Vegane Verpflegungsangebote in öffentlichen Einrichtungen in Karlsruhe
| Vorlage: | 2016/0161 |
|---|---|
| Art: | Antrag |
| Datum: | 01.04.2016 |
| Letzte Änderung: | 03.03.2025 |
| Unter Leitung von: | Offen |
| Erwähnte Stadtteile: | Keine Angaben |
Beratungen
- Gemeinderat (öffentlich/nicht öffentlich)
Datum: 31.05.2016
Rolle: Entscheidung
Ergebnis: mit Stellungnahme einverstanden
Zusätzliche Dateien
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Extrahierter Text
Stadt Karlsruhe Der Oberbürgermeister STELLUNGNAHME zum Antrag GRÜNE-Gemeinderatsfraktion vom: 30.03.2016 Vorlage Nr.: 2016/0161 Verantwortlich: Dez. 5 Vegane Verpflegungsangebote in öffentlichen Einrichtungen in Karlsruhe Gremium Termin TOP ö nö Gemeinderat 31.05.2016 8 X Kurzfassung Die Stellen der städtischen Außer-Haus-Versorgung berücksichtigen bei ihren Essensangeboten stets auch die Bedürfnisse ihrer Tischgäste. Daher haben einige Anbieter regelmäßig vegane Gerichte in kleinerem Umfang auf dem Speiseplan. Allerdings sind für die städtischen Stellen die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) im Hinblick auf eine ausgewogene und gesundheitsförderliche Ernährung der Tischgäste von übergeordneter Bedeutung. Die DGE empfiehlt zwar, den Fleischkonsum deutlich einzuschränken, aber nicht, auf tierische Produkte wie Milch und Käse zu verzichten. Es wird daher angestrebt, diese Qualitätsstandards flächendeckend bei der städtischen Außer- Haus-Verpflegung zu verankern. Im Rahmen seiner Öffentlichkeitsarbeit und der kommunalen Gesundheitsförderung informiert der Umwelt- und Arbeitsschutz über nachhaltige Ernährungsstile, dabei kann auch die vegane Ernährungsweise berücksichtigt werden. Finanzielle Auswirkungen des Antrages (bitte ankreuzen) X nein ja Gesamtkosten der Maßnahme Einzahlungen/Erträge (Zuschüsse u. Ä.) Finanzierung durch städtischen Haushalt Jährliche laufende Belastung (Folgekosten mit kalkulatori- schen Kosten abzügl. Folgeer- träge und Folgeeinsparungen) Haushaltsmittel stehen Wählen Sie ein Element aus. Kontierungsobjekt: Wählen Sie ein Element aus. Kontenart: Ergänzende Erläuterungen: ISEK-Karlsruhe-2020-relevant X nein ja Handlungsfeld: Wählen Sie ein Element aus. Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO) X nein ja durchgeführt am Abstimmung mit städtischen Gesellschaften nein X ja abgestimmt mit SWK; KMK Ergänzende Erläuterungen Seite 2 Erläuterungen: In Deutschland interessieren sich immer mehr Menschen für eine vegane Ernährung. Der Anteil der Menschen, die sich vegan ernähren, schwankt nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zwischen 0,1 % und 1 % der Bevölkerung. Insbesondere bei jungen Men- schen sind vegane Speisen, Snacks oder Getränke sehr populär. Vegane Ernährung setzt sich ausschließlich aus pflanzlichen Lebensmitteln zusammen. Tierische Produkte wie Fleisch, Fisch, Milch, Eier oder Honig werden nicht verwendet, ebenso wenig wie daraus hergestellte Produkte wie Käse oder Quark und Zusatzstoffe wie Lecitin. zu Frage 1: Die Stadtverwaltung führt auf, in welchen öffentlichen Einrichtungen be- reits regelmäßig vegane Essensangebote bestehen. Eine Umfrage bei den wichtigsten städtischen Stellen und Gesellschaften mit Außer-Haus- Verpflegung ergab, dass es bereits regelmäßige vegane Essensangebote gibt: Städtische Kitas mit Mittagessen: Entsprechend der Orientierung an den Qualitäts- standards der DGE sieht die Speiseplangestaltung von vier Wochen mindestens acht ve- getarische Gerichte vor. Diese sind nach Angaben der Sozial- und Jugendbehörde oft- mals auch vegan. Städtische Schulen mit Mittagessen: Auch hier orientiert man sich nach Angaben des Schul- und Sportamtes an den Qualitätsstandards der DGE. Es existiert zwar kein speziel- les veganes Verpflegungsangebot an Schulen, dennoch sind sowohl vegetarische als auch vegane Gerichte in den dortigen Speiseplänen enthalten. Außerdem besteht bereits jetzt an einigen Schulen die Möglichkeit, von zuhause Essen mitzubringen und in einer Mikrowelle zu erhitzen. Städtische Kantine im Rathaus: Bislang gab es kein veganes Speisenangebot. Momen- tan ist die Kantine wegen Umbauarbeiten geschlossen. Stadtwerke Karlsruhe – Kantine und Catering: Von 14 Hauptgerichten pro Verpfle- gungswoche sind durchschnittlich circa sieben vegetarisch und eines vegan. Im Umfrage- zeitraum hatten vegane Gerichte einen Anteil von sieben Prozent aller Hauptgerichte. Zusätzlich besteht für die Beschäftigten beim Mittagessen die Möglichkeit, sich rein vegane Mahlzeiten selbst zusammen zu stellen. Karlsruher Messe- und Kongress-GmbH (KMK): Im Zuständigkeitsbereich der KMK werden zahlreiche vegane Gerichte und Snacks angeboten. Darüber hinaus wurde stellvertretend für die nicht-städtischen öffentlichen Einrichtungen das Landratsamt Karlsruhe um eine Stellungnahme gebeten: Kantine des Landratsamtes Karlsruhe: Regelmäßig stehen Gerichte auf dem Speise- plan, die vegetarisch und vegan sind. Sie werden allerdings nicht als „vegan“ gekenn- zeichnet. Eine direkte Nachfrage der Tischgäste nach veganen Gerichten ist bisher nicht erfolgt. zu Frage 2: Die Verwaltung prüft, welche weiteren Möglichkeiten es gibt, in öffentli- chen Einrichtungen und im Rahmen der städtischen Gesundheitsprävention vegane Essensangebote in Karlsruhe als Teil der Ernährungsvielfalt zu fördern. Ergänzende Erläuterungen Seite 3 2.1: Weitere Möglichkeiten in den öffentlichen Einrichtungen