Konzept: "Queeres Jugendzentrum La Vie"

Vorlage: 2017/0697
Art: Beschlussvorlage
Datum: 03.11.2017
Letzte Änderung: 03.03.2025
Unter Leitung von: Offen
Erwähnte Stadtteile: Südweststadt

Beratungen

  • Jugendhilfeausschuss (öffentlich/nicht öffentlich)

    Datum: 09.11.2017

    TOP: 7

    Rolle: Entscheidung

    Ergebnis: Keine Angabe

Zusätzliche Dateien

  • TOP 7 Queeres Jugendzentrum
    Extrahierter Text

    Stadt Karlsruhe Der Oberbürgermeister BESCHLUSSVORLAGE Vorlage Nr.: Verantwortlich: Dez.3 Konzept: „Queeres Jugendzentrum La Vie“ Beratungsfolge dieser Vorlage Gremium Termin TOP ö nö Ergebnis Jugendhilfeausschuss 09.11.2017 7 x Beschlussantrag: Der Jugendhilfeausschuss nimmt die konzeptionelle Ausrichtung von „La Vie“ zustimmend zur Kenntnis. Finanzielle Auswirkungen (bitte ankreuzen) x nein ja Gesamtkosten der Maßnahme Einzahlungen/Erträge (Zuschüsse u. Ä.) Finanzierung durch städtischen Haushalt Jährliche laufende Belastung (Folgekosten mit kalkulatori- schen Kosten abzügl. Folgeer- träge und Folgeeinsparungen) Haushaltsmittel stehen nicht zur Verfügung Kontierungsobjekt: Wählen Sie ein Element aus. Kontenart: Ergänzende Erläuterungen: ISEK-Karlsruhe-2020-relevant nein x ja Handlungsfeld: Sozialer Zusammenhalt und Bildung Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) x nein ja durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften x nein ja abgestimmt mit Ergänzende Erläuterungen Seite 2 Vom „Mädchentreff“ zum ersten queeren Jugendzentrum Baden-Württembergs Seit 2014 verfolgt der Stadtjugendausschuss e.V. (stja) ein neues Konzept für die bis dahin als „Mädchentreff“ genutzte Einrichtung „La Vie“ in der Ettlinger Straße 9. Eine konzeptionelle Neuausrichtung bot sich an, weil die Nachfrage nach Angeboten der Offenen Jugendarbeit in einem eigens für Mädchen ausgewiesenen Jugendhaus in den Vorjahren merklich zurückging. Mit der neuen Konzeption richtet sich die Einrichtung schwerpunktmäßig an die Zielgruppe der LSBTTIQ-Jugendlichen. Beweggründe für diese Entscheidung waren: - Die Landesregierung forderte die Träger der Kinder- und Jugendarbeit im „Zukunftsplan Jugend“ (2012) auf, ihre Angebote bisher nicht erreichten Gruppen besser zugänglich zu machen. - Eine intern im stja vorgenommene Zielgruppenanalyse machte deutlich, dass zu den bis- her wenig erreichten Gruppen homosexuelle Jugendliche und Transgender-Jugendliche gehören. - Dieser Zielgruppe stehen in Karlsruhe bisher kaum Orte und Angebote zur Verfügung, an denen sie sich, ohne Diskriminierungen befürchten zu müssen, ungezwungen be- gegnen können. Die bisherige Entwicklung des „La Vie“ als queeres Jugendzentrum Zur Umsetzung des neuen Konzepts arbeitet der stja mit den Vereinen „Schwung e.V.“ - der auch Mitgliedsverband im stja ist - und „Verkabelt“ zusammen. Beide Vereine nutzen seit Herbst 2014 das „La Vie“ für die Arbeit mit ihren Jugendgruppen. In der Folgezeit wurden mit Beteiligung dieser Jugendlichen neue Perspektiven für die Einrichtung entwickelt, mit dem Er- gebnis, dass im Mai 2016 ein „offener Betrieb“, vergleichbar mit anderen Jugendhäusern, ein- gerichtet wurde. Das „La Vie“ ist damit das erste „queere“ Jugendzentrum in Baden- Württemberg mit einer offenen Struktur. Eine auf ein Jahr begrenzte Anschubfinanzierung in Höhe von 10.000,- € durch das Sozialministerium Baden-Württemberg erleichterte diesen Schritt. Das große Interesse