt)politik zu. Die regionalen Veranstaltungsmagazine, ob digital oder analog, stellen auch für junge Erwachsene eine beliebte Informationsquelle dar. Daher ist es insbesondere für die Stadtteilverwaltung wichtig, sich als Kulturstadtteil regelmäßig in den lokalen Printmedien wiederzufinden. Allerdings hat die Ortsverwaltung Grötzingen keine eigene Pressestelle. Die durch die Ortsverwaltung verfassten Pressemeldungen zum Kulturleben in Grötzingen werden von hier direkt den stadtteilbezogenen Blättern zugestellt. Daneben wird für die Information der breiten Stadtöffentlichkeit das Städtische Presse- und Informationsamt (PIA) beschickt. An welche Medien von hier Pressemeldungen weitergeleitet werden oder ob sie nur als öffentliche Bekanntmachungen über die stadteigenen Amtsblätter publiziert werden, wird nach bisheriger Regelung im städtischen Rathaus entschieden. Mögliche Maßnahmen:Als mögliche Maßnahme, um die öffentliche Wahrnehmung Grötzingens im Stadtgebiet insbesondere über die Printmedien zu optimieren, strebt der Ortschaftsrat eine Neuregelung der Zusammenarbeit mit dem PIA (Presse- und Informationsamt der Stadt Karlsruhe) an. Für Kulturveranstaltungen der Ortsverwaltung soll auch das Kulturamt in die Neuregelung einbezogen werden. Teilstrategie 4: Optimierung und Koordination der verschiedenen Kommunikationskanäle und Marketingebenen Wie eingangs dargestellt, besitzt das Stadtteilkulturmarketing viele Vermarktungsebenen. Für die Bewerbung der einzelnen Veranstaltungen zeichnen die Kulturschaffenden selbst verantwortlich, ebenso für ihre Eigenvermarktung. Die ARGE Grötzingen versucht, als Interessenverband der Vereine und Kulturschaffenden zur Koordinierung und Professionalisierung unter ihren Mitgliedern beizutragen. Sie erfüllt damit eine wichtige Funktion, die vom Ortschaftsrat begrüßt wird. Die Außendarstellung der vom Ortschaftsrat ausgerichteten Veranstaltungen ist Aufgabe der Ortsverwaltung, ebenso die Einbettung der Kulturaktivitäten in ein stimmiges Stadtteilmarketingkonzept. Wie diese verschiedenen Kommunikationskanäle von Kulturakteuren und Verwaltung öffentlichkeitswirksam und ressourceneffizient untereinander koordiniert werden können, wird als eine der wichtigsten Herausforderungen für die Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung der Stadtteilkultur gesehen. Mögliche Maßnahmen: Eine Maßnahme, die auch in anderen Zusammenhängen als erstrebenswert erachtet wird, ist die Einrichtung einer Stadtteilkulturstelle beim Kulturamt . Hier kann nicht nur eine zentrale, koordinierende, beratende und vermittelnde Anlaufstelle für alle Kulturbelange des Stadtteils entstehen; hier kann die Ortsverwaltung in Kulturfragen auch fachlich versierte Unterstützung und Entlastung erfahren. Die Ortsverwaltung kann ihre Kulturpressearbeit sowie ihr Kulturmarketing professionell aufstellen und optimal mit dem städtischen Kulturamt koordinieren. Die Einrichtung einer Stadtteilkulturstelle, als eine der Hauptanliegen der Grötzinger Kulturentwicklung, wurde schon während der Ausarbeitung des Stadtteilkulturkonzepts öffentlich gefordert. Ebenso wurde eine weitere, als dringlich erachtete Maßnahme bereits durch Mittelsicherung eingeleitet: Die Überarbeitung des Stadtteil(kultur)marketings und die Neuerstellung eines Stadtteil(kultur)logos . Teilstrategie 5: Stadtteilprofilschärfung Grötzingen will unter dem Karlsruher Kulturdach „Recht auf Kultur“ als herausragender Kulturstadtteil attraktiv sein. Das bisherige Stadtteillogo „Malerdorf Grötzingen“ setzt auf ein besonderes kulturhistorisches Alleinstellungsmerkmal, ist aber gleichzeitig auch eine verengende und historisierende Zuspitzung dessen, was der Stadtteil kulturell zu bieten hat. Tatsächlich können originale Zeugnisse der Grötzinger Malerkolonie, auf die das Stadtteillogo rekurriert, nur ausschnitthaft im Rathausflur und im Bürgersaal gezeigt werden. Das aktuell verwendete Logo wirkt zudem grafisch veraltet. Gerade die an neuzeitlichen Strömungen orientierten Grötzinger Kunstschaffenden und Kulturträger aus Musik und Theater haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zur aktuellen Stadtteilmarke. 25 Im Rahmen der Stadtteilkulturkonzeptentwicklung wurde zudem deutlich, wie wichtig eine schlüssige Verschränkung des Kulturprofils mit dem Stadtteilprofil ist und wie stark ein Logo ein Stadtteilimage beeinflusst. Mögliche Maßnahmen:Die attraktive und treffende Außendarstellung des Stadtteils mitsamt seines reichen Kulturangebots ist wichtige Grundvoraussetzung für ein gut angenommenes Kulturprogramm, seine Reichweite und sein Potential für die Drittmittelgewinnung. 26 Der Ortschaftsrat hat bereits für 2017 Mittel für die Umsetzung des Kulturkonzepts bereitgestellt, die zur Entwicklung eines integrierten Kulturmarketings innerhalb des Stadtteilmarketings eingesetzt werden könnten. Ziel ist die Stadtteilprofilschärfung, die Überarbeitung des Stadtteilmarketings und die Entwicklung eines neuen Stadtteillogos unter einem ganzheitlichen Kulturprofil. Dabei soll der Brückenschlag aus der bedeutsamen Dorfhistorie in die lebendige Stadtteilgegenwart repräsentativ gelingen. Zur Stadtteilprofilschärfung gehört auch eine unterstützende städtebauliche und raumpolitische Begleitung . Der vorhandene kulturelle Reichtum muss entsprechende Räume finden, um öffentlich sichtbar zu werden. Räume für 25Vgl. S. 51 ff „Handlungsfeld 2: Stadtteil: Raum für Kultur“ 26Vgl. S. 77 ff „Handlungsfeld 5: Kultur und Wirtschaft“ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 29 Kultur können beispielsweise Plätze, Straßen, Bühnen(räume), Ausstellungsflächen, Werkstätten oder Seminarräume sein. In den Kapiteln zu den Handlungsfeldern „Kulturelles Erbe“, „Stadtteil: Raum für Kultur“, und „Stärkung der Verbindung von Kunst, Handwerk und Natur“ wird auf den jeweiligen Raumbedarf vertiefend eingegangen. 27 Als weiteres Instrument zur Stadtteilprofilschärfung wurde der Vorschlag einesspartenübergreifenden Kulturstipendiums entwickelt, das sowohl die Verdienste der ehemaligen Malerkolonie ehrt und gleichzeitig zeitgenössisches Kulturschaffen und überregionalen Kulturaustausch fördert: In Bezugnahme auf den hohen Wert, den die Bilddokumente der Malerkolonie für die heutige Geschichtsschreibung und Stadtteilidentität darstellen, soll in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt ein überregionales Stipendium für Bewerberinnen aus bildender Kunst, Literatur, Musik, Tanz und Theater ausgeschrieben werden, das zur künstlerischen Auseinandersetzung mit Grötzingen zum aktuellen Zeitpunkt einlädt. 28 Ausstellung KulturKontext in der Begegnungsstätte mit Masterentwürfen von KIT-Studierenden zur Umgestaltung des Farrenstalls in ein Kulturzentrum, Sommersemester 2016. Foto: U. Fischer TREND: STEIGENDE SICHERHEITS- UND HYGIENEAUFLAGEN Unter dem Eindruck ständig wachsender medizinischer Erkenntnisse über die Wirkungsweise, Verbreitung und Mutationsfähigkeit von Krankheitskeimen und der wieder gestiegenen Bedrohung durch terroristische Akte stehen die kommunalen Stellen unter hohem Druck, Verantwortlichkeiten für den Ernstfall frühzeitig zu klären und das Risiko gesundheitsgefährdender Vorfälle weitestgehend zu reduzieren. Neben der fortlaufenden Verschärfung der gesetzlichen Vorgaben durch Land- und Bundestag erhöht auch das Landratsamt Karlsruhe seit Jahren seine Hygienevorschriften für den Landkreis. Polizeipräsidium, Ministerium des Inneren und Kommunen verstärken ihre Sicherheitsmaßnahmen bei allen größeren Veranstaltungen. Auch im Bereich Gebäudesicherheit werden die Auflagen kontinuierlich erhöht. Durch derartige Ausweitung der Vorgaben sehen sich viele Kulturveranstalter in ihren Gestaltungsfreiräumen stark eingeschränkt. Hygieneauflagen und Sicherheitsvorkehrungen erhöhen aber auch ganz pragmatisch den Planungs- und Kostenaufwand einer jeden öffentlichen Veranstaltung. 29 Für Kulturentwicklung, Brauchtumspflege und Kulturaustausch in der Stadt werden die steigenden Auflagen seit Jahren mehr und mehr zur Belastung. So mussten sich beispielsweise sowohl das Karlsruher Fest der Völkerverständigung als auch die zahlreichen Fastnachtsumzüge, so auch in Grötzingen, von bewährten Traditionen und TeilnehmerInnen verabschieden, weil gelebte Traditionen und neuzeitliches Regelwerk nicht mehr zusammenpassten. 30 27Vgl. S. 36 ff , S. 51 ff und S. 71 ff 28Siehe auch „Grötzinger Kulturförderprogramme auf Bühnensparten ausweiten“ S. 58 29Vgl. auch „Das Kulturkonzept der Stadt Karlsruhe“ S. 101, Abs. 3 „Räumliche Anforderungen | Genehmigungserfordernisse“ 30Vgl :http://www.ka-news.de/region/karlsruhe/fasching./Kosten-und-Auflagen-Droht-den-Karlsruher-Fastnachts- Umzuegen-das-Aus;art6066,1975381, http://www.ka-news.de/region/karlsruhe/fasching./Karlsruher-Fastnacht-Mehr-Polizei-Videoueberwachung-und- Blockaden-bei-Umzuegen;art6066,2017108 Vgl auch Positionspapier des Bundesverbands der Musikspielstätten „Kultur(frei)räume stärken!“ 2016: http://www.livemusikkommission.de/wordpress/wp-content/uploads/2016/09/Positionspapier-der-LiveKomm_- Kulturfreir%C3%A4ume-st%C3%A4rken.pdf 30 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Übergeordnete Herausforderung 6: Steigenden Aufwand und Kostensteigerung abfangen. Grötzingens öffentliches Kulturleben ist ein ehrenamtlich getragenes Kulturleben, das sich aus kommunalen Fördermitteln, ehrenamtlicher Arbeit, Spenden, Sponsoring und Kostenbeiträgen finanziert. Solange die Vereine private Veranstaltungen ausschließlich für Mitglieder organisieren, sind sie von den Auflagen kaum betroffen. Sobald eine Veranstaltung aber öffentlich ist, müssen auch die vom Ordnungsamt auferlegten Rahmenbedingungen zu Hygiene und Sicherheit erfüllt sein. Allein die Kosten für Genehmigungen sind nicht zuletzt im Zuge der Haushaltskonsolidierung der Stadt Karlsruhe im Jahr 2016 um ein Vielfaches gestiegen. Hinzu kommen die steigenden Kosten sowie der zusätzliche Arbeitsaufwand zur Erfüllung der Hygiene- und Sicherheitsauflagen. Viele der vorhandenen Vereinsräume verfügen nicht mehr über die nötige räumliche Ausstattung und entfallen damit als Veranstaltungsorte. Die Vereine müssen dann kostspielig Räume anmieten. Strategie 1: Mehr Einnahmequellen generieren Die Strategie mehr Einnahmequellen zur Kostenkompensation zu generieren, ist sicher der am häufigsten beschrittene Pfad der Kulturveranstalter, denn diese Maßnahmen liegen in ihrer eigenen Hand. Mögliche Maßnahmen: Um die steigenden Kosten abzufangen, arbeiten Veranstalter mit Caterern und fahrenden Händlern zusammen, um Einnahmen überStandgebühren zu erzielen oder versuchen über einen eigenenSpeise- und Getränkeverkauf oder ähnliches eine Kostendeckung zu erreichen. Doch derartige Einnahmequellen ziehen weitere Herausforderungen wie übermäßiger Alkoholkonsum, Toilettenbedarf und Stromversorgung sowie zusätzliche Genehmigungen nach sich. Als weitere Einnahmequelle werdenWerbeplätze an Wirtschaftsunternehmen verkauft und Privat Public Partnerships initiiert. Derartige Kultur-und Wirtschaftspartnerschaften unter Wahrung der Kunstfreiheit und unter Beachtung der rechtlichen Konsequenzen zu konzipieren und abzuschließen, erfordert ein hohes Maß an Kulturmanagement-Know-How, das von den meisten Kulturakteuren erst erworben werden muss. Daneben wird die Einwerbung von zusätzlichen öffentlichen Fördermitteln zunehmend wichtiger, da immer größere Prozentteile der mäzenatischen und öffentlichen Kulturförderung für Genehmigungskosten aufgewendet werden und gleichzeitig die verfügbaren Fördersummen der Stiftungen zinsabhängig rückläufig sind. Strategie 2: Beratungen anbieten Unter derartigen Herausforderungen sind Kulturschaffende auf die Beratung und Unterstützung der Ämter angewiesen. Mögliche Maßnahmen: Das Kulturamt der Stadt Karlsruhe leistet bereits seit Jahren Unterstützung bei Genehmigungsverfahren für Kulturveranstaltungen. Aber auch die ortsansässigen Vereine verfügen über viel Erfahrung im Umgang mit behördlichen Auflagen, die im Interessenverband der Grötzinger ARGE für alle assoziierten Kulturschaffenden als gemeinsamer Wissenspool zugänglich gemacht wird. Die Ortsverwaltung wiederum kann in Einzelfällen auf behördliche Ausnahmeregelungen hinwirken und bei der Suche nach alternativen Lösungen behilflich sein. Eine große Unterstützung für Kulturschaffende und Ortsverwaltung wäre die bereits mehrfach erwähnte Einrichtung einer Stadtteilkulturstelle , die an der Schnittstelle zwischen Kultur und Verwaltung vor Ort beraten und kreative, stadtteilbezogene Lösungen entwickeln kann. Strategie 3: Kulturpolitische Einflussnahme auf Ordnungspolitik stärken Die Kulturpolitik zeichnet für die Sicherung der Kunstfreiheit und damit auch für die Sicherung der Verhandelbarkeit von Gesellschaft verantwortlich. Ordnungsrechtliche Auflagen können in die Kunstfreiheit und die Kulturpflege zensierend eingreifen. Daher müssen von kulturpolitischer Seite die einschränkenden Auswirkungen ordnungspolitischer Maßnahmen auf das „Recht auf Kultur“ öffentlich thematisiert und in die Diskussion um unsere Sicherheitsarchitektur eingebracht werden. Es gilt an dieser Stelle auf die Verhältnismäßigkeit der Auflagen zur vorhandenen Bedrohungslage zu achten und Einschränkungen der Kulturfreiheit, der Kulturpflege und des Kulturaustauschs zu vermeiden. Grötzingen als Kulturstadtteil will diese Diskussion öffentlich und mit Entschiedenheit führen. TREND: WACHSTUM, STADTTEILENTWICKLUNGSPROZESS UND SANIERUNGSSTAU Karlsruhe boomt als Forschungs- und Industriestandort. Vom bis zum Jahr 2035 erwarteten Zuzug von mindestens 24.568 Personen ins Stadtgebiet entfällt aber nur ein kalkuliertes Plus von 145 Wohnberechtigten auf Grötzingen. Dagegen hat das benachbarte Durlach eine Wachstumserwartung von 3.024 bis 4.891 Wohnberechtigten. Da die städtischen Bebauungspläne eine Ausweitung Durlachs Richtung Grötzingen vorsehen, kann dieser Zuzug auch das öffentliche Leben Grötzingens beleben. 31 Zudem ist für Grötzingen als attraktiver natur- und stadtnaher Stadtteil zu erwarten, dass sich gerade hier durch die geringe Wohnraumgewinnung die Wohnraumknappheit und die Immobilienspekulation weiter verschärfen werden. Für Kulturschaffende wird es daher immer schwieriger werden, an attraktive, kostengünstige Räume zu gelangen. 31Vgl. Kleinräumige Bevölkerungsprognose 2035, Stadt Karlsruhe, Oktober 2016 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 31 Übergeordnete Herausforderung 7: Räume für Kultur sichern „Kunst und Kultur brauchen Räume. Sie brauchen Arbeits- und Präsentationsräume im konkreten räumlichen Sinn. Sie brauchen Freiräume in geistiger, ideeller, atmosphärischer Hinsicht, um sich entfalten und entwickeln zu können. [...] Räume für Kunst und Kultur müssen bereitgestellt und instand gehalten werden. Dies ist eine freiwillige Leistung der öffentlichen Hand. Die ausreichende Verfügbarkeit kultureller Räume ist Voraussetzung für das kulturelle Leben, die kulturelle Lebendigkeit und Vielfalt in der Stadt, für die Attraktivität und ein positives kulturelles Image der Stadt.“ 32 Wie eine solche Bereitstellung kultureller Räume in Grötzingen funktionieren kann, ist eine der besonderen Herausforderungen für den Stadtteil Grötzingen, der aktuell keine Räume für die alleinige kulturelle Nutzung hat. Strategie 1: Bereitstellung vorhandener öffentlicher Räume für die kulturelle Nutzung Grötzingen verfügt über mehrere, derzeit wegen Sanierungen nicht verfügbare Räume, die in der Vergangenheit zeitweilig von Kulturschaffenden für Präsentationszwecke genutzt wurden. So werden das sogenannte „N6“ am Niddaplatzebenso wie das ehemalige „Kulturzimmer“ im Rathaus nach Abschluss der Bauarbeiten an Rathaus, Schule und Bibliothek wieder zur Verfügung stehen. Mögliche Maßnahmen:Es gilt nun im Zusammenklang mit anderen Optionen zu klären, ob im „N6“ ein Ausstellungs- oder Multifunktionsraum mit kleiner Bühne entstehen kann und soll. Die Förderateliers im Obergeschoß sollen erhalten bleiben. Das ehemalige „Kulturzimmer“ wäre geeignet, eine Stadtteilkulturstelle aufzunehmen . Zahlreiche Wünsche und Vorschläge aus der Kulturszene wurden gesammelt und erste Voruntersuchungen beauftragt. Strategie 2: Bau von Arbeits- und Präsentationsräumen Der Mangel an attraktiven Präsentationsmöglichkeiten für die Bildende Kunst und für historische Ausstellungen, sowie an geeigneten Probebühnen, Ateliers, Werkstätten, Seminarräumen und Gästebetten am Ort veranlasst, über einen Neubau eines Kunst- und Kulturzentrums in Grötzingen nachzudenken. Mögliche Maßnahmen:Der bisher ungenutzte Laubplatz wird hier als Entwicklungsbereich gesehen, dem von Seiten des Ortschaftsrats eine mögliche kulturelle Nutzung zugedacht ist. Wie von den Studierenden des KIT Institut für Entwerfen und Bautechnik im Sommersemester 2016 in einem Masterentwurf herausgearbeitet wurde, eignet sich ein Aus- und Umbau des ehemalige Farrenstalls besonders, um als „Initiator“ für das Gebiet um den Laubplatz zu dienen. 33 Ein solches Kunst- und Kulturzentrum würde einen geeigneten kulturellen Schlussakord für eine weiter auszubauende Kulturachse, ausgehend vom südlichen historischen Zentrum Ost mit Augustenburg und Evangelischer Kirche sowie dem Bildungszentrum mit Schule, Kita und neuer Bibliothek über die Pfinz zum Nidda- und Rathausplatz zu bilden. Das Nutzungskonzept sollte sich im Profil und auch in der Verwaltungsstruktur deutlich von der Durlacher „Orgelfabrik“ oder anderen Karlsruher Kulturzentren wie „Tempel“ oder „Tollhaus“ unterscheiden. Alternativ zu dem von der Kulturszene favorisierten Farrenstall schließt das Stadtplanungsamt auch einen Neubau mit kultureller Teilnutzung auf dem Niddaplatz in seine Voruntersuchungen ein. 32Vgl. Das Kulturkonzept der Stadt Karlsruhe, S. 100, Einleitung „Stadt Raum für Kultur“ Abs. 1 u. 2 33Entwürfe veröffentlicht in: „KulturKontext Farrenstall Grötzingen. Masterentwurf, Sommersemester 2016“ KIT Karlsruher Institut für Technologie. Institut Entwerfen und Bautechnik (Hg. ), 2016 32 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Vorstellung einer langgezogenen kulturellen Mitte Grötzingens als „Kulturmeile“. Vorschlag aus der Arbeitsgruppe kulturelles Erbe: Kulturgüter im Rahmen der „Zukunftswerkstatt“ 2016. Grafik: Boris Milla/ Dr. Ulrike Fischer. Strategie 3: Unterstützung der Kulturschaffenden bei der privaten Raumbeschaffung Ein positiver zu erwartender Effekt aus den Wachstumsaussichten für die Stadt Karlsruhe und insbesondere für den Grötzinger Nachbarstadtteil Durlach ist die Chance auf die Wiederbelebung des innerörtlichen Geschäftslebens. Davon können auch Kulturschaffende, insbesondere kulturaffine Handwerksbetriebe profitieren, sofern sie sich innerhalb der Geschäftszonen ansiedeln können. Mögliche Maßnahmen: Im Moment stehen in der angedachten kulturellen Zentrumszone einzelne Ladenlokale und Geschäftsräume leer. Ein gestiegener Bedarf an Geschäftsräumen ist für die kommenden fünf bis zehn Jahre, vor Bezug der neu zu erschließenden Wohngebiete „Unter der Hub“ kaum zu erwarten. Der Ortschaftsrat kann hier als Vermittler für die günstige Vermietung an Kulturschaffende werben und auf entsprechende kulturelle Raumbörsen des Kulturbüros verweisen, um geeignete Kulturmieter zu finden. Die angestrebte Standortentwicklung durch kreative Milieus 34 ist inzwischen ein festes Instrumentarium innerörtlicher Entwicklung geworden und dient vielen Interessensgruppen gleichermaßen. Dabei bleibt aber vorausschauend zu klären, welche Räume den Kreativschaffenden verbleiben, falls die durch sie angelockten Geschäftstreibenden in einen Verdrängungswettbewerb mit ihnen treten. 34Vgl. Das Kulturkonzept der Stadt Karlsruhe, S. 112 „Räume als Grundlage für kulturelle und kreativwirtschaftliche Szenen“ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 33 Ehemaliges Fikentscher-Wohn- und Atelierhaus am Schloss Augustenburg. Denkmal nach § 2 (Kulturdenkmal) Denkmalschutzgesetz. Heute Privatbesitz. Atelier des Grötzinger Malers Horst Leyendecker. Foto: Leyendecker Übergeordnete Herausforderung 8: Bewahren, Sichtbarmachen, Weiterentwickeln Das erwartete schnelle Wachstum der Stadt führt zu einem hohen Druck in der Flächen- und Wohnraumerschließung sowie im Infrastrukturausbau. Hinzu kommen längst überfällige Instandhaltungsmaßnahmen öffentlicher Gebäude, insbesondere der Bildungseinrichtungen sowie räumliche und bauliche Nachbesserungen für Teilhabegerechtigkeit. Diese infrastrukturellen Projekte haben einen gesellschaftspolitischen Vorrang und beschränken den finanziellen Spielraum für städtebauliche Visionen. Die kulturpolitische Sichtweise ist gerade deshalb gefordert, zeitgleich zu diesen pragmatischen Maßnahmen die nachhaltige kulturtragende Aufenthaltsqualität des Stadtraums, die Bewahrung und Sichtbarmachung der Historie und die räumlich abhängigen kulturellen Entwicklungschancen in den Blick zu nehmen. Strategie: Ganzheitliche Stadtplanung für einen lebendigen Kulturstadtteil Im Zuge des 2012 durch ISEK 35 angestoßenen Stadtteilentwicklungsprozesses erfolgten im Sommersemester 2016 am KIT studentische Untersuchungen für eine neue kulturelle Mitte um das Farrenstallgebäude. 36 Desweiteren fand im November 2016 eine öffentliche Planungswerkstatt zur Grötzinger Ortsmitte statt, welche die Ideen von Bürgerinnen und Bürgern sowie die bereits erfolgte Bedarfserhebung der Kulturschaffenden zusammentrug. „Ziel ist es, ein Konzept zu erhalten, welches die Ortsmitte aufwertet durch sensibles Einfügen neuer Stadtbausteine in unsere historische Bausubstanz, mit der sich die Grötzingerinnen und Grötzinger identifizieren können.“ 37 Ziel ist auch, Grötzingen durch städtebauliche Veränderungen und Sanierungskonzepte als lebendigen Kulturstadtteil für die dort lebenden Menschen sowie Stadtteiltouristen attraktiver zu machen. Mögliche Maßnahmen: Nachhaltige Stadtplanung erfordert die Erstellung von ganzheitlichen strategischen Nutzungskonzepten . Gerade im Bezug auf die Nutzung stadtteilprägender Bestandsimmobilien in Privathand, wie der Herberge „1463“, dem möglicherweise ältestem Haus Karlsruhes, oder dem historischen Gasthaus „Goldener Ochsen“, äußert die Grötzinger Bevölkerung den Wunsch auf Mitsprache. Aus diesem Grund soll in Grötzingen auch zukünftig eine inhaltliche Einbeziehung privater Eigentümer in die Stadtplanungsprozesse erfolgen. Zwei gute zukunftsweisende Beispiele eines gelungenen Dialogs von Ortschaftsrat und privaten Eigentümern zeigen die stadtteilbelebenden und substanzerhaltenden, vom Ortschaftsrat begleiteten Eigentümerwechsel der eben genannten Grötzinger Gebäude. Auch wenn hier keine neuen öffentlichen Räume für die Kultur erschlossen wurden, so wirkt der Erhalt der historischen Bauten im Stadtbild positiv als Pflege des kulturellen Erbes und als attraktive stadträumliche und infrastrukturelle Rahmung für einen lebendigen Kulturstadtteil. Eine weitere ins Auge gefasste Möglichkeit, Einfluss auf eine stadtteilaufwertende oder kulturtragende Nutzung von privaten (historischen) Immobilien zu nehmen, ist der städtische Ankauf und Weiterverkauf von Immobilien unter Nutzungsauflagen . Unter bestimmten Bedingungen ist auch eine finanzielle und planerische Beteiligung der Stadt 35ISEK – Integriertes Stadtentwicklungskonzept Karlsruhe 2020. Broschüre. Hg. Stadt Karlsruhe 2012 36Publiziert in: „KulturKontext Farrenstall Grötzingen. Masterentwurf Sommersemester 2016.“ KIT Karlsruher Institut für Technologie . Institut Entwerfen und Bautechnik (Hg.), 2016 37Zitat Karen Eßrich, Ortsvorsteherin Grötzingen „Grötzinger Heimatbrief“, 55. Ausgabe 2016. S. 93 34 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 an Umbaumaßnahmen von kulturell zu nutzenden privaten Immobilien möglich, 38 um den Stadtteil kulturtragend weiterzuentwickeln. Aufnahme Gasthaus "Goldener Ochsen" von 1915. Fachwerkgebäude mit Torbogen, Torbogen 1618. Fachwerkgebäude wohl von 1586 lt. Heimatbuch Mössinger. Vorher Standort des Gasthof „Roter Ochsen“ Bj. vor 1532. Davor evtl. Weinschänke in Klosterbesitz (Keller erhalten). Wiederaufbau 1699 lt. Ochsen-Historie Huber. Heutiger Fassadenzustand Anfang 19. Jh, mehrfach überputzt. Im Inneren wohl älter (1586). Ältester Gasthof Grötzingens. Denkmal nach § 2 (Kulturdenkmal) Denkmalschutzgesetz. Foto: Pfinzgaumuseum UI 2379 (oben) 38Als Karlsruher Beispiel sei hier die Sanierung des Kinos im Passagehof für die Nutzung durch die Kinemathek Karlsruhe e.V. und Kurbel e.V. genannt. Das Gebäude wird von einer privaten Stiftung angemietet. ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 35 36 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 HANDLUNGSFELD 1 – KULTURELLES ERBE Dass die institutionalisierte Sorge um das kulturelle Erbe in Europa auf die Zeit der Französischen Revolution und des damals um sich greifenden Vandalismus zurückgeht, heißt es in der Einleitung zum Handlungsfeld „Kulturelles Erbe“ in der Karlsruher Kulturkonzeption dar. Er geht im Folgenden weiter auf die Entwicklungsfähigkeit dessen, was als kulturelles Erbe definiert wird und die heutige gängige Unterscheidung in immaterielles und materielles kulturelles Erbe ein. „Während das materielle Kulturerbe das objekthafte kulturelle Erbe meint, zum Beispiel Bilder, Werkzeuge, Kleidung, Dokumente, Gebäude und vieles mehr, versteht man unter Letzterem lebendige kulturelle Ausdrucksformen wie Traditionen und kulturelle Praktiken, Rituale, Feste, Handwerkstechniken, darstellende Künste oder Sprachen.“ 39 Die Städtische Kulturverwaltung sieht die Handlungsschwerpunkte ihrer Museen und Archive für die kommenden Jahre besonders in der zeitgemäßen Überarbeitung ihrer Sammlungs- und Dokumentationsprofile sowie in der kompletten Neuaufstellung des Stadtmuseums inklusive Vermittlungskonzept. Damit fokussiert sich das Karlsruher Kulturkonzept in seinen Ausführungen auf das materielle kulturelle Erbe und auf dessen institutionalisierte Pflege. Das Stadtteilkulturkonzept Grötzingen sieht auch im immateriellen kulturellen Erbe ein wichtiges Handlungsfeld für den Stadtteil und widmet sich hier insbesondere dem Thema Brauchtum. Neben den objekthaften Kulturgütern soll außerdem auch die durch menschliche Einflussnahme umgestaltete Grötzinger Kulturlandschaft in die Sorge um das kulturelle Erbe einbezogen werden. Nicht zuletzt geht es bei der Geschichtsbewahrung und -aufarbeitung immer auch um die Stärkung und Weiterentwicklung der städtischen Erinnerungskultur wie sie im Karlsruher Kulturkonzept beschrieben ist. 40 Die Erinnerung an geschichtlich tiefgreifende Vorgänge im Ort wachzuhalten und sie als Ansporn und Mahnung zu verstehen, ist eine Aufgabe, die im Querverweis auch an das Handlungsfeld der kulturellen Bildung und gesellschaftlichen Öffnung herangetragen wird. Gedenkbuch für die Grötzinger Juden, Ortsverwaltung Grötzingen / Stadtarchiv Karlsruhe (Hg.) 2008. Titelbild: Gedenkstele am ehemaligen Standort der 1938 niedergebrannten Grötzinger Synagoge von 1983 KULTURELLES ERBE: KULTURGÜTER Kulturgüter können alle Objekte sein, die aufgrund ihrer historischen Zeugniskraft als bewahrenswert eingestuft werden. Ein historisches Objekt bedarf also einer Klassifizierung, um als Kulturgut einen besonderen Schutz zu erfahren. Einen objektiven Rahmen für Grötzingen stellen die allgemein gültigen Kulturschutzkonventionen dar; so die UNESCO-Konventionen, das deutsche Kulturgüterschutzgesetz, die Landesarchivgesetze Baden-Württemberg sowie die Archivordnung der Stadt Karlsruhe. 41 Grötzinger Kulturgüter, die unter die Sammlungs- und Archivordnungen der Stadt Karlsruhe fallen, werden in den städtischen Museen und Archiven eingelagert und wissenschaftlich betreut. Deren Sammlungs- und Rechercheauftrag ist gesamtstädtisch ausgerichtet, ebenso wie das Generallandesarchiv Karlsruhe einen geografisch auf ganz Baden ausgerichteten Sammlungsauftrag hat. Die Präsentation der Kulturgüter erfolgt in der Regel in den innerstädtischen, museums- oder archiveigenen Präsentationsräumen. Grötzingen formuliert, abgestützt auf den Eingemeindungsvertrag von 1974, einen Anspruch auf die Präsenz des eigenen kulturellen Erbes vor Ort, verfügt aber über keine geeigneten eigenen Archivierungs- und Präsentationsmöglichkeiten. Für die Stadtteilidentität ist es aber von höchstem Interesse, vor Ort eine eigene Dokumentation der Ortsgeschichte zu führen und präsentieren zu können. Dies wird aktuell besonders durch die Heimatfreunde Grötzingen e.V. und deren eigene Sammlung geleistet. Aber auch der Freundeskreis Badisches Malerdorf e.V., neben vielen anderen Aktiven und dem Ortschaftsrat engagieren sich dafür, die Geschichte Grötzingens und ihre Bedeutung für die Gesamtstadt immer wieder öffentlich zur Anschauung zu bringen. 39„Das Kulturkonzept der Stadt Karlsruhe“ S. 56 Abs. 2 40„Das Kulturkonzept der Stadt Karlsruhe“ S 68 „Mögliche Massnahme 3.5 – Stärkung und Weiterentwicklung der bisherigen Erinnerungskultur“ 41Archivsatzung der Stadt Karlsruhe: http://web1.karlsruhe.de/Stadt/Stadtrecht/s-3-1-2.php Rechtsgrundlagen des Landesarchivs Baden- Württemberg: https://www.landesarchiv-bw.de/web/46788 UNESCO- Konvention: http://www.unesco.de/infothek/dokumente/uebereinkommen/konvention-gegen-illegalen- handel-mit-kulturgut.html Deutsches Kulturgüterschutzgesetz: http://www.gesetze-im-internet.de/kgsg/index.html ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 37 Hofanlage, heute „1463“ Apartmenthaus / Seminarraum / Jacques Meyer's Culinarium, Friedrichstr. 10 - 14 (Flst. 646, 655) , Grötzingen. Im Kern 15. Jh., Fristsäulenständerhaus, ehem. Altenteil, Scheune, Werkstatt (Sachgesamtheit). Wahrscheinlich ältestes Gebäude im Karlsruher Stadtgebiet. Denkmal nach § 2 (Kulturdenkmal) Denkmalschutzgesetz. Foto: Titus Tamm 2017 Herausforderung 1: Bewegliche Kulturgüter für den Stadtteil präsent halten Bewegliche Kulturgüter mit Stadtteilbezug für die Zukunft im Stadtteil präsent zu halten und für die Bewohner zugänglich zu machen, wird als Hauptherausforderung für den Handlungsbereich Kulturgüterschutz gesehen. Aktuell pflegen zwei öffentlich arbeitende Stellen im Stadtteil einen Teil des stadtteileigenen Kulturgutbestands: Die Ortsverwaltung Grötzingen und die Heimatfreunde Grötzingen e.V., welche sich als gemeinnütziger Verein der Sicherung der Grötzinger Geschichte für die Öffentlichkeit verschrieben haben. Einige historische Möbel befinden sich als Leihgabe in der Augustenburg. Die restlichen beweglichen Kulturgüter im Stadtteilbesitz werden in den öffentlichen Sammlungen, Archiven und Bibliotheken der Stadt Karlsruhe aufbewahrt. 42 Das Pfinzgaumuseum in Durlach hat den Schwerpunktauftrag, die Geschichte Durlachs, Grötzingens und der Bergdörfer zu dokumentieren und zu vermitteln. Das Pfinzgaumuseum ist also das Heimatmuseum Grötzingens. Die Kunstwerke der Grötzinger Malerkolonie, soweit in städtischem Eigentum, sind Teil der Städtischen Sammlungen in der Städtischen Galerie Karlsruhe und werden hier in regelmäßigen Abständen der Öffentlichkeit präsentiert. Im Grötzinger Rathaus sind aufgrund der konservatorisch schlechten Bedingungen nur einzelne weniger hochwertig eingeschätzte, aber repräsentative Arbeiten der Grötzinger Malerkolonie dauerhaft zu sehen. Weder Ortsverwaltung noch die rein ehrenamtlich arbeitenden Heimatfreunde verfügen über geeignete Präsentationsräume oder wissenschaftliches Personal. Es stellt sich also die Frage, wie unter diesen eingeschränkten Möglichkeiten Stadtteilgeschichte anhand von historischen Objekten vor Ort lebendig gehalten werden kann. Franz Dewald, Glasfenster Begegnungsstätte Grötzingen, 1986. Foto: Titus Tamm 42Vgl. Das Kulturkonzept der Stadt Karlsruhe, S. 57 ff. 38 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Strategie1: Präsentationsmöglichkeiten vor Ort schaffen Die seit vielen Jahren von Grötzinger Vereinen gewünschte Einrichtung eines Heimatmuseums in Grötzingen ist aufgrund der hervorragenden archivarischen und wissenschaftlichen Versorgung der Grötzinger Kulturgüter in der Städtischen Galerie und dem nahe gelegenen Pfinzgaumuseum keine sinnvolle Option. Jedoch können sich, mit den aktuell in Bau oder Planung befindlichen stadträumlichen Veränderungen in Grötzingen, Möglichkeiten zur Einrichtung von konservatorisch und sicherheitstechnisch akzeptablen, temporär genutzten Ausstellungsflächen ergeben. Bei den weiteren Überlegungen und Planungen für ein Kulturzentrum oder die kulturelle Weiternutzung von N6 am Niddaplatz sollten diese Anforderungsbedingungen in einen Anforderungskatalog aufgenommen werden. Denkbar wäre demnach, in regelmäßigen Abständen neben aktuellem Kulturgeschehen die Wechselausstellungsräume für historische Präsentationen unter der Verantwortung städtischer Wissenschaftler zu nutzen. Grabungsfunde der Ausgrabungsstätte Grubenhaus (7. Jh ) Grötzingen, 2012. Foto: Titus Tamm Strategie 2: Spezielle Angebote für Grötzingens Einwohner bei Grötzingen-Ausstellungen im Stadtraum schaffen Bereits heute präsentieren die Museen des Kulturamts regelmäßig Ausstellungen mit historischem Grötzingen- Bezug. Diese Ausstellungen werden von den Grötzingerinnen und Grötzingern sehr gerne und zahlreich besucht. Die ortsansässigen Vereine veranstalten zu solchen Ausstelllungen in der Regel organisierte Mitgliederfahrten, häufig verbunden mit speziellen Extras und vereinfachter Anreise, die allen Interessierten offen stehen. Für die Zukunft will der Ortschaftsrat zusammen mit den Städtischen Museen solche Grötzingen-spezifischen Veranstaltungen für alle Stadtteilbewohner unter verstärkter Berücksichtigung der Teilhabegerechtigkeit anbieten. Eine enge Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Vereinen, Bildungs- und Sozialeinrichtungen ist angestrebt. Strategie 3: Digitales Heimatmuseum erstellen. Bereits heute sind zahlreiche Informationen über die Grötzinger Geschichte im Netz eingestellt. Die Heimatfreunde Grötzingen aber auch zahlreiche Privatpersonen sowie die städtische Verwaltung mit dem Ortschaftsrat 43 unterhalten bildgestützte und mit historischen Informationen versehene öffentlich zugängliche Datenbanken. Ebenso stellen Landesdenkmalamt 44 und Landesumweltamt 45 Onlinedatenbanken, in denen auch kulturelles Erbe aus Grötzingen aufgeführt ist. Im Zuge der angestrebten Digitalisierung der Städtischen Sammlungen 46 und der aktuell in Arbeit befindlichen Katalogisierung der stadtteileigenen Kulturgütersammlung 47 könnten vorhandene und neu zu erstellende Datensätze zu einem digitalen Heimatmuseum auf den offiziellen Stadtseiten 43Siehe Auflistung S. 89 44Siehe Landesdenkmalamt Baden-Württemberg: https://www.denkmalpflege- bw.de/denkmale/datenbanken/adabweb/ 45Siehe Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft http://www.themenpark-umwelt.baden- wuerttemberg.de/servlet/is/10089/ 46Vgl. Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe, S. 63 47Vgl. S. 41 „Handlungsfeld 3: Stadtteilrelevante Kulturgüter zentral erfassen. Strategie: Katalogisierung der Ortschaftssammlung“ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 39 zusammengeführt werden. Hier gilt es, in Kooperation mit dem Kulturamt ein Konzept zu erarbeiten. Die bereits durch die Vereine und andere Ehrenamtliche erstellten Informationen zur Stadtteilgeschichte sollen im Falle einer solchen Maßnahme Berücksichtigung und wenn möglich Einbindung sowie eine wissenschaftliche Prüfung erfahren. Bestellkataloge zum Künstlerischen Wandschmuck für Haus und Schule mit Beiträgen der Grötzinger Malerkolonie. Verlag: Lpz./Bln., B. G. Teubner (um 1913). Foto: KUK Herausforderung 2: Stadtteilrelevante Kulturgüter für die Zukunft sichern Grötzingen hat ein starkes Interesse an der Archivierung und Dokumentation seiner Ortsgeschichte. Von hier aus gesehen geraten Objekte, Dokumente und Gebäude in den Blick, die aus der gesamtstädtischen Perspektive des Stadtarchivs nicht gesehen werden. Um relevante Kulturgüter für die Zukunft zu sichern, bedarf es daher einer guten Zusammenarbeit der verschiedenen, um die Kulturgutsicherung bemühten Stellen. Strategie 1: Zusammenarbeit mit Städtischen Archiven und Sammlungen Die Zusammenarbeit der Ortsverwaltung mit dem Stadtarchiv und den Städtischen Sammlungen ist über die Archivordnungen und die Eingemeindungsverträge geregelt. Im Zuge der Stadtteilkulturkonzeption wurden diese in den allgemeinen Statuten verankerten Regelungen im Kapitel „Kulturverwaltung im Stadtteil – Ein Blick auf die Zuständigkeiten in Sachen Kultur“ 48 zusammengefasst. Grötzingens relative Eigenständigkeit äußert sich demnach in dem Anspruch, städtische Sammlungsankäufe vorschlagen zu dürfen und bei der Auswahl beteiligt zu werden. Desweiteren will der Ortschaftsrat bei der Festlegung von Sammlungsstrategien für den Stadtteil einbezogen werden. Strategie 2: Stadtteileigene Sammlung unterhalten Grötzingen verfügt über eine stadtteileigene Sammlung von Kunstwerken und anderen Kulturgütern. Diese wurde aus dem stadtteileigenen Finanzbudget finanziert oder stammen aus dem Ortsbesitz vor 1974. Eine genaue Katalogisierung ist in Arbeit. Die Lagerung und Präsentation der Kulturgüter erfolgt in Grötzingen. Für die Zukunft gilt es, die Ankaufpolitik zwischen Ortschaftsrat und städtischen Kunst- und Kulturgütersammlungen genau abzustimmen und die Zuständigkeiten in der konservatorischen und wissenschaftlichen Betreuung zu klären. Ebenso ist zu klären, in welche Datenbanken der Sammlungsbestand aufzunehmen ist. Der Stadtteil ist bestrebt, das bisher praktizierte Recht auf eigene Kunstankäufe und eine selbst verwaltete und erweiterte Kulturgütersammlung zu erhalten. Strategie 3: Zusammenarbeit mit ansässigen Vereinen Die Grötzinger Vereine versammeln eine Vielzahl an erfahrenen Kräften im Bereich der Stadtteilkulturpflege. Die Mitglieder stehen im Austausch mit privaten Sammlern, der Ortsverwaltung, städtischen Museen und Archiven sowie regionalen Verbänden und benachbarten Heimatvereinen. In ihren Reihen befinden sich ehemalige und aktuelle wissenschaftliche oder politische Mitarbeiter der Stadtverwaltung und der universitären Einrichtungen. 48Siehe S. 83 ff 40 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Die Vereine verfügen also über ein größtmögliches Insiderwissen, das sie zu idealen Partnern für Ortsverwaltung und städtische Kulturpolitik macht, um relevante Kulturgüter für den Stadtteil zu sichern. Außerdem leisten sie oft ehrenamtlich wertvolle Forschungs- und Netzwerkarbeit, bei der sie auch zukünftig die größtmögliche Unterstützung der Ortsverwaltung erfahren sollen. Um die Zusammenarbeit nachhaltig zu gestalten, ist es wünschenswert, dass Ortsverwaltung, Kulturamt und Vereine sich darüber abstimmen, wie und in welchem Umfang öffentliche Stellen über den vereinseigenen Archiv- und Sammlungsbestand informiert werden, welche Möglichkeiten zu gemeinsamen Bestandsausstellungen bestehen und wie eine sinnvolle Nachlassregelung im Falle einer Vereinsauflösung aussehen kann. Strategie 4: Zusammenarbeit mit Denkmalschutz, Stadtplanung und Privateigentümern Die Kulturgüterpflege im architektonischen Bereich ist eine der schwierigsten kommunalen Aufgaben, treffen hier doch zahlreiche Anliegen und Interessen mit hohem Konfliktpotential aufeinander. Unvereinbarkeiten zwischen Denkmalschutz und modernen Nutzungsanforderungen wurden bereits an anderer Stelle genannt. Auch wirtschaftliche Interessen von Privateigentümern und stadtteilentwicklungspolitische Standpunkte tragen zur Gemengelage bei. Dabei ist die Diskussion um stadtteilgeschichtlich bedeutende Bauwerke und Plätze, die dem breiten Verständnis von Denkmälern weder im ästhetischen noch im altersbedingten Sinn entsprechen, sicher am schwierigsten zu führen. Eine frühzeitige und konstruktive Zusammenarbeit bei der Stadtteilentwicklung mit dem Stadtplanungsamt, den Privateigentümern und dem Denkmalamt, gegebenenfalls unter Einbeziehung der Bürgerschaft, ist Grundlage, um wichtige historische Abschnitte im Ortsbild präsent zu halten und gleichzeitig eine hohe Aufenthaltsqualität im Stadtraum zu erzielen. 49 Freilichtmuseum Diedesheimermühle. Historische Hanf-, Reib-, Öl- und Schlagmühle des 17./18. Jh. 1973 aus Diedesheim nach Grötzingen verbracht. Standort Oberausbrücke (Ehem. Standort der niedergebrannten 3. Grötzinger Mühle), Denkmal nach § 2 (Kulturdenkmal) Denkmalschutzgesetz 50 Foto: Titus Tamm Herausforderung 3: Stadtteilrelevante Kulturgüter zentral erfassen Strategie 1: Zusammenführung aller Grötzingen betreffenden Kulturgüterdatenbanken Wie bereits im Zusammenhang mit dem Vorschlag eines Digitalen Heimatmuseums 51 erwähnt, existieren zahlreiche digitale Informationsseiten und Datenbanken zur Ortsgeschichte. Auch wenn kein digitales Heimatmuseum verwirklicht werden sollte, so sind diese Datenbanken doch zusammenzuführen, um mindestens für die wissenschaftliche Auswertung und für die kulturpolitische Verwaltung einen Gesamtüberblick über das vorhandene kulturelle Erbe zu erhalten. Von den Bürgerinnen und Bürgern wird eine öffentliche Zugänglichkeit und entsprechende Aufbereitung und Zusammenführung der Datensätze in Form eines digitalen Heimatmuseum 49Vgl. S. 33 „Übergeordnete Herausforderung 8: Bewahren, Sichtbarmachen, Weiterentwickeln. – Strategie: Ganzheitliche Stadtplanung für einen lebendigen Kulturstadtteil“ 50Vgl. Hans Huth „Das Freilichtmuseum Diedelsheimer Mühle in Grötzingen. Die Rettung eines technischen Kulturdenkmals“ Uni Heidelberg 1973 51Vgl. S. 38 „Herausforderung 1: Bewegliche Kulturgüter für den Stadtteil präsent halten. Strategie 3: Digitales Heimatmuseum erstellen.“ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 41 oder einer Stadtteil-App als gewünscht. Ob und wie dies unter Mitarbeit der Heimatfreunde und anderer Engagierter realisierbar ist, muss von der Ortsverwaltung eingehend geprüft werden. Strategie 2: Katalogisierung der Ortschaftssammlung In diesem Sinne wurde mit Beginn der Stadtteilkulturkonzeption die Katalogisierung der ortschaftseigenen Sammlung aufgenommen, die nach der Erfassung der vorhandenen Kunstwerke weitere Kulturgüter wie Möbel oder historische Gerätschaften auflisten soll. Ergänzend zur reinen Erfassung der Kunstwerke sollen zukünftig auch Kurzbiografien, gegebenenfalls. mit kurzen inhaltlichen Werkangaben, angelegt werden. Über eine generelle Aufarbeitung des vorhandenen Bestandes nach diesem Schema muss im Weiteren befunden werden. 42 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 KULTURELLES ERBE: KULTURLANDSCHAFT „Baden-Württemberg besitzt in Deutschland eine Ausnahmestellung im Hinblick auf seine große Anzahl von Kulturräumen mit ihren unverwechselbaren Eigenarten. Diese basieren zum einen auf höchst unterschiedlichen natürlichen Gegebenheiten wie Geologie, Höhenlagen, Böden, Gewässerdichte, klimatische Gradienten, zum anderen sind sie eben auch auf unterschiedliche kulturelle Einflüsse zurückzuführen wie Siedlungs- und Landnutzungsgeschichte, konfessionelle Differenzierungen, Spezifika der Naturnutzung und vieles mehr“ 52 „Der Mensch hat vielfältige Landschaftsbilder mit hohem Strukturreichtum geschaffen, für dessen Erhaltung wir eine große Verantwortung tragen. Die gesellschaftliche Verpflichtung zum Schutz dieser kulturbedingten Vielfalt ist mittlerweile in verschiedenen rechtlichen Regelungen verankert. Sowohl die nach Bundesrecht gesetzlich geschützten Biotope als auch die nach europäischem Recht geschützten Lebensraumtypen sind zum größten Teil kulturabhängig. Der Schutz historischer Kulturlandschaften ist explizit im Naturschutzgesetz verankert“, erläutert die Präsidentin der LUBW, Margareta Barth, die Rolle der staatlichen Institutionen und der verschiedenen Naturschutzverbände bei der Bewahrung der Kulturlandschaft.“ 53 Laut diesen Ausführungen liegt die Sorge für die historische Kulturlandschaft Baden-Württembergs im Zuständigkeitsbereich von Umwelt- und Naturschutz. Gleichzeitig wird deutlich, dass Kulturlandschaft mit dem materiellen und immateriellen kulturellen Erbe eng verbunden ist und diese sich gegenseitig in ihrer Zeugniskraft ergänzen. Die UNESCO unterscheidet in diesem Sinne drei Arten von Kulturlandschaften: 1. Gestaltete Landschaften, wie Parks oder Gärten (designed landscapes), 2. Durch andauernde menschliche Einflussnahme umgestaltete Landschaften, wie Wiesen und bewirtschaftete Weinberge (continuing landscapes), 3. Vom Menschen umgestaltete Landschaften mit historischer Zeugniskraft, wie die Bunkeranlagen am Knittelberg (relict landscapes) oder Landschaften mit getilgten Spuren, aber assoziativer kulturhistorischer Verweiskraft, wie beispielsweise die Bertha-Benz-Memorial-Route (associative landscapes). 54 Die Nutzung und Umgestaltung des besiedelten Naturraums ist und war das Fundament kultureller Entwicklungen. Aus diesem Grund wird die Sorge für die Kulturlandschaft in Grötzingen als Gemeinschaftsaufgabe von Kultur- und Gedächtnispflege mit dem Landschaftsschutz gesehen. Einen geeigneten Orientierungsrahmen bieten die Handlungsempfehlungen von Werner Konold und Konrad Reidl, veröffentlicht in Naturschutz-Info 1/2006. 55 Die Kulturlandschaft als Teil des Kulturprofils des Stadtteils zu denken, ist eine neu eingeführte Perspektive, deren Profil noch reifen muss. Aus heutiger Sicht ergeben sich für die kommenden Jahre folgende Herausforderungen: Landwirtschaftlichen Flächen am Knittelberg, vom Turmberg aus gesehen. Postkarte um 1928, Archiv Heimatfreunde Grötzingen. Repro: Titus Tamm 52Prof. Dr. Werner Konold in:. „Kulturlandschaften in Baden-Württemberg“ Gebundene Ausgabe. Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg und Landespflege Freiburg, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Hg.), G.Braun Verlag 2014, S.11, Abs. 2 53Vgl. Pressemitteilung zur Veröffentlichung von „Kulturlandschaften in Baden-Württemberg“ Gebundene Ausgabe – 1. April 2014 von Messungen und Naturschutz in Baden-Württemberg Landesanstalt für Umwelt (Hg.) 54UNESCO „Kategorien der Kulturlandschaft“, 2008. http://whc.unesco.org/en/culturallandscape/ 55Werner Konold und Konrad Reid „Kulturlandschaft in Baden-Württemberg – Entstehung und Bedeutung, Überlegungen zu Pflege und Entwicklung“, 2006. veröffentlicht vom Schwäbischen Heimatbund. PDF-Download: http://schwaebischer- heimatbund.de/naturschutz/landschaftspflege.html ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 43 Herausforderung 1: Herausarbeitung der historisch gewachsenen Individualität Um Grötzingens Kulturprofil um das der kulturtragenden historisch gewachsenen Kulturlandschaft zu ergänzen, bedarf es zuerst einer Erfassung aller unter den Begriff der Kulturlandschaft zu fassenden Gebiete und Anlagen. Strategie 1: Sammlung der bereits vorhandenen Informationen Im Rahmen der Stadtteilkulturkonzeptentwicklung hat sich auf Einladung der Ortsverwaltung eine „Arbeitsgruppe Kulturlandschaft“ gebildet, die sich aus Vertreterinnen und Vertretern aus Umwelt- und Naturschutz sowie Landschafts- und Heimatpflege zusammensetzt. Diese Expertengruppe hat bereits begonnen, die vorhandenen Informationen zu bündeln und plant die Herausgabe einer Broschüre. Die Aufnahme dieser Informationen in die in Arbeit befindlichen Grötzinger Kulturgüterlisten soll von der Ortsverwaltung veranlasst werden. Historische Tafel am Niddaplatz neben dem Torbogen des Wirtshauses Zur Kanne. Urheber: Heimatfreunde Grötzingen. Foto: Titus Tamm Strategie 2: Historische Aufarbeitung der Grötzinger Kulturlandschaft Um die Zusammenstellung von bemerkenswerten Orten durch die„Arbeitsgruppe Kulturlandschaft“ kulturhistorisch fundiert darstellen zu können, bedarf es der Einbindung von Experten aus diesem Feld. So ist die Zusammenarbeit mit dem Pfinzgaumuseum ebenso denkbar wie mit der Museumslandschaft Nordschwarzwald. Eine solche Aufarbeitung könnte auch im Verbund mit benachbarten Gemeinden erfolgen. Ein langfristiger Wunsch Grötzingens sind partielle Grabungen und Freilegungen, um die Spuren von Römern sowie Keller und Stollen der alten Siedlungen zu Tage zu fördern. Aber auch der Obst- und Weinbau am ursprünglich „Grötzinger Turmberg“ ist in der öffentlichen Darstellung deutlicher als Grötzinger Kulturerbe herauszuarbeiten. Grußkarte aus Grötzingen um 1962/64. Als ortsprägend erscheinen die ehemals Großherzogliche Obstbaum- und Landwirtschaftsschule, (heute Landwirtschaftliches Technologiezentrum Augustenberg), die umliegenden Landwirtschaftsflächen, das Rathaus mit Fachwerk (1668) sowie das Wahrzeichen Grötzingens, die Evangelische Kirche mit ihrem gedrehten Turmdach (1255); weiter die methodistische Kirche (1951), die mehrgleisige Eisenbahnanbindung und der Schulneubau von 1958. Archiv Heimatfreunde Grötzingen. Foto: Titus Tamm 2017 44 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Strategie 3: Sammlung, Archivierung und Auswertung von Dokumentationsmaterial Die Sammlung von Fotografien, Karten und Beschreibungen der Kulturlandschaft um Grötzingen zählt ebenso wie ihre wissenschaftliche Aufarbeitung zu den Sammlungsanliegen des Stadtteils. Wie unter dem vorausgegangenen Kapitel „Kulturelles Erbe: Kulturgüter“ bereits ausgeführt, bedarf es hinsichtlich der Grötzinger Sonderthemen einer Sammlungsabsprache zwischen hiesigen Gruppen und städtischen Archiven. Herausforderung 2: Historische Zeugniskraft und Eigenart der umliegenden Kulturlandschaft wahren Im Zusammenhang mit der Klassifizierung der umliegenden Kulturlandschaft als Naturschutz- oder Denkmalschutzgebiete resultiert der Auftrag an die Gemeinde, sich um deren Erhalt zu sorgen. Weite Teile der typischen Kulturlandschaft um Grötzingen sind jedoch keinem besonderen Schutz unterstellt. Interessante Belege der Kulturgeschichte in dieser ungeschützten Kulturlandschaft zu erhalten, steht jedoch im Interesse der stadtteilbezogenen Geschichtserzählung. „Ringelberghohl“ Lösshohlweg. Durch ständige Benutzung eingetiefte Trasse zu den Landwirtschaftsflächen. Durch die heutige Asphaltierung wurde die weitere Tieferlegung gestoppt und die Seitenwände flachen ab. Foto/ Information: Peter Hartleb Strategie 1: Erhalt und Weiterführung der traditionellen Agrarlandschaft Wie sich unter anderem auch anhand der Landschaftsdarstellungen der Grötzinger Malerkolonie ablesen lässt, ändern sich Ausdehnungen und Topografien der landwirtschaftlichen Nutzungsflächen im Laufe der Zeit. Längst sind Erscheinungen wie die Dorfwiese, der Gemeindeacker oder der Apothekergarten ihrer ursprünglichen Funktion entbunden. Ihr Erhalt oder ihre Wiederbelebung hält Geschichte lebendig und kann sich in zweifacher Weise positiv auf die Stadtteilattraktivität auswirken. Zum einen stärkt es den Naherholungsraum, zum zweiten erhält Grötzingen einen Zuwachs an ausgewiesenen, stadtgeschichtlich aufgearbeiteten Kulturstätten. Verschiedene Akteure und Vereine sind an dieser Stelle in Grötzingen bereits aktiv. So beispielsweise die Heimatfreunde Grötzingen, das Umweltamt, die Neue Allmende, die NaturFreunde Grötzingen, das Staatsweingut Karlsruhe, das Grötzinger Wiesen- und Bienenprojekt, die Grötzinger Streuobstpflegeinitiative und andere. Auch in den Nachbargemeinden widmen sich viele Aktive dem Kulturlandschaftserhalt, wie die solidarische Landwirtschaftskooperative Gutes Gemüse in Weingarten oder die kreisweit organisierte Streuobstinitiative e.V. Friedrich Kallmorgens Grötzingen-Gemälde „Zur Erntezeit“ von 1892. Städtische Galerie Karlsruhe. Foto: pr/Heinz Pelz. ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 45 Strategie 2: Erhalt und Sichtbarhaltung der kulturhistorischen Zeugnisstätten Die alten Sandsteinbruchstätten sind ebenso wie die ehemaligen Bunkeranlagen am Knittelberg, die Lösshohlwege, die alte Römerstraße oder die Bertha-Benz-Memorial-Route landschaftlich eingebettete Kulturdenkmale, die ohne Pflege und ohne Hinweistafeln ihre Zeugniskraft verlieren und von der umgebenden Pflanzenwelt verschluckt würden. Interesse an der öffentlichen Freilegung hätte Grötzingen beispielsweise auch an den bei Grabungen am staufischen Durlacher Turmbergturm gefundenen ehemaligen Fundamenten eines noch 200 Jahre älteren Turmes - Überreste des „castrum Gretzingen", der Burg von Grötzingen. 56 Anhand der Beispiele wirddeutlich, dass Kulturlandschaftspflege eine Zusammenarbeit von Natur- und Landschaftsschutz mit dem Denkmalschutz erfordert und in manchen Fällen auch Interessensabwägungen zwischen beiden Feldern erforderlich werden. Reste der ehemaligen Flakstellung auf dem GrötzingerKnittelberg. Wasserbunker. Denkmalschutzobjekt. Foto: Creative-Commons-Lizenz | Beate Paland, 2010 Strategie 3: Bewusstsein für den Wert der Kulturlandschaft wecken und stärken Zum 1000-jährigen Jubiläum des Stadtteils wurde 1991 der "Historische Rundgang" konzipiert und 2012 überar- beitet. Dort wird auf 38 Tafeln über die Geschichte Grötzingens aufgeklärt, unter anderem mit Bildern der dort ehemals ansässigen Malerkolonie. Daneben existieren zahlreiche Wanderwege in und um Grötzingen. So auch der Natura 2000 Trail Pfinzgau-West. Diese werdenüberwiegend von den Heimatfreunden Grötzingen ausgewiesen und gepflegt. Anhand von Informationstafeln auf diesen Strecken werden schon heute viele Hinweise zur kulturgeschichtlichen Nutzung und Wandlung der umliegenden Kulturlandschaft gegeben. Dies soll zukünftig weiter ausgebaut werden. Außerdem wurden von der „Arbeitsgruppe Kulturlandschaft“ weitere Wanderwege in Zusammenarbeit mit dem Umweltamt angeregt, die in einem Führer sowie dem „Karlsruher Naturkompass“ 57 zusammengefasst werden. Es gilt im Weiteren zu überlegen, wie diese Kulturlandschaftsrouten als geschichtsvermittelnde Kulturangebote beworben werden können. Angedachte Formate sind Workshops, Vorträge und Themenwanderungen, die gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten, Handwerkerinnen und Handwerkern, Umweltschützerinnen und Umweltschützern sowie Historikerinnen und Historikern gestaltet werden können. Denkbar ist auch ein jährliches Kulturlandschafts-Barcamp mit regionalem Bezug. Der „Arbeitskreis Kulturlandschaft“ hat sich hier als Initiator, Ideengeber, Organisator und Veranstalter angeboten. Die bereits bestehenden „Grötzinger Naturbegegnungen“ könnten in diesem neuen Format aufgehen oder erweitert werden. Strategie 4: Zusammenarbeit und politische Einflussnahme „Arbeitskreis Kulturlandschaft“ In Zusammenarbeit von behördlichen Stellen mit dem Ortschaftsrat und freien Initiativen gilt es, die Grötzinger Kulturlandschaft zu erhalten. Mit der im Rahmen der Stadtteilkulturkonzeption erfolgten Gründung des „Arbeitskreises Kulturlandschaft“ ist bereits ein solcher interdisziplinärer Zusammenschluss erfolgt. Es wäre wünschenswert, wenn dieses Gremium zukünftig auch bei städtischen Flächenvergabeverfahren rund um Grötzingen angehört würde. 56Vgl. https://www.karlsruhe-tourismus.de/erleben/durlach/turmberg 57http://www.karlsruher-naturkompass.de (Sucheingabe: Groetzingen) 46 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 KULTURELLES ERBE: BRAUCHTUM „Seit Jahrhunderten gehören Rituale und Brauchtum zum wichtigen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Sie sind Spiegelbild der jeweiligen Kultur eines Volkes, das diese Bräuche hervorgebracht, geformt und weitergetragen hat. Der Lauf der Gestirne strukturierte das Jahr und der Mensch integrierte sich in dieses rhythmische Geschehen mit jahreszeitlichem Brauchtum und religiös ausgerichteten Festen. Durch ihre ständige Wiederkehr sind diese Anlässe im Jahreskreislauf verankert und wachsen schließlich zu vertrauten Traditionen heran, vom Dreikönigsingen über das Maibaumsetzen oder den Martinsritt bis zu den Silvesterböllern. Gelebtes Brauchtum verbindet, es vermittelt ein Gefühl von Verwurzelung, Sicherheit und Geborgenheit.“ 58 Gleichzeitig sind Brauchtumshandlungen oft aus Kulturfusionen und Wanderungsbewegungen entstanden. Durch die Beibehaltung von Bräuchen, Traditionen und rituellen Handlungen bewahren sich Menschen ein Stück Heimat auch in der Fremde. Neu kontextualisiert, verändern sich ihre Traditionen unter dem Einfluss der neuen Umgebung und werden über die Zeit Teil der lokalen Brauchtumskultur. So ist beispielsweise das gemeinsam mit Gästen anderer Religionsgemeinschaften begangene muslimische Fastenbrechen vielerorts in Deutschland bereits fester Bestandteil des offiziellen Jahresfestkalenders. 59 . Besonders eindrückliches Brauchtum wird auch gerne importiert, wie die seit 1968 in Grötzingen stattfindende Fastnacht, die als ein Mix ausvielerorts entlehnten Ritualen gefeiert wird. Heute ist sie das beliebteste Brauchtumsfest am Ort. Brauchtum ist also eine erweiterungsfähige Alltags- und Handlungskultur, ein dynamisches kulturelles Erbe, wenngleich der Begriff im breiten Verständnis eher konservativ und undynamisch ist. Die 1968 gegründete Hottscheck-Narrenzunft aus Grötzingen. Foto: Titus Tamm Herausforderung 1: Anerkennung der Vielfalt als eigener Wert Brauchtum ist für viele Menschen aufs Engste mit den Begriffen Tradition, Heimatpflege und lokale Identität verbunden. Daher stoßen „fremde“ Bräuche, wenn sie im eigenen Lebensumfeld praktiziert werden, häufig auf große Skepsis und starke Ressentiments. Gerade in diesem abweichenden, teils als unpassend empfundenen Alltagsverhalten erhält der Begriff des „Fremden“ seine emotionale Ausstattung. Das muss nicht notwendigerweise eine Divergenz zwischen verschiedenen nationalen Abstammungen sein. Auch aus dem deutschen Kulturkreis wurden zahlreiche regionale oder auch subkulturell geprägte Bräuche in den Stadtteil importiert, die nicht für alle Teile der Ortsgemeinschaft verständlich und nachvollziehbar sind. Es ist eine der großen kulturpolitischen Herausforderungen, diese Vielfalt als eigenen Wert zu etablieren und Berührungspunkte zwischen den verschiedenen Gruppen zu initiieren. An die Stelle von Fremdheit soll ein multiples Bild von Heimat treten. 58Susanne Kiefer, Direktorin Augustinum Freiburg Einleitung im Flyer zur Veranstaltungsreihe „Von Ritualen Brauchtum Tradition“ 2016. Z. 1 ff 59Beispielsweise die Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin haben das Fest mit christlichen Feiertagen gleichgestellt und in ihr Feiertagsgesetz aufgenommen. Muslimische Schulkinder sind an diesen Tagen vom Unterricht befreit. Vgl. dazu Molthagen Dietmar/ Friedrich-Ebert-Stiftung, 2015 (Hg.), Arbeitspapier Religion und Politik 1, „Die Rechtliche Anerkennung des Islam in Deutschland“. ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 47 Afghanisches Sithar- und Tabla-Spiel. Anerkennungsfest, Mabrouk e.V. Juni 2017. Foto: Pepper Strategie 1: Zusammenarbeit von Brauchtumsgruppen stärken Heimatvereine, Brauchtumsgruppen, Zünfte, Religionsvereine, Migrantenverbände – diese Gruppen eint das Interesse ihrer Mitglieder an Fragen nach Heimat und Zugehörigkeit sowie der Wunsch, das immaterielle Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren. An dieser gemeinsamen Schnittstelle können Zusammenarbeit und inhaltlicher Austausch von brauchtumspflegenden Gruppen ansetzen. Sollte ein offener Dialog und ein tiefergehendes gegenseitiges inhaltliches Verständnis unter den verschiedenen heimatorientierten Gruppen einsetzen, wäre einer wichtiger Schritt zum Abbau von Vorurteilen und Ängsten erreicht. Ein solcher Dialog wäre auch eine wichtige Stütze für die gesellschaftliche Öffnung und Integrationsarbeit 60 vor Ort. Der Ortschaftsrat will diesen Austausch gezielt anregen und unterstützen. Strategie 2: Aktivitäten der Brauchtumsgruppen öffentlich abbilden Um die Aktivitäten, Beweggründe und Anliegen der am Ort aktiven brauchtumspflegenden Gruppen breit vermitteln zu können, bedarf es geeigneter öffentlicher Plattformen. Neben Eigenwerbung können differenzierte Darstellungen in der lokalen Presse, Porträts anderer ansässiger Gruppen in Vereinsblättern, eine offizielle und sinnvoll verlinkte Onlineliste der brauchtumsaktiven Gruppen oder auch gemeinsame öffentliche Veranstaltungen zu einem besseren öffentlichen Verständnis für die vielfältigen Formen von Traditionspflege im Stadtteil beitragen. Herausforderung 2: Brauchtumspflege unterstützen Brauchtumspflege kann anders als Kulturgüterpflege nicht institutionalisiert von staatlichen Stellen unternommen werden. Brauchtum wird durch den Vollzug ritualisierter Handlungen im Alltag gepflegt und etabliert. Daran beteiligt sind Privathaushalte, Handwerksbetriebe, folkloristische und religiöse Gruppen, (Heimat)Vereine, Zünfte, Universitäten, Kindergruppen und Jugendcliquen sowie Sportvereine und Rettungsdienste. Brauchtum ist ständig im Wandel und integriert andere Bräuche und Handlungsweisen. Die Aufgabe der Kulturpflege ist es, die Möglichkeit zur aktiven Brauchtumspflege für alle im Ort ansässigen Gruppen zu sichern und aktuelle und frühere Formen der Brauchtumspflege zu dokumentieren und zu vermitteln. Strategie 1: Vermittlung alter Traditionen und Rituale Gleichgültig ob es darum geht, um Verständnis für die Brauchtumspflege allgemein zu werben oder darum, ein tieferes Verständnis für überliefertes Brauchtum zu erreichen: die Brauchtumspflege muss sich inhaltlich nach innen und außen vermitteln. Die örtliche Kulturpolitik kann die Gruppen vor allem in der Vermittlung nach außen unterstützen: Sie kann öffentliche Plattformen des Austauschs schaffen, sie bei der Vernetzung und professionellen Außendarstellung, zum Beispiel durch eine Stadtteilkulturstelle 61 , beratend unterstützen und sie kann diese Gruppen in lokale Entscheidungen und den Stadtteilentwicklungsprozess einbinden. Daneben ist es aber auch Aufgabe des Stadtmuseums und des Pfinzgaumuseums, über Erscheinungsformen, Wandlungen und Kontexte überlieferten Brauchtums aufzuklären. Dies kann für Grötzingen im Pfinzgaumuseum, aber auch vor Ort im Stadtteil geschehen. Die Einbindung lokaler Gruppen bei Grötzingen-spezifischen Themen ist dem Stadtteil dabei ein Anliegen. 60Vgl. S. 61 ff „Handlungsfeld 3: Kulturelle Bildung und gesellschaftliche Öffnung“ 61Vgl. S. 28 „Übergeordnete Herausforderung 4: Kommunikationsstrategien anpassen. Teilstrategie 4: Optimierung und Koordination der verschiedenen Kommunikationskanäle und Marketingebenen/ Mögliche Maßnahmen“ 48 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Strategie 2: Dokumentation des aktiven Brauchtums Neben den beiden genannten Museen und dem Stadtarchiv dokumentieren insbesondere die lokalen Heimatvereine das örtliche Brauchtum. Der Museumsbund Nordschwarzwald unterstützt diese dabei ehrenamtlich bei Forschung und Archivierung. Die Heimatfreunde Grötzingen legen ihren Fokus auf das geschichtlich überlieferte, alteingesessene lokale Brauchtum. Es ist nötig, dass stadtteilbezogen der Blick auf gelebtes Brauchtums anderer sozialer Gruppen geweitet wird. Hierzu zählen Jugendkulturen und subkulturelle Szenen ebenso wie migrantische Personenkreise. Zukünftige Forschung zum Kulturwandel und zur Brauchtumsmigration kann nur auf Basis einer die Gesamtbevölkerung abdeckenden Dokumentationspolitik erfolgen. Sonnwendfeier der Naturfreunde Grötzingen e.V., 2015. Foto: NaturFreunde Grötzingen Strategie 3: Hemmnisse der Brauchtumspflege abbauen Jahresfeste, Familienfeiern, kirchliche Traditionsfeste, Folklore, Umgangsformen, Alltagsrituale, Gruppenrituale, Familienrituale, jahres- und tageszeitliche Strukturen, Wohnformen, Mundart, Slang, Musikstile, Tanzstile, Kleidung, Ernährungsformen und Gesundheitspflege: All diese Formen von Brauchtum werden im Privaten geprägt und gepflegt. Dort, wo die Ausübung der Tradition das Private verlässt und in großer Gemeinschaft gelebt wird, sieht sie sich einer steigenden Vielzahl von Sicherheitsauflagen und Hygienstandards sowie Genehmigungsgebühren gegenüber. Dies wird aus Stadtteilperspektive als kontraproduktiv für die Bemühungen um kulturellen Austausch, ein verwirklichtes „Recht auf Kultur“ und ein lebendiges Quartierleben gesehen, wie bereits auf Seite 30 ausgeführt wurde. 62 Ortsvorsteherin Karen Eßrich beim traditionellen Motto-Fassanstich der Grötzinger Kulturmeile 2015. Foto: Privatarchiv Auf der anderen Seite der Brauchtumspflege stehen die öffentlichen Archive und Institutionen, die begleitet, ergänzt und unterstützt von privaten Initiativen, die Erinnerungskultur rund um das lokale Brauchtum aufrecht 62Vgl. S. 30 ff „Übergeordnete Herausforderung 6: Steigenden Aufwand und Kostensteigerung abfangen.“ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 49 erhalten. Die Archivierung und Erforschung von Brauchtum in Laienhand bringt allerdings oft das Problem des Quellenverlustes und der Legendenbildung mit sich. Andererseits stellt die gezielte Nutzung solcher Ressourcen, unter dem Titel „Crowdsourcing“, in der Wissenschaft einen längst offiziell anerkannten Weg der Kulturforschung dar. Grötzingen strebt daher eine enge und professionell strukturierte Vernetzung der wissenschaftlichen Abteilungen des Kulturamts mit der Arbeit des hiesigen Heimatvereins, engagierten Privatleuten und dem Verband Kultur- und Museenlandschaft Nordschwarzwald, als Dachorganisation der umliegenden Heimatmuseen, an. 50 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 51 HANDLUNGSFELD 2 – STADTTEIL: RAUM FÜR KULTUR Wie bereits auf Seite 31 unter dem identifizierten „Trend: Wachstum, Stadtteilentwicklungsprozess und Sanierungsstau“ als „Übergeordnete Herausforderung 7“ identifiziert, ist die Sicherung von Räumen für Kultur und Begegnung eine zentrale Fragestellung an der Schnittstelle zwischen Sozial- und Kulturpolitik. Der Stadtteil selbst ist als Sozialraum zu verstehen, in dem Kultur verhandelt und gelebt wird. Dies illustrierten auch die vorausgehenden Ausführungen zum Handlungsfeld „Kulturelles Erbe: Brauchtum“. Einen wichtigen Beitrag bei der Hinterfragung von Kultur und Gesellschaft leisten die Gegenwartskünstlerinnen und –künstler sowie zahlreiche Kulturveranstalterinnen und -veranstalter vor Ort. Neben Unterhaltung bieten diese die Möglichkeit, anhand zeitgenössischer Produktionen oder Inszenierungen die gegenwärtigen Verhältnisse kritisch zu reflektieren. Durch die Begegnung und Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst im Stadtteil kann sich die Stadtteilgesellschaft formen und weiterentwickeln. Grötzingen ist seit dem 19. Jahrhundert ein Ort, an dem sich Kunstschaffende heimisch fühlen, an den sie sich zum Arbeiten zurückziehen und an dem sie ihr Schaffen außerhalb institutioneller Räume präsentieren. In der Bevölkerung herrscht ein reges Interesse am Wirken der hiesigen Kunstschaffenden. Es ist zudem ein besonderes Merkmal des Stadtteils, wie stark sich ansässige Kunstschaffende, über ihre eigenen Interessen hinaus, für den Stadtteil und das Stadtteilkulturleben engagieren. Diese Präsenz und dieses Engagement der Kulturschaffenden ist es, was Grötzingen zu einem der prägnantesten Karlsruher Kulturstadtteile macht und was ihm unter dem immer dominanten Eindruck der Malerszene den Ortstitel „Malerdorf Grötzingen“ einbrachte. Für die Zukunft ist also die Frage zu stellen, wie sich Grötzingen langfristig als attraktiver Wirkungsort für Kunst- und Kulturschaffende aufstellen kann. Hierfür soll im Folgenden zwischen den bildnerischen Sparten auf der einen Seite und jenen Kunstproduktionen, welche in Form von Bühnenauftritten, also personal gekoppelt, in die Öffentlichkeit gelangen, unterschieden werden. Auftritt der Formation Chupchik auf dem Hengstplatz bei Benjamin Bigot Maßschuhe 2017. Foto: Titus Tamm STADTTEIL – RAUM FÜR KULTUR: BILDENDE KUNST Ohne Frage ist es gerade die Bildende Kunst, die in der öffentlichen Wahrnehmung mit dem Kulturstadtteil Grötzingen in Verbindung gebracht wird. Die Landschaftsmalklassen der Großherzoglich Badischen Kunstakademie suchten das idyllische Dorf gegen Ende des 19. Jahrhunderts gerne für Studien auf und so ließ sich in der Folge 1889 auch Friedrich Kallmorgen mit seiner Frau, der Malerin Margarethe Hormuth-Kallmorgen, hier nieder. Wenig später kaufte das Künstlerehepaar Otto und Jenny Fikentscher das Schloss Augustenburg. Ihre Karlsruher Malerkollegen Gustav Kampmann, Franz Hein und Karl Biese schlossen sich mit ihren Familien an. Immer im künstlerischen Austausch mit der nahegelegenen badischen Residenz, gehörten die Grötzinger zu den Gründungsmitgliedern des 1896 entstandenen sezessionistischen "Karlsruher Künstlerbundes". Karlsruhe verdankt seine Mitgliedschaft bei euroArt und damit eine internationale Aufmerksamkeit als eine der wenigen ehemaligen europäischen Künstlerkolonie-Orte diesem Zusammenschluss, der sich um 1905 wieder aufgelöst hatte. Bis heute leben Nachfahren der damaligen Malerkoloniemitglieder am Ort. Nach 1918 wurde Grötzingen erneut eine beliebte Wohn- und Wirkstätte für bildende Künstlerinnen und Künstler, von denen einige, insbesondere Georg Scholz (1890-1945), überregionale oder internationale Anerkennung erfuhren. Auch in jüngerer Vergangenheit zog es viele Kunstschaffende in den spät eingemeindeten Stadtteil. Heute verfügt Grötzingen über eine sehr vielfältige, unabhängig voneinander arbeitende Kunstszene, die sich in regelmäßigen Abständen, ausschnitthaft, bei den „Offenen Ateliers“ präsentiert. Aber auch in den lokalen und überregionalen Künstlervereinigungen wie 52 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 GEDOK-Künstlerinnenforum, Bezirksverband Bildender Künstlerinnen und Künstler e.V., sowie im Künstlerbund Baden-Württemberg sind viele der hiesigen Kunstschaffenden aktiv und gestalten somit das Karlsruher Kunstgeschehen wesentlich mit. Bei Ausstellungen und mit Lehraufträgen im In- und Ausland repräsentieren sie Karlsruhe und den Stadtteil Grötzingen. Es stellt sich also die Frage, wie dieses prestigeträchtige Potential langfristig gehalten werden kann und wie das zeitgenössische Kunstgeschehen in Relation zum historischen Kunstgeschehen zu positionieren ist. Herausforderung 1: Eine vitale zeitgenössische Kunstszene am Ort halten Unterstützt und befördert wird die Ansiedlung und Präsentation von Kunstschaffenden am Ort vom Freundeskreis Badisches Malerdorf e.V.. Auf dessen Initiative geht auch die Einrichtung von zwei Förderatelierwohnungen für Studierende der Kunstakademie Karlsruhe im Gebäude „N6“ zurück. Der Freundeskreis Badisches Malerdorf Grötzingen e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, die über hundert Jahre bestehende Tradition des künstlerischen Schaffens in Grötzingen zu fördern und zu beleben. Dies tat er zuletzt durch die Finanzierung von Künstlerpublikationen und die Unterstützung von Ausstellungen vor Ort, wie beispielsweise der 2014 veröffentlichten monografischen Sammlung "Künstlerinnen und Künstler in Grötzingen - die vergangenen 30 Jahre“. Das Gelingen dieser Projekte beruht auf der guten Zusammenarbeit von Ortschaft und Verein. Im Rahmen der Stadtteilkulturkonzeption hat der Ortschaftsrat nun gemeinsam mit Vereinsvertreterinnen und Kunstschaffenden ein nachhaltiges Kunstprofil für den Stadtteil entwickelt, nach dem er seine Förderpolitik ausrichten will. Strategie 1: Geeignete Arbeitsräume als Atelier- / und Projekträume verfügbar halten Kunstschaffende haben spezielle Raumbedürfnisse. So ist es entscheidend, dass ihren Arbeitstechniken entsprechende technische Anlagen eingebaut werden können, geeignete Lagerräume vorhanden sind und sich die umliegenden Anrainer nicht durch die oft ungewöhnlichen Arbeitszeiten, Lärm und Geruch gestört fühlen. In erster Linie dürften jedoch die Raumkosten von entscheidender Bedeutung für Kunstschaffende sein. Ehemalige Industrie- und Verwaltungsgebäude, Gewerberäume und Ladenlokale sind ideale Atelierräume. Im Zuge der Stadtverdichtung und Stadtteilkonversion werden die Grundstücke wertvoller und geeignete günstige Atelierräume rar. Die Stadtteilpolitik kann hier jedoch durch städtebauliche Maßnahmen, Sympathiewerbung und Vermittlung einiges dazu beitragen, dass geeignete Räume und Kunstschaffende zueinanderfinden, wie bereits unter den „Übergeordneten Herausforderungen 7: Räume für Kultur sichern“ (Seite 31 bis 32) ausgeführt wurde. Die Malerin Brigitte Nowatzke-Kraft in ihrem Grötzinger Atelier. Foto: E. Bär-Pechlof Strategie 2: Präsentationsmöglichkeiten im Stadtteil sichern und verbessern Sowohl die Kunstschaffenden selbst als auch der Ortschaftsrat organisieren turnusmäßige Ausstellungen, bei denen sich die ansässigen Kunstschaffenden einer breiten Öffentlichkeit präsentieren können. Dabei wurde immer deutlich zwischen Freizeit- und Hobbykünstlerinnen und -künstlern („Grötzinger Malerdorfmaler“, „Hobbyausstellung“, „Grötzinger Fotoausstellung“) und Berufskünstlerinnen und -künstlern („Offene Ateliers“, "Grötzinger Maler" „Kunst im Rathaus“) unterschieden. Mit Ausnahme der „Offenen Ateliers“ finden Grötzinger Ausstellungen in der Begegnungsstätte statt, ein Raum, der für Ausstellungen von Berufskünstlerinnen und -künstlern nur bedingt geeignet und wenig attraktiv ist. Kaum attraktiver ist der Sitzungsraum im Grötzinger Rathaus II, in dem die Reihe „Kunst im Rathaus“ gezeigt wird. Das "Kunst-und Kulturhaus N 6" ist als Kunst- und Kulturzentrum konzipiert, dient aber bis 2019 als Übergangsstätte für die Stadtteilbibliothek. Neben dem Farrenstallgebäude wird es als bevorzugter zukünftiger Raum für künstlerische Präsentationen gesehen. Um für Kunstschaffende aller künstlerischer Arbeitsweisen attraktiv zu werden, braucht Grötzingen einen Ausstellungsraum, der sowohl größere Skulpturen, schwerere Wandobjekte, Installationen und Multimediakunst ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 53 neben den etablierten „Wandbildern“ zeigen kann. Ein erster Anforderungskatalog hierfür wurde im Rahmen der Kulturkonzeption erstellt und an das Stadtplanungsamt weitergereicht. Daneben ist auch die Projektraumförderung der Stadt Karlsruhe ein wichtiges Instrument um Kulturschaffenden die Einrichtung eigenverwalteter Präsentationsräume, sogenannte „Off Spaces“, zu erleichtern. Fotoausstellung des FMK in der Begegnungsstätte 2013/14. Foto: Titus Tamm Auch der öffentliche Raum bietet Platz für die Präsentation von bildender Kunst. Im Rahmen der Stadteilentwicklung und der Erstellung eines Raumkonzepts soll näher untersucht werden, welche Plätze und Orte als temporär zu bespielende „Kunsträume“ definiert werden können. Bei der dauerhaften Präsentation von Kunst im öffentlichen Raum sind seit 1984 die Richtlinien für die Beteiligung bildender Künstlerinnen und Künstler an Bauvorhaben und an der Gestaltung des öffentlichen Raumes, in der Fassung von 2008 63, sowie das Karlsruher Leitbild für Kunst im öffentlichen Raum zu beachten. 