vegane Essensangebote zu fördern Hier ergeben die Umfrageergebnisse bei den wichtigsten städtischen Stellen und Gesellschaften mit Außer-Haus-Verpflegung folgendes Bild: Städtische Kitas mit Mittagessen: Veganes Essen wird teilweise angeboten. Die Ziele für eine ausgewogene Mittagsverpflegung in den Einrichtungen orientieren sich jedoch an den Empfehlungen der DGE (siehe Ausführungen zu Frage 2.2). Außerdem ist die gemeinschaftliche Verpflegung in Kitas ein Teil des pädagogischen Gesamtkonzeptes. Daher wird schon allein aus diesem Grund angestrebt, dass möglichst alle Kinder die gleichen Speisen zu sich nehmen. Ausnahmen davon stellen kulturspezifische oder religiös motivierte Gründe dar oder Lebensmittelunverträglichkeiten der Kinder. Städtische Schulen mit Mittagessen: Nach Rücksprache mit Caterern können vegane Gerichte in den Schulmensen als solche gekennzeichnet werden. Darüber hinaus ist vor- stellbar, dass interessierte Schulen bei entsprechender Nachfrage mit dem jeweiligen Ca- terer individuell für ihre Mensa einen veganen Tag in der Woche vereinbaren können. Weiterhin kann für weitere Schulen die Möglichkeit geschaffen werden, dass bei dem Wunsch von Eltern, ihr Kind vegan zu ernähren, zubereitetes Essen mitgebracht und in einer Mikrowelle erhitzt werden kann. Städtische Kantine im Rathaus: Bis zur Beendigung der Umbauarbeiten wird mit einem neuen Betreiber der Leistungsumfang der Angebote verhandelt werden. Dazu kann zum jetzigen Zeitpunkt aber keine weitergehende Aussage gemacht werden. Stadtwerke Karlsruhe – Kantine und Catering: Vegane Verpflegung wird schon der- zeit praktiziert, dies soll auch zukünftig so weiter geführt werden. Dabei wird festge- stellt, dass der Anteil der veganen Tischgäste zunimmt, insbesondere aber der „Flexi- tarier“, also der Personen, die auf eine gesunde und fleischarme Ernährung achten, ohne sich aber als reine Veganer festzulegen. Die Stadtwerke betonen, dass die Akzeptanz von veganen Gerichten nur über guten und überzeugenden Geschmack gelingen könne. Dies setze Hintergrundwissen und ent- sprechend geschultes Personal voraus und stelle sich daher als zeitintensive Umstellung einer Kantine dar. Karlsruher Messe- und Kongress-GmbH (KMK): Das bestehende Angebot soll auch zukünftig gelten. Kantine des Landratsamtes Karlsruhe: Mangels Nachfrage ist kein veganes Speise- angebot geplant. Die Kantine orientiert sich nach den Qualitätskriterien der DGE und verfolgt darüber hinaus Ziele der Inklusion durch die Beschäftigung von Menschen mit Handicaps. Fazit: Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die Stadtverwaltung bei der kommunalen Außer-Haus- Versorgung sehr aufgeschlossen ist für neue Erkenntnisse und zeitgemäße Anforderungen an das Essen ihrer Zielgruppen. Insbesondere die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung finden bei den Beauftragungen für Mittagessen in städtischen Kitas und Schulen Berücksichtigung. Darin wird empfohlen, fleischhaltige Mahlzeiten generell zu reduzieren und pflanzliche Lebensmittel zu bevorzugen. Diese Vorgaben wirken sich gesundheitsförderlich und ernährungsphysiologisch günstig auf die Ernährung aus. Durch das darin vorgegebene reduzierte Angebot von Fleisch- mahlzeiten wird der Gedanke des Tierwohls berücksichtigt. Andere tierische Produkte wie Milch, Käse oder Honig liefern essentielle Nährstoffe, die in pflanzlichen Lebensmitteln, und Ergänzende Erläuterungen Seite 4 damit in rein veganen Mahlzeiten, nicht oder nicht ausreichend enthalten sind. Die Qualitäts- standards der DGE sind zudem kostenneutral umsetzbar. Die Berücksichtigung dieser Qualitätsstandards bei der Verpflegung in Kita und Schule wurde auch bereits in den Handlungsempfehlungen der zweiten Kommunalen Gesundheitskonferenz in Karlsruhe im Jahr 2013 als ein wichtiges Kriterium für gesundes Aufwachsen postuliert. Die Stadtverwaltung strebt daher an, die Qualitätsstandards der DGE flächendeckend bei der städtischen Außer-Haus-Verpflegung in Karlsruhe zu verankern. 2.2: Weitere Möglichkeiten, im Rahmen der städtischen Gesundheitsprävention vegane Essensangebote zu fördern Eine vegane Ernährung ohne jegliche tierische Produkte wie Milch, Quark oder Käse wird von der DGE kritisch beurteilt. Sie sei nicht zwingend ernährungsphysiologisch günstig oder automa- tisch gesund. Darauf weist die DGE in einer Position vom 12.04.2016 hin. Sie betont darin, dass bei einer rein pflanzlichen Ernährung eine ausreichende Versorgung mit einigen Nährstoffen nicht oder nur schwer möglich sei. Hierunter zählen insbesondere Vitamin B 12 , aber auch einige essentielle Aminosäuren, einige Fettsäuren sowie weitere Vitamine (Riboflavin, Vitamin D) und Mineralstoffe (Calcium, Eisen, Jod, Zink, Selen). Daher empfiehlt die DGE für Schwangere, Stil- lende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche, auf eine rein vegane Ernährung zu verzichten oder entsprechende Nährstoffpräparate zusätzlich einzunehmen. (weitere Infos und Quelle: https://www.dge.de/presse/pm/vegane-ernaehrung-dge-raet-zu-naehrstoffpraeparaten-und- qualifizierter-beratung-1/) Die Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung Baden-Württemberg rät ebenfalls dazu, vor allem im Primarbereich auf ein veganes Essensangebot zu verzichten. Die Ernährungsberatungsstelle im Landratsamt beurteilt die vegane Ernährungsweise insgesamt ebenfalls kritisch. Eltern, Caterer und Hauswirtschaftskräfte