von Vereinen und Gruppen, sowie die stetig ansteigenden Besuchszahlen im offenen Bereich bestätigen die Vermutung, dass diese Zielgruppe einen hohen Bedarf nach einem Treffpunkt hat. Der „offene Bereich“ hat derzeit jeden Dienstag und Donnerstag und jeden zweiten Freitag geöffnet. Die Besuchszahlen übertreffen mit 30 bis 50 Jugendlichen pro Öffnungstag die Erwartungen. Vereine und Gruppen nutzen das „La Vie“ nach wie vor, was für eine insgesamt sehr hohe Auslastung sorgt. Das Altersspektrum der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bewegt sich zwischen 14 und 25 Jahren. Die Einrichtung wird nicht nur von lesbischen und schwulen Jugendlichen besucht. Hier treffen sich ebenso bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle, pansexuelle sowie asexuelle junge Menschen. Selbstverständlich sind auch heterosexuelle Jugendliche willkom- men. Eine bunte Vielfalt prägt den Charakter des „La Vie". Die Jugendlichen engagieren sich aktiv bei Veranstaltungen, wie z.B. beim Christopher-Street- Day und dem IDAHOT. In einer gemeinsamen Aktion entwarfen sie pfiffige Informations-Karten zu ihren unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, die bundesweit verbreitet wurden und sehr viel Beachtung gefunden haben. Ergänzende Erläuterungen Seite 3 In der Organisation des stja hat die Neuausrichtung des „La Vie“ als queeres Jugendzentrum bereits nach kurzer Zeit die fachliche Auseinandersetzung zu Fragen der geschlechtlichen Identi- tätsentwicklung und der Wahrnehmung unterschiedlicher sexueller Orientierungen in der Kin- der- und Jugendarbeit beflügelt. Die besondere Bedeutung des „La Vie“ für die Zielgruppe und den stja insgesamt Das „La Vie“ unterscheidet sich in seiner grundlegenden Aufgabenstellung zunächst einmal in keiner Weise von jedem anderen Jugendhaus. Im Vordergrund steht das gemeinschaftliche Er- leben, die Begleitung der jungen Menschen auf ihrem Weg zu eigenverantwortlichen und selbstständigen Persönlichkeiten, soziales Engagement sowie Bildung im umfassenden Sinn. Durch das „La Vie“ profitieren nunmehr auch Jugendliche der LSBTTIQ-Community von diesen Leistungen. Aufgrund deren besonderen Lebenssituation hat das „La Vie“ für diese Zielgruppe allerdings eine eigene Bedeutung: - Da in Jugendhäusern – wie in Schulen auch - offen ablehnende, homophobe Haltungen immer noch vorherrschen, gibt es kaum Gelegenheit für die LSBTTIQ-Community, sich im öffentlichen Raum zu begegnen, ohne mit Diskriminierung rechnen zu müssen. Im „La Vie“ werden sie verstanden und müssen sich nicht lange erklären. - Das Alter von 14 bis 18 Jahren gilt als klassisches „Coming-Out-Alter“, in dem Jugendli- che sowohl beim inneren wie beim äußeren Coming-Out einen großen Unterstützungs- bedarf haben. Der Weg, sich diese Unterstützung in der Familie und Schule zu holen ist nicht selbstverständlich und bleibt oftmals verwehrt. Bisherige Erfahrungen belegen, welch starken psychischen Belastungen die betreffenden Jugendlichen teilweise ausge- setzt sind und wie sehr sie die Unterstützung durch die pädagogischen Fachkräfte in Anspruch nehmen. - In der nachdrücklich von gegenseitiger Akzeptanz geprägten Atmosphäre lernen Ju- gendliche mit unterschiedlicher geschlechtlicher Identität ihre spezifischen Themen ken- nen und füreinander einzustehen. Für die Weiterentwicklung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit des stja