64 Die Entscheidung ist den oberen städtischen Gremien auf Empfehlung der Karlsruher Kunstkommission als Fachkommission zu überlassen. Der Ortschaftsrat ist bestrebt, sein bestehendes Recht auf Einbindung und Anhörung dauerhaft zu erhalten und beruft sich dabei auf die im Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK) formulierte Stärkung der Stadtteile durch stärkere Bürgerbeteiligung und individuelle Profilbildung. 65 Die aktuelle Regelung der Zusammenarbeit von Ortschaftsrat und den städtischen Gremien wird im Kapitel „Kulturverwaltung im Stadtteil – Einen Blick auf die Zuständigkeiten in Sachen Kultur“ 66 dargestellt. Guntram Prochaska. „Europa im Fluss“ T-Installation 13, 1999-2000. 165 Meter langes Floß mit Bühnentechnik. Rheinarmbecken. Foto: Andrea Fabry Strategie 3: Kunstszene durch Beratung, Förderung, Bündelung und Zugewandtheit stärken Grötzingens Kunstszene hat sich durch zahlreiche Initiativen wie die „Offenen Ateliers“ oder durch Kooperationen, beispielsweise mit der Karlsruher Volkshochschule, eine sehr gute gesamtstädtische Aufmerksamkeit erarbeitet. 63Abrufbar unter: https://www.karlsruhe.de/b1/kultur/kulturfoerderung/foerderrichtlinien 64Siehe Das Kulturkonzept der Stadt Karlsruhe, S. 108 65Vgl. „Karlsruhe 2020 – Integriertes Stadtentwicklungskonzept ISEK“ Stadt Karlsruhe (Hg.), 2012. S. 12 ff 66 S. 83 ff 54 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Dabei spielt insbesondere die Zusammenarbeit mit Initiativen aus anderen Stadtteilen wie dem benachbarten, ebenfalls selbst verwalteten Stadtteil Durlach eine wichtige Rolle, um einen Aufmerksamkeitszuwachs zu bewirken. Grötzingens Stadtteilimage profitiert von dem hohen Engagement und dem zweckgebundenen Zusammenschluss der Kunstschaffenden vor Ort. Durch die Bereitstellung von Ausstellungsfläche, Unterstützung bei der Raumsuche und der Beantragung von Fördergeldern, sowie bei der Öffentlichkeitsarbeit versucht der Ortschaftsrat die Kunstschaffenden im Rahmen seiner Möglichkeiten und Befugnisse so gut wie möglich zu unterstützen. So sollen auch weiterhin Kunstschaffende in den Stadtteilentwicklungsprozess eingebunden werden. Sie sollen bei lokalen Vergabeverfahren berücksichtigt, und als Beratende bei stadtteilbezogenen Kunstfragen hinzugezogen werden. Außerdem setzt sich der Ortschaftsrat dafür ein, dass die Kunstschaffenden wie die gesamte Grötzinger Kulturszene künftig von einer besseren Bündelung und Außendarstellung der Stadtteilkultur profitieren können. Das zentrale Anliegen, hierfür eine Stadtteilkulturstelle zu schaffen, wurde bereits mehrfach aufgeführt. 67 Als weiteres Förderinstrument wurde außerdem ein spartenübergreifendes Kulturstipendium vorgeschlagen, das neben der Kulturszene auch die Stadtteilidentität stärken soll. 68 Strategie 4: Künstlerischen Austausch vor Ort fördern Das aktuelle zeitgenössische Kunstgeschehen im Stadtteil wurde besonders Ende der 1970er Jahre angeschoben. Auf Anregung des Bürgermeisters Herbert Schweizer und auf Einladung der Ortsverwaltung stellten 1982 erstmals sechs Grötzinger Malerinnen und Maler in der Aula der damaligen Grund- und Hauptschule Grötzingen aus. Bis 2013 erfolgte seitdem alle zwei Jahre eine jurierte Grötzinger Kunstausstellung. Mit dem Format „Offene Ateliers“ haben Grötzinger Kunstschaffende sich seit 2012 eine gute lokale Aufmerksamkeit geschaffen, bei der sich zudem zuverlässig Verkaufsgespräche anbahnen. Durch diese Aktivitäten wird auch der inhaltliche Austausch unter den Kunstschaffenden befördert. Mit der Einladung von Gastkünstlerinnen und –künstlern sowie der Erweiterung um immer wieder neue Ateliers werden der künstlerische Austausch angeregt und frische künstlerische Impulse in den Stadtteil gesetzt. Besonders wichtig erscheint es, dass durch junge Positionen aus dem Umfeld der Kunstakademie oder von außerhalb, neue, andersartige Positionen die ortsständige Kunstszene ergänzen. Die Förderateliervergabe in Kooperation mit der Kunstakademie Karlsruhe ist eine der erhaltenswerten bestehenden Maßnahmen des Ortschaftsrates. Desweiteren sollen durch die zukünftige Einrichtung von Kunst-/ Seminar- und Residenzräumen weitere Kunstschaffende oder auswärtige Seminarteilnehmende nach Grötzingen eingeladen werden können. Gerade im Zuge des euroArt-Austauschs, den Grötzingen für Karlsruhe betreut, sind solche Räume unerlässlich. Um Grötzingen nachhaltig als Künstlerwohnort, aber auch für auswärtige Kunstinteressierte attraktiv zu halten, ist ein dynamischer Kulturaustausch vor Ort unerlässlich. Herausforderung 2: Positionierung der Gegenwartskunst zum historischen „Malerdorf“ Image Desirée Eppele (N6-Förderatelier-Residency 2015 - 2018), „The Sanctuary Of Motherboard“, 2016. Installation mit Sprayfarben auf PE-Folie und Swimming Pool. Foto: Andreas Eppele Schon im Eingangsteil wurde darauf hingewiesen, welche Herausforderungen sich für den Stadtteil durch die bestehende Eigenvermarktung als „Malerdorf“ ergeben. Zum einen steht mit der historischen Erzählung, Gründungs- und Wirkstätte einer der zeittypischen Malerkolonie-Erscheinungen der Jahrhundertwende gewesen zu sein, eine prestigeträchtige Legende zur Verfügung, die vor Ort Repräsentation beansprucht. Zum anderen kann nach 1903 keine gemeinsame künstlerische Zielsetzung oder Gruppenidentität unter den hier tätigen Kunstschaffenden ausgemacht werden. Längst richtet sich die bildende Kunst vor Ort auch nicht mehr allein auf 67Vgl. „Übergeordnete Herausforderung 4: Kommunikationsstrategien anpassen. Teilstrategie 4: Optimierung und Koordination der verschiedenen Kommunikationskanäle und Marketingebenen“ S. 28 68Siehe „Teilstrategie 5: Stadtteilprofilschärfung“ S. 28, sowie „Grötzinger Kulturförderprogramme auf Bühnensparten ausweiten“ S. 58 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 55 die Malerei und Grafik, noch kann von einem generellen Interesse an der Landschaftsdarstellung die Rede sein. Grötzingen erweist seinen Gegenwartskünstlerinnen und -künstlern und seiner Entwicklungsfähigkeit als Künstlerstadtteil also einen guten Dienst, wenn zwischen historischer Kunstproduktion und dem zeitgenössischem Kunstbetrieb unterschieden wird. Einer falschen Legendenbildung mit der Behauptung eines Fortbestands der Malerkolonie in Grötzingen ist entschieden entgegenzuwirken. Die künftige strategische Ausrichtung soll in Bezug auf die Künstlerförderung eine Mischung aus klarer Abgrenzung zur ehemaligen Malerkolonie und einer spezifischen profilbildenden Förderung seither fortbestehender künstlerischer Strategien beinhalten. Strategie 1: Klare Abgrenzung von Kunstgeschichte und Gegenwartskunst Der immer wieder heraufbeschworenen These von einem Fortbestand der Malerkolonie soll vor allem dadurch begegnet werden, dass die Grötzinger Kunstausstellungen sich Präsentationsformate jenseits der (Stell-)wand erobern und sämtliche künstlerische Techniken gleichwertig neben der Malerei in Erscheinung treten. 69 Dies erfordert die Schaffung geeigneter Präsentationsräume und die vielfältige Eroberung des Stadt(teil)raums durch die Kunst. Strategie 2: Zeitgenössische Wiederbelebung der historischen Verbindungen zu Karlsruher Kunsthochschulen und Künstlerverbänden Im Gedächtnis an die Gründungsvorraussetzungen für die Grötzinger Malerkolonie will der Stadtteil im Gegenzug den Austausch mit und die Verbindung zu den Karlsruher Kunsthochschulen weiter stärken. Auch zu den Karlsruher Künstlervereinigungen und dem Künstlerbund Baden-Württemberg soll eine stärkere, im Stadtteil besser sichtbare Verbindung aufgebaut werden; geht doch die Gründung des ersten sezessionistischen Karlsruher Künstlerbundes (1896 bis 1933) im Wesentlichen auf die Grötzinger Malerkolonie zurück. "Grötzinger Malerinnen und Maler – die vergangenen 30 Jahre" Jubiläumsausstellung zu „125 Jahre Malerkolonie Grötzingen“, Galerie des BBK Künstlerhaus, 2014. Foto: Dr. No Strategie 3: Fokusthemensetzung auf die Verbindung von Kunst und Natur Ein weiterer, beispielsweise durch Seminare, Residenzprogramme und Workshops zu stärkender Aspekt, soll die vielfältige Verbindung von Kunst und Natur sein. Diese Verbindung wird zeitgleich auch im Bereich Kreativwirtschaft und Handwerk aufgemacht und soll den kulturhistorischen Blick auf die umliegende Kulturlandschaft stärken. 70 Es wird aber nicht angestrebt, dass Werke einer solchen Ausrichtung bevorzugt behandelt werden, noch soll hier eine inhaltliche Einflussnahme auf die künstlerische Produktion im Stadtteil erfolgen. Strategie 4: Die Bildende Kunst ins Zentrum des Stadtteilkulturprofils setzen Die bildende Kunst ist und bleibt das zentrale Zugpferd des Stadtteilkulturprofils. Die Historie begründet das bis heute währende große Interesse des Stadtteilpublikums an bildender Kunst. An dieser Gewichtung wird für die kommenden Jahre festgehalten. 69Vgl. S. 52 „Strategie 2: Präsentationsmöglichkeiten im Stadtteil sichern und verbessern“ 70Vgl. S. 45 „Strategie 3: Bewusstsein für den Wert der Kulturlandschaft wecken und stärken“, S. 71 „Handlungsfeld 4: Stärkung der Verbindung von Kunst, Handwerk und Natur“ 56 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 „Der Grötzinger Hirsch“, Logoentwicklung des Künstlers und Kulturveranstalters Guntram Prochaska für die Grötzinger Kulturmeile. Foto: G. Prochaska STADTTEIL – RAUM FÜR KULTUR: BÜHNE Neben der bildenden Kunst sind in Grötzingen zahlreiche weitere Kunstsparten präsent und beleben den Stadtteil. Besonders herausragend unter den hiesigen Bühnenevents sind die Aufführungen des Neuen Hoftheaters und die Grötzinger Musiktage, das Quetschkommodenfest der 1958 gegründeten Akkordeonfreunde und – im Zusammenschluss mit den bildenden Künsten – die Grötzinger Kulturmeile. Vom Schauspiel über Konzerte, Literaturlesungen, Vorträge bis Tanz beteiligen sich ortsansässige und auswärtige Kulturakteure am Grötzinger Kulturleben. Bemerkenswert an der hiesigen Bühnenkultur ist die stimmige ineinandergreifende Mischung aus traditioneller, am Brauchtum verankerter Laienkultur, einer institutionell getragenen Kirchenmusikkultur und einer experimentellen Gegenwartskultur. Involviert sind Literaten, professionell ausgebildete Musikerinnen und Musiker, Schauspielerinnen und Schauspieler, Tänzerinnen und Tänzer, Orchester, Chöre, Theatergruppen, Kirchen, Schule und Kitas, bühnenaktive Vereine, die städtische Volkshochschule neben dem Jugendhaus, der Stadtteilbibliothek und den privaten Tanz- und Musikschulen. Aber auch das Badische Konservatorium oder die Karlsruher Musikhochschule finden in Grötzingen ihre Bühne. Sämtliche Bühnenevents mit Ausnahme einiger Kirchenkonzerte gehen auf Privatinitiative zurück. Öffentliche Plätze, private Geschäfts- und Vereinsräume sowie das Martin-Luther-Haus, N6, die Begegnungsstätte, Schul- und Kirchenräume boten bislang den Rahmen für jegliche Art von Auftritten. Die neue Stadtteilbibliothek wird, wie bisher auch, über keinen eigenen Veranstaltungsraum verfügen. Herausforderung 1: Eine Vitale Bühnenszene langfristig am Ort halten Die Bühnenkultur im Stadtteil hat seit der erstmaligen Ausrichtung der Grötzinger Kulturmeile 2005, der Gründung des Neuen Hoftheaters 2014 und durch die Ausrichtung der Grötzinger Kammerkonzerte seit 2003 sowie der Grötzinger Musiktage seit 2010 wesentlich an Vielfalt, Dynamik und Aufmerksamkeit gewonnen. Das hier vorhandene Potential zu festigen und einen weiteren dynamischen Ausbau zu ermöglichen, ist ein festgeschriebenes Ziel der Grötzinger Stadtteilkulturpolitik. Strategie 1: Offenheit und Selbstbestimmtheit des Bühnenbetriebs bewahren Die Bühnenaktiven in Grötzingen schätzen die persönliche Nähe zu freiwilligen Helfern, politischen Verantwortlichen und zu den Besuchern vor Ort. Auch ist die Veranstaltungsdichte im Stadtteil vergleichsweise gering und es existiert keine Konkurrenz von institutionalisierten Veranstaltern im Stadtteil. Grötzingen ist also eine dankbare, offene, experimentier- und improvisationsfreudige Spielwiese für Amateure wie für Profis. Diese Offenheit und Selbstbestimmtheit des Bühnenbetriebs zu bewahren, erscheint Aktiven wie politisch Verantwortlichen für die kommenden Jahre erstrebenswert. ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 57 Auftritt des international bekannten Grötzinger Jazz-Gitarristen WauWau Adler bei der 6ten Grötzinger Kulturmeile, mit Joel Locher Bass und Bertrand Le Guillou Guitar. Foto: E. Bär-Pechlhof 2013 Strategie 2: Etablierte Bühnenevents erhalten Das Neue Hoftheater, die Akkordeonfreunde Grötzingen mit ihrem Quetschkommodenfest, ihrem Jahreskonzert und ihrer Theatergruppe, die Grötzinger Kulturmeile und nicht zuletzt die Grötzinger Musiktage ebenso wie die Bühnenevents rund um den Grötzinger Narrensprung mobilisieren eine weit über Grötzingen hinausreichende Fangemeinde. Auch privat organisierten Kulturveranstaltungen in Ateliers und Werkstätten der Handwerksbetriebe bringen eine grenzüberschreitende Besucherschaft nach Grötzingen. Lokal ausgerichtete Musikgruppen wie das Grötzinger Zupforchester und die Munteren Mütter haben sich großen innerörtlichen Fanzuspruch erschlossen. Neben dem Image des Künstlerdorfes sind es diese Events, die Grötzingen als lebendigen und Kleinod pflegenden Kulturstadtteil bekannt machen. Die lokale Kulturpolitik ist daher bestrebt, diese bereits etablierten Veranstaltungsformate zu erhalten und politisch weiter zu unterstützen. Die Veranstalter sollen weiterhin in der Ortsverwaltung oder der beantragten Stadtteilkulturstelle einen verlässlichen Ansprechpartner und Mittler bei Genehmigungs- und Gebührenfragen sowie bei Fördergesuchen finden. Strategie 3: Geeignete Probe- und Aufführungsräume verfügbar machen Grötzingens Bühnenkultur wurde nach dem zweiten Weltkrieg nur sehr langsam wieder aufgebaut. Über viele Jahre waren es vor allem (Männer-)Gesangsvereine, Kirchen und Bildungseinrichtungen, die sich mit Aufführungen in das öffentliche Leben einbrachten. Die aktuell großen Zuspruch erfahrenden jungen bühnenaktiven Gruppen haben sich erst in den letzten fünfzehn Jahren gegründet. Somit ist die Frage nach geeigneten Proberäumen, Bühnen- und Lichttechnik im Stadtteil auch ein recht junges Bedürfnis. Mit dem Umbau der Gemeinschaftsschule hat die Kulturszene einen Bühnenraum verloren. Die Begegnungsstätte erfüllt mit ihrer Vielzweckbelegung und ihrem großen Veranstaltungssaal, ebenso wie das Martin-Luther-Haus die Bedürfnisse nur bedingt. Benötigt wird vor Allem für die Ensembles des Neuen Hoftheaters ein fester Proberaum. Zudem fehlt in Grötzingen ein Bühnenraum für kleinere Veranstaltungsgrößen, der akustisch und bühnentechnisch gut ausgestattet ist und sich auch für Tanzveranstaltungen und -vorführungen der hiesigen Tanz- und Musikschulen eignet. Diese Vorstellungen verbinden sich mit der bereits offiziell vorgetragenen Forderung des Ortschaftsrats nach einem Kunst- und Kulturzentrum in Grötzingen. „Konzert in der Kirche - Akkordeon Crossover“, Akkordeonfreunde Grötzingen e.V.. in der Evangelischen Kirche Grötzingen, 2015 Foto:Privat 58 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Strategie 4: Spielräume und Vernetzungsmöglichkeiten für Veranstalter erweitern Mit der Forderung nach einem spartenübergreifenden Kunst- und Kulturzentrum soll den Veranstaltern vor Ort auch die Gewinnung von mehr aktiven Helfern erleichtert werden, die Möglichkeit für Seminare und Weiterbildungen gegeben und die gemeinschaftliche Entwicklung eines ganzjährigen Grötzinger Bühnenprogramms mit Gastbeiträgen ermöglicht werden. Strategie 5: Beratung, Stärkung, Förderung und Informationsbündelung von Bühnenkultur im Stadtteil Mehr noch als die Bildende Kunst ist die Veranstaltungsorganisation im Bereich Bühne auf behördliche Unterstützung, finanzielle Förderung, Beratungen und Hilfestellungen bei Genehmigungsverfahren und Gebührenordnungen angewiesen. Die Grötzinger ARGE als Interessenverband der Grötzinger Vereine und Kulturschaffenden versucht, durch einen internen Wissenstransfer seiner Mitglieder Know-How für Grötzingen zu bündeln und auch eine bessere Außenwahrnehmung zu erreichen. Daneben ist die Grötzinger Lokalpolitik bestrebt, die bereits mehrfach erwähnte und von den Kulturschaffenden erhoffte Stadtteilkulturstelle einzurichten, die Informationen für und rund um die Grötzinger Kultur auch in Richtung Stadtpolitik bündelt und die Außenwahrnehmung der Grötzinger Kultur in ihrer Gesamtheit befördert. Herausforderung 2: Positionierung der Bühnenkultur zum historischen „Malerdorf“ Image Wenngleich sich die Bühnenkultur sicher leichter von dem aufgebauten „Malerdorf“ Image des Stadtteils abgrenzen kann als die bildende Kunst, so wird sie doch in der Außenwahrnehmung ebenfalls vom Sog des damit unterstellten Traditionalismus erfasst und ihre tatsächliche Präsenz im Stadtteil im Vergleich zur bildenden Kunst marginalisiert. Auch wenn die bildende Kunst in der Außendarstellung weiterhin das Zugpferd der Stadtteilkultur bleiben soll, hat sich im Stadtteilkulturleben doch längst eine zeitgemäße Auflösung der Gattungsgrenzen vollzogen und die Bühnenkultur ist der treibende Motor für eine gelebte und teilhabeorientierte Kultur im Stadtteil. Die Bühnenkultur sieht sich nicht herausgefordert, sich von den künstlerischen Positionen der Malerkolonie abzugrenzen, um im richtigen Kontext wahrgenommen zu werden. Der Brückenschlag von historischen Vorlagen zu Gegenwartsinterpretationen gelingt ihr leicht. Insofern haben die bühnenaktiven Vereine und Akteure eine Schlüsselfunktion, um das neue Kulturimage des Stadtteils zu prägen. Szene aus „Geliebte Aphrodite“ Neues Hoftheater Grötzingen, 2015. Foto: Stefan Dinter Strategie 1: Etablierung regional einzigartiger Bühnenevents Um Grötzingen als traditions- und abwechslungsreichen Kulturstadtteil mit einer interessanten Bühnenszene in der Region zu etablieren, muss es die Einzigartigkeit und überregionale Relevanz seiner vorhandenen Bühnenevents noch besser herausarbeiten. Auch die Etablierung ganz neuer Karlsruher Formate im Stadtteil, wie beispielsweise ein überregionales Mundart-Festival oder ein jährliches Kulturlandschafts-Barcamp für die Region könnten vorhandene Kulturanliegen und den Stadtteil Grötzingen als wichtigen Karlsruher Kulturstandort stärken. Strategie 2: Grötzinger Kulturförderprogramme auf Bühnensparten ausweiten Aktuell liegt der Fokus der kulturpolitischen Bemühungen auf der Förderung der bildenden Kunst und der Sicherung und dem Erhalt des kulturellen Erbes im Stadtteil. Dies wird sich aufgrund der gesamtpolitischen Entwicklungen in den kommenden Jahren deutlich in Richtung Vermittlung von Kultur und Ermöglichung ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 59 kultureller Teilhabe verschieben. 71 Die bühnenaktiven Akteure sind im Stadtteil die Ansprechpartner für gesellschaftliche Öffnung und diversitätsorientierte Partizipation. Bühnensparten fördern heißt also, lokale Kulturkompetenzen fördern und kulturelle Teilhabe voranbringen. Wie für die bildende Kunst angedacht, könnte auch bei den Bühnensparten der Kunst-und-Natur-Bezug in Seminar- und Workshopprogrammen einen Schwerpunkt erfahren. Derlei Maßnahmen sind jedoch grundsätzlich abhängig von der Schaffung eines Kunst- und Kulturzentrums mit Gästezimmern und Seminarräumen und von verfügbaren Mitteln. Als Förderinstrument mit historischer Anbindbarkeit wurde außerdem ein spartenübergreifendes Kulturstipendium vorgeschlagen, das die Stadtteilidentität stärken soll. 72 Auftaktveranstaltung 125 Jahre Malerkolonie Grötzingen "Ein Blick auf Grötzingen - poetisch, musikalisch, farbig", 2014. Simone Dietz, Heike Bleckmann, Claus Temps. Foto: Presse- und Informationsamt 71Vgl. S. 61 ff „Handlungsfeld 3: Kulturelle Bildung und gesellschaftliche Öffnung“ 72Siehe „Teilstrategie 5: Stadtteilprofilschärfung“ S. 28 60 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 61 HANDLUNGSFELD 3 – KULTURELLE BILDUNG UND GESELLSCHAFTLICHE ÖFFNUNG Teilhabegerechtigkeit, kulturelle Vielfalt und Bekennen als Säulen eines „Rechts auf Kultur“ lassen sich nur durch die Schaffung von Zugängen zum Stadtteilkulturleben erreichen. Dabei spielt die kulturelle Bildung im Sinne einer Vermittlung von Kulturkompetenzen eine ebenso große Rolle, wie die Einbeziehung bisher ausgeschlossener Personenkreise in das Stadtteilkulturleben, um von hier aus eine gesFamtgesellschaftliche Öffnung zu betreiben. 2014 verabschiedete die Stadt Karlsruhe mit dem Kulturkonzept die Zielsetzungen für das Handlungsfeld kulturelle und gesellschaftliche Bildung und legte ihren Hauptfokus auf die zwei Themengruppen diversitätsbewusstes Audience Development und kulturelle Bildung, als Auftrag zur zielgruppengerechten Wissens- und Erfahrungsvermittlung. „Cultural Mainstreaming“ im Sinne einer umfassenden Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik in der Kulturarbeit wird als eine der möglichen Maßnahmen aufgeführt. 73 Auch auf die Notwendigkeit einer diversitätsbewussten Personalpolitik wird hingewiesen. Der Kulturstadtteil Grötzingen greift den Diversity-Ansatz als übergeordnetes Grundprinzip zur Gesellschaftsbildung durch kulturelle Bildung auf und versucht ihn durch geeignete Maßnahmen nachhaltig im Stadtteil zu verankern. . „Diversity Mask“ George A. Spiva Center for the Arts. Flickr-Creative Commons-Lizenz Kultur als Ausdruck und Verhandlungsmasse einer Gesellschaft bedarf der aktiven Teilnahmemöglichkeit aller Einwohnerinnen und Einwohner als Rezipierende als auch als Produzierende, egal welche Identitätsverständnisse im Einzelnen zugrundeliegen. „Recht auf Kultur“ bedeutet in diesem Sinne nicht, dass einer breiten Bevölkerungsschicht der Zugang zu Stätten und Produktionen der „Dominanzkulturen“ 74 rezipierend ermöglicht wird, sondern meint den breiten Zugang zu solchen Stätten in der Rolle von einflussnehmenden und verändernden Kultursubjekten. 