benötigen ein umfassendes Wissen über Ernährung, um bei einer veganen Ernährungsweise Unterversorgung mit Nährstoffen zu vermeiden. Dies sei oftmals nicht gegeben. Die Ernährungsberatungsstelle empfiehlt daher vielmehr ebenfalls auf die Orientierung an den Qualitätsstandards der DGE. Kindertageseinrich- tungen in Stadt und Landkreis Karlsruhe können sich hierfür mit Unterstützung der Fachfrauen für Kinderernährung zertifizieren lassen. Auch im Bereich Klimafreundlichkeit muss die vegane Ernährungsweise aus Sicht der Stadtver- waltung zurückhaltend beurteilt werden. Vegane Ernährung kann durch den kompletten Ver- zicht auf tierische Produkte erheblich dazu beitragen, Treibhausgase wie CO 2 oder Lachgas ein- zusparen. Klimafreundlich wird sie aber nur dort, wo Butter, Käse oder andere Milchprodukte nicht substituiert werden durch aufwendig verarbeitete pflanzliche Lebensmittel, deren Haupt- bestandteile wie Soja oder Reis zudem oft lange Transportwege aus Kanada oder China aufwei- sen. Das Kriterium „Umweltfreundlichkeit“ greift darüber hinaus noch Aspekte wie Boden- und Grundwasserbelastung, Gentechnik oder Sortenvielfalt auf. Vegane Lebensmittel sind in diesem Sinne nicht per se umweltfreundlich, solange sie nicht auch biologisch erzeugt wurden. Zum Thema „Bio-Verpflegung“ hat der Gemeinderat in seiner Sitzung am 26. April 2016 den Bericht der Stadtverwaltung „Nachhaltige Essensversorgung bei der Stadt Karlsruhe“ zur Kenntnis ge- nommen, in dem die Möglichkeiten dargelegt werden, einen 25-prozentigen Bio-Anteil sowie saisonale und regionale Lebensmittel bei der städtischen Außer-Haus-Versorgung umzusetzen. Ergänzende Erläuterungen Seite 5 Fazit: Der Umwelt- und Arbeitsschutz bietet im Rahmen der allgemeinen Öffentlichkeitsarbeit, der Klimaschutzarbeit und der kommunalen Gesundheitsförderung Informationsmöglichkeiten über nachhaltige und gesundheitsförderliche Ernährungsweisen. Dabei wird erfolgreich mit aner- kannten Stellen wie beispielsweise Slow Food, der Ernährungsberatungsstelle des Landratsamts, den Praxisbegleiterinnen der Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung, professionellen Ökotrophologinnen, „Karlsruhe vegan“, Tischlein deck Dich e.V. oder engagierten Caterern zusammengearbeitet. Diese Kooperationen sind im Rahmen zukünftiger Projekte und Kampagnen auch weiterhin beabsichtigt. Dabei wird über nachhaltige Ernährungsweisen im dargelegten Sinn informiert werden. Die vegane Ernährung kann dabei Berücksichtigung finden.
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Stadt Karlsruhe Der Oberbürgermeister ANTRAG GRÜNE-Gemeinderatsfraktion vom 30. März 2016 Vorlage Nr.: 2016/0161 Vegane Verpflegungsangebote in öffentlichen Einrichtungen in Karlsruhe Gremium Termin TOP ö nö Gemeinderat 31.05.2016 8 x 1. Die Stadtverwaltung führt auf, in welchen öffentlichen Einrichtungen bereits regelmä- ßig vegane Essensangebote bestehen. 2. Die Verwaltung prüft, welche weiteren Möglichkeiten es gibt, in öffentlichen Einrich- tungen und im Rahmen der städtischen Gesundheitsprävention vegane Essensangebo- te in Karlsruhe als Teil der Ernährungsvielfalt zu fördern. Seit einigen Jahren nimmt der gesellschaftliche Trend zu gesunden und umweltbewussten Ernährungsformen sehr stark zu. Im Jahr 2015 gab es bereits 7,8 Millionen VegetarierInnen und rund 900.000 VeganerInnen (Quelle: VEBU Januar 2015) in Deutschland, Tendenz steigend. Insgesamt ist zu beobachten, dass immer mehr Menschen ihre pflanzlichen und tierproduktfreien Ernährungsanteile erhöhen und tierische Produkte reduzieren. Vor allem ethische Motivationen sind für viele Menschen entscheidend, wie die Ablehnung des Tötens und der Ausbeutung der Tiere sowie die Kritik an der industriellen Massentierhaltung. Derzeit stammen noch immer knapp 98 % der Fleischerzeugnisse und ebenso der Großteil anderer tierischer Produkte aus Intensiv- und Massentierhaltung. Ebenso gewinnt der Gesundheitsaspekt zunehmend an Bedeutung. Nicht nur hohe Antibiotika- und Hormondosen sind hierbei relevant. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt maximal 300 bis 500 Gramm Fleisch und Fleischprodukte pro Woche zur Reduzierung der Risiken von Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Krebs oder Herz-Kreislauferkrankungen. Auch die Sorge um die globale Ernährungssicherung sowie Klimaschutzgründe sind oft ausschlaggebend für eine pflanzliche Ernährung. So werden aufgrund des enormen Futtermittelbedarfs für unsere Tiere rund 50 % der weltweiten Getreideproduktion und 90 % der Sojaernte als Futtermittel eingesetzt und führen zu Nahrungsmittelengpässen in vielen Ländern. Dazu kommen die hohen Treibhausemissionen und der gigantische Wasserverbrauch durch die Fleischproduktion. Sachverhalt / Begründung: Seite 2 Während vegetarische Angebote nahezu flächendeckend zur Auswahl stehen, ist die wachsende Nachfrage nach veganen Verpflegungsangeboten in vielen Kantinen noch nicht gedeckt. Besonders für junge Menschen, die sich überproportional häufig für eine vegane Lebensweise entscheiden oder entscheiden wollen, stellt das unzureichende Angebot in Schulkantinen eine große Herausforderung dar. Dabei gibt es erste positive Beispiele: So bietet das Studentenwerk Karlsruhe seit dem laufenden Wintersemester jeden Tag mindestens ein veganes Gericht an. Durch Weiterbildungsmaßnahmen sowie Vereinbarungen mit Caterern ist es möglich, gesunde und