ist die Neuausrichtung des „La Vie“ ein Meilenstein: - Hier ist es beispielhaft gelungen, eine „neue“ Zielgruppe zu erreichen und ihr Angebo- te der Jugendarbeit zugänglich zu machen. In dieser Weise wird der stja zukünftig auf weitere Gruppen zugehen. - Das „La Vie“ ist ein Kompetenzzentrum zu Themen und Fragen der geschlechtlichen Identitätsentwicklung im Jugendalter. - Das „La Vie“ setzt durch Fortbildungen der Fachkräfte und die Vernetzung mit anderen Jugendhäusern Impulse, um Homophobie und jede Form von gruppenbezogen diskrimi- nierendem Verhalten in der Kinder- und Jugendarbeit abzubauen. - Die Neuausrichtung des „La Vie“ ist für den stja ein wichtiges Etappenziel auf dem Weg zu einer „inklusiven Kinder- und Jugendarbeit“. Ziel ist es, allen Jugendlichen unabhän- gig von ihrer geschlechtlichen Orientierung und Identität den Zugang und die Teilhabe an den dezentralen Angeboten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zu ermöglichen. Ergänzende Erläuterungen Seite 4 Aufgaben des „La Vie“ - Offener Betrieb unter der Woche und gegebenenfalls auch an Wochenenden, Freizeit- und Bildungsangebote, Veranstaltungen, Begleitung und Unterstützung der Jugendli- chen. - Niedrigschwellige Beratung der Jugendlichen in enger Zusammenarbeit mit anderen Fachstellen, insbesondere zu Fragen der geschlechtlichen Identitätsfindung, sowie in Kri- sensituationen. - Zusammenarbeit mit Vereinen und Gruppen im Haus, Netzwerkarbeit, Bereitstellung der Räume, Raummanagement. - Vernetzung mit anderen Einrichtungen der Jugendarbeit. - Mitarbeit im LSBTTIQ-Netzwerk in der Stadt und im Land. - Fachliche Weiterentwicklung des stja zu Fragen der geschlechtlichen Identitätsentwick- lung und der pädagogischen Auseinandersetzung mit diskriminierenden Haltungen Ju- gendlicher. - Schulung von Multiplikatoren und Multiplikatorinnen. - Durchführung von Schulprojekten. An die Eignung und fachliche Kompetenz der pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „La Vie“ werden besondere Anforderungen gestellt, insbesondere gute Kenntnis über die Lebenssituation der LSBTTIQ-Jugend, Wissen über geschlechtliche Identitätsentwicklung und damit verbundene Krisen sowie Offenheit für die Zielgruppe. Ausblick / Absicherung Das „La Vie“ ist als queeres Jugendzentrum sehr erfolgreich gestartet und übertrifft mit seiner derzeitigen Auslastungen alle Erwartungen. Die Besuchszahlen sind mit 30 bis 50 Besucherin- nen und Besuchern so hoch, dass eine gute personelle Ausstattung erforderlich ist. Dies umso mehr, weil die psychischen Belastungen der Jugendlichen durch Krisen bei ihrer geschlechtli- chen Identitätsfindung eine große Aufmerksamkeit in der pädagogischen Arbeit erfordern. Das „La Vie“ wird in Personalunion mit dem KJH Südweststadt betrieben. Zur Unterstützung hat der stja vorübergehend aus eigenen Ressourcen und mit Mitteln der Anschubfinanzierung des Landes BW eine zusätzliche 50%-Stelle zur Verfügung gestellt. Das KJH Südwest hat sich seit der Eröffnung 2013 so gut entwickelt, dass die personellen Kapa- zitäten aus der Personalunion mit dem „La Vie“ dort dringend gebraucht werden. Für das quee- re Jugendzentrum besteht dadurch ein Stellenbedarf von 1,25 Stellen, die in der jetzigen Kon- struktion nicht zur Verfügung stehen. Eine dauerhafte Finanzierung aus eigenen Mitteln ist dem stja nicht möglich. Der stja hat deshalb 1,25 Stellen beim POA beantragt.