75 Partizipation bedeutet an dieser Stelle also nicht, an Kulturveranstaltungenteilzunehmen, sondern, an der Kultur einer Gesellschaft Anteil zu haben. „Im Umgang mit Verschiedenheit ist es notwendig, eine Anerkennungs- und Wertschätzungskultur zu etablieren, die sich von Defizit-Konzepten und kulturalisierten Wahrnehmungsmustern verabschiedet: Soziokulturelle Einflüsse und Hintergründe, unterschiedliche Biografien und Lebenswelten werden nicht als Abweichung und Störung, sondern als Normalität betrachtet. Das mehrdimensionale Identitätskonzept ist nicht instabil und anders, sondern normal und selbstverständlich.“ 76 73Vgl. Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe, S. 80 „Mögliche Massnahme 2.1 – Cultural Mainstreaming – Erarbeitung eines Handlungskonzepts zur Öffnung der städtischen Kultureinrichtungen und der städtisch geförderten Kulturszene“ 74Vgl. Birgit Rommelspacher: Dominanzkultur, Texte zur Fremdheit und Macht. Berlin 1995 Anm.: Rommelspachers Begriff „Dominanzkulturen“ bezeichnet in etwa das, was andernorts als „Leitkultur“ definiert wird. Der Begriff soll laut Autorin verdeutlichen, wie Ausschluss und Einschluss funktionieren und erklärt, weshalb weniger Zahlenverhältnisse als vielmehr Machtverhältnisse entscheidend für Zugang, Teilhabe und Einflussnahme an Kultur und Gesellschaft sind. 75Vgl. auch Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe, S. 79, Abs. 2 76Karima Benbrahim „Diversität. Herausforderungen und Handlungsstrategien“. Veröffentlicht in: Standbein Spielbein 1/2017, S. 41, Abs. 2, Bundesverband Museumspädagogik e.V. (Hg.) 62 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 formuliert es die Expertin für Antrassismus- und Antidiskriminierungsarbeit Karima Benbrahim 2016, im Rahmen einer bundesweiten Kunstvermittlertagung. Grötzingen mit seiner bürgerschaftlich getragenen und auf privatem Engagement aufbauenden Stadtteilkultur lebt bereits eine stark partizipative und für Diversität offene Struktur; wenngleich sich auch hier die als stadtteilgestaltend wahrgenommene Kulturszene bisher vorwiegend aus der bürgerlichen Mittelschicht rekrutiert. Vor dem Hintergrund dieser Setzungen sehen sich Kulturpolitik, Kulturvermittlerinnen und -vermittler sowie Kulturschaffende im Stadtteil ganz konkreten politischen Forderungen und praktischen Herausforderungen gegenüber. Herausforderung 1: Das Gemeinsame in der wachsenden Vielfalt stärken Wie mit der Herausforderung, das Gemeinsame in der wachsenden Vielfalt der Interessen und Grundhaltungen zu stärken, umgegangen werden kann, wurde bereit im Kapitel „Übergeordnete Herausforderungen für den Stadtteil Grötzingen“ auf Seite 25 ausgeführt und mit vier strategischen Vorschlägen beantwortet:1. Kultur von Allen für Alle,2. Kulturwandel bewusst gestalten und begreifbar machen,3. Die Generationen zusammenbringen,4. Vielfalt als gemeinsamen Reichtum erfahrbar machen. Sämtliche dieser Strategien fordern insbesondere die Akteure der kulturellen Bildung heraus, ihre Inhalte, Angebote und Konzepte entsprechend auszurichten und geeignete Vermittlungsansätze zu entwickeln. Wenngleich die Stadtteilpolitik nicht in die Arbeit von privaten Tanz- und Musikschulen, Vereinen und Landesbildungseinrichtungen eingreifen kann und will, so will sie sich dennoch mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln in diesem Feld verstärkt engagieren. Auch die städtische Kulturkonzeption sieht vor, ihre Förderrichtlinien im Hinblick auf die Förderung der kulturellen Vielfalt weiter zuzuspitzen. 77 Strategie 1: Sozialraumorientierte Kulturprojekte fördern Kulturprojekte, die in der unmittelbaren gemeinsamen Lebensumgebung der Menschen ansetzen, können auf dieser verbindenden Basis, mithilfe gemeinsamer kultureller Erlebnisse, Nachbarn in den Dialog bringen und so einen gemeinsamen Erfahrungsschatz schaffen. Die Bandbreite der Möglichkeiten reicht hier von inter- und transkulturellen Straßenfestivals wie der Kulturmeile, über ortsbezogene temporäre Kunstprojekte bis hin zur inklusiven und interkulturellen Schultheateraufführung unter Beteiligung möglichst vieler Familien. Die Rückkopplung an die Gegebenheiten vor Ort sowie der partizipative Ansatz sind für den Erfolg von solchen sozialraumorientierten Kulturprojekten entscheidend. Projekte dieser Art sollen zukünftig in Grötzingen regelmäßig gezielt angeschoben und politisch verstärkt unterstützt werden. Graffitti-Projekt mit Grötzinger Jugendlichen unter der Leitung von team-combo 2016. Gestaltung der Fahrradunterführung unter der B3. Foto: Titus Tamm Strategie 2: Antidiskriminierende Kulturarbeit im Stadtteil fördern Diskriminierung meint „Herabsetzung durch Benachteiligung“ und wird für die Betroffenen seltener durch das abwertende Handeln eines Gegenübers als vielmehr durch eine Benachteiligung in der Beteiligungsmöglichkeit spürbar. Jeder Mensch kann in unterschiedlicher Form und Häufung von gesellschaftlichen Diskriminierungen betroffen sein. Antidiskriminierende Kulturarbeit fängt daher bei der Vermeidung von Dominanzkultur und Gruppenmarginalisierungen an. Um dominante und ausgrenzenden Strukturen in der vorhandenen Kulturarbeit zu 77Vgl. Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe, S. 81, „Mögliche Massnahme 2.2 – Ausbau der Förderung der Kulturellen Vielfalt“ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 63 erkennen und sich langfristig von diesen zu verabschieden, wird die erfahrungsschöpfende Zusammenarbeit von Kulturveranstaltern und Interessenverbänden, Minderheitenvertretern sowie eine Diversität widerspiegelnde Organisationsstruktur von Veranstalterteams und Kulturverantwortlichen angestrebt. Die Grötzinger Ortsverwaltung möchte über vielfältige Beteiligungsstrategien und Förderungen marginalisierte Gruppen gleichberechtigt in das Stadtteilkulturleben einbinden. Bürgergespräche und Runde Tische sollen Kulturveranstalter und Kulturvermittler für die Belange und Wünsche von offen oder versteckt Benachteiligten sensibilisieren und mehr Beteiligungsoptionen auch im Kulturbereich generieren. Dabei spielt auch das Thema „Barrierefreiheit“ eine wichtige Rolle. 78 „EFI tanzt !“ Tanzprojekt von Eltern und Freunde für Inklusion e.V. Karlsruhe. Kulturmeile 2015. Foto: Titus Tamm Strategie 3: Generationenübergreifende Kulturarbeit im Stadtteil fördern Die strategische Ausrichtung auf eine alternde Gesellschaft wurde im Rahmen den Kulturkonzeption als eine der wesentlichen übergeordneten Herausforderungen für die Stadtteilkultur gesehen. Die bloße Entwicklung von altersspezifischen Formaten und Rahmenbedingungen ist im Sinne des gemeinschaftsbildenden Auftrags der Kultur jedoch nicht unmittelbar zielführend. Vielmehr soll Diversität im Stadtteilkulturleben auch im Hinblick auf die Altersstruktur erreicht werden. In diesem Sinne will sich der Stadtteil bewusst für Kulturprojekte einsetzen, welche die Begegnung und Zusammenarbeit von mehreren Generationen ermöglichen. Durch temporäre, generationsübergreifende Projektgruppenarbeit wird einer gegenseitigen Verständigung Raum gegeben. Derartige Projekte gezielt anzustoßen, erscheint insbesondere dahingehend sinnvoll, da anzunehmen ist, dass zukünftig die zahlenmäßig und prozentual zurückgehenden jüngeren Generationen als Zielgruppe bei bestehenden Strukturen immer schlechter erreicht werden. Der zeitgleiche Ausbau der Ganztagsschulen erfordert weitere strukturelle Veränderungen in den kulturellen Bildungsangeboten. Es gilt für Veranstaltungen und Vereine neue Konzepte zu entwickeln, die den Interessen, Bedürfnissen und Zeitkontingenten der jeweiligen Generationen Rechnung tragen und dabei auch gemeinsame Kulturarbeit und -erlebnisse ermöglichen. Diese Aufforderung zur Achtsamkeit für Diversität im Stadtteilkulturleben kann am Besten durch eine eigene Stadtteilkulturstelle unterstützt werden. Aber auch das städtische Kulturamt und der Ortschaftsrat sind in dieser Hinsicht bei der Förderung und Begleitung von Stadtteilkulturprojekten gefragt. Von hier aus sollen künftig gezielt diversitätsfördernde kulturelle Bildungsprojekte angestoßen werden. 78Siehe auch S. 23 „Übergeordnete Herausforderung 2: Kulturelle Teilhabe sichern“ / „Strategie: Abbau von Barrieren“ und S. 68 „Herausforderung 2: Kulturelle Bildungsangebote für alle Zielgruppen im Stadtteil ausbauen“/ „Strategie 5: Ausbau der barrierefreien kulturellen Bildungsangebote“ 64 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Das generationsübergreifende Ensemble des Grötzinger Zupforchesters 1923 e.V. Foto: E. Bär-Pechlof Herausforderung 2: Kulturelle Bildungsangebote für alle Zielgruppen im Stadtteil ausbauen Das hier angestrebte Diversity-Modell will ein repräsentatives Abbild der Bevölkerungsstruktur im Stadtteilkulturleben erreichen. Heterogene Gruppenzusammensetzungen, Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse sind dabei wichtig. Zielgruppenspezifische kulturelle Bildungsangebote verlieren ihre Bedeutung dadurch aber nicht. Ganz im Gegenteil wird das „Empowerment“ durch zielgruppengerechte Kulturvermittlung dadurch immer wichtiger. Kulturelle Vermittlungsangebote sollen Wissen vermitteln, Kulturerfahrung ermöglichen, die Persönlichkeitsentwicklung stärken, den Kulturwandel begleiten und den Wertediskurs lebendig halten. TaschenSpieler „Heim(at) Grötzingen“, Theaterstück basierend auf Interviews mit Grötzinger Bürgerinnen und Bürgern. Im Rahmen des Bürgerbeteiligungsformats „HEIMATelier“, Ortsverwaltung Grötzingen , Heimattage Baden-Württemberg 2017.Bauwagengestaltung: Kinder- und Jugendhaus Grötzingen mit Hip Hop Kulturzentrum Combo. Foto: TaschenSpieler Strategie 1: Ausbau der kulturellen Bildungsangebote für Kinder Seit den 1970er Jahren nimmt sich die bundesdeutsche Kulturvermittlung intensiv der Arbeit mit Kindern an und auch die Stadt Karlsruhe ist in der Förderung der kulturellen Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche sehr engagiert. 79 Neben dem Ziel der frühen Besucherbindung und der kulturhistorischen Wissensvermittlung sind es heute vorrangig Zielsetzungen wie Teilhabegerechtigkeit, sowie Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklung durch die Bereicherung des individuellen Ausdrucksvermögens, Wahrnehmungsschulung und die Stärkung der Sozialkompetenzen, welche an die kulturelle Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen herangetragen wird. 79Siehe hierzu Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe, S. 82 bis 85 und https://www.karlsruhe.de/b1/kultur/kinderinstitutionen.de ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 65 Das Kulturkonzept 2020 Baden-Württemberg sieht vor, dass jedes Kind und jeder Jugendliche bis zum Ende seiner schulischen Ausbildung innerschulisch und außerschulisch jede Kunstsparte kennenlernen und sich mit Projekten in mindestens einer Kunstsparte aktiv befassen konnte. 80 Die Feststellung der Karlsruher Kulturkonzeption, dass „...das Potential, das kulturelle Bildung gerade für die Förderung bildungsbenachteiligter Kinder im Vorschulbereich hat, nicht ausgeschöpft...“ wird, 81 kann auch in Grötzingen für gültig erklärt werden. Wobei die hiesigen Kindertagesstätten und die Schule nicht als „kulturfern“ bezeichnet werden dürfen. Mit ihrem besonderen pädagogischen Schwerpunkt „Profilfach Kunst“ ist die Schule als städtische Einrichtung eine wichtige Partnerin im Ausbau dieses Handlungsfelds. Die Bildungseinrichtungen nennen lange Anfahrtswege zu städtischen Kultureinrichtungen, fehlendes Begleitpersonal, hohe Anfahrtskosten, Stundenausfall und eine unzureichende Information der Lehrkräfte und des Erziehungspersonals als Gründe für die bisher eher zurückhaltende und auf Eigenproduktionen fokussierte kulturelle Bildungsarbeit der Kinderbetreuungseinrichtungen. Durch die Einrichtung eines runden Tisches „Kulturelle Bildung für Grötzingen“ sollen Kinderbetreuungseinrichtungen auf Akteure aus der Kulturvermittlung und ansässige Kulturveranstalter als mögliche Artist-In-School-Partner sowie einen potentiellen Pool an freiwilligen Begleitpersonen für Kulturbesuche treffen können. Zudem würden dauerhafte Kooperationen zwischen den mit Grötzingen eng verbundenen städtischen Museen (Städtische Galerie und Pfinzgaumuseum) und den Kinderbetreuungseinrichtungen am Ort politisch stark begrüßt. Der Zugang zur Instrumentalbildung ist in Grötzingen breit und niederschwellig ausgebaut. Dennoch werden dahingehende Talente und Neigungen meist nur in entsprechend vorgebildeten Familien erkannt und gefördert. Trotz günstigen Angeboten der Vereine ist privater Instrumentalunterricht für viele Familien nicht finanzierbar. Bildungsgutscheine decken die Kosten für privaten Instrumentalunterricht nur zu einem sehr kleinen Teil ab, Schule und Hort stellen aktuell keine Angebote. Kooperationen zwischen Schule und Musikverein sowie Akkordeonfreunde wurden in der Vergangenheit initiiert, ruhen. Aber aktuell Auch scheint die Bandbreite des Vor- Ort-Angebots, zu dem auch das Grötzinger Zupforchester und die Noten-Chaoten beitragen, Grötzinger Eltern kaum bekannt. Der runde Tisch „Kulturelle Bildung für Grötzingen“ soll sich auch dieses Themas vertieft annehmen und Möglichkeiten erarbeiten, wie ansässige Musikschulen, Musiker, Vereine, Stiftungen und schulische Lehrkräfte benachteiligten Kindern das Kennenlernen und Erlernen eines Instruments ermöglichen können. Auch kulturelle Bildungsangebote für Kinder mit Handicaps scheinen in Grötzingen, von außen gesehen, nicht vorhanden zu sein. In den Eltern-Kind-Gruppen „Zauberklänge“ der privaten Musik-, Sprach- und Kunstschule Musikrearte Antígona Vásquez entwicklen Groß und Klein Spaß am gemeinsamen Musikmachen. Foto: Titus Tamm Kulturelle Bildungsangebote für Kinder können auch Angebote für die ganze Familie sein. Hier gibt es bisher nur wenige spezifische Programme im Kulturbereich. Darüber hinaus sind aber auch viele Eltern nicht ausreichend über das durchaus attraktive Angebot und die Möglichkeiten vor Ort informiert und suchen daher Einrichtungen in Durlach oder anderen Karlsruher Stadtteilen auf. An dieser Stelle ist wiederum die bereits mehrfach angesprochene zentrale Informationsbündelung der Grötzinger Kulturangebote gefragt. 80Vgl. Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, 2010 (Hg.) „Kultur 2020 - Kunstpolitik für Baden-Württemberg.“ S. 435 81Vgl. Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe, S. 83, „Frühe Förderung“, Abs. 1 66 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Strategie 2: Ausbau der kulturellen Bildungsangebote für Jugendliche Für die kulturelle Bildungsarbeit mit Jugendlichen vor Ort gelten die gleichen unausgeschöpften Potentiale wie soeben in der Arbeit mit Kindern benannt. Allerdings können Jugendliche sich eher elternunabhängig bewegen, haben zahlreiche außerhäusliche Versammlungsorte und gelangen selbständig an Informationen. In dieser Altersgruppe spielen auch die eigene Peer-Gruppe und digitale soziale Netzwerke als Orientierungsrahmen eine wichtige Rolle. Über Ankerpersonen kann also ein großes Netzwerk an Jugendlichen für die Teilnahme am Kulturleben gewonnen werden. Der städtische Schülerhort und das Kinder- und Jugendhaus Grötzingen übernehmen hier eine wichtige Rolle als Impulsgeber und Ansprechpartner in der Freizeitgestaltung der Jugendlichen. Der Ortsverwaltung ist es daher ein wichtiges Anliegen, dass kulturelle Bildungsangebote zum festen Programm dieser städtischen Einrichtungen gehören und von hier aus auch regelmäßig sozialraumorientierte Kulturprojekte initiiert werden. Mädchen dieser Altersgruppe vermissen kostenfreie Kulturangebote die auf sie zugeschnitten sind. Kirchen- und Religionsgemeinschaften könnten nach eigenem Ermessen ihre (inter)kulturelle stadtteilbezogene Kinder- und Jugendarbeit noch stärken. Im Bereich der Jugendarbeit ist es dem Ortschaftsrat besonders wichtig, dass mit einem für Diversität offenen Kulturbegriff gearbeitet wird und Kulturvermittlung antirassistisch und antidiskriminierend wirkt. Szenenbild aus der Aufführung „Sommernachtstraum“ der Jugendgruppe des Neuen Hoftheaters Grötzingen 2016. Foto: Armin Kolarczyk Strategie 3: Ausbau der kulturellen Bildungsangebote für die Generation „Middle Agers“ Die Gruppe der „Middle Agers“ scheint vordergründig vom Grötzinger Kulturangebot inhaltlich gut bedient. Tatsächlich ist jedoch nur ein sehr geringer Teil der Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter, der nicht beruflich mit der Kultur verbunden ist, am lokalen Kulturgeschehen beteiligt. Zum Einen sind Ausgrenzungsfaktoren wie Sprache, starke Szenenbildung oder mangelnde Barrierefreiheit dafür verantwortlich. Einen weiteren Anteil haben individuelle sozialräumliche Orientierungen außerhalb des Stadtteils, arbeitszeitliche und familiäre Verpflichtungen sowie fehlende Information oder mangelndes Interesse an den vorhandenen Angeboten. Zur Erleichterung der Informationsbeschaffung sollen daher, wie genannt, umfangreiche Verbesserungen der Ortsteilinformationen erfolgen. Eine wichtige Maßnahme, um interessierten Eltern die Teilnahme an kulturellen Bildungsangeboten im Stadtteil zu ermöglichen, sind familien- und arbeitsfreundliche Veranstaltungszeiten sowie Angebote für die ganze Familie. Diese Grundsätze sind insbesondere bei Veranstaltungen des Ortschaftsrates zu beachten. Besondere Aufmerksamkeit bedürfen außerdem die bislang stark marginalisierten Gruppen von physisch und mental eingeschränkten Personen und ihren betreuenden Familien, sowie die Gruppe von gesellschaftlich kaum eingebundenen Migranten. 82 Im Umkehrschluss wird daher auch der Anspruch an die kulturelle Erwachsenenbildung im Stadtteil gestellt, dass sie integrativ, antidiskriminierend, antirassistisch und aufklärend wirkt. Strategie 4: Ausbau der kulturellen Bildungsangebote für Senioren Das kulturelle Bildungsangebot für Senioren in Grötzingen ist umfangreich und wird sehr gut angenommen. Das liegt zum einen an dem hohen Freizeitbudget dieser Generation, zum anderen am hohen Altersdurchschnitt der vorherrschenden Vereinsszene vor Ort. Das Interesse dieser Generation an lokalen Themen ist groß und die örtliche Nähe der Veranstaltungen sowie die damit verbundene mögliche Sozialkontaktpflege wird von den älteren Grötzingerinnen und Grötzingern begrüßt. Auffällig ist, dass deutlich weniger Männer als Frauen diese Kulturangebote wahrnehmen, obgleich in den Kulturvereinen mehr Männer aktiv organisiert sind. Wie männliche Besuchergruppen besser angesprochen werden können oder welche Vermittlungsformate für diese gegebenenfalls fehlen, soll ebenfalls im Rahmen eines runden Tisches „Kulturelle Bildung für Grötzingen“ thematisiert werden. Im Umkehrschluss stellt sich auch die Frage, wie mehr Frauen in die aktive, verantwortliche Vereinsarbeit integriert werden können. Generell kann festgehalten werden, dass kulturelle Bildung für Menschen 82Siehe S. 68 „Strategie 5: Ausbau der barrierefreien kulturellen Bildungsangebote“ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 67 über 60 Jahren zwischen Weiterbildung, Freizeitgestaltung und sozialer Kontaktpflege anzusiedeln ist. Ermöglicht werden sollen unter anderem „Selbst-Ausdruck, Lebensgenuss und Entfaltungsmöglichkeiten.“ 83 Dabei rücken zwei inhaltliche Schwerpunkte besonders in den Fokus: Die Vermittlung und Begleitung des stetigen Kulturwandels und die Vermittlung von digitaler Medienkompetenz, welche eine wichtige Kulturtechnik für den Zugang zu öffentlicher Information und gesellschaftlicher Teilhabe darstellt. Hier leistet das ehrenamtlich betreute Internetcafé 55plus bereits seit über zehn Jahren wertvolle Arbeit. Unterstützung im Umgang mit digitalen Kommunikationsformen erfahren ältere Generationen im Internetcafé 55plus. Foto: Titus Tamm Kulturelle Bildungsarbeit für Senioren wird in der Regel als Erwachsenenbildung gedacht und die hohe Zahl der interessierten, gebildeten, älteren Kulturbesucher wird freudig aufgenommen. In den letzten Jahren wurde aber verstärkt darauf hingewiesen, dass dieses Publikum mit weiter steigendem Alter von der kulturellen Teilhabe ausgeschlossen zu werden droht, wenn sich Kulturveranstalter nicht an die Bedürfnisse altersbedingt physisch und mental eingeschränkter Kulturinteressenten anpassen. Betroffen von diesen Einschränkungen sind gleichzeitig immer auch die Lebenspartner. Kulturinteressierte aus betreuten Wohneinrichtungen sind den betrieblichen Abläufen der Häuser unterstellt und oft auf Gemeinschaftsangebote mit Fahrdienst angewiesen. Das umfangreiche kulturgeschichtliche Vermittlungsangebot, aber auch Kulturveranstaltungen am Ort sollen künftig auch auf diese Belange eingehen. Das noch junge, aber bereits mit großen Forschungsarbeiten, Qualifikationsmöglichkeiten und Methodensammlungen ausgestattete Feld der Kultur-Geragogik 84 fordert daher, in die Kulturarbeit vor Ort Einzug zu erhalten. Kooperationen mit und Veranstaltungen in Seniorenheimen, Kulturangebote für Demenzkranke und ihre Angehörige, Informationen in guter Lesbarkeit, barrierefreie Veranstaltungsorte, ausreichend Pausen und Sitzgelegenheiten, sowie inhaltlich auf die Generation und Klientel abgestimmte Vermittlungsansätze sollen in Zusammenarbeit von Kultur- und Kulturvermittlerszene sowie Senioren- und Behindertenbetreuern entwickelt werden können. Die lokale Politik will die freie Kulturszene dabei bei der Suche nach Partnern, Beratung, Qualifikationsmöglichkeiten und in der Finanzierungssuche unterstützen. Im Falle der Einrichtung einer Stadtteilkulturstelle soll diese Unterstützung von hier aus erfolgen. „Diversity Mask“ George A. Spiva Center for the Arts. Flickr-Creative Commons-Lizenz 83Kim de Groote „Entfalten satt Liften! Bedürfnisse von Älteren in kulturellen Bildungsangeboten“ in; Almuth Fricke/ Theo Hartog (Hg.) „Forschungsfeld Kulturgeragogik – Research in Cultural Geragogy“, Schriftenreihe „Kulturelle Bildung“, Band 52, kopaed-Verlag 2016, S. 39 Abs. 2 84Siehe hierzu: Almuth Fricke/ Theo Hartog (Hg.) „Forschungsfeld Kulturgeragogik – Research in Cultural Geragogy“, Schriftenreihe „Kulturelle Bildung“, Band 52 der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung, Remscheid, kopaed-Verlag 2016. Außerdem: Informationsseite von kubia – Kompetenzzentrum für Kultur und Bildung im Alter, www.ibk-kubia.de, www.kulturgeragogik.de 68 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Strategie 5: Ausbau der barrierefreien kulturellen Bildungsangebote Bereits im Kapitel „Übergeordnete Herausforderung 2: Kulturelle Teilhabe sichern“ (S. 23) wurde der Abbau von Barrieren als übergeordnete Herausforderung für die Kulturpolitik im Stadtteil benannt. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, wie durch bauliche, sprachliche und organisatorische Setzungen einzelne Gruppen von der kulturellen Teilhabe ausgeschlossen werden. Neben dem Abbau von Barrieren in den allgemeinen Rahmenbedingungen soll aber auch das Angebot an barrierefreien kulturellen Vermittlungsprogrammen ausgebaut werden. Zu den bereits erwähnten Anpassungen an die Bedürfnisse demenzkranker und mobilitätseingeschränkter Personen, die im Stadtteil zahlreich sind, müssen auch Angebote, die sich an Personen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen wenden, ausgebaut werden. Dabei ist die Zusammenarbeit mit muslimischen Verbänden und Einrichtungen, dem Flüchtlingshelferkreis, der Volkshoschule, fremdsprachigen Kulturvereinen und Interessenvertretungen notwendig. Aber auch Schulen und Kindertageseinrichtungen können Kontaktstellen und Netzwerkpartner für kulturelle Projekte für und mit Menschen mit geringen deutsche Sprachkenntnissen sein. Die Volkshochschule Karlsruhe bietet sich dem Stadtteil und seinen Vereinen als koordinierender und gut vernetzter Kooperationspartner für den Ausbau der interkulturellen Bildungsarbeit an. Sprachbarrieren ergeben sich aber auch für Touristen im Stadtteil. Die durch den Gemeinderat in mehreren Einzelanträgen seit 1997 beschlossene Mehrsprachenregelung sieht vor, dass wichtige Hinweisschilder, insbesondere zu kulturellen Einrichtungen, mehrsprachig ausgeführt werden sollen. Dies wurde für den Stadtteil bisher nicht umgesetzt. Auf den mehrsprachigen Tourismusseiten Karlsruhes kommt Grötzingen kaum vor. Die Stadtteilinformationen zu Grötzingen auf den städtischen Seiten stehen ausschließlich auf Deutsch zur Verfügung. Auch die Internetseiten der meisten Kulturveranstalter und der Grötzinger ARGE sind ausschließlich in Deutsch gehalten. Zusammen mit der städtischen Karlsruher Tourismus GmbH soll daher überlegt werden, welche Informationen in Grötzingen mehrsprachig übersetzt werden müssten, um Touristen und fremdsprachigen Anwohnern einen besseren Zugang zu Grötzingens Kulturangebot und seiner Kulturgeschichte zu ermöglichen. Eine große Herausforderung für die Stadtteilkultur stellt der Ausbau von handykapspezifischen Vor-Ort-Angeboten dar. Für die Angebotskonzeption relevante Grundinformationen wie Alter, Interessenschwerpunkte und soziales Umfeld der beeinträchtigten Personen scheinen in ihrer individuellen Kombination und Ausprägung kaum auf Basis bloßer Annahmen in mögliche Interessensgruppen zu fassen. Es mangelt sowohl an Erfahrungswissen der ansässigen Kulturvermittlerinnen und -vermittler, als auch an einer Bedarfserhebung. Dennoch wäre es ein großer Zugewinn für die Betroffenen und ihre Familien, wenn berufliche und schulische Inklusion auch in privaten Musik- und Tanzschulen in Jugendhäusern, Amateurtheatern, Chören und Orchestern fortgesetzt werden könnte. Um diese Öffnung zu erreichen, muss die Politik im Stadtteil für Begegnungen zwischen Betroffenen, Behinderten– und Elternverbänden mit den Kulturanbietern sorgen. Kulturvermittlerinnen und -vermittler müssen ermutigt und begleitet werden, sich weiterzuqualifizieren und gegebenenfalls mit Behindertenbegleitern, Sozialhelfern und Gebärden-Dolmetschern zusammenzuarbeiten. Schon die bloße offizielle Bereitschaftsbekundung von Seiten der kulturellen Bildungsanbieter, sich auf besondere Bedürfnisse einzulassen, wäre ein großer Schritt in Richtung antidiskriminierende gesellschaftliche Öffnung. Insbesondere mit der Zurverfügungstellung von geeigneten, barrierefreien Kursräumen kann die Ortsverwaltung privat angebotene kulturelle Bildung auch für Kinder und Erwachsene mit speziellen Zugangsvoraussetzungen unterstützen. „Brückengalerie“ Sozialraumorientiertes Kunstprojekt der Augustenburg Gemeinschaftsschule zur Kulturmeile 2015 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 69 Herausforderung 3: Kulturelle Teilhabe für alle Gruppen im Stadtteil ausbauen Zielgruppenspezifische und bereits im frühen Kindesalter angesetzte kulturelle Bildung ist die grundlegende Basis, um kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Jeder Bürgerin und jedem Bürger, aber auch allen Personen mit begrenzter Aufenthaltsdauer sollte die kulturelle Teilhabe im Stadtteil offen stehen. Es ist Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass gleichberechtigt für alle Personengruppen der Zugang zu Kulturveranstaltungen und die Möglichkeit für eigene öffentliche Kulturproduktionen gegeben sind. Es ist auch Aufgabe der Politik, auf sich abgrenzende Gruppen zuzugehen und sie zur aktiven Teilnahme am öffentlichen Kulturleben einzuladen. Der Ortsverwaltung ist es daher ein dringendes Anliegen, künftig die diversitätsbewusste Einbindung von kulturaktiven Gruppen im Stadtteil weiter voranzutreiben. Es soll Raum für neue Empowerment-Formate bisher marginalisierter Gruppen gegeben werden. Vom Ortschaftsrat initiierte und verantwortete Stadtteilfeste und Kulturkooperationen sollen sich langfristig von oben nach unten (buttom down) als auch von unten nach oben (buttom up) nach dem Diversity- Prinzip organisieren. Als Mitglied im Lenkungsausschuss in der Europäischen Städtekoalition gegen Rassismus ECCAR unternimmt die Stadt Karlsruhe, vertreten durch das Kulturamt verstärkte Anstrengungen gegen Rassismus und Diskriminierung. Der 2017 vom Gemeinderat verabschiedete 10-Punkte-Aktionsplan ist auch für die Grötzinger Ortsverwaltung bindend. 85 In der Erklärung der Stadt Karlsruhe zur ECCAR-Mitgliedschaft heißt es: „Stärkung der Chancengleich- heit, vor allem aber die Bekämpfung der Diskriminierung durch Bildung und Erziehung und die Förderung der kulturellen Vielfalt, sind ohne die kommunale Kulturpolitik nicht denkbar.“ Die Kulturarbeit im Stadtteil kann und soll also als Keimzelle für eine breite gesellschaftliche Öffnung und den Abbau von Dominanzstrukturen wirken. Jugendliche aus der Betreuten Wohngruppe der ITL „Haus Bach“ mit dem Flüchtlingshelferkreis Grötzingen in der Kunsthalle Karlsruhe 2016. Foto: Wicke-Schuldt Abschließend ist festzustellen, dass der Anforderungskatalog an den Ausbau der kulturelle Bildungsarbeit im Stadtteil sehr umfangreich ist. Die Protagonisten halten sich an vielen Punkten für nicht ausreichend finanziert und qualifiziert. Bisher mangelnde Erfahrung und fehlendes Know-How könnten durch die Zusammenarbeit mit Freien Kulturvermittlerinnen und -vermittlern aus anderen Stadtteilen oder städtischen Institutionen kompensiert werden. Jedoch stellt sich hier stetig die Frage der Finanzierbarkeit mangels vorgesehener Budgets. Der Ortschaftsrat hofft, an dieser Stelle umfangreiches privates Mäzenatentum für die wichtige kulturelle Bildungsarbeit vor Ort aktivieren zu können. Als problematisch und großes Hemmnis im Hinblick auf den wachsenden (sozial-)pädagogischen und soziopolitischen Anforderungskatalog an die mehrheitlich freiberufliche Kulturvermittlerszene werden die geringen Honorare, die kleinen und schwer zugänglichen öffentlichen Budgets für kulturelle Bildung sowie das Fehlen eines interdisziplinären Kompetenz-und Weiterbildungszentrums für kulturelle Bildung im Landkreis Karlsruhe gesehen. Friedrich Kallmorgen „Die Strickschule“ 1889, Öl auf Leinwand. Courtesy Galerie Herold Hamburg / Sylt. Foto: Galerie Herold 85Siehe: https://www.karlsruhe.de/b1/kultur/themen/kulturrecht/eccar.de 70 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 71 HANDLUNGSFELD 4 – STÄRKUNG DER VERBINDUNG ZWISCHEN KUNST, HANDWERK UND NATUR Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe hat, auf der Basis einer intensiven Potentialanalysen der Stadtkultur, die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Kultur mit Wissenschaft und Technologie als ein ausbaufähiges Alleinstellungsmerkmal der Stadt ausgemacht, das sie zukünftig stärken will. 86 Grötzingen als Kulturstadtteil ist weder ein Standort von Wissenschaft noch von neuen Technologien und sieht sich von dieser Ausrichtung nicht unmittelbar angesprochen. Dagegen weist Grötzingen ebenso wie die übrigen alten Karlsruher Stadtteile Durlach, Knielingen, Beiertheim-Bulach, Daxlanden und die Bergdörfer eine Reihe an ortsverbundenen traditionsorientiert arbeitenden Handwerksbetrieben auf, deren Wirken bis heute auf die ursprünglich landwirtschaftlich geprägte Dorfstruktur hinweist. Die eingesetzten natürlichen Rohstoffe stammen größtenteils aus der Region und werden vor Ort in Handarbeit zu zeitgemäßen Produkten verarbeitet. Diese Handwerksbetriebe, darunter beispielsweise ein Maßschuster, eine Destille oder Schmuckdesignerinnen, können als gleichzeitig kulturerhaltende als auch innovative ökosoziale Unternehmen an der Schnittstelle zwischen Kunst, Design und Kulturlandschaft definiert werden. Aus Tonerde gestaltete der 2010 verstorbene Grötzinger Künstler und gelernte Keramiker Stefan Holzmüller Skulpturen, die der Art Brut nahestehen. Foto: NOK 2009 Daneben arbeiten aber auch Bildende Künstlerinnen und Künstler an der Schnittstelle von Kunst, Handwerk und Natur. Diese Triade ist in wiederum anderer Erscheinung auch im historischen Schaffen der Grötzinger Malerkolonie auszumachen. Malerei der Jahrhundertwende war ein hoch anerkanntes, nur mit viel Talent zu zu erlernendes Handwerk, auf das die freie künstlerische Umsetzung folgte. Neben der Grötzinger Kulturlandschaft wurde durch die damaligen Kunstschaffenden auch das von der rasch fortschreitenden Industrialisierung bedrohte, lokale Handwerk dokumentiert. Zudem brachten die Grötzinger Malerinnen und Maler die Lithografietechnik als eigenständige künstlerische Technik entschieden voran. Mit ihren Blättern "Wandschmuck für Schule und Haus", verlegt im Leipziger Teubner und Voigtländer Verlag, trugen sie sowohl zur breiten künstlerischen Bildung als auch zum aufkeimenden Bewusstsein für den Wert der Kulturlandschaft bei. Ein illustrierendes Beispiel an der Schnittstelle von Handwerk, Kulturlandschaft und wissenschaftlicher Forschung stellt der traditionsreiche und heute im benachbarten Remchingen ansässige Familienbetrieb Cembalobau Merzdorf dar. Der Familienbetrieb aus Sachsen betrieb in Grötzingen ab 1988 mit dem Karlsruher Institut für angewandte Physik, unterstützt durch die Innovationsförderung des Landes Baden-Württemberg, intensive und vielfach publizierte Grundlagenforschungen zum Resonanzkörperverhalten und zum Einsatz der Modalanalyse. Auch durch die Zusammenarbeit mit Baustatikern hat der Betrieb den Cembalobau nachhaltig revolutioniert. Für die Resonanzböden ihrer weltweit vertriebenen Konzertcembalos kam heimisches Fichtenholz aus lokalen Forstbetrieben zum Einsatz. Hier wird deutlich, dass Innovation, Wissenschaft und Forschung auch im Kontext des traditionellen, kulturerhaltenden Handwerks möglich ist. Diese innere Verweisstruktur und Nachbarschaft zwischen kulturellem Erbe, Gegenwartskunst, Kulturlandschaft und innovativer Handwerkstradition weiter auszubauen und nach außen zu tragen, hat sich der Stadtteil für die kommenden Jahre vorgenommen. Dazu zählt auch das Bemühen um die weitere Ansiedlung oder Wiederansiedlung von derart ausgerichteten Handwerksbetrieben und die Stärkung der bereits ansässigen Unternehmen. 86Siehe Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe, S. 87 72 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Friedrich Kallmorgen „Fässerauspichen beim Bierbrauer Appel“, Öl auf Leinwand, Grötzingen1889. Foto: Scan aus "Susanne Asche: 1000 Jahre Grötzingen, Stadtarchiv Herausforderung: Stärkung und Ausbau des Handlungsfelds Kunst, Handwerk, Natur Das so definierte Handlungsfeld bedarf in den kommenden Jahren vor allem einer Profilschärfung und Festigung unter Mitwirkung der ansässigen Akteure, außerdem eine entsprechende, durch das Stadtteilmarketing beförderte öffentliche Aufmerksamkeit. Maßschuster Benjamin Bigot in seinem Grötzinger Werkstatt-Atelier, Foto: Marc Uhlig Strategie1: Inhaltliche Stärkung des Handlungsfelds Die inhaltliche Ausrichtung des Handlungsfeldes ist stark von der individuellen Arbeit und Außendarstellung der ansässigen Kulturakteure geprägt und wird sich durch Zuzug und Wegzug sowie Grad der Beteiligung an gemeinsamen Foren beständig verändern. Aktuell befinden sich die angesprochenen Akteure in Findungs- und Abgrenzungsprozessen, ein Vorgang, der von der Ortsverwaltung intensiv begleitet wird. Im Rahmen der Kulturkonzeptentwicklung wurden bereits erste Leitlinien fixiert und Ideen gesammelt. Runde Tische zum Handlungsfeld, öffentliche Workshops sowie Seminare aus dem Bereich kulturelles Erbe, insbesondere Kulturlandschaft, sollen sich laut diesen Überlegungen zukünftig stärker mit der Vermittlung von alten Handwerkstechniken und dem Zusammenhang von Naturraum und der Entstehung von Handwerk beschäftigen. 87 Desweiteren soll das Handlungsfeld inhaltlich durch Gastvorträge und internationalen Austausch neue Impulse erfahren. Hierzu sollen auch Handwerkerinnen und Handwerker sowie Kulturgrenzgänger aus dem Karlsruher Stadtgebiet nach Grötzingen eingeladen werden. Die Mitgliedschaft und Vernetzung einiger lokaler Betriebe in 87Vgl. S. 45 “Strategie 3: Bewusstsein für den Wert der Kulturlandschaft wecken und stärken“ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 73 regionalen und internationalen Handwerkerverbänden, wie dem Bund der Kunsthandwerker Baden- Württemberg oder den Les Compagnons kann impulsgebend genutzt werden. Desweiteren wird die Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, der Hochschule Pforzheim oder den Straßburger Designschulen über konkrete Projekte gesucht. Hier ist die Zusammenarbeit von Handwerksbetrieben mit Designstudierenden ebenso vorstellbar, wie die theoretische Befassung von Lehrstühlen mit einer aktuellen ortsbezogenen Perspektive auf die Verbindung von „Kunst, Handwerk und Natur“. Auch das Pfinzgaumuseum soll zur kulturhistorischen Vermittlung des regionalen Handwerkswesens hinzugezogen werden. Strategie 2: Strukturelle Stärkung des Handlungsfelds Die in Grötzingen ansässigen kulturaffinen Handwerksbetriebe sind vor Ort, aber auch überregional sehr gut vernetzt. Allerdings sind sie nicht im gleichen Umfang wie beispielsweise die Kulturschaffenden aus dem Bereich Bühne, bildende Kunst und kulturelles Erbe in das allgemeine öffentliche Kulturleben integriert. Dies könnte durch eigenständige Festivalformate oder durch die verstärkte Beteiligung von Handwerksbetrieben an größeren spartenübergreifenden Kulturveranstaltungen geändert werden. Um eine weitere Vernetzung, stärkere Kulturbeteiligung und auch eine besser Wahrnehmbarkeit dieser Betriebe im Stadtteil zu fördern, sollen diese zukünftig in Planungen und Vorgespräche stärker eingebunden werden. Auch die hiesige Gastronomie ist eingeladen, lokale Handwerks- und Landwirtschaftsprodukte zu präsentieren und zu vermarkten, oder sich als Seminarstätten anzubieten. Ebenso sind der Raiffeisenmarkt und lokale regional und nachhaltig orientierte Lebensmittelgeschäfte ideale Partner für Kultur- und Kreativschaffende aus dem Bereich Kunst, Handwerk und Natur. Sie sollten daher als potentielle Kulturpartner bei der Stadtteilentwicklung unbedingt eingebunden werden. 88 Kunsthandwerker– und Kreativmarkt Kulturmeile 2017. Foto: Titus Tamm Als weitere Maßnahme wird die Wiedereinführung eines Wochen- oder Monatsmarktes unter dieser neuen thematischen Ausrichtung erwogen und geprüft. Mit einer anspruchsvollen Anbieterauswahl mit regionalen und nachhaltigen Produkten aus Landwirtschaft und Handwerk, in Nachbarschaft zu den kleinen Einzelhandelsläden und Gastwirtschaften der Ortsmitte, könnte auch ein überregionales Freizeitpublikum angesprochen werden und Karlsruhes Label „Meine Grüne Stadt“ eine weitere Stärkung erfahren. Auch die Karlsruher Messe für Kunsthandwerk und Design EUNIQUE stellt eine interessante Plattform für das lokale (Kunst-)Handwerk dar, auf der die Grötzinger an einem gemeinsamen Stand, unterstützt durch den Ortschaftsrat, Werbung für sich und den Stadtteil betreiben könnten. Ein möglicher Zusammenschluss der „Historischen Karlsruher Handwerkerstadtteile“ oder der alten östlichen Gemarkungen unter einen gemeinsamen, von den Ortsverwaltungen unterstützten HAND- WERK-Label soll weiter diskutiert werden. In jedem Fall sollen die kulturaffinen Handwerksbetriebe als attraktive Aushängeschilder in der Außendarstellung des Stadtteils deutlich mehr Präsenz finden. Schließlich soll der Grötzinger Handwerkerbaum am Rathausplatz um Meisterbetriebe außerhalb des Baugewerbes erweitert werden, damit jedes am Ort vertretene Handwerk seine Repräsentation findet. Strategie 3: Räume für Kunst- und Handwerksbetriebe im Stadtteil schaffen Auf der von den Kulturakteuren imaginierten Kulturachse, zwischen den beiden historischen Zentren des Stadtteils, stehen einige Läden leer, die von Kulturschaffenden gerne genutzt und belebt würden. Daneben wird von 88Vgl. „Handlungsfeld 5: Kultur & Wirtschaft“ S. 76 74 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Kulturseite der Umbau des günstig gelegenen Farrenstalls in ein Kulturzentrum angestrebt. 89 Von stadtplanerischer Seite wird alternativ ein Neubau mit kultureller Teilnutzung am Niddplatz geprüft. Einige der traditionellen Handwerksbetriebe und Künstlerateliers sind bereits entlang der „Kulturachse“ ansässig; in guter Nachbarschaft zu anderen Kulturschaffenden, historischer Bausubstanz, kleinen inhabergeführten Lebensmittelläden, dem traditionsreichen, landwirtschaftlichen Raiffeisenmarkt und der örtlichen Gastronomie. Um den Stadtteil jedoch stärker mit dem angestrebten Kulturprofil zu prägen und auch dem Ladenleerstand entgegenzuwirken, sollen leerstehende Ladenräume privater Eigentümer für (kunst-)handwerkliche und kreativwirtschaftliche Nutzungen angeworben und vermittelt werden. Bei der Raumvermittlung soll das K3-Büro für Kultur- und Kreativwirtschaft mit seiner Raumbörse unterstützend hinzugezogen werden. Zudem soll das angedachteStadtteilkulturzentrum unter anderem auch den Bedürfnissen von kulturell wirkenden Kunst- und Handwerksbetrieben Rechnung tragen. Von deren Seite wurde Bedarf an atmosphärisch attraktiven Schulungs- und Seminarräumen sowie an Unterkünften für Wandergesellinnen und -gesellen, Seminarteilnehmende, Kundinnen und Kunden sowie internationale Geschäftspartnerinnen und -partner geäußert. Auch ein Gründungszentrum für kreative und kulturell orientierte Handwerksbetriebe ist ein vom Ortschaftsrat positiv aufgenommener Wunsch aus der Handwerksszene, dessen Realisierbarkeit in Abgrenzung zum Kreativpark Alter Schlachthof und im Zusammenspiel mit der Förderung von Kulturschaffenden aus den Bereichen bildende Kunst und Bühne geprüft werden soll. Kreativen Handwerksbetrieben in einem durch Kulturlandschaft und kulturelles Erbe geprägten Umfeld in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kulturschaffenden und anderen gleichgesinnten Handwerksbetrieben Räume anzubieten und im Rahmen kulturpolitischer Überlegungen an zentraler Stelle einzubinden, setzt Grötzingen strategisch von anderen Karlsruher Stadtteilen ab und positioniert den Stadtteil als herausragenden Standort für den handwerklich orientierten Teil der Kreativwirtschaft, der auch die Werbewirtschaft vor Ort nachhaltig fördern wird.Das in dieser Art neu definierte Handlungsfeld verspricht für Grötzingen eine exzellente, historisch gestützte und entwicklungsfähige Kulturprofilbildung. Unter dem Aspekt, dass hier eine potentialreiche Schnittstelle von Kunst, Kulturpflege, kultureller Bildung, Agrarwirtschaft, Kreativwirtschaft und Einzelhandel beschrieben wird, verweist die Betrachtung auch auf das letzte zu beschreibende kulturelle Handlungsfeld: „Kultur und Wirtschaft“. Handwerk trifft auf Genuss und badische Lebensart in den Showrooms der kleinen Handwerksbetriebe Grötzingens. (li: Grötzinger Destille, re: Originelle Maßschuhe) Fotos: Titus Tamm, B. Bigot. 89Siehe S. 31 „Übergeordnete Herausforderung 7: Räume für Kultur sichern. Strategie 2: Bau von Arbeits- und Präsentationsräumen“ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 75 76 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 HANDLUNGSFELD 5 – KULTUR UND WIRTSCHAFT Kultur und Wirtschaft oder anders ausgedrückt: Kunst und Kapital haben eine durchaus genuine Verbindung in Europa. Es waren die machtpolitisch begründeten Aufträge von Kirche und später Adel, welche die Anfänge der europäischen Kunstgeschichte begründeten. Weltliche Auftraggeber bereicherten die Kunst der Renaissance mit neuen Sujets und Stilen. Mit der beginnenden Moderne lösten sich Kulturschaffende aus diesen Abhängigkeitsverhältnissen, versuchten allerdings sogleich durch eigene Ausdrucks-und Profilbildung ihre Käuferschichten im großbürgerlichen Milieu zu erreichen und verdienten meist einen nicht unwesentlichen Teil ihres Einkommens im Auftrag von Wirtschaftsunternehmen. In diese Zeit fällt auch das Wirken der Grötzinger Malerkolonie, deren Protagonist Friedrich Kallmorgen beispielsweise im Auftrag der Schokoladenfabrik Stollwerck arbeitete. In den 1960er Jahren verweigerten sich Kulturschaffende zusehends solcher Dienstleistungen. Mäzenatische Künstlerförderung kam aber gerade durch die nun entstehende temporäre und ephemere Kunst, die keinen unmittelbaren Marktwert produziert, zu neuer Blüte. Kultur und Wirtschaft sind also untrennbar verbunden, wenngleich ihr Verhältnis immer wieder neu verhandelt werden muss. Noch in den 1960er Jahren hielt der Grötzinger Maler Helmut Lingg, zeittypisch ironisch gebrochen, die sich mit Kunst und Kultur schmückenden Neureichen des deutschen „Wirtschaftswunders“ in einem seiner Bildwerke fest (Abb. vorausgehende Titelseite). Heutige Aufnahmen von privater und unternehmerischer Kulturförderung im Ort geben ein deutlich versöhnlicheres Bild ab. Persönliche Kontakte, gegenseitige Wertschätzung und Bereicherung prägen die Zusammenarbeit von Kulturschaffenden und Kulturförderern im Stadtteil Grötzingen. Dennoch suchen beide Seiten nach einer ausgedehnteren Zusammenarbeit, die es in den kommenden Jahren mit kulturpolitischer Unterstützung zu gestalten gilt. Erfolgreiche langjährige Sponsoringpartnerschaft: Volksbank Karlsruhe und die Grötzinger Kulturmeile. Foto: Titus Tamm Herausforderung 1: Kultur und Wirtschaft zu mehr gemeinsamen Erfolgen verhelfen Im familiär geprägten, rund 9200 Einwohner zählenden Stadtteil Grötzingen sind sich die Protagonisten aus Wirtschaft und Kultur weitestgehend bekannt und das kulturelle Engagement der meist mittelständischen Unternehmen hat Tradition. Beide Seiten sehen sich Ausbaupotentialen gegenüber, die sie von der jeweils anderen Seite abhängig machen. Die Stadtteilkulturpolitik kann im Rahmen der Stadtteilentwicklung auf vielen Ebenen dazu beitragen, dass die Zusammenarbeit zwischen Kultur und Wirtschaft positiv gestärkt und erweitert wird. Dabei ist die Kultur stets vor inhaltlicher Einflussnahme und Instrumentalisierung zu schützen. Die Zusammenarbeit von Kultur und Wirtschaft zu stärken, bedeutet nicht den Rückzug der öffentlichen Hand aus der Kulturförderung. Vielmehr bedeutet es den Aus- und Umbau der öffentlichen Kulturförderung zur Stärkung der Wirtschaftsbeteiligung. ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 77 Strategie 1: Außenwirkung des Grötzinger Kulturlebens verbessern Für das Sponsoringengagement von Unternehmen, aber auch für die Spendenbereitschaft von Privatpersonen ist es entscheidend, dass die unterstützten Kulturaktivitäten eine positive Aufmerksamkeit im Stadtteil und darüber hinaus erfahren. Dem vorausgehend ist es von grundlegender Bedeutung, dass Grötzingen als Stadtteil mit einem positiv besetzten Stadtteilkulturimage aufwartet. Aus diesem Grund ist die bereits als übergeordnete Herausforderung identifizierte „Anpassung der Kommunikationsstrategien“ mit einer einhergehenden „Stadtteilkulturprofilschärfung“, wie auf Seite 28 beschrieben, so dringend angezeigt. Diese betont die Notwendigkeit eines eindrücklichen, kulturbasierten Stadtteilmarketings, das auch mit dem Kulturmarketing der Stadt Karlsruhe vereinbar sein muss. 90 Als unerlässliche Ergänzung wird eine attraktive, kulturtragende, städtebauliche Weiterentwicklung der „Kulturellen Mitte“ gesehen. 