vollwertige, vegane Gerichte anzubieten. Den VerbraucherInnen würden bessere Informationen über Inhaltsstoffe und eine deutliche Kennzeichnung tierischer Zutaten im Essen bei der bewussten Auswahl veganer Nahrungsmittel helfen, die auch in Hinblick auf Allergene und Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu begrüßen ist. Auch im nicht-öffentlich verwalteten Gastronomiebereich ist dieses Thema wichtig. In Karlsruhe gibt es bereits gastronomische Betriebe, die vollwertige vegane Gerichte anbieten. Die Stadt Karlsruhe könnte deshalb im Rahmen ihrer Gesundheits- und Klimaschutzziele die vegane Ernährungsweise bei der Vielfalt der gesunden und nachhaltigen Ernährungsformen berücksichtigen, wie dies unter http://www.karlsruhe-macht-klima.de/klimawette/wettaktionen/ernaehrung.de bereits beispielhaft erfolgt ist. unterzeichnet von: Bettina Lisbach Zoe Mayer Renate Rastätter Michael Borner Joschua Konrad
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NIEDERSCHRIFT Stadt Karlsruhe Gremium: 24. Plenarsitzung Gemeinderat Termin: 31. Mai 2016, 15:30 Uhr öffentlich Ort: Bürgersaal des Rathauses Vorsitzende/r: Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup 8. Punkt 8 der Tagesordnung: Vegane Verpflegungsangebote in öffentlichen Ein- richtungen in Karlsruhe Antrag der Stadträtinnen und Stadträte Bettina Lisbach, Zoe Mayer, Renate Rastätter, Michael Borner und Joschua Konrad (GRÜNE) sowie der GRÜNE- Gemeinderatsfraktion vom 30. März 2016 Vorlage: 2016/0161 Beschluss: Einverstanden mit der Stellungnahme der Verwaltung. Abstimmungsergebnis: keine Abstimmung Der Vorsitzende ruft Tagesordnungspunkt 8 zur Behandlung auf und verweist auf die vorliegende Stellungnahme der Verwaltung. Stadträtin Mayer (GRÜNE): Das Interesse für vegane Ernährungsformen ist in der Mit- te der Gesellschaft angekommen. Ich habe hier z. B. einen Artikel aus der letzten Sonn- tagszeitung, eine ganze Seite zu dem Thema. Auch im aktuellen KVV-Magazin ist ein wirklich schöner Artikel über einen jungen Koch, der in Bühl ein veganes Restaurant eröffnet hat, das auch sehr gut läuft. Zu seinen Kunden zählen natürlich viele Men- schen, die sich rein vegan ernähren, aber vor allem auch Leute, die sich einfach für sei- ne interessante, abwechslungsreiche und gesunde Küche interessieren. In Deutschland haben wir in den vergangenen Jahren einen Trend erlebt hin zu bewussterer Ernährung. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren mit Sicherheit auch so fortsetzen. In Deutschland haben wir mittlerweile schon knapp 8 Millionen Vegetarierinnen und Ve- getarier, eine drastisch steigende Zahl von Menschen, die sich rein vegan ernähren und vor allem auch viele Leute, die einfach den Anteil ihrer pflanzlichen Nahrung erhöhen. Dass wir unserer Gesundheit mit zu viel Fleisch nichts Gutes tun, wissen wir mittlerweile alle. Das hat auch die Stadtverwaltung bereits erkannt und möchte für ihre öffentlichen Einrichtungen hier handeln. Was die offiziellen Stellungnahmen von Ernährungsgesell- schaften wie der DGE, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, anbelangt, sind die oft relativ konservativ und warten immer erst gerne ein bisschen ab, wenn es um die - 2 - Anerkennung und Empfehlung für neue Ernährungsformen geht, ganz im Gegensatz zu anderen internationalen renommierten Organisationen wie beispielsweise die ADA, die größte Ernährungs- und Gesundheitsorganisation in den USA oder auch die staatliche offizielle Ernährungs- und Gesundheitsgesellschaft in Australien. Die erkennen die ve- gane Ernährung als gesund an, und dass vor allem auch über den gesamten Lebenszyk- lus: von der Schwangerschaft, über das Säuglingsalter, über die Wachstumsphase bis hin ins Rentenalter. Meine Blutwerte, wie ich letzten Monat herausgefunden habe, sind übrigens auch ganz hervorragend und fern von jedem Nährstoffmangel. Auch andere Gründe neben der Gesundheit sprechen natürlich für einen hohen Anteil von pflanzli- cher Nahrung. Der Tierschutz ist hier mit Sicherheit das größte Thema. Die aktuelle De- batte des Schredderns von Millionen männlicher Küken für unsere Eierproduktion, ist hier an der Stelle natürlich nur repräsentativ genannt. Beim Lesen der Verwaltungsantwort habe ich mich als erstes sehr gefreut über die Of- fenheit, die auch die Stadtverwaltung dem Thema entgegenbringt - eine Ausweitung für vegane Angebote. Die Stadtverwaltung hat auch gezeigt, dass es in Karlsruhe be- reits einige schöne Angebote gibt. Die Stadtwerke sind hier wirklich sehr vorbildlich. Die haben einen super engagierten, motivierten Koch, der in dem Bereich schon einige Fortbildungen belegt hat, und der zeigt mit einer steigenden Nachfrage nach den vega- nen Angeboten, dass das gut funktionieren kann. Auf zwei Aspekte aus der Verwaltungsantwort möchte ich noch kurz eingehen, die uns sehr wichtig sind. Das ist zum einen der Bereich der Jugendlichen, der Schülerinnen und Schüler. Die Stadtverwaltung hat erkannt, dass es besonders unter den jungen Leuten eine stark überproportionale Zahl von Menschen gibt, die sich für die vegane Ernährung interessieren oder die sich strikt vegan ernähren. Wir würden uns sehr wünschen, hier ein adäquates Angebot in Kooperation mit den Schülerinnen und Schülern zu schaffen. Aus meinem eigenen Freundeskreis - Schülerinnen und Schüler, die ich kenne -, weiß ich, wie schwierig es gerade in der Oberstufe ist, wenn man sich dann jeden Abend noch sein Essen selbst vorkochen muss und dann in der Schule eine wenig hygienische Mikrowelle vorfindet. Da würden wir uns schon wünschen, dass man sich da noch mal mit den Schülerinnen und Schülern auseinandersetzt. Die vegane Ernährung hat auch einen ganz klaren Vorteil, nämlich sie ist auch geeignet für Vegetarierinnen, für Leute, die sich aus religiösen Gründen gegen gewisse tierische Bestandteile aussprechen. Da kann man sicher noch viel machen. Ein zweiter uns wichtiger Aspekt, der auch für die Verwaltung sehr leicht umzusetzen ist, ist eine klare Kennzeichnung. Jeder hier im Raum, der eine Lebensmittelunverträg- lichkeit hat oder sich auch ganz bewusst ernährt nach einer Ernährungsform, der weiß, wie nervig es ist, wenn das Personal keine Ahnung hat, was in dem Essen eigentlich genau drin ist. Für Allergiker und Allergikerinnen ist es genau so ein Problem wie für Veganerinnen und Veganer. Wir hätten es einfach gerne, dass man die Bestandteile in der Nahrung, in dem Essen, genauer kennzeichnet, um so einfach mehr Transparenz zu schaffen und den Leuten hier so ganz leicht einen Mehrwert zu bringen. Stadträtin Mußgnug (CDU): Sie haben es auf den Punkt gebracht, es ist ein Trendan- trag. Die Stadtverwaltung praktiziert die Vielfalt im Essen. Für uns ist die Vielfalt wichtig. Deswegen kann man so einen Antrag stellen, aber es ist auch meines Erachtens die - 3 - Freiheit von einem Kantinenbetreiber und vom Koch, die Menüauswahl zusammenzu- stellen. Ich bin ja froh, dass im Antrag steht, wir wollen es fördern und nicht verpflich- ten. Das ist ja mal ein feiner Unterschied, auch in dem Punkt. Das kann man auch er- wähnen. Man darf aber nicht vergessen, es muss dann auch realisierbar sein. Die Nach- frage bestimmt das Angebot. Es gibt einen steigenden Anteil, deswegen geht der An- trag so auch in Ordnung. Am Ende freut es mich, dass Sie gute Blutwerte haben. Stadträtin Moser (SPD): Bereits in der letzten Gemeinderatssitzung haben wir uns über Nachhaltigkeit im Essen unterhalten. Jetzt werden wir dies zum Thema vegane Ernährung in Ihrem Antrag haben. Wir haben gemerkt, dass es unheimlich schwierig ist, das nachhaltige Essen auch in den Kantinen und in der Außer-Haus-Versorgung umzu- setzen und anzubieten. Für uns als SPD-Fraktion ist es besonders wichtig, dass regional und saisonal erzeugte Lebensmittel, wenn möglich biologisch erzeugt, Verwendung finden, gerade bei der Ernährung von Kindern und Jugendlichen. Außerdem müssen die Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung umgesetzt werden. Wenn wir die- sen Schritt gemacht haben und vegetarische Gerichte noch stärker ausgebaut werden, dann sind wir soweit, dass wir noch mehr vegane Ernährung anbieten können. Das wird übrigens in manchen Kitas schon gemacht, dass die Kinder auch ihre Ernährung mit- bringen können und im Mikro aufwärmen. Wir müssen da step by step gehen und nicht alles auf einmal probieren. Stadtrat Wohlfeil (KULT): Ich habe vorgestern in der Schauburg den Film „Die Poesie des Unendlichen‚ gesehen, über das Leben des indischen Mathematikers Ramanujan. Ramanujan ernährte sich als Inder traditionell vegetarisch. Aber als es dann in England an der Universität Cambridge war, da gab es in der Hall kein einziges vegetarisches Ge- richt, und selbst das Gemüse wurde in Schweineschmalz angebraten. Er hat sich dann zu Hause sein Essen auf dem Kaminfeuer selbst gekocht. Ich habe es heute als Vegeta- rier etwas einfacher. Ich kann in der Uni-Mensa jeden Tag etwas Vegetarisches essen. Wir sehen, in den letzten 100 Jahren ist die europäische Gesellschaft sehr viel liberaler und pluralistischer geworden. Es gibt nicht nur uns Vegetarier als relativ große Gruppe, sondern es gibt auch Leute, die sich halal oder koscher ernähren wollen. Es gibt Lakto- seintolerante und Allergiker. Es ist wichtig, dass möglichst alle, auch in den öffentlichen Einrichtungen, ein entsprechendes Essensangebot finden. In dem Antrag geht es jetzt konkret um Veganer. Die sind aktuell noch ein relativ klei- ner Anteil im Vergleich zum Vegetarier, aber wie ausgeführt nimmt der Anteil gerade aktuell sehr stark zu. So hat auch das größte öffentliche Essensangebot in Karlsruhe, das leider in der Vorlage nicht vorkommt, nämlich die Mensa am Adenauerring vom Studierendenwerk, auch erst neulich eingeführt, dass es jeden Tag ein veganes Gericht gibt. Ich finde es hervorragend, dass die Grünen das Thema Ernährung immer wieder ansprechen, denn Konsum allgemein ist politisch und entscheidet darüber, wie unsere Gesellschaft aussieht und wie wir leben. Natürlich ist dann auch Essen politisch. Ich hal- te es für wichtig, dass in den öffentlichen Einrichtungen das gekennzeichnet wird, was im Essen drin ist, damit es die Menschen sehen können und entsprechend ihrer Ernäh- rungsweise das Angebot auswählen können. Ich finde es auch wichtig, dass darauf ein- gegangen wird, da die Ernährungsweise in Deutschland eben immer weiter auseinan- dergeht, dass es immer mehr unterschiedliche Ernährungsweisen gibt und man ver- sucht, auf dieses Bedürfnis einzugehen und dies auch in den öffentlichen Einrichtungen - 4 - abzubilden. Von daher bin ich sehr froh über diesen Antrag. Das ist ein Thema, was uns in den nächsten Jahren noch weiter begleiten wird. Stadtrat Jooß (FDP): Nun also die dritte Attacke oder Offensive des grünen Kreuzzu- ges. Nach veggie und bio nun vegan, um unsere Menschheit zu retten, deutlich zu le- sen im letzten Abschnitt ihres Antrages für diesen Gemeinderat. Das bedeutet Abschaf- fung unserer Esskultur, z. B. Sahnetorte mit emulgierter Pflanzencreme, Buttercremetor- te ohne Butter, Baiser, Sahnemeringen sind ganz ausgeschlossen. Eiscreme bzw. Eis- bombe ohne Parfait aus Ei und Zucker, keine Brandmasse für Eclair und Windbeutel, Brioche und Hefeteig ohne Ei und Butter, Butterbrezeln mit Margarine bestrichen, keine Soße Hollandaise für Spargel. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Wollen wir das aufgeben und zur Steinzeitkultur zurückkehren, wo man noch mit Speeren auf Jagd ging und wo man Körner essen musste. Wir sind deshalb mit der Stellungnahme der Verwaltung sehr zufrieden, die sich an den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung halten will, die den Verzicht auf Milch, Käse, Eier und Fleisch ernährungsphy- siologisch äußerst kritisch sieht. Vegan ist ein Trend, vegan ist in, wie in der Zeitung zu lesen war - ich komme nachher nochmal darauf zurück - und vegan ist Kult. Uns reicht einmal Kult im Gemeinderat. (Heiterkeit) Grundsätzlich kann man bei uns freien Wählern essen, was man will und was jeder für gut findet, denn es gibt eine Riesenauswahl an Angeboten. Es gibt Lebensmitteltrend- züchter. Sie besuchen Kochkurse usw. Es gibt klassische Gourmets. Es gibt Foodies, die gehen jedem aktuellen Trend nach wie auch hier, die Feinfühligen, die nur bio, nur ve- gan oder nur laktosefrei wollen und es gibt die Konventionellen. Es gibt die Omnivoren. Sie sind Schnellesser, egal ob McDonald‘s, Subway oder aus der SB-Selbstbedienungs- theke bei Lidl usw. Es gibt eine Riesenauswahl. Außerdem gehe ich auch noch auf die- sen Bericht ein, von dem die Kollegin Mayer schon berichtet hat, und zwar: Ganz ohne Fleisch und Wurst leben die Konsumenten deshalb nicht unbedingt gesünder. Viele Menschen machen den Kompromiss wenig Fleisch zu essen, aber nicht völlig auf Steak und Bratwurst zu verzichten - da gehöre ich dazu -, stellen unsere Konsumforscher fest. Bereits ein Drittel der Haushalte rechnet sich zu den Flexitariern. Doch das ist nicht alles. Außer vegan und bio kann das Augenmerk auch ganz ohne Verdauungsprobleme auf glutenfreie oder laktosefrei liegen. Dazu kommt das Jonglieren mit Kohlehydraten und die Steinzeitkost Paleo - ich weiß nicht ob das die sind, die die Äpfel nicht gepflückt essen, (Zuruf) die müssen auf dem Boden liegen -, das Schwören auf Obst- und Gemüsegetränke, Juices und Smoothies. Ernährungswahn nennt Ernährungswissenschaftler Uwe Kopp diese Ernährung. Den endgültigen Schub hat dieser Wahn bekommen, seit Ernährungs- und Persönlichkeitsfindung und Profilierung zu einem wichtigen Bestandteil und einem individuellen Lebensstil geworden ist. Ich zeige, was ich esse und damit zeige ich, was ich bin. Essen zur Identitätsbildung für Sicherheit und Halt in einer zunehmend unsiche- ren Welt. An diese These glaubt Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungsphysi- ologie, an der Universität Göttingen. Dann steht hier noch, vegan ist eher ein Identi- - 5 - tätsprojekt für ein sehr besser gestelltes soziales Milieu. Da gehören absolut unsere Grünen dazu. Nun komme ich aber zu den Zahlen. 300 Millionen Umsatz, das ist schon dreimal mehr als 100 Millionen, ist im Moment der aktuelle Umsatz. Bei 80 Millionen Bundesbürgern entspricht das knapp 4 Euro pro Jahr und das wiederum geteilt durch 365, 1.3 Cent pro Tag, die Veganer verzehren. Das ist noch nicht einmal im Promillebereich. Für das sollen wir als Kommune zuständig sein und anbieten, was diese Leute alles wollen. Dass die Kommune in diesem kleinen Segment als Anbieter auftritt, das ist für uns ein absolutes Now go. Das sollten wir lieber kommerziellen Anbietern überlassen. Sonst kommen ei- nes Tages noch andere Gruppen wie die AfD hierher und wollen das Deutschland-Lied, die Badener das Badner-Lied oder die Kirchen wollen hier eine Andacht oder einen Cho- ral singen. Wir können deshalb nicht jedem Wunsch nachgeben und lehnen den Antrag deswegen ab. Stadtrat Fostiropoulos (Die Linke): Lieber Kollege Jooß, die Brezeln, die Sie früher mal gebacken haben, waren vielleicht auch vegan. Ich verstehe gar nicht diese Aufre- gung. Es wird hier ständig immer gegen etwas angekämpft. Sie können ja täglich Cur- ry-Wurst essen, Sie können auch Schweinshaxe-Liebhaber sein. Das nimmt Ihnen keiner. Aber eines verstehe ich nicht, warum wir als Gemeinderat, als Menschen, die von ande- ren gewählt wurden, um die Gesellschaft immer einen Schritt nach vorne zu bringen, uns nicht einer Debatte öffnen, sei es über den Titel vegan oder vegetarisch. Nicht alles, was vegan ist und nicht alles, was vegetarisch ist, muss automatisch gesund sein. Es kann auch zu viel Salze oder sonst was haben. Es geht aber doch um bessere Ernäh- rung, um uns selbst als Gesellschaft irgendwohin zu bewegen. Gehen Sie mal in die Schulen, wo es Mittagessen gibt. Wie viel Katastrophen es gibt: Aufläufe, fettiges Es- sen. Man erzählt dann, ja die Kinder essen ja nichts anderes. Die wollen nur Pommes und Fettiges. Nein, wir machen uns nicht die Mühe mehr Geld zu investieren, bessere Dinge zu tun, damit nämlich auch Gourmets rangehen und vielleicht gesundes Essen produzieren und fördern. Es geht doch um etwas ganz anderes. Es geht doch darum, dass wir eine Debatte füh- ren und Schritte einführen, die uns insgesamt zu einer