91 Unternehmen vermissen neben der „Kulturmeile“ Leuchtturmprojekte und Aufmerksamkeitszentren im Stadtteil. Auch die Kulturschaffenden suchen eine stärkere Konzentration des Kulturschaffens, eine bessere Aufmerksamkeit und einen lebendigeren Austausch. Die in den vorausgehenden Kapiteln zu den einzelnen Handlungsfeldern vorgeschlagenen imageverbessernden Maßnahmen sollten ein Engagement der Wirtschaft also deutlich begünstigen. Die Wirtschaft selbst kann zur Attraktivitätssteigerung der Stadtteilkultur beitragen, indem sie die geforderten Maßnahmen für eine bessere Außenwirkung von Anfang an unterstützt. „Städtisches Gefüge KulturKontext Grötzingen“. Grafik: A. Witthaus und L. Reichert (Studierende des KIT, Fachgebiet Baukonstruktion), 2016 Strategie 2: Kommunikation zwischen Wirtschaft und Kultur erleichtern Die Kontaktaufnahme zwischen ansässigen Kulturakteuren und Unternehmen gestaltet sich aufgrund der kleinstädtisch geprägten Strukturen recht einfach. Wie hoch die persönliche Identifikation und wie bündnistragend die persönliche Bekanntschaft zwischen Sponsoren und Kulturveranstaltern sein kann, zeigt alle zwei Jahre die Grötzinger Kulturmeile, bei der sich nahezu alle Grötzinger Unternehmen beteiligen. Hier wie auch bei anderen Kultursponsoringanfragen aus dem Stadtteil sehen Wirtschaftsunternehmen selten Möglichkeiten, die Art ihres Sponsoring-Engagement im Stadtteil kreativ und nachhaltig mitzugestalten. Eine Professionalisierung der Kulturszene in der Drittmittelakquise durch die ARGE, durch die Seminar-Angebote des K3 und durch die Unterstützung und Vermittlung einer neu einzurichtenden Stadtteilkulturstelle wird daher angestrebt. Auch runde Tische, Workshops und andere Begegnungsformate, um potentielle Partner aus Kultur und Wirtschaft in einen produktiven Austausch zu bringen, sollen in regelmäßigen Abständen ausgerichtet werden. In jedem Fall sollte eine Gesprächskultur zwischen Kultur und Wirtschaft etabliert werden, die beiden Seiten in einer Win-Win- Situation Optionen eröffnet. 90Vgl. Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe „Strategie 1: Die Stadt zum Leuchten bringen: Ein kulturelles Standortmarketing“, S. 120. Desweiteren: http://www.kulturinkarlsruhe.de/ 91Vgl. S 31 ff „Trend: Wachstum, Stadtteilentwicklungsprozess und Sanierungsstau“ 78 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Künstlerförderung, Imagekampagne und Kundenbindung durch ein mittelständischen Unternehmen: Brigitte Nowatzke-Kraft "Kunst-Metzgerei Arheidt", Kulturmeile 2006. Metzgerei Reinhold Arheidt, Grötzingen. Foto: NOK Strategie 3: Übergreifende Konzepte für privates Kulturengagement entwickeln Zur professionellen Drittmittelakquise zählt die Erstellung von stichhaltigen Konzepten mit einem Budgetplan und klaren Angaben zu möglichen Gegenleistungen für das Engagement sowie nach Abschluss die Zusendung von Belegen und Dokumentationen. Die Erstellung und Bearbeitung solcher Anträge ist aufwendig und steht häufig in keinem Verhältnis zum Ertrag. Es kann also sinnvoll sein, übergeordnete Töpfe einzurichten, aus welchen bedarfsgerechte Zuwendungen für den zweckentsprechenden Bereich einfach und unkompliziert gewährt werden können. Ein solcher Topf soll zum Beispiel zur Förderung der kulturellen Bildung im Stadtteil eingerichtet werden. Die Verwaltung solcher allgemeinen Fördertöpfe könnten bereits existierende Stiftungen übernehmen. Aber auch die ARGE erwägt, für die gemeinsame PR-Arbeit der Kulturschaffenden einen übergreifenden Spendenfonds einzurichten, der allen Mitgliedern zugute kommt. Der Vorteil an einem solchen Vorgehen ist, dass kleine Privatspenden und größere Firmensummen über die gleiche, unaufwendige Strategie eingeworben werden können. Auch die Kulturpolitik kann so die Kulturschaffenden in der Drittmittelakquise leichter unterstützen, da sie sich nicht für einzelne Projekte, sondern für ein allgemeines Stadtteilanliegen stark machen kann. Strategie 4: Grötzingen für Zentrums-Karlsruher und Touristen attraktiver machen Die Aufmerksamkeit des gewünschten Publikums lässt sich nicht allein durch eine attraktivere und besser beworbene Stadtteilkultur erreichen. Zentrums-Karlsruher und Touristen müssen auch über andere Wege in den Stadtteil gebracht werden. So sollte die Karlsruher Tourismus GmbH ebenso wie das Stadtmarketing gewonnen werden, beispielsweise Stadtteiltouren über Durlach nach Grötzingen weiter ins Pfinztal anzubieten und die Stadtteilevents wie die Grötzinger Kulturmeile oder die Offenen Ateliers besser zu promoten. Weitere Tourismusangebote könnten unter dem neu definierten Schwerpunkt „Kunst, Handwerk und Natur“ oder in Form des historischen Rundgangs formuliert werden. In diesem Zusammenhang müssen auch Gastronomie und Hotelgewerbe vor Ort besser bekannt gemacht werden. In der Stadt vorhandene Eventformate wie kulinarische Stadtteiltouren, Kangoo-Jump-Touren, Nachhaltigkeitstouren und viele andere könnten auch nach Grötzingen führen. Auch die bereits erfolgte Neuaufnahme von kulturräumlichen Landschaftswegen in den „Karlsruher Naturkompass“ 92 oder die Veröffentlichung der Grötzinger Wanderwege und die Verlinkung des Historischen Rundgangs auf einschlägigen Internetportalen durch die Heimatfreunde Grötzingen e. V. sind wichtige Beiträge, ein vielseitiges Publikum in den Stadtteil zu locken und mit dem hiesigen Kultur- und Einzelhandelsangebot, als weitere Attraktion, vertraut zu machen. Außerdem sind vorhandene Attraktionen auch in die Informationsseiten und Broschüren der Tourismusregion Baden-Württemberg/ Nordschwarzwald/ Karlsruhe einzubringen. 92http://www.karlsruher-naturkompass.de 80 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Herausforderung 3: Standortattraktivität für Kulturschaffende ausbauen Grötzingen profitiert als Stadtteil ungemein von den Aktivitäten der Kulturschaffenden und der ansässigen Kultur- und Kreativwirtschaft. Sie sind Gestalter und Botschafter des Stadtteils, oft weit über die Bundesgrenzen hinaus. Sie sind auch Gastgeber und holen internationales Publikum nach Grötzingen. Der große Gestaltungsfreiraum, attraktive, günstige Räume, die persönliche Aufmerksamkeit und Anerkennung im Stadtteil und die Nähe zur Kernstadt Karlsruhe mit ihren vielen kulturellen Einrichtungen und ihrer umfangreichen Infrastruktur sind bisherige Grundlagen der Ansiedlung einer lebendigen Szene. Wie diese langfristig gebunden und zugunsten eines noch abwechslungsreicheren kreativen Austauschs vergrößert werden kann, wurde im Handlungsfeld „Stadtteil Raum für Kultur“ 96 dargestellt. Wesentlich dabei ist die Raumpolitik, die Unterstützung durch Stadtteilverwaltung und Privatwirtschaft sowie die positive Außendarstellung des Stadtteils und seines Kulturangebots. Eine der wichtigsten Herausforderungen in diesem Zusammenhang bleibt, dass Kulturschaffende ihr Engagement für den Stadtteil nicht existenzgefährdend einsetzen. Auch sie sollen durch ihren Einsatz vor Ort inhaltlich, strukturell oder wirtschaftlich profitieren können. Eine Zusammenarbeit zwischen Ortschaftsrat, Kulturschaffenden und Privatwirtschaft muss immer mit größter Offenheit bezüglich Leistung, Gegenleistung und gegebener Handlungsspielräume gestaltet werden. Gelungene Werbepartnerschaft: Werbung und finanzielle Unterstützung für das Stadtteilkulturfest. Kundenbindung, Kundengewinnung und Mitarbeiterevent für das Unternehmen: Stadtweite Werbeanzeige von dr. bientzle Gesundheitsclub Grötzingen./ 7. Grötzinger Kulturmeile, 2015. Grafik: dr.bientzle Gesundheitsclub. Um dies zu erreichen und festgelegte Zuständigkeiten und Handlungsspielräume zwischen Stadt und Stadtteil bekannt zu machen, wird die amtliche Regelung der Zusammenarbeit von Ortsverwaltung und städtischer Kulturverwaltung im nächsten Kapitel eingehend erläutert. 96Vgl S. 51 ff ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 81 82 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 KULTURVERWALTUNG IM STADTTEIL – EIN BLICK AUF DIE ZUSTÄNDIGKEITEN IN SACHEN KULTUR Autoren: Kulturamt, Kulturbüro Die Kulturpflege in Grötzingen schafft beständige Berührungspunkte zwischen der Ortsverwaltung und dem Kulturamt mit seinen Abteilungen (Kulturbüro, Stadtarchiv und Historische Museen, Stadtbibliothek, Städtische Galerie, Verwaltung). Das betrifft Fragen der allgemeinen Kulturförderung (Kulturmeile Grötzingen, Offene Ateliers, Heimatfreunde Grötzingen e.V., Freundeskreis Badisches Malerdorf e.V., Vereinsmusikpflege, 125 Jahre Künstlerkolonie, Grötzinger Musiktage und andere ), der Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau, Fragen der Archivierung von Akten und Dokumenten und der sachgerechten Lagerung von Gemälden und künstlerischen Grafiken sowie heimatgeschichtlichen Beständen, Fragen der Stadtteilbibliothek, der Stadtgeschichte, der historischen Wegweisung und der Erinnerungskultur, um nur einige Punkte zu nennen. Das Kulturamt hat den Auftrag, das kulturelle Leben in Karlsruhe zu entwickeln und zu fördern. Grundlage seiner Arbeit ist das Kulturkonzept Karlsruhe 2025. Es bezieht sich auf die Gesamtstadt und damit ausdrücklich auch auf die Stadtteile in ihrer kulturellen Eigenheit. Aus diesem Auftrag heraus hat sich aus Sicht des Kulturamts ein gutes Miteinander mit den Vertretungen der Ortschaft wie auch mit den Kulturschaffenden in Grötzingen im Sinne der Ermöglichung von Kultur in dem Stadtteil entwickelt. Diese Zusammenarbeit gilt es in ihrer Qualität fortzusetzen und auszubauen, um die verschiedenen Maßnahmen, die im Kulturkonzept Grötzingen genannt sind, umsetzen zu können. So scheint es mit Blick auf die zukünftige Zusammenarbeit zwischen der Ortschaft Grötzingen, den Grötzinger Kulturschaffenden und dem Kulturamt mit seinen Abteilungen hilfreich, sich die rechtliche Ausgangssituation vor Augen zu führen, aus der heraus sich Grötzingen auf der einen und das Kulturamt auf der anderen Seite begegnen. AUSGANGSSITUATION Am 1. Januar 1974 wurde die zuvor selbständige Gemeinde Grötzingen nach Karlsruhe eingemeindet. Grundlage der Eingemeindung war die „Vereinbarung über die freiwillige Eingliederung der Gemeinde Grötzingen in die Stadt Karlsruhe“. Der neue Stadtteil trägt seither den Namen "Karlsruhe-Grötzingen". Mit der Eingemeindung veränderte sich der rechtliche Status Grötzingens grundlegend. Konnte die Gemeinde zuvor im Rahmen der Gesetze als Körperschaft des öffentlichen Rechts und damit als juristische Person selbständig agieren und Verträge abschließen, ist sie nun als Teil der Gebietskörperschaft Stadt Karlsruhe rechtlich unselbständig. Das hat beispielsweise zur Folge, dass die Ortschaft Grötzingen nicht selbst Mitglied bei EuroArt, dem europäischen Netzwerk der Künstlerkolonie-Orte werden konnte, sondern durch die Stadt Karlsruhe vertreten wurde. Die Ortsvorsteherin beziehungsweise der Ortsvorsteher nimmt das Mandat für die Stadt Karlsruhe wahr. Die rechtliche Unselbständigkeit bedeutet für Grötzingen jedoch nicht rechtliche und politische Handlungsunfähigkeit. Vielmehr waren in den Verhandlungen zur Eingemeindung die Verhandlungspartner, Stadt Karlsruhe und Gemeinde Grötzingen, darauf bedacht, Grötzingen einen eigenen Gestaltungsspielraum für seine örtlichen Belange zu belassen beziehungsweise neu zu übertragen. Im Einzelnen ist dies in der „Vereinbarung über die freiwillige Eingliederung der Gemeinde Grötzingen in die Stadt Karlsruhe“ und in der Hauptsatzung der Stadt Karlsruhe geregelt. Die von beiden Vertragsparteien verfolgte weitgehende Eigenständigkeit Grötzingens nach der Eingemeindung kommt darin zum Ausdruck, dass nach § 6 des Eingemeindungsvertrages und § 1 Abs. 2 der Hauptsatzung der Stadt Karlsruhe der Stadtteil Grötzingen die Stellung einer Ortschaft mit einem Ortschaftsrat, einem Ortsvorsteher oder einer Ortsvorsteherin und einer örtlichen Verwaltung nach §§ 67 ff der Gemeindeordnung erhielt. § 13 der Eingliederungsvereinbarung, überschrieben mit „Kulturelle Belange des Stadtteils Karlsruhe-Grötzingen“, benennt in Absatz 1 den Grund für diese Regelung: „Sinn und Zweck der Einführung der Ortschaftsverfassung ist es, das Eigenleben der Ortschaft aufrechtzuerhalten und zu pflegen. Das örtliche Brauchtum und das kulturelle Eigenleben der bisherigen Gemeinde Grötzingen bleiben unangetastet. Sie sollen sich auch weiterhin frei und ungehindert entfalten können.“ In Abs. 2 verpflichtet sich die Stadt,„durch die Zuweisung entsprechender Haushaltsmittel an den Ortschaftsrat (...) dafür Sorge zu tragen, dass die caritativen, kulturellen, sportlichen und sonstigen Einrichtungen und Vereinigungen im Stadtteil Karlsruhe-Grötzingen in gleicher Weise gefördert werden wie die vergleichbaren Einrichtungen im übrigen Stadtgebiet.“ § 18 Abs. 1 des Eingemeindungsvertrages legt fest, dass„die Stadt Karlsruhe (...) bei der weiteren Entwicklung des Stadtteils Karlsruhe-Grötzingen auf dessen dörflichen Charakter sowie darauf Rücksicht [nimmt], dass der ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 83 Stadtteil in erheblichem Maße Erholungsfunktionen wahrzunehmen hat. Sie fördert den Stadtteil Karlsruhe- Grötzingen in gleicher Weise wie das übrige Stadtgebiet.“ RECHTLICHE AUSGESTALTUNG DER ZUSTÄNDIGKEITSREGELUNGEN Die Aufgaben des Ortschaftsrats werden in § 7 der Eingliederungsvereinbarung und in § 18 der Hauptsatzung der Stadt Karlsruhe geregelt. Ausgehend davon, dass die grundsätzliche Entscheidungskompetenz für alle Angelegenheiten, welche die Stadt Karlsruhe – und damit auch den Stadtteil Grötzingen – betreffen, beim Karlsruher Gemeinderat liegt, geben § 7 Abs. 1 der Eingliederungsvereinbarung und § 18 Abs. 1 der Hauptsatzung dem Ortschaftsrat ein umfassendes Vorschlagsrecht, ebenso ein Anhörungsrecht bezüglich aller wichtigen Angelegenheiten, die den Stadtteil Grötzingen betreffen. Nach beiden gleichlautenden Regelungen besteht die Anhörungspflicht – mit Blick auf die hier interessierenden kulturellen Fragen – insbesondere bei der Veranschlagung von Haushaltsmitteln für alle Angelegenheiten, die den Stadtteil Karlsruhe-Grötzingen betreffen (Ziffer 1), bei dem Bau und der Ausgestaltung von Schulen und der Errichtung, wesentlichen Erweiterung und Aufhebung von öffentlichen Einrichtungen im Stadtteil Grötzingen (Ziffer 2) wie auch bei der Besetzung der Schulleitungsstelle im Stadtteil (Ziffer 11). § 18 Abs. 2 der Hauptsatzung und § 7 Abs. 2 der Eingliederungsvereinbarung definieren die Angelegenheiten, die dem Ortschaftsrat zur selbständigen Entscheidung übertragen worden sind. Dazu gehören – wiederum mit Blick auf die hier interessierenden kulturellen Belange – die Pflege des Ortsbilds und des örtlichen Brauchtums (Ziffer 1 a), die Ausgestaltung, Unterhaltung und Benutzung von Einrichtungen der Kulturpflege (Ziffer 1 b) wie auch die Förderung der örtlichen Vereinigungen (Ziffer 1 d). Weiterhin in den Zuständigkeitsbereich des Ortschaftsrats übertragen wurden die Vermietung und Unterhaltung der im Stadtteil Grötzingen gelegenen gemeindeeigenen Wohnungen (Ziffer 3 b), die Verwaltung der Altentagesstätte (Ziffer 3 c) und des Jugendheims (Ziffer 3 d) sowie die Verwaltung der Vermächtnisse und Schenkungen Grötzinger Bürgerinnen und Bürger an den Stadtteil Grötzingen (Ziffer 3 f). Ebenfalls für die Kulturpflege in Grötzingen von Bedeutung ist die Regelung in § 7 Abs. 3a der Eingliederungsvereinbarung bzw. § 18 Abs. 3a der Hauptsatzung, dass die Benennung von Straßen, Wegen und Plätzen im Stadtteil Grötzingen einvernehmlich zwischen Gemeinderat beziehungsweise Stadtverwaltung und dem Ortschaftsrat erfolgt. Für das Kulturkonzept Grötzingen ist schließlich eine Regelung von Bedeutung, die sich in der ebenfalls zum 1. Januar 1974 in Kraft getretenen „Anlage zur Vereinbarung über die Eingliederung der Gemeinde Grötzingen, Landkreis Karlsruhe, in die Stadt Karlsruhe“ findet. Unter Ziffer 5 heißt es dort zur Überschrift „Registratur und Archiv – Kunstbesitz“: „Die laufende und stehende Registratur und das Archiv bleiben bei der Ortsverwaltung. Dies gilt nicht für Vorgänge, deren Sachbearbeitung von den jeweils zuständigen Fachämtern der Stadt übernommen wird.Bei der Aussonderung des Schriftguts abgeschlossener Vorgänge ist nach den §§ 5 folgende der Akten- und Archivordnung vom 29. Juni 1964 [heute nach der Archivsatzung der Stadt Karlsruhe vom 1. Januar 2017 und Dienstanweisung für das Archivwesen vom 1. Dezember 1992] zu verfahren. Das archivwürdige Schriftgut der Gemeinde Grötzingen wird zur Erhaltung der Überlieferung als eigene Abteilung des Stadtarchivs geführt werden. Der in Grötzingen vorhandene, gemeindeeigene Kunstbesitz verbleibt in der Ortschaft.“ Eingemeindung der Gemeinde Grötzingen nach Karlsruhe mit Wirkung vom 1. Januar 1974. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 84 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 KULTURFÖRDERUNG IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN STADTTEIL UND ORTSCHAFT Die oben genannten Zuständigkeitsregelungen sind die Eckpunkte, innerhalb derer sich auch zukünftig – insbesondere in der Umsetzung neuer Maßnahmen aus dem Grötzinger Kulturkonzept – das Verhältnis zwischen den Kulturakteuren in Grötzingen, der Ortschaft und dem Kulturamt bewegt. Die Mechanismen, Formalia und Abläufe der Zusammenarbeit haben sich aus Sicht des Kulturamtes bewährt. Nachfolgend seien einige Beispiele für den reibungslosen Ablauf genannt. So kümmert sich die Ortsverwaltung um die Förderung der Musik- und Gesangvereine in Abstimmung mit dem Kulturbüro; die Mittel hierfür stehen im Kulturhaushalt bereit; die Förderung erfolgt nach den für die gesamte Stadt geltenden Richtlinien. Bei Entscheidungen zu Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum hat sich ein komplexes Verfahren entwickelt, das die Zuständigkeit der für die Gesamtstadt zuständigen gemeinderätlichen Kunstkommission ebenso respektiert, wie das in der Hauptsatzung verankerte Anhörungsrecht des Ortschaftsrates. Alle Verfahrens- und Entscheidungsstufen werden vor der Befassung der Kunstkommission zunächst mit dem Ortschaftsrat abgestimmt. Dieser kann sein Votum einbringen, das durch den Ortsvorstand in die Kunstkommission eingebracht und dort vertreten wird, allerdings ohne eigenes Stimmrecht. Förderanträge von Grötzinger Vereinigungen und Kunstschaffenden wie auch der Ortsverwaltung werden in gleicher Weise nach den Förderrichtlinien des Kulturbüros des Kulturamtes behandelt wie die Anträge anderer Kulturschaffender. Natürlich muss das Kulturamt bei seinen Entscheidungen zur Projektförderung auf eine gewisse stadträumliche Ausgeglichenheit achten: Es hat in der Förderung die Gesamtstadt mit ihren Stadtteilen im Blick und kann mit seinen begrenzten Fördermitteln nicht vorzugsweise die Aktivitäten in einem Stadtteil unterstützen. Die Fragen der Pflege des Ortsbildes und des örtlichen Brauchtums liegen gegenwärtig wie künftig in der Zuständigkeit des Ortschaftsrats. Ob eine Maßnahme hierzu zu rechnen ist und damit in der alleinigen Zuständigkeit der Ortschaft liegt, oder ob es sich um eine künstlerische Intervention handelt, die in die Beratungszuständigkeit der Kunstkommission fällt, mag im Einzelfall zwischen Ortschaft und Kulturamt strittig sein. Zur Ausräumung derartiger Meinungsverschiedenheiten kann der Vermittlungsausschuss einberufen werden, der auf der Grundlage des § 19 der Eingliederungsvereinbarung gebildet wird. Bei der Planung historischer Informationstafeln und Wegweisungen sind die Vorgaben des Leitfadens zur Erinnerungskultur im öffentlichen Raum in Karlsruhe, der im November 2016 vom Gemeinderat verabschiedet wurde, zu beachten. Unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung der Archivbestände und deren fachgerechten Lagerung wird auch die Frage zu klären sein, ob das Grötzinger Archiv künftig in den Magazinen des Stadtarchivs unter optimalen klimatischen Bedingungen gelagert wird und im Zuge der Digitalisierungsbestrebungen des Stadtarchivs Digitalisate vor Ort zur Verfügung gestellt werden. Das gute Miteinander, das sich zwischen Ortschaft und Kulturverwaltung entwickelt hat, ist Voraussetzung dafür, dass für die Kultur in Grötzingen auch zukünftig einvernehmliche Entscheidungen getroffen und Impulse gesetzt werden können. Das Kulturamt möchte in der Zusammenarbeit dazu beitragen, die kulturelle Eigenständigkeit der Ortschaft Grötzingen im Rahmen der Bestimmungen der Eingliederungsvereinbarung und der Hauptsatzung der Stadt Karlsruhe zu ermöglichen und zu fördern. Ein starker Stadtteil ist Voraussetzung für eine starke Stadt. Das gilt auch für die Kultur. Der Anschluss an die Stadt Karlsruhe 1974 eröffnete viele neue Möglichkeiten aber auch neue Einschränkungen. Bahnübergang Kirchstraße in Grötzingen, 1979. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 86 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 87 LITERATUR– UND QUELLENVERZEICHNIS Asche, Susanne, „Eintausend Jahre Grötzingen: Die Geschichte eines Dorfes“, Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Band 13, Stadt Karlsruhe – Stadtarchiv (Hg.), Badenia Verlag 1991 Benbrahim, Karima „Diversität. Herausforderungen und Handlungsstrategien“. Veröffentlicht in: Standbein Spielbein 1/2017, Bundesverband Museumspädagogik e.V. (Hg.) 2017 De Groote, Kim „Entfalten statt Liften! Bedürfnisse von Älteren in kulturellen Bildungsangeboten“ in: Almuth Fricke/ Theo Hartog (Hg.), Forschungsfeld Kulturgeragogik – Research in Cultural Geragogy, Schriftenreihe Kulturelle Bildung, Band 52, kopaed-Verlag 2016 Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA) 2016 (Hg.), Länderbericht zum Deutschen Freiwilligensurvey 2014, unter: http://www.dza.de/fileadmin/dza/pdf/fws/FWS_Laenderbericht_ges_2016.09.13.pdf (abgerufen 15.10.2016 Heimatfreunde Grötzingen e.V., 2016 (Hg.), Grötzinger Heimatbrief 55. Ausgabe 2016 Huber, Stefan 2013 (Hg.), Zur Geschichte des Gasthauses “Goldener Ochsen” in Grötzingen, unter: https://www.karlsruhe.de/b4/stadtteile/osten/groetzingen/geschichte/historischegebaeude/ (abgerufen: 2.8.2017) Huth, Hans, „Das Freilichtmuseum »Diedelsheimer Mühle« in Grötzingen, Kreis Karlsruhe. Die Rettung eines technischen Kulturdenkmals“, Uni Heidelberg 1973 ka-news 02.11.2016, Kosten und Auflagen: Droht den Karlsruher Fastnachts-Umzügen das Aus?, unter: http://www.ka- news.de/region/karlsruhe/fasching./Kosten-und-Auflagen-Droht-den-Karlsruher-Fastnachts-Umzuegen-das- Aus;art6066,1975381 (abgerufen 15.5.2017) ka-news 07.02.2017, Karlsruher Fastnacht: Mehr Polizei, Videoüberwachung und Blockaden bei Umzügen, unter: http://www.ka-news.de/region/karlsruhe/fasching./Karlsruher-Fastnacht-Mehr-Polizei-Videoueberwachung-und- Blockaden-bei-Umzuegen;art6066,2017108 (abgerufen 15. 5. 2017) Kiefer, Susanne, Flyer zur Veranstaltungsreihe „Von Ritualen Brauchtum Tradition“, Augustinum Freiburg 2016 KIT Karlsruher Institut für Technologie. Institut Entwerfen und Bautechnik, 2016 (Hg.) KulturKontext Farrenstall Grötzingen. Masterentwurf Sommersemester 2016 Konold, Werner 2014, „Kulturlandschaften in Baden-Württemberg“ Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg und Landespflege Freiburg/ Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Hg.), G.Braun Verlag 2014, gebundene Ausgabe. Konold, Werner/ Reid, Konrad 2006, „Kulturlandschaft in Baden-Württemberg – Entstehung und Bedeutung, Überlegungen zu Pflege und Entwicklung“, veröffentlicht vom Schwäbischen Heimatbund unter: http://schwaebischer- heimatbund.de/downloads/konoldreidl.pdf (abgerufen 15.1.2017) KTG Karlsruhe Tourismus GmbH (Hg.), Karlsruhe entdecken, erleben, planen (Onlineplattform), unter: https://www.karlsruhe-tourismus.de (abgerufen 21.Juli2017) LiveMusikKommission e.V., 2016, Positionspapier des Bundesverbands der Musikspielstätten „Kultur(frei)räume stärken!“ unter: http://www.livemusikkommission.de/wordpress/wp-content/uploads/2016/09/Positionspapier-der-LiveKomm_- Kulturfreir%C3%A4ume-st%C3%A4rken.pdf (abgerufen 10.2.2017) LUBW Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg und des Instituts für Landespflege der Universität Freiburg (Hg.), Pressemitteilung vom 21.5.2014, „Kulturlandschaften in Baden-Württemberg: vielfältig und einzigartig“ unter: https://www.lubw.baden-wuerttemberg.de/-/pm-2014-05-21-kib (abgerufen am 15.1.2017) Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, 2010 (Hg.) „Kultur 2020 - Kunstpolitik für Baden- Württemberg.“ unter: https://mwk.