besseren Ernährung führen. Wir diskutieren ständig in der Gesellschaft, wie viel Übergewicht wir alle haben. Die Mehr- heit der Menschen in unserem Land ist übergewichtig. Warum sträuben wir uns dann. Ich erinnere mich übrigens, Herr Oberbürgermeister, die Debatte um rauchfreie Kneipen war die gleiche. Bestimmte Leute wehren sich immer. Heute sind alle froh, dass wir in die Lokale gehen können, mit unseren Kindern essen und trinken, und sitzen nicht in diesem stickigen Rauch. Wer rauchen will raucht, der kann auch draußen rauchen. Das ist das Gleiche. Öffnen Sie sich doch einfach mal modernen, gesunden Themen und wehren Sie sich nicht. Essen Sie, so viel Sie wollen Currywurst, aber lassen Sie uns ein- fach ein paar andere Schritte gehen in Richtung gesundes Essen. Stadtrat Kalmbach (GfK): Ohne Zweifel, vegan ist hipp und ist ein Trend. Der wird auch wieder abnehmen, ohne Frage. Es gibt viele Ernährungsrichtungen, warum gerade diese. Die andere Sache, es ist auch nicht unbedingt gesund. Im Gegensatz zu dem, was Sie sagen, behaupte ich es trotzdem. Ich weiß auch Beispiele von streng vegan er- nährten Menschen, die krank geworden sind. Das eigentliche Problem ist die Massen- - 6 - tierhaltung. Das wurde auch angesprochen. Das ist ein sehr ernstzunehmendes Thema, nur ist das nicht Gegenstand des Antrags. Da würde ich interessanter finden, was man hier an der Stelle tun kann. Ich werde deswegen nicht Veganer und andere auch nicht. Dem Thema kann man auch anders begegnen. Aus diesem Grund kann ich mit dem Antrag wirklich nicht d’accord sein. Stadtrat Wenzel (FW): Ich bin mit der Antwort der Verwaltung zufrieden. Den aktuel- len Trend hat man erkannt, Betonung auf Trend. Ich stelle fest, Vielfalt ist gut. Da stimme ich den Grünen zu, auch beim Essen. Aber bitte in beide Richtungen keine Ver- teufelung und bitte auch kein Essensdiktat. Ich bin mir sicher, das weiß ich aus der Wirtschaft, eines Tages wird sich bei diesem Thema die Nachfrage und das Angebot gegenseitig korrigieren. Vielleicht ist da der Antrag ein kleiner Schritt in diese Richtung. Vielleicht sind eines Tages die Tage der Schweinehaxen auf dem Oktoberfest gezählt. Ich bin sicher, viele werden dann nicht mehr hingehen. Lassen wir es bei der Antwort der Verwaltung. Ich finde sie gut. Die Zeit wird zeigen, in welche Richtung wir gehen. Wir wissen, nicht nur der Trend in Deutschland geht in die Richtung. Es geht auch in die andere Richtung. In Indien und in China wird gerade genau das Gegenteil gemacht. Da findet man die Lust nach Fleisch, weil sie keines hatten. Wir werden das Weltklima auch mit diesem Antrag hier nicht verbessern können. Stadtrat Schmitt (pl): Als ich diesen Antrag der Grünen gelesen habe, ist mir schlagar- tig klar geworden, dass das Leben heute viel komplizierter ist als es früher war. Insbe- sondere das am Leben bleiben ist sehr komplex geworden. Früher war das einfach. Da hat man, wenn man Hunger hatte, einfach etwas gegessen. Im Idealfall hat das, was man gegessen hat, dann auch noch geschmeckt. Das einzige Problem, das es gab, wenn es zu gut geschmeckt hat, hat man möglicherweise zu viel gegessen. Andere Probleme gab es früher beim Essen nicht. Heutzutage muss ich mir zuerst überlegen, schadet das, was ich jetzt essen möchte, dem Weltklima und stirbt dafür ein Tier, dass es gar nicht gäbe, wenn ich es nicht essen würde. Dagegen ist die Frage ob es schmeckt oder nicht schmeckt, natürlich vollkommen profan und hat in den Hintergrund zu tre- ten, denn wer die Welt retten will, muss Opfer bringen. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus möglich, dass Veganer schon ein schlechtes Gewissen haben, weil sie über- haupt essen müssen. Wenn man sich dann endlich dazu durchgerungen hat, den Hun- ger zu stillen, kann man sich nie ganz sicher sein, ob man beim Essen auch die korrekte Menge an Omega-3-Fettsäuren zu sich genommen hat und ob im Essen auch ausrei- chend Jod-S-11-Körnchen drin waren. Langer Rede kurzer Sinn. Mir persönlich ist das alles zu kompliziert. Ich esse das, was mir schmeckt, und zwar seit meinem zehnten Lebensjahr. Die neun Jahre davor hatten meine Eltern den hohen Anspruch, mich gesund zu ernähren: Salat, Spinat, rote Beete, Sellerie, Tomaten und vor allem ganz wenig Fleisch. Als Kind konnte ich nicht verste- hen, warum mir dieses ganze Zeug nicht schmeckt und ich mich beim Essen immer überwinden und oft auch übergeben musste. Essen war in meinen ersten Lebensjahren der komplette Horror. Ich habe das als andauernde Körperverletzung empfunden. Dass ich mit sechs Jahren schon mehrere Goldplomben und etliche Füllungen in den Zähnen hatte, wurde mit der mir aufgezwungenen Ernährung nicht in Zusammenhang ge- bracht. Mit zehn Jahren habe ich dann die Nahrungsaufnahme über mehrere Tage ver- weigert, und dann hatten meine Eltern endlich kapiert, dass es so nicht geht. Seit 50 - 7 - Jahren esse ich keinen Salat, kein Obst und kein Gemüse - für mich nach wie vor der Horror. Ich muss irgendwann zur Kenntnis nehmen und akzeptieren, dass ich wohl ein reiner Fleischfresser bin, dazu Kartoffeln, Reis und Nudeln - das war es. Was ist nun das Ergebnis dieser 50-jährigen angeblich falschen Ernährung: ein kerngesunder Mensch mit hervorragenden medizinischen Werten und ohne Übergewicht, Herr Fostiropoulos. Was möchte ich damit sagen? Bei der Ernährung gibt es keine allgemein gültigen Re- zepte, weil die Menschen nicht gleich sind. Meine einseitige Ernährungsweise ist ganz sicher für die meisten Menschen schlecht, aber für mich ist sie gut. Deshalb warne ich davor, andere Menschen aus ideologischen Gründen von einer Ernährung zu überzeu- gen, bei der sie am Ende krank werden. Es gibt etliche Studien die belegen, dass eine rein vegane Ernährung genauso wie eine rein fleischliche Ernährung unter medizini- schen Gesichtspunkten eine Sackgasse ist. Vegane Ernährung als eine gesunde Ernäh- rung für alle zu propagieren, halte ich für verantwortungslos. Die Nachahmer sind naive junge Menschen die glauben, die würden sich und der Umwelt damit etwas Gutes tun. Die Kinder, die von ihren Eltern in der Zukunft gegen ihren Willen in diese Richtung di- rigiert werden, tun mir heute schon leid. Obwohl der Anteil der Anhänger des Vega- nismus nach eigener Angaben unter einem Prozent liegt, da weiß ich gar nicht wie man auf die Idee kommt von einem Trend zu reden, kommt nun von den Grünen der An- trag, diese für eine sehr kleine Minderheit gesunde Ernährung in öffentlichen Kantinen einzuführen. Das zeigt zum einen, dass ihnen die Kosten vollkommen egal sind, und zum anderen interessiert es die Grünen nicht, dass durch eine weitere Exotenvariante das Angebot für die große Mehrheit weiter eingeschränkt wird. Insofern ist es gut und richtig, dass sich die Verwaltung in der Stellungnahme zu diesem merkwürdigen Antrag auf die Erkenntnisse der Deutschen Gesellschaft für Ernährung bezieht und auf die Risi- ken der veganen Ernährung hinweist. Es ist klar, dass man mit gutem Gewissen für die- sen Antrag nicht stimmen kann. Stadtrat Dr. Schmidt (AfD): Ich finde es legitim, dass Anträge gestellt werden, die dahin zielen, dass die Stadt, städtische Unternehmen und Kindergärten gesunde Ernäh- rung bereitstellen. Allerdings ist vegan nicht unbedingt gesund. Deswegen sehe ich kei- nen Grund, warum eine Ernährungsart, die von sehr wenigen Leuten bevorzugt wird, zusätzlich eingeführt werden soll, wenn sie nicht mal gesund ist. Dieser Punkt ist sehr gut in der Stellungnahme der Stadt herausgearbeitet. Dafür vielen Dank. Insbesondere wenn es um Kindergartenkinder geht, möchte ich sehr davon abraten, dem Ehrgeiz der Eltern, diese vegan zu ernähren, in irgendeiner Weise Vorschub zu leisten. Im Gegenteil, da sollten die Eltern darauf hingewiesen werden, dass vegane Ernährung nicht in jeder Lebensphase sinnvoll und richtig ist. Stadträtin Mayer (GRÜNE): Ein kleiner Satz jetzt doch noch. Das war jetzt schon ein bisschen Parodie. Ich weiß jetzt von allen, was sie gerne essen. Ich weiß, dass Herr Jooß gerne Sahnemeringen isst und der Herr Schmitt gerne Reis und Fleisch isst. Das zeigt doch einfach die Vielfalt in unserer Gesellschaft. Mit diesem Antrag wollten wir doch die Freiheit fördern und nicht behindern. Wir wollen ein Angebot schaffen. Lesen Sie den Antrag richtig. Wir wollen hier ein Angebot schaffen, um es Menschen zu ermögli- chen, sich bewusst zu ernähren. Natürlich muss es nicht zwangsläufig darauf hinauslau- fen, dass sich jetzt alle 100 Prozent vegan ernähren, sondern einfach abwechslungs- reich, um überhaupt die Möglichkeit zu bieten an einem Tag in der Woche weniger - 8 - Fleisch zu essen oder ganz vegan. Darum geht es uns. Wie gesagt, die Antwort der Verwaltung, hier Offenheit zu zeigen, gefällt uns sehr gut. Damit möchte ich die Debat- te jetzt auch schließen. Der Vorsitzende: Ich kann Ihnen das leider nicht überlassen, Frau Stadträtin, die De- batte zu schließen, sondern der Kollege Wohlfeil hat noch das Wort. Stadtrat Wohlfeil (KULT): Zunächst tut mir Herr Schmitts unglückliche Kindheit natür- lich sehr leid. Wenn hier von Trend gesprochen wird, dann klingt es immer so nach Mode, als wäre das etwas, was vorbeigehen würde. Wenn man jetzt vergleicht, wie viele Vegetarier wir in Deutschland vor fünf, vor zehn und vor fünfzehn Jahren hatten, dann kann man nicht davon sprechen, dass das irgendwann wieder abnehmen würde. Das ist hier in Europa eine langfristige Entwicklung, dass der Anteil der Vegetarier und auch der Veganer zunimmt. Ich finde es besonders traurig, dass die Freidemokraten oder die Liberalen, wie sie sich nennen, die sonst immer so gegen staatlichen Einheits- brei sind, jetzt wo man hier bei den Essensangeboten in öffentlichen Einrichtungen ein bisschen Vielfalt schaffen will und den Menschen eine freie Auswahl geben möchte, dass sie sich selbst entscheiden können, was sie essen wollen, dass sie dann so dagegen reden, wie schrecklich das doch wäre, und dass es doch staatliche Bevormundung wäre. Es ist gerade das Gegenteil. Es geht uns allen darum, dass die Leute in den öffentlichen Einrichtungen selbst entscheiden können, was will ich essen, wie will ich mich ernähren, will ich mich vegan ernähren, will ich, weil es gesünder ist, ab und zu Fisch essen, esse ich Fleisch oder nicht. Letztendlich geht es nur darum, dass die Menschen in Karlsruhe eine möglichst große Freiheit haben, sich selbst zu entscheiden, wie wollen sie sich in unseren öffentlichen Einrichtungen ernähren, und dass wir das entsprechend kenn- zeichnen und auch anbieten. Das trägt einen großen Teil zur Lebensqualität in unserer Stadt bei. Der Vorsitzende: Ich betrachte den Antrag als soweit erledigt. So habe ich Sie ver- standen. Danke für diese abwechslungsreiche Debatte. Zur Beurkundung: Die Schriftführerin: Hauptamt - Ratsangelegenheiten – 10. Juni 2016