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m- mwk/intern/dateien/publikationen/Kultur_2020_Web.pdf, (abgerufen 4.10.2017) 88 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 LITERATUR– UND QUELLENVERZEICHNIS Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg/ Landesarchiv Baden-Württemberg, 2015 (Hg.) Gesetz über die Pflege und Nutzung von Archivgut (Landesarchivgesetz –LArchG) vom 27. Juli 1987, geänderte Auflage vom 17. Dezember 2015 (GBl. S. 1201), unter: https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/LArchG.pdf (abgerufen 12.1.2017) Molthagen Dietmar/ Friedrich-Ebert-Stiftung, 2015 (Hg.), Arbeitspapier Religion und Politik 1 „Die Rechtliche Anerkennung des Islam in Deutschland“ Mössinger, Wilhelm „Heimatgeschichte Grötzingen. Das Badische Malerdorf“ Heimatbuch, Durlach Baden Karlsruhe, 1965 Ortsverwaltung Grötzingen/ Badische Neueste Nachrichten (Hg.), „125 Jahre Malerkolonie Grötzingen“ Anzeigensonderveröffentlichung vom 15.3.2014 Rommelspacher, Birgit 1995, „Dominanzkultur: Texte zur Fremdheit und Macht“, Orlanda Frauenverlag, 2. Auflage, 2006 Schütz, Dirk (Hg.) „Stadt Kultur Entwicklung“ Kultur und Management im Dialog Nr. 123, KM Kulturmanagement Network GmbH, Weimar 2017 Stadt Karlsruhe 2012 (Hg.) ISEK – Integriertes Stadtentwicklungskonzept Karlsruhe 2020. Broschüre. Stadt Karlsruhe, 2016 (Hg.), Karlsruher Beiträge zur Stadtentwicklung Heft 50 „Kleinräumige Bevölkerungsprognose 2035“, unter: http://web3.karlsruhe.de/stadtentwicklung/afsta/stadtentwicklung/afsta-stentw-demwandel.php (abgerufen 25. 11. 2016) Stadt Karlsruhe, Kulturamt 2015 (Hg.), Das Kulturkonzept 2025 der Stadt Karlsruhe Stadt Karlsruhe, Stadtverwaltung 2016 (Hg.), Archivsatzung Stadt Karlsruhe vom 13. Dezember 2016, unter: https://web1.karlsruhe.de/Stadt/Stadtrecht/s-3-1-2.php (abgerufen 20.5.2017) Statistisches Bundesamt (Destatis), 2017 (Hg.), Entwicklung der Privathaushalte bis 2035, unter: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/HaushalteMikrozensus/EntwicklungPrivathaushalte5 124001179004.html (abgerufen 30.2.2017) UNESCO 1972 bis 2015 (Hg.), UNESCO-Erklärungen, unter: http://www.unesco.de/infothek/dokumente/unesco- erklaerungen.html (abgerufen 21.7.2017) UNESCO 2001 (Hg.), Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt, unter: http://www.unesco.de/infothek/dokumente/unesco-erklaerungen/erklaerung-vielfalt.html (abgerufen: 21.7.2017) UNESCO 2008 (Hg.), Kategorien der Kulturlandschaft, unter: http://whc.unesco.org/en/culturallandscape/ (abgerufen 15.1.2017) Vogel, Sabine 2017 (Hg.), Kunstforum international, Band 244 „Die neue Auftragskunst“ Zytowsky, Roswitha „Künstlerinnen und Künstler in Grötzingen – Die vergangenen 30 Jahre“, Freundeskreis Badisches Malerdorf e.V. (Hg.), Info Verlag 2014 Weitere Literaturhinweise zur Geschichte und Kultur Grötzingens gibt der Verein Heimatfreunde Grötzingen e.V. unter: http://www.heimatfreunde-groetzingen.de ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 89 GRÖTZINGER STADTTEILKULTUR ONLINE ÜBERSICHT VONSTÄDTISCHENINTERNETADRESSEN, DIE AUSSCHLIESSLICH GRÖTZINGER KULTURINFORMATIONEN VERSAMMELN Kulturveranstaltungen im Stadtteil: https://www.karlsruhe.de/b4/stadtteile/osten/groetzingen/leben-groetzingen/kultur.de Kulturelles Erbe und Kulturgeschichte Grötzingen: Kulturdenkmale: https://web1.karlsruhe.de/db/kulturdenkmale/index.php?stadtteil=Gr%F6tzingen&vid=200 https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/kulturdenkmale/denkmaltag_archiv/denkmaltag_2005 Malerkolonie Grötzingen: https://www.karlsruhe.de/b4/stadtteile/osten/groetzingen/geschichte/malerdorf.de Kulturgeschichte: https://www.karlsruhe.de/b4/stadtteile/osten/groetzingen/geschichte/historischegebaeude.de https://www.karlsruhe.de/b4/stadtteile/osten/groetzingen/chronik.de Grötzinger Kulturvereine: https://www.karlsruhe.de/b4/stadtteile/osten/groetzingen/leben-groetzingen/vereine.de Kulturlandschaft um Grötzingen: https://www.karlsruhe.de/b4/stadtteile/osten/groetzingen/leben-groetzingen/naherholung.de http://www.karlsruher-naturkompass.de (Sucheingabe: Groetzingen) http://www.themenpark-umwelt.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/7441/?path=4422;6319;7302; Weitere Hinweise zu Kulturangeboten sind auf der städtischen Internetseite www.karlsruhe.de zu finden oder im Karlsruher Kulturkonzept S. 140. 90 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 IMPRESSUM Das Stadtteilkulturkonzept 2035 Grötzingen wurde im Auftrag des Karlsruher Gemeinderates erstellt durch Ortsverwaltung Grötzingen Rathausplatz 1 76229 Karlsruhe Kulturamt der Stadt Karlsruhe Rathaus, Marktplatz Karl-Friedrich-Straße 10 76133 Karlsruhe Auftraggeber und Gesamtverantwortung: Dr. Frank Mentrup – Oberbürgermeister Stadt Karlsruhe Karen Eßrich – Ortsvorsteherin Grötzingen Projektleitung: Dr. Susanne Asche – Leitung Kulturamt Karen Eßrich – Ortsvorsteherin Grötzingen Prozessdesign, Inhaltliche Beratung, Projektmanagement: Birgit Reich | KUK Kulturmanagement, Karlsruhe Die begleitenden Kulturwerkstätten, Expertenbefragungen und Klausursitzungen des Arbeitskreises Kulturkonzept wurden durch die Projektleitung und das Projektmanagement konzipiert. Mitglieder der Arbeitsgruppe Kulturkonzept Grötzingen (Lenkungsgremium): Karen Eßrich – Ortsvorsteherin Grötzingen Claus Temps – Leiter Kulturbüro, Kulturamt Stadt Karlsruhe Veronika Pepper – CDU-Fraktion Grötzingen, Elternbeiratsvorsitzende Augustenburg Gemeinschaftsschule, Vorsitzende Förderverein Naturfreunde Grötzingen e.V. Regina Stutter – SPD-Fraktion Grötzingen, Naturfreunde Grötzingen e.V. Titus Tamm – GLG-Fraktion Grötzingen, Foto-Medien-Kunst e.V. Grötzingen Renate Weingärtner – FDP-Fraktion Grötzingen Simone Dietz M.A. – Kunsthistorikerin, KunstFilter Grötzingen Dr. Klaus Feige – Heimatfreunde Grötzingen e.V. Brigitte Nowatzke-Kraft – Bildende Künstlerin (BBK, GEDOK), Grötzingen Jürgen Wiedemann – Freundeskreis Badisches Malerdorf e.V., Grötzingen Thomas Winkler – Arbeitsgemeinschaft der Grötzinger Vereine und Kulturschaffenden e.V. / Neues Hoftheater Grötzingen e.V. Beisitzender Berater Kreativwirtschaft und Handwerk: Benjamin Bigot ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN / STADT KARLSRUHE KULTURAMT | 91 Moderation und Ergebnissicherung: Birgit Reich | KUK Kulturmanagement Handlungsfeldverantwortliche: Kulturelles Erbe – Kulturgüter: Simone Dietz M.A. Kulturelles Erbe: – Brauchtum: Dr. Klaus Feige Kulturelles Erbe – Kulturlandschaft: Regina Stutter Stadtteil: Raum für Kultur – Bildende Kunst: Brigitte Nowatzke-Kraft Stadtteil: Raum für Kultur – Bühne: Thomas Winkler Kulturelle Bildung und Gesellschaftliche Öffnung: Veronika Pepper, Titus Tamm Stärkung der Verbindung von Kunst, Handwerk und Natur: Claus Temps Kultur und Wirtschaft: Renate Weingärtner Verschriftlichung: Birgit Reich | KUK Kulturmanagement Endredaktion: Birgit Reich, Karen Eßrich, Susanne Asche, Claus Temps Lektorat:Erich Fehr | Presse- und Informationsamt der Stadt Karlsruhe Layout: Undine Zimmermann | Presse- und Informationsamt der Stadt Karlsruhe Druck: Hauptamt der Stadt Karlsruhe, Rathausdruckerei, 100 Prozent Recyclingpapier Titelbild: Hauptbühne Grötzinger Kulturmeile2015 und Rathaus Grötzingen. Foto: Titus Tamm Abbildungen Zwischentitel: S. 5 Rathaus Grötzingen. Fotoarbeit von Helma Käthe Kutter S. 7Georg Scholz „Ansicht von Grötzingen bei Durlach“, 1925, Öl und Tempera auf Holzpappe, Kunsthalle Mannheim, Foto: Cem Yücetas S. 11Entwurfsgrafik KulturKontext Farrenstall Grötzingen. A. Witthaus und L. Reichert (Studierende des KIT Fachgebiet Baukonstruktion), 2016 S. 17Zukunftswerkstatt Stadtteilkulturkonzept Grötzingen, Juni 2016. Arbeitsgruppe Bühnenkultur. Foto: Titus Tamm S. 20„Hand in Hand Stadtteilkulturkonzept Grötzingen“. Grafik: KUK | B. Reich unter Verwendung der Covergestaltungen von C. Zimmermann, 2016/17 S. 35 Ausgrabungsstätte beim ehemaligen Gasthaus "Goldener Ochsen",2012. Freigelegtes Grubenhaus. Spuren aus dem späten 7. Jahrhundert: Bislang ältester Baubefund auf Karlsruher Stadtgebiet. Foto: Titus Tamm S. 50Kinderchor Grötz-Singerle bei der Aufführung des Kindermusicals „Strubbeltatz“ 2012, Begegnungsstätte Grötzingen. Foto: E. Bär-Pechlof S. 60Nii Armah Sowah. African Dance and African Singing „1000 Voices Project“, Kulturmeile Grötzingen 2011. Foto: Titus Tamm S. 70 Elisabeth Müller-Quade Goldschmiedemeisterin, Grötzingen. Brosche, Sterlingsilber. Aus der Werkreihe "morbide Äste" 2015. Foto: Elisabeth Müller-Quade S. 75 Helmut Lingg „Ein Wirtschaftswunder“ Öl auf Leinwand. Mittelteil des Tryptichons. Privatbesitz. Foto: Pressebild Ausstellung Helmuth Lingg, Grötzingen 1997 S. 81 Zusammenspiel des Grötzinger Kulturrads mit dem Kulturrad der Stadt Karlsruhe. Grafik: C. Zimmermann / KUK | B. Reich 2017 S. 86 Franz Dewald, Glasfenster Begegnungsstätte Grötzingen, 1986. Detail. Foto: Titus Tamm 92 | STADTTEILKULTURKONZEPT GRÖTZINGEN 2035 Weitere Mitwirkende und Prozessbeteiligte: Wir bedanken uns bei den zahlreichen Gesprächspartnerinnen und -partnern, deren Expertise und deren Anregungen in das Stadtteilkulturkonzept eingeflossen sind: Daniel Apfelbaum (Kinder- und Jugendtreff Grötzingen, stja), Rüstü Aslandur (Deutschsprachiger Muslimkreis Karlsruhe e.V.), Gerda Arzet (Ev. Kirche Grötzingen), Dr. Brigitte Baumstark (Städt. Galerie Stadt Karlsruhe), Sabrina Becker (Hottscheck Narrenzunft e.V.), Najoua Benzarti (Internationalen Islamischen Frauengemeinschaft IIFG Karlsruhe), Karl Berger (GLG-Fraktion Grötzingen), Simone Bigaerd (Literarische Gesellschaft. e.V.), Jochen Bohmüller (Grötzinger Zupforchester), Benjamin Bigot (Maßschuster Grötzingen), Uwe Buchholz (Farbschall e.V.), Sabine Classen (Ton Art Keramik Grötzingen), Dieter Daubenberger (Akkordeonfreunde Grötzingen e.V.), Hans- Ulrich Dehnicke (AWO Grötzingen, VdK Grötzingen), Simone Dietz (KunstFilter, Freundeskreis Badisches Malerdorf e.V., Heimatfreunde Grötzingen e.V.), Harald Dürr (Gartenbauamt Stadt Karlsruhe), Dipl. Ing. Schahryar Essari (Essari & Lequime Architekten GmbH), Ruth Fiedler (Bauforum Grötzingen), Dr. Ulrike Fischer (KIT Architekturfakultät),Johannes Frisch (Jazzclub e.V.), Georg Gerardi (Stadtplanungsamt Stadt Karlsruhe), Sonja Güntner (Bürger- und Heimatverein Weingarten e.V.), Dr. Peter Güß (Heimatfreunde Grötzingen e.V.), Dr. Volker Hahn (Umweltamt Stadt Karlsruhe), Nicole Hallschmid (TaschenSpieler, Freie Theaterpädagogin), Reinhard Haschka (CDU-Fraktion Grötzingen), Annagreta Hirt (Muntere Mütter), Gabriele Heinz (Bund der Kunsthandwerker Baden-Württemberg e.V. Karlsruhe), Christiane Jäger (CDU-Fraktion Grötzingen), Ralf Kappler (ibz – Internationales Begegnungszentrum), Dietlinde Knipper (Knipper + Lauinger Optik GmbH), Armin Kolarczyk (Kammersänger), Jörg Heil (Naturkost am Lutherplatz), Marianne Heyl (Homöopathieverein Grötzingen e.V.), Leonore Jock (Schmuckdesign Grötzingen), Jeff Klotz (Verband Kultur- und Museenlandschaft Nordschwarzwald e.V.), Dorothea Korn (Augustenburg GMS Grötzingen), Monique Koepke (Miss Koepke, Web- und Grafikdesign), Elisabeth Krautt (Städt. Bilinguale KiTa Grötzingen), Andrea Krieg (Stadtbibliothek Stadt Karlsruhe), Norbert Krupp (Kirchenmusiker, Grötzinger Musiktage), Dr. Karlwilhelm Kühn (Ökumenischer Chor Grötzingen), Ferdinand Leikam (Stadtmuseum / Pfinzgaumuseum Stadt Karlsruhe), Jutta Leyendecker (Freundeskreis Badisches Malerdorf e.V.), Claudia Linke (Neue Allmende Grötzingen e.V.), Hannelore Lücke-Rausch (Freischaffende Künstlerin, Offene Ateliers), Felicia Maier (Kulturbüro Kulturamt Stadt Karlsruhe), Jennifer Maier (Stadtteilbibliothek), Günter Malisius (Freundeskreis Pfinzgaumuseum/ Historischer Verein Durlach), Susanne Merzdorf (Cembalobau Merzdorf), Sandra Müller-Buntenbroich (vhs Karlsruhe, Fachbereich Kunst und Kultur), Elisabeth Müller-Quade (Schmuckatelier Quade Grötzingen), Maximilian Oeter (ehem. Neig'schmeckt – Gaststätte), Hans-Christian Ostertag (Kath. Kirchengemeinde Hl. Kreuz), Guntram Prochaska (Künstler, Kulturmeile Grötzingen), Irina Raif (Ballettschule Irina Raif), Mathias Reich (Kulturbüro Kulturamt Stadt Karlsruhe), Andrea Rödiger (Augustenburg GMS Grötzingen), Eva-Maria Ruf (Ruf und Partner, Public-Relations, Grötzingen), Regina Schmidt-Kühner (AG Karlsruher Naturfreunde), Jost Schneider (Freischaffender Künstler), Harald Schwer (Malerdorfmaler, Heimatfreunde Grötzingen e.V.), Ulrike Settelmeyer (Kulturbüro Kulturamt Stadt Karlsruhe), Roland Stein (ARGE Grötzingen e.V.), Karlheinz Strümpel (FDP Grötzingen), Dominika Szope (ZKM Marketing), Dirk u. Dieter Tallafuss (Hottscheck Narrenzunft e.V.), Felix Treiber (Grötzinger Musiktage), Marc Uhlig (Tisda Media), Sandro Vadim (Freischaffender Künstler, BBK Karlsruhe), Antígona Vásquez Parra (Musikrearte Musikschule), Johanna Wiebusch (Kirchenmusikerin, Musikpädagogin), Gerhard Wörle (Gartenbauamt Stadt Karlsruhe), u.a. EINE DIGITALE VERSION DIESER BROSCHÜRE SOWIE DES KULTURKONZEPT 2025 DER STADT KARLSRUHE FINDEN SIE UNTER: WWW.KARLSRUHE.DE/B1/KULTUR/KULTURFOERDERUNG/KULTURAMT/KULTURKONZEPT 1. AUFLAGE 2018 © 2018 STADT KARLSRUHE – KULTURAMT/ ORTSCHAFTSRAT GRÖTZINGEN, AUTORINNEN UND AUTOREN, KÜNSTLERINNEN UND KÜNSTLER, FOTOGRAFINNEN UND FOTOGRAFEN Bearbeitungsstand: 8.November 2017

  • Protokoll TOP 12
    Extrahierter Text

    NIEDERSCHRIFT Stadt Karlsruhe Gremium: 45. Plenarsitzung Gemeinderat Termin: 12. Dezember 2017, 15:30 Uhr Öffentlich Ort: Bürgersaal des Rathauses Vorsitzende/r: Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup 12. Punkt 12 der Tagesordnung: Kulturkonzept Grötzingen 2035 Vorlage: 2017/0723 Beschluss: Der Gemeinderat stimmt nach Vorberatung im Ortschaftsrat Grötzingen und im Kultur- ausschuss dem Stadtteilkulturkonzept Grötzingen 2035 zu. Abstimmungsergebnis: Einstimmige Zustimmung Der Vorsitzende ruft Tagesordnungspunkt 12 zur Behandlung auf und verweist auf die erfolgte Vorberatung im Kulturausschuss. Stadtrat Dr. Käuflein (CDU): Glückwunsch den Grötzingern zum jetzt vorgelegten Kulturkonzept und danke an alle, die daran mitgearbeitet haben. Es ist immer gut, wenn die Akteure in einem Stadtteil ihre Angelegenheit selbst in die Hand nehmen. Dies gilt nicht nur für die Kultur. Das gilt auch für andere Felder politischen Handelns. So etwas könnte man sich für Freizeit denken, für Sport, für Soziales, für Anderes. Mir geht es um das Thema Kultur. Das Konzept ist aufgebaut. Ich kann nicht den ganzen Inhalt referieren entlang dem städtischen Kulturkonzept. Das aufgebaute Konzept bricht dieses städtische Gesamtkonzept herunter auf die Grötzinger Ebene. Der Stadtrat der Stadt Karlsruhe hat dieses Vorhaben immer unterstützt. Im Grötzinger Fall kommt zu dem, was ich bereits allgemein zu den Stadtteilen gesagt habe, noch dazu, dass es einen Eingliederungsvertrag gibt, der diesem Stadtteil, so will ich es mal formulieren, eine gewisse Autonomie garantiert. Auf dieser Grundlage ist dieses Konzept erstellt. Insofern Glückwunsch zu diesem Konzept und danke allen, die mitgearbeitet haben. Einem einzigen Missverständnis möchte ich an der Stelle vorbeugen. Das haben solche Konzepte manchmal an sich. Wenn wir das heute beschließen, was wir tun, hält man das Konzept hinterher hoch und sagt: „In dem Konzept ist das und das beabsichtigt und deswegen brauchen wir diese und jene Ressourcen zusätzlich.“ Angesichts der Haushaltslage muss ich an der Stelle, so offen und ehrlich muss man sein, bremsen. Wie gesagt, das Konzept ist gut und wir verabschieden das heute. Aber alles, was dort an - 2 - Plänen drin steht, steht natürlich immer unter einem Finanzierungsvorbehalt. Insofern vielen Dank. Stadträtin Ernemann (SPD): Ich halte das Konzept hoch, weil ich großen Respekt den Grötziger Vereinen, den Kulturschaffenden der Verwaltung und den zahlreichen Bürge- rinnen und Bürgern gegenüber habe. Hier steckt sehr viel Arbeit darin. Diesem Kultur- konzept ist ein langer, arbeitsintensiver Prozess vorausgegangen. Es ist ein tolles stadt- teilbezogenes Konzept, wie der Kollege Dr. Käuflein bereits erwähnt hat. Es spiegelt die Kulturszene Grötzingens, des einstmals legendären badischen Malerdorfs, welches das Markenzeichen Grötzingens war und bis zur aktuellen Entwicklung des Stadtteils heute noch ist, wieder. Auf der Basis dieses Konzepts, das Teil des Gesamtkulturkonzepts 2025 der Stadt Karlsruhe ist, lässt sich hervorragend für Grötzingen arbeiten und auch über die Stadtteilgrenzen hinweg für die Gesamtstadt Karlsruhe. Vielleicht ist dieses Konzept, ich halte es nochmals hoch, Herr Kollege Dr. Käuflein, Inspiration und Anre- gung für andere Stadtteile, so etwas zu erstellen, um auf den Spuren ihrer Kultur zu gehen. Ich kann es leider in meinem kleinen Stadtteil nicht. Dazu fehlen mir die Leute und die Vereine, die mitwirken könnten. Aber nochmals, ein tolles Werk und vielen Dank. Stadträtin Dr. Leidig (GRÜNE): Auch wir finden es sehr beeindruckend, mit wie viel Engagement die Erarbeitung dieses Konzeptes angegangen wurde. Sehr viele Grötzin- ger Bürgerinnen und Bürger, viele Expertinnen und Experten des Kulturamtes haben sich intensiv beteiligt. Es steckt viel Arbeit darin, auch viel ehrenamtliche Arbeit. Vielen Dank an alle Mitwirkenden. Es wurde bereits auf den Aufbau eingegangen und dass sich alles auf Grötzingen be- zieht. Ich möchte jetzt auf einen anderen Punkt eingehen. Auf den Punkt der Heraus- forderungen, denen sich die Kultur in Grötzingen zu stellen hat. Denn davon gilt auch ganz vieles für Karlsruhe. Ich finde, das ist auch mal Anlass dafür, etwas genauer hinzu- schauen. Ich finde es beeindruckend, wie die Grötzinger das herausgearbeitet haben und wie sie damit aufzeigen, dass etwas geschehen muss. Wir müssen gegensteuern, um uns eine vielfältige Kulturlandschaft langfristig zu erhalten. Ich finde, wir sollten uns dies zu Herzen nehmen. Das gilt zum einen für das Problem der Räume für Kultur. Das ist mittlerweile ein Thema, mit dem wir uns in jedem Kulturausschuss beschäftigen. Aber es ist eben tatsächlich auch ein Thema, bei dem es vorangehen sollte. Einige Dinge sind zumindest angedacht und würden eine Rochade, die wir interfraktionell vor Jahren schon einmal beantragt haben, vielleicht in Gang setzen. Aber in Grötzingen geht es speziell auch um Atelierflächen. Hier möchte ich noch ein- mal daran erinnern, dass wir in ein gewisses Versprechen eingetreten sind, für die hinter dem Hauptbahnhof liegenden Atelierflächen, die weggefallen sind, Ersatz zu schaffen im gesamtem Stadtgebiet. Dieser Aufgabe sind wir vielleicht nicht so nachgekommen, wie wir das hätten tun sollen. Außerdem fand ich es interessant, dass der Trend stei- gender Sicherheits- und Hygieneauflagen aufgezeigt wurde, die für die Kultur- und Brauchtumspflege immer mehr zur Belastung werden. Auch hier ist es so, dass Grötzin- gen ganz unmittelbar darunter leidet in Bezug auf den Faschingsumzug. Aber auch Daxlanden leidet beispielsweise darunter in Bezug auf den Faschingsumzug. In dem Kul- turkonzept wird dargestellt, das haben wir hier schon einmal diskutiert, dass beispiels- - 3 - weise das Fest der Völkerverständigung betroffen ist. Hier müssen wir uns überlegen wie weit wir gehen wollen in dem „Auflage machen“ und was wir uns dadurch kaputt machen an Tradition, an Brauchtumspflege, aber auch an der Möglichkeit, sozial und gesellig zusammen zu sein. Wir zahlen also für dieses Sicherheitsbedürfnis, für diese Hygieneauflagen einen sehr hohen Preis. Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wohin das führt. Auch das wurde in diesem Kulturkonzept sehr schön ausgeführt. Hier sehe ich Handlungsbedarf für Grötzingen, aber auch für Karlsruhe insgesamt, um weiterhin eine vielfältige Kulturlandschaft zu erhalten. Wir verstehen dieses Grötzinger Kulturkonzept so, wie das Karlsruher Kulturkonzept, letzten Endes auch als Orientierungsrahmen für zukünftiges politisches Handeln, und ich möchte mich da sehr gerne den Aussagen von Herrn Dr. Käuflein anschließen. Wir stimmen diesem Konzept zu als Ausgangsbasis, und sehen es als einen guten Aus- gangspunkt, um darüber den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern, mit den Kultur- schaffenden fortzuführen, um sich mit bestimmten Handlungsfeldern auseinanderzu- setzen und da Schritt für Schritt voranzukommen und auch um die Netzwerkstrukturen, die entstanden sind, für den Stadtteil und das soziale Miteinander zu nutzen. Aber über einzelne Maßnahmen müssen wir beraten und schauen, ob die Finanzierungsmittel da- für vorhanden sind. Dafür möchte ich im Anblick der Haushaltskonsolidierung, und wir haben es schon ausführlich gehört, dass es damit nicht vorbei ist, tatsächlich nicht Hoffnungen machen, die über eine allgemeine Aussage hinausgehen. Wir danken allen Mitwirkenden, freuen uns für und mit Grötzingen über das gelungene Konzept und hoffen, dass uns die finanzielle Situation in Karlsruhe tatsächlich in Zu- kunft die Möglichkeit geben wird, so viel wie möglich davon tatkräftig zu unterstützen. Stadtrat Cramer (KULT): 2014 hat der Gemeinderat für Karlsruhe, für die Gesamt- stadt, ein Kulturkonzept verabschiedet, auf den Weg gebracht und nun hat Grötzingen mit seiner eigenen Historie ein wirklich bemerkenswertes Konzept, bemerkenswertes Werk auf den Weg gebracht und uns vorgelegt. Wir meinen, im Gegensatz zu der Aus- sage der GRÜNEN, dass es nicht nur ein Papier ist, das gut geschrieben ist, aber wenn es dann an die Umsetzung geht, wird mit „Erbsenzählerei“ vorgegangen. Dasselbe hat der Kollege Dr. Käuflein von sich gegeben. Ich weiß manchmal nicht, ob er für die CDU oder für sein zukünftiges Amt spricht. Ich bin gespannt, was wir zu erwarten haben. Meine Fraktion sieht es absolut nicht so wie die CDU-Fraktion, ganz im Gegenteil. Auch das, was von der Kollegin Frau Dr. Leidig kam, ist sicher eine Sache, die wir bei uns noch einmal genau anschauen müssen. Was hat das letztendlich für Konsequenzen, wenn grün und schwarz in diese Richtung marschieren? Wir finden das Konzept gut. Wir sind erst einmal dabei, das zu ermöglichen und nicht schon wieder bei der Verabschiedung zu sagen: aber. Das ist nicht unser Weg. Wir ge- hen da anders heran. Stadtrat Høyem (FDP): In meinem Herzen bin ich noch Grötzinger, und ich erinnere mich mit Freude an meine Zeit als Mitglied im Grötzinger Ortschaftsrat, als wir das Kul- turkonzept angefangen haben. Karlsruhe ist eine wunderbare Stadt, gerade weil unsere Stadtteile oft eine ganz eigene Identität haben - wahrscheinlich besonders die Stadtteile mit einem eigenen Ortschaftsrat und wir mögen sehr gerne mehr Ortschaftsräte sehen - - 4 - aber auch mit beeindruckender ehrenamtlicher Arbeit in unseren vielen Bürgervereinen. Grötzingen hat wirklich ein nahezu ideales Konzept entwickelt, ein sehr bürgernahes Konzept mit Bürgern und aktiv involvierten Vereinen. Es ist glücklicherweise nicht nur ein gestalterischer Rückblick auf das Malerdorf Grötzingen, sondern auch eine Weiter- entwicklung von Geschichte und Gegenwart in einer offenen und dynamischen Zu- kunft. Hoffentlich kann das Kulturkonzept auch als Inspiration für viele andere Karlsru- her Stadtteile dienen. Karlsruhe ist eine reiche Stadt, da wir überall in unserer Stadt so viele ehrenamtlich engagierte Bürger haben. Also herzlichen Glückwunsch an mein Grötzingen. Stadtrat Wenzel (FW): Mit dem Kulturkonzept für Grötzingen, einem orts- und stadt- teilbezogenem Konzept, haben der Stadtteil und seine Menschen sich eine gut sichtba- re kulturelle Marke gegeben und sich damit Aufgaben auferlegt und gleichzeitig auch Wünsche und Forderungen an uns, den Gemeinderat und die Verwaltung, gestellt. Mögen wir diese nicht enttäuschen. Damit möchte ich fortsetzen, wo mein Kollege Cramer aufgehört hat. Es ist ein langer Weg gewesen, wenn man mit den Beteiligten gesprochen hat. Es war ein spannender Weg, wie Kollege Høyem es gesagt hat. Jetzt haben wir alles zusammengefasst in einem Konzept und letztendlich erwartet man von uns auch, dass dieses Konzept mit Leben und teilweise auch mit Geld gefüllt wird. Mö- ge hier der Gemeinderat, wenn es dann soweit kommt, weise und umsichtig und vo- raussichtig entscheiden. Denn das Konzept gilt ja nicht nur heute, sondern bis zum Jahr 2035. Der Vorsitzende: Wir kommen damit zur Abstimmung und ich bitte um ihr Votum. – Das ist Einstimmigkeit. Eine schöne Rückmeldung an die Grötzinger, die sich da eifrig engagiert haben. Zur Beurkundung: Die Schriftführerin: Hauptamt – Ratsangelegenheiten 14. Dezember 2017

  • Abstimmungsergebnis GR_TOP 12